Winterflucht – Surfen auf Fuerteventura

Aus dem Flugzeug sieht Fuerteventura aus wie trockenes Brot, mit einer rissigen und dunklen Kruste. Die Landschaft scheint unwirklich zu sein. So weit das Auge reicht, blickt man auf leblose Berge und sandige Hügel. Hier und da inmitten der Mondlandschaft rauschen weiße Häuser und Hotels, die zur Küste hin immer mehr werden.

Fuerteventura ist ein Rentnerparadies. Der Regen fällt auf der Insel kaum und wenn, dann nur kurz, die Temperaturen halten sich selbst im Winter bei zwanzig Grad. Was für die Rentner gut ist, kann für uns auch nicht verkehrt sein, denke ich. Wir sind junge Eltern und haben seit 3 Jahren nicht geschlafen. Unsere kleine Tochter macht alles, nur vom Schlafen hält sie nicht viel. Also kommt unser Urlaubsplan dem eines Rentners sehr nahe: Siesta halten, braun werden, alles langsam angehen und viel Wein.
Außerdem hat der ambitionierte Kindsvater unsere Surfboards eingepackt. Ein Wink aus unserer sorglosen Vergangenheit als wilde Surfer mit vollem Haar.

Jetzt fürchte ich, dass ich auf dem Surfbrett einschlafen und in das offene Meer wegtreiben werde. „Ich werde dich retten, Mama“, verspricht mein dreijähriges Kind. Wenn es so ist, dann kann unserem Winter auf Fuerteventura nichts mehr im Wege stehen.

Als wir Mitte Januar auf der Insel landen, fällt aus dem Himmel feinster Sprühregen und alles fühlt sich nach Berliner Spätherbst an. Wir schwören, niemals unsere Flip Flops gegen feste Schuhe einzutauschen, schließlich sind wir im Urlaub und kleiden uns auch so. Mit sichtlich gemischten Gefühlen beäugen die Locals im Supermarkt unsere blauen Füße. Sie selbst tragen dicke Wollmützen und geschlossenes Schuhwerk.

In der zweiten Woche entspannt sich das Wetter und es wird tatsächlich sommerlich warm. Es weht Kalima, ein Wind aus der Sahara, der warme Luft und feinste Sandpartikel mit sich bringt. Unsere Tochter schwimmt im türkisen Wasser in der Playa de La Concha Lagune und wenn ihr Neoprenanzug nicht wäre, könnte man meinen, dass wir auf den Malediven sind.

Kind am Strand in Fuerteventura

Doch wir wohnen in El Cotillo, einem kleinen Fischerdorf im Norden von Fuerteventura. Diese Ecke ist vom Massentourismus bisher verschont geblieben. Es gibt einen kleinen „unverpackt“ Shop, wo man lokales Essen einkaufen kann. Ein paar Restaurants, eine winzige, süße Altstadt und unzählige, kilometerlange Strände.

Was mir aus dem Flugzeug so trist und leblos erschien, hat eine gewaltige, urige Schönheit. Dennoch denke ich, dass die Insel mit ihrem Wind und karger Landschaft nicht jedermanns Sache ist. Man kann die Insel lieben oder hassen. Einen Kompromiss gibt es da nicht.

Wir haben ein paar Highlights entdeckt, die je nach Licht und Tageszeit immer anders aussehen und niemals langweilig sind. So wie die Dünenlandschaft El Jable. Die Wanderdünen gehören zum Parque de Natural de las Dunas de Corralejo. In den Dünen wurden bereits Hollywood Filme gedreht. Ridley Scott hat hier Regie zu seinem Blockbuster „Exodus“ geführt. „Das ist eine biblische Geschichte, welche vom Auszug des israelischen Volkes aus der Gefangenschaft in das Gelobte Land handelt“, erzähle ich unserer Tochter. Sie scheint nur wenig von dieser Information beeindruckt zu sein. Dafür umso mehr von der Tatsache, dass man die Dünen stundenlang auf dem Po runterrutschen kann.

Sanddünen el Table in Fuerteventura

Ein weiteres Naturereignis ist der erloschene Vulkan Calderon Hondo (278 m) in der Nähe des Künstlerdörfchens Lajares. Selbst mit Kind kann man gut den Vulkan besteigen. Und wer es nicht ganz nach oben schafft, kann selbst auf halber Strecke eine schöne Aussicht genießen.

Im Grunde ist es nicht viel, was die Insel zu bieten hat, und dennoch genug für die, die das Stille suchen. Das Leben ist hier tatsächlich sehr entschleunigend.

Fuerteventura

Endlich habe ich Zeit für Dinge, die keine Bedeutung und kein Ziel haben. Kein „um-zu“, sondern einfach dem Wind lauschen, in den Nachthimmel gucken, ewig lange auf das weite Meer starren und nichts denken. „Weniger ist mehr“ funktioniert hier sehr gut.

Tochter und Mutter mit Surfbrett in Corralecho Fuerteventura

Außerdem finde ich die Kraft wieder, auf mein Surfboard zu klettern und meinem Kind vorzuführen, was Mama noch alles drauf hat. Es ist nicht mehr lange hin, bis dem Kind meine Stunts und unser jugendlicher Aktionismus peinlich werden. Doch jetzt sieht es für mich noch ganz gut aus und als ich aus dem Wasser rauskomme, bekomme ich einen dicken Kuss.

Irgendwann schwenkt das Wetter auf Fuerteventura wieder um. Es wird richtig stürmisch und die Wellen überspülen die kleine Promenade von El Cotillo. Das Rentnerparadies am Atlantik wird zu einem Abenteuer.

Ocean view Fuerteventura

Im Frühling, kurz vor unserer Heimreise nach Deutschland lesen wir in der Zeitung, dass dieser Winter der kälteste seit vierzig Jahren geworden ist. Doch auf eine Sache war dennoch Verlass: unseren Flip Flops sind wir treu geblieben.