Wilde Fahrt

Drei Frauen, drei Motorräder und ein gemeinsames Ziel: ein Motorrad zu einem Wildhüter nach Uganda bringen, um von Wilderern bedrohte Tiere zu schützen. 

Der Plan war denkbar einfach: Statt ein kleines Vermögen für die Zustellung eines Motorrads an Wildhüter in einem Naturreservat zu bezahlen, würden sie es einfach persönlich hinfahren. Die drei Frauen waren erfahrene Bikerinnen und es war tatsächlich diese gemeinsame Leidenschaft, die sie ursprünglich zusammengebracht hatte: Tiffany Coates hält den Weltrekord bei den Damen für die meisten zurückgelegten Kilometer, Nicole Espinosas verbringt ihr Leben als nomadische Abenteurerin auf zwei Rädern und Lorraine Chittock ist eine Fotojournalistin, deren Vater ihr mit 16 Jahren das Motorradfahren beibrachte (er selbst nahm in den 40ern an Motorrad-Wettbewerben teil), um dann mit 18 Jahren zu ihrem ersten Biker-Abenteuer aufzubrechen … allein, quer durch Kalifornien.

Alle drei Frauen hatten bereits auf Motorrad Abenteuer Events mit tausenden Teilnehmern Vorträge gehalten, etwa bei den Treffen von Horizons Unlimited Motorcycle und der Overland Expo. Diese fixe Idee jedoch entstand erst während eines Ausflugs nach Ostafrika, als klar wurde, wie groß der Bedarf an schnellen Rädern bei den Wildhütern war und Lorraine den großartigen Plan schmiedete, die Räder persönlich auszuliefern. Die drei Frauen hatten schon viel Erfahrung im Solo-Reisen, sodass Sicherheit im Allgemeinen keine großen Bedenken machte. Viel wichtiger war ihnen, dass dieses Gruppen-Abenteuer Spaß machen sollte. Vom praktischen Standpunkt gesehen, würde es immer jemanden geben, der Hilfe holen könnte, wenn ein Motorrad ausfiel. Darüber hinaus würde es bedeuten, dass sie auf dem Rückweg zu zweit auf einem Bike fahren könnten. Das war eine äußerst praktische und weniger kostspielige Lösung, und von größtem Nutzen für Elefanten und andere Wildtiere des Murchison Falls National Park. Das Motorrad hatte allerdings einen ganz eigenen Willen….

E-mommy-and-baby-tu

Zum ersten Mal streikte das Motorrad kurz nach dem Start in Kampala. Kein Problem. Die Frauen kannten sich mit Motorradpannen bestens aus. Sie brachten das Motorrad zur Reparatur. Doch dann streikte es wieder, und wieder und wieder. Jedes Mal nahm das Team die Sache beherzt in Angriff; sie würden schon irgendwann ankommen. 

Die Verzögerungen auf ihrem Weg zum Ziel hinderten die Frauen jedoch nicht daran, ein anderes Versprechen einzulösen – 18 Waisenkindern den Besuch eines Nationalparks zu ermöglichen. „Die Kinder drehten schier durch, als sie die Affen sahen“, sagt Chittock. „Obwohl diese Kinder in einem Umkreis von 100 Kilometern um einige der berühmtesten Wildtiere der Welt aufwuchsen, hatte keines der Kinder jemals ein Zebra, eine Giraffe oder eines der anderen Tiere gesehen, die von so vielen Menschen im Westen bewundert werden.“

Happy angel on 1100 tu

Nachdem dieses Versprechen erfüllt war, war es an der Zeit, wieder auf Tour zu gehen und die Bikes in den Murchison Falls National Park zu bringen. Lorraine hatte den Parkwächter Julius Obona, den Gewinner des Tusk Wildlife Ranger Award, bei einem früheren Ausflug in den Park getroffen. In den ersten eineinhalb Jahren seiner Leitung im Park wurden mehr als 700 verdächtige Wilderer strafrechtlich verfolgt und 620 erfolgreich verurteilt. Unter den vierzehn Verurteilungen waren einige der berüchtigtsten schwer bewaffneten Elefantenwilderer. Zehn metrische Tonnen Schlingen wurden beschlagnahmt, und die Zahl der gefangenen Elefanten wurde von drei pro Tag auf drei pro Monat reduziert.

