Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Nach langen Jahren der Abwesenheit erleben mitteleuropäische Wälder derzeit das Comeback des zuvor ausgerotteten Wolfes. Während die Biodiversität aufblüht, sind viele Menschen verunsichert. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal weiß die Lage einzuschätzen.

Im Mai 2021 staunte eine Kölnerin nicht schlecht. Kurz nach Mitternacht zog ein Wolf mitten durch das im Corona-Lockdown stillgelegte Ausgehviertel Ehrenfeld. Sie benachrichtigte die Behörden, die im Laufe der Nacht noch weitere Meldungen erhielten – bis das Tier schließlich in den Ausläufern der Stadt wieder verschwand. 

Das Wolfsheulen ist meilenweit zu hören
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In deutschen Wäldern, so schätzt man, leben heute zwischen 1.000 und 2.000 Wölfe. Und es werden immer mehr. Ein ziemlich fulminantes Comeback, bedenkt man, dass er – wie auch im gesamten Mitteleuropa – gegen Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig ausgerottet wurde. Der Grund: Der Adel und eine hungrige Bevölkerung reduzierten die Wildbestände, zudem wurden die Waffen immer präziser. Damit wurde die Nahrungsgrundlage der Wölfe stark reduziert.

Heute lebt in den Wäldern so viel Wild wie nie – einer der Hauptgründe für die Rückkehr des Wolfes. Für die Biodiversität ist das eine gute Nachricht. Daten aus dem Yellowstone-Nationalpark zeigen, dass vor allem die Kleintier-Fauna dort, wo Wölfe leben, eine bessere Überlebenschance hat. Das hängt damit zusammen, dass sie die sogenannten Mesoprädatoren, die viele Kleintiere erbeuten, kontrollieren. In Nordamerika sind das Tiere wie der Kojote, hier sind es Rotfuchs und der einwandernde Rotschakal. Trotzdem: Viele Menschen sind über die Ansiedlung des Raubtieres nicht gerade erbaut. Mitunter nimmt die Debatte sogar irrationale Züge an. 

Ein Wolf schaut vorsichtig Richtung Kamera - Jack Wolfskin

Der Wolf ist wieder da – und nun?

Kurt Kotrschal ist einer derjenigen, die den wiederkehrenden Wolf nüchtern sehen. Der Verhaltensforscher ist Mitbegründer des Wolf Science Center im österreichischen Ernstbrunn, einem der weltweit größten Forschungsunternehmen zu Wolf und Hund. 2008 wurden dort die ersten Wolfswelpen aufgezogen. Durch seine Arbeit lässt sich heute einschätzen, wie das Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf vor über 40.000 Jahren aussah – als die ersten Homo Sapiens in enger Partnerschaft mit dem Wolf bestens auskamen. „Wir klären Fragen wie: ‚Wie kommt man mit Wölfen gut zusammen?‘, ‚Wie kann man mit Wölfen kooperieren, ohne Probleme mit ihnen zu bekommen?‘, ‚Und was sollte man tunlichst vermeiden?‘“, sagt er.

zwei Wölfe schauen gespannt nach links

Nach über zehn Jahren mit den Wölfen ist es am Institut noch zu keinem Unfall gekommen. Im Gegenteil: Die Wölfe werden in einem fast nicht-hierarchischen System, das auf Augenhöhe funktioniert, immer verlässlicher. „Es gibt keine Verbote und Zurechtweisungen, das würde der Wolf im Gegensatz zu einem Hund auch nicht akzeptieren. Wölfe sind genau wie der Mensch als Kooperations-Tiere angelegt und es gibt bombenfeste Partnerschaften zwischen Mensch und Wolf“, erklärt der Forscher. 

Wölfe spielen und kommunizieren miteinander

Dass Weidetierhalter von der Rückkehr des Wolfes in hiesige Gefilde nicht uneingeschränkt begeistert sind, ist verständlich. Wenn man nicht aufpasst, töten Wölfe Schafe und andere Weidetiere. Die Halter müssen sich auf den neuen Waldbewohner einstellen und ihren Bestand mit Elektrozäunen, Hirten und Hunden schützen. „Das ist anderswo auch der Fall, beispielsweise am Balkan und in Rumänien, wo Wölfe nie weg waren“, so Kotrschal. Fragt man in solchen Gefilden, ob der Wolf ein Problem darstelle, erntet man nur verständnislose Blicke. 

Aber: „Den Wolf gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn wir wollen, dass die Wölfe wieder bei uns leben, dann werden landwirtschaftliche Produkte einen etwas höheren Preis haben“, meint der Österreicher. Auch Jäger sollten der neuen Situation in den Wäldern gelassen entgegenblicken. Der Wolf hilft ihnen Wildbestände gesund zu halten – auch wenn viele ihn momentan noch als Konkurrenten betrachten. 

Ein sehr schöner und scheuer Wolf
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Das scheue Raubtier

Das Imageproblem des Wolfes in der Bevölkerung ist historisch zu begründen – und hängt nicht nur mit dem Märchen vom bösen Wolf, der Rotkäppchens Großmutter gefressen hat, zusammen. Im Dreißigjährigen Krieg etwa wurde Europa zu Zweidrittel entvölkert und die Wölfe hatten eine exzellente Zeit. Sie bedienten sich an Weidetieren und toten Menschen, was sie nicht gerade sympathisch erscheinen ließ. Etwa zur selben Zeit begann unter Fürsten der Wettbewerb, wer der beste Wolfsjäger sei. Eine negative Symbolik verknüpfte sich mit dem Tier.

Ist es also irrational zu fürchten, der Wolf esse kleine Kinder? „Ehrlicherweise muss man sagen, dass es in den letzten paar hundert Jahren Hunderte an Wolfstoten in Europa gab – die meisten davon waren Kinder“ so Kotrschal. Damals gab es allerdings kaum Wild in den Wäldern, eine Situation, die sich heute vollkommen anders darstellt. „Völlig ausgeschlossen ist es nicht, dass es auch mal wieder ein Menschenopfer geben kann. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich.“

Auch Wölfe brauchen mal Ruhe und Schlaf
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Solange Wölfe nicht angefüttert werden, besteht für den Menschen kaum eine Gefahr. In der Regel sind die Tiere scheu und vorsichtig. „Die Handvoll Wölfe, die in den letzten 15 Jahren in Deutschland legal abgeschossen wurden, weil sie die Distanz zum Menschen verloren hatten, wurden alle mit Futter angelockt. Und was ist wirklich passiert seitdem der Wolf wieder da ist? Nichts!“ 

Wölfe sind zwar nicht gänzlich ungefährlich, sie sind aber weit weniger gefährlich als viele Menschen glauben. Wer einem solchen Tier begegnet, kann damit rechnen, dass es auf Abstand bleibt. Macht doch mal eines einen neugierigen Vorstoß, kann man es durch sich Groß-Machen oder Schreien wieder vertreiben. „Nett sein und Essen teilen ist dagegen keine gute Idee!“