Warum Frauen beim Vogelbeobachten anders ticken als Männer

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich gibt es auch Frauen, die gerne Vögel beobachten. Ich bin eine Frau, und Birdwatching ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und es waren zwei Frauen, die bereits im Jahr 1896 in den USA die heute berühmte Audubon Society gründeten, eine frühe Vogelschutzorganisation. Aber Frauen, die ohne Mann mit einem Fernglas um den Hals unterwegs sind, sieht man immer noch selten. Ich bin in England aufgewachsen. Wenn ich mit meinem Vater loszog, um Vögel zu beobachten, wunderte ich mich immer, dass uns dabei fast nie Frauen begegneten. Wenn man einmal eine sah, trottete sie hinter ihrem Gatten her, ausgestattet mit einer etwas kleineren Version seines Fernglases.

Ein Vogel hält sich an einem dünnen Ast fest und wird beobachtet

Als ich ein Teenager war, nahm mein Vater mich mit auf lange Wanderungen in die Natur und durch die Wälder. Damals entdeckte ich meine Liebe zu den Vögeln. Wie viele Jugendliche in dem Alter hatte ich zuerst gar keine Lust, an sonnigen Samstagen nach draußen zu gehen. Doch mein Vater schleifte mich einfach mit. Bald schon kannte ich den Unterschied zwischen einer Sumpfmeise und einer Schwanzmeise. Ich gewöhnte mich sogar daran, dass mein Vater ständig das Wort „Tit“ (engl. für Meise) benutzte, was für eine 14-Jährige nicht gerade einfach war. Doch je älter und erfahrener ich wurde, desto mehr fragte ich mich, warum wir immer nur Gruppen von dürren alten Kerlen mit Bärten trafen. Sie erkannten einander sofort als Angehörige desselben Stammes, begrüßten sich freudig und tauschten Berichte über die gefiederten Freunde aus, die sie gesichtet hatten. Die schönsten Entdeckungen behielt man dabei allerdings für sich. „Warum sollten wir denen erzählen, wo der Habicht nistet“, sagte mein Vater nach solchen Begegnungen zu mir in einem konspirativen Ton. „Das würde diese Vogelnarren doch ganz nervös machen.“ Zweifellos gab es ein gewisses Konkurrenzdenken bei der ganzen Sache, aber für mich spielte das keine Rolle. Ich war zufrieden, wenn ich einfach dasitzen und nach einer seltenen Bartmeise Ausschau halten konnte. Mir ging es nicht darum, den Vogel einfach auf einer Liste abzuhaken. Ich dachte, ich sei gar kein „richtiger“ Birdwatcher, denn ich entwickelte nicht dieses Jagdfieber und war auch nicht bereit, 200-Kilometer-Touren zu unternehmen, nur um einen neuen Vogel zu sehen.

Jeder, der einmal eine Wanderung in einer britischen Landschaft unternimmt, wird irgendwann unweigerlich einem Trupp von Vogelenthusiasten über den Weg laufen. In der Regel sind mindestens sieben solcher auch „Twitcher“ genannten Vogelfreunde im Rudel unterwegs. Meist tragen sie khakifarbene Westen mit zahlreichen Taschen und sind mit Ferngläsern von Leica ausgerüstet, die nach Größe und Vergrößerungsfaktor variieren. Meist haben diese „Birder“ auch noch ein oder zwei Stative und einen Klappstuhl dabei. Dagegen ist es viel schwieriger, weibliche Exemplare dieser Spezies anzutreffen, und ich wollte herausfinden, warum solche Vogelliebhaberinnen immer noch relativ selten sind.

Männliche und weibliche Birdwatcher gehen ihrem Hobby auf ganz unterschiedliche Weise nach. Das erfährt man in dem Artikel „The Gendered Nature of Serious Birdwatching“, den die Autoren Sunwoo Lee, Kelli Mcmahan und David Scott 2014 in der Zeitschrift Human Dimensions of Wildlife veröffentlicht haben. Tatsächlich gibt es beim Thema Freizeit insgesamt große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Für Frauen steht die Familie über der persönlichen Freizeitgestaltung, und so entwickeln sie oft nicht die Kompetenzen, die man für Hobbys wie Angeln, Birdwatching oder Jagen braucht.

Ein roter Vogel (Red Cardinal) im dunklen Geäst wird beobachtet

Als meine Kinder klein waren, hängte ich vor dem Küchenfenster ein Futterhäuschen auf und erlebte viele schöne Stunden, in denen ich gleichzeitig kochte, mich um die Kinder kümmerte und die Sumpfmeise im Blick hatte, die regelmäßig zu Besuch kam. Der Wettbewerbsgedanke und das für viele Birder obligatorische Anfertigen von Listen spielen für Frauen eine weit geringere Rolle. Wir gehen nicht raus, weil wir unbedingt ein Blaukehlchen oder einen Zwergschnäpper sehen wollen. Männliche Birder planen meist genau, welche Plätze sie