Wenn man mit Widrigkeiten konfrontiert wird, ist es manchmal am besten, auf zwei Rädern durch sie hindurch zu fahren


Als Lorraine Obonas Ranger auf Patrouille begleitete, sah sie aus erster Hand einige der vielen Kämpfe, denen die Ranger ausgesetzt sind, und dass die grundlegenden Hilfsmittel knapp waren. „Es wurde klar, dass der Kauf und die Lieferung eines Bikes etwas war, was Nicole, Tiffany und ich tatsächlich selbst tun könnten, um zu helfen“, sagt sie. „Unsere Reise zu dokumentieren war uns wichtig, damit auch andere inspiriert werden einen Beitrag im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu leisten. Ich nenne den östrogengeladenen Abenteuerfilm ‚The Bike‘“.

H-hippo-in-water-tu

Bei all den Pannen und Reparaturen wurde die Zeit knapp. Tiffany musste zwei Wochen später nach England zurückkehren, Lorraine musste Wildtiere filmen. Daher beschloss die Gruppe, dass Nicole den letzten Teil der Reise allein unternehmen würde. Nicoles Einstellung in solchen Situationen: einfach weitermachen. „Wenn man mit Widrigkeiten konfrontiert wird, ist es manchmal am besten, auf zwei Rädern durch sie hindurch zu fahren“ sagt sie.

Manchmal muss man eben akzeptieren, dass das Motorrad nicht so will wie man selbst


Nach stundenlangem Fahren auf abgelegenen Straßen streikte das Motorrad schon wieder, gerade als Nicole sich einem Dorf näherte. Bevor sie Zeit hatte, die Situation zu beurteilen, war sie bereits von vielen überraschten Kindern und jungen Männern umgeben. Ausländische Frauen auf Motorrädern – ob funktionstüchtig oder nicht – kamen offensichtlich nicht allzu oft durchs Dorf. Nicole wurde bald mit Essen und Unterkunft willkommen geheißen und bekam die dringend benötigte Hilfe bei der Reparatur des Motorrads. Doch da der Endpunkt des Murchison Falls Nationalparks immer noch eine gutes Stück entfernt war, machte sich Nicole Sorgen. Das Bike würde wahrscheinlich wieder kaputtgehen … Als sie dann erfuhr, dass ein Lastwagen auf dem Weg zurück nach Kampala war, ergriff Nicole die Gelegenheit und lud das Bike kurzerhand auf. Manchmal muss man eben akzeptieren, dass das Motorrad nicht so will wie man selbst.

Zurück in Kampala wurde das Bike nochmal von dem Verkäufer gründlich überholt und befand sich nun in einem sehr guten Zustand. Lorraine, die nach Kampala zurückkehrte, um das Motorrad in Empfang zu nehmen, überreichte der Organisation triumphierend die Papiere. Aber das war leider nicht gut genug. In den Unterlagen waren Teile des Bikes aufgeführt, die nicht mit dem tatsächlichen Motorrad übereinstimmten. Es mag zwar Afrika sein, aber es gibt immer noch Gesetze, an die man sich halten muss, und die Organisation konnte nicht riskieren, ihren Ruf zu schädigen. Die Motorradspende wurde abgelehnt.  

Entschlossen, dem Bike einen altruistischen Lebenszweck zu geben, nahm Lorraine Kontakt zu den Organisatoren des Ziwa Rhino Sanctuary auf, dem einzigen seiner Art in Uganda. Obwohl Uganda zuvor zwei einheimische Nashornarten (Spitzmaulnashorn und Breitmaulnashorn) beheimatet hatte, hatten Wilderei, Lebensraumverlust und bewaffnete menschliche Konflikte dazu geführt, dass beide Arten ausgerottet wurden. Ziwa ist eine private Non-Profit-Organisation, die 2005 mit nur sieben importierten Spitzmaulnashörnern gegründet wurde. Nun finden mehr als 20 Nashörner Schutz in dem Reservat. Doch das erfordert eine bewaffnete Überwachung durch Ranger, 24 Stunden am Tag. Die achtundsiebzig Ranger dort benutzen meist Motorräder, um die Nashörner im Auge zu behalten. Aber die Länge des Zauns, insgesamt 26 Kilometer, macht es erforderlich, dass auch ein Ranger mindestens zweimal täglich den Zaun patrouillierte. Ein neues Motorrad wäre ein echter Segen.

E Nicole on bike with baby in bg tu

Lorraine ließ das Motorrad in den Park liefern, und so wurde es schließlich zum Schutz der einzigen Nashörner Ugandas eingesetzt. Wie die meisten Happy Ends im echten Leben war auch dieses nicht auf einem direkten und einfachen Weg erreicht worden, sondern auf einem, der mit Rückschlägen, Umleitungen und Sackgassen gespickt war. Das Motorrad hatte dafür aber endlich seine wahre Heimat gefunden.

Mehr Informationen über die Abenteuer der drei Motorradfahrerinnen gibt es hier.

Alle Bilder von Nicole Espinosa