Mit dem Van durch Montenegro

Vanlife hört sich so romantisch und nach Abenteuer an. Vanlife ist etwas für diese Bilderbuchfamilien, denen nie schlecht wird während der Fahrt. Die Kinder langweilen sich nie und nörgeln auch nicht. Der Vater trägt einen Bart und ein kariertes Hemd. Oder ein cooles T-Shirt und Cap. Er kocht gerne Essen am offenen Feuer in einer wunderschönen Kulisse irgendwo am Waldsee, während die Mutter in der Hängematte lümmelt. Kinder spielen mit dem Hund und alle sind gut drauf. Keiner stürzt und hat ein aufgeschürftes Knie. Keiner muss heulen. 

Vanlife macht Druck. Ich will auch so, weiß aber jetzt schon, dass wir so nicht können. Wir können ohne Eskalation nicht mal nach Brandenburg rausfahren, also knapp eine Stunde von Berlin entfernt. Doch wir geben Vanlife immer wieder eine Chance, weil ohne Van ist Life irgendwie doch ganz trist. Also beschließen wir uns auf den nächsten Level zu katapultieren und mit dem Van nach Montenegro zu fahren. 

Dort ist ein Treffen mit meiner Familie geplant. Tante Lydia und ihr Mann, Onkel Alex, meine Cousinen und ihr Hund Marli, ein gefühlt dreihundertjähriger Dackel. Sie alle reisen mit dem Flugzeug an und wir treffen uns dann in Lucice, einem süßen montenegrinischen Dorf direkt am Meer. Dieser Plan gefällt mir. Er hat etwas Altmodisches. Da legen Menschen aus unterschiedlichen Ländern tausende von Kilometern zurück um einander zu sehen und abends miteinander zu essen und herben Wein zu trinken. Es wird schön. 

Yellow V an

Was die Fahrt angeht, so stelle ich mich mental auf das Schlimmste ein. Unsere kleine Tochter kann nicht mal fünf Minuten ruhig sitzen, wie soll es dann bitte auf so einer weiten Strecke klappen? Wir beschließen also am späten Abend loszufahren und die ganze Nacht unterwegs zu sein. 

Wie wir später feststellen, war diese Entscheidung sehr weise. Wir kommen erstaunlich gut durch die Nacht und den folgenden Tag. Als die Stimmung zu kippen beginnt, machen wir Halt und übernachten in einem Olivenhain nahe Dubrovnik. 

Von weitem sehen wir fast wie eine dieser perfekten Vanlife Familien aus, aber nur von Weitem.

Es ist eine Nacht, für die ich tausend Nächte hergeben würde. Das Zirpen der Zikaden, der Duft unbekannter Kräuter und der Orion, der mächtig und geräuschlos über unseren Köpfen durch das Universum rast. Es ist diese laue Sommernacht, in der man ewig in den weiten Himmel schauen kann und sich sicher ist, dass man im Leben alles falsch gemacht hat. Würde man hier, inmitten dieser Bäume, in einem alten Steinhaus leben, wäre man für immer und ewig der glücklichste Mensch der Welt. So hat man nur diese eine Nacht und deswegen sitzen wir da, wie betrunken von der Schönheit, die uns umgibt. Von Weitem sehen wir fast wie eine dieser perfekten Vanlife Familien aus, aber nur von Weitem. 

Van in Montenegro

Am nächsten Tag brechen wir wieder auf. Der Grenzübergang zu Montenegro ist von hier nur eine knappe Stunde Fahrt entfernt. Wir verlassen Kroatien und fahren nun entlang der montenegrinischen Küste. Durch das offene Fenster weht die warme, mediterrane Luft herein. An der Straße werden Wassermelonen verkauft. Wir passieren hässliche Einkaufscenter, hübsche Strände und Dörfer. Ab und zu erhaschen wir einen weiten Blick auf das dunkelblaue Meer. Fast jede Stunde machen wir Halt und essen eine Wassermelone. Die Überfahrt mit der Fähre ist das Highlight für unsere kleine Tochter. 

Auf dem Weg nach Lucice besuchen wir die Stadt Kotor. Hier ist alles wie in einem Bilderbuch. Eine wunderhübsche, mittelalterliche Altstadt, schmale, verwinkelte Gassen, unzählige Restaurants und viele Touristen. Wir entdecken eine serbisch-orthodoxe Kirche und schlendern durch den Kirchenfriedhof. Am gelben Zaun wachsen bunte Malven. Eine weiße Katze schläft im Schatten. Es ist sehr heiß. Es ist Zeit für ein Mittagsschläfchen. Am Abend ist Kotor wie eine Filmkulisse. Alles ist hier auf Touristen ausgerichtet und wir fragen uns, ob hier überhaupt noch Einheimische leben. Wo sind die Alten? Kinder? Spielplätze? Wo ist das echte Leben, abseits des Massentourismus? 

Wir sind stolz, dass wir so eine Strecke mit unserem Mobil zurückgelegt haben.

Wir fahren weiter. Lucice ist nun knapp 50 Kilometer von uns entfernt. Mit meiner Familie haben wir ein Ritual und treffen uns einmal im Jahr, immer an einem anderen Ort auf der Welt. Zum Ritual gehört auch, dass ich als einzige vor lauter Gefühl heulen muss. Diesmal passiert es mir schon wieder. Nur dass Onkel Alex, ohne das Ende meines Gefühlsausbruchs abzuwarten, auf den Fahrersitz unseres Vans klettert und anerkennend mit dem Kopf nickt. Marli, der dreihundertjährige Dackel, macht es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich. Wir sind stolz, dass wir so eine Strecke mit unserem Mobil zurückgelegt haben. 

Kid sitting in van and eating water melon

Ab jetzt übernachten wir jedoch mit unserer Familie in einer kleinen Pension und machen Tagesausflüge, um die Gegend zu erkunden. Ein Mal fahren wir sogar nach Albanien rüber. 

Die Landschaft ist sehr schön, nur fehlt mir etwas, wofür ich keinen Namen habe. Ich suche eine Erfahrung, die echter ist, als die Souvenir Shops an der Promenade. Einer meiner Lieblingsschriftsteller Roger Willemsen sagte dazu: „Der Tourist will immer ein Schnappschuss machen (…)  und dann schnell wieder weg. Der Reisende fragt, was passiert hier, wenn ich nicht da bin. Wie sieht das Leben aus? Er suchte eine andere Wirklichkeit“. Als ich die Hoffnung auf eine andere Wirklichkeit schon fast aufgebe, erleben wir doch noch unsere Katharsis. 

Weil wir uns verfahren, stoßen wir auf ein wildes Areal, auf dem zwei zerstörte Häuser stehen, die wie nach dem Ausbruch des Pompei aussehen. Leere Fenster, zerfallene und mit Efeu überwucherte Fassaden. Dahinter, umgeben von einem niedrigen Zaun, ein kleines, ordentliches Häuschen mit einem orangefarbenen Ziegeldach. Dort lebt Milena. Sie hält Ziegen, Katzen und Hunde. In ihrer eigenen, kleinen Manufaktur stellt sie Ziegenkäse her. 

Milena ist 85 Jahre alt und möchte nur Mimi genannt werden. Sie ist ganz schmal, hager und hat lustige Augen. Sie trägt Männerkleidung und grüne Gummistiefel. „Was ist hier passiert, Mimi?“, fragen wir. Und Mimi erzählt uns Puzzleteile aus ihrem Leben. Vom Erdbeben, das schon über 35 Jahre her ist. Von den Häusern, die zerstört wurden und seit dem Ruinen sind. Von ihren Tieren im Allgemeinen und Ziegen im Speziellen. 15 Ziegen hat sie an der Zahl. Sie hatte mal mehr, aber die Autofahrer rasen und passen nicht auf. Es ist schwer jeden Monat Tiere zu verlieren. Als sie jung war, hat Mimi Sprachen in Paris studiert. Auf einmal wechselt sie vom perfekten englisch ins perfekte deutsch. Französisch und russisch kann ich auch, zwinkert sie uns zu. 

Girl and mother watching goats

Dann nimmt uns Mimi mit in den Ziegenstall. Hier riecht es nach Tieren, Heu und frischer Milch. Es ist der Geruch meiner Kindheit. Und auf einmal merke ich, dass ich heulen muss. Mimi melkt eine Ziege und füllt unserer Tochter ein Glas mit frischer Ziegenmilch ab. Zu unserem Erstaunen trinkt das Kind es fast aus.

Sie ist verbunden mit dem Land, Natur und allem Lebendigen.

Es ist verrückt zu sehen, wie diese winzige, alte Frau alleine alles schafft. Sie ist stolz auf das, was sie macht. Und dazu gehört, dass sie jeden Tag um 4 Uhr morgens aufsteht. Ganze Nächte bei trächtigen Tieren wacht und beim Entbinden hilft.

Mimi liebt, was sie macht. Sie ist verbunden mit dem Land, der Natur und allem Lebendigen. Ich bewundere sie um ihre Stärke und ihr Wissen. Und weil sie weiß, was sie vom Leben will. „Ich bin aus Paris hierher zurückgekehrt, weil ich ohne das Land nicht kann“, sagt Mimi und lacht. 

Als wir Mimi verlassen, steht der violette Abendhimmel über den Bergen. Im Gras zirpen Insekten und die Luft ist mild und weich. Wir beschließen diese Nacht hier, in der Nähe von Mimis Hof, zu verbringen. Mittlerweile sind wir ein gut eingespieltes Team. Schnell wird das Essen gekocht und das Kind ins Bett gebracht. Vanlife, so muss das sein. Nur eine Hängematte haben wir nicht mit. Aber es kann auch nicht immer alles perfekt sein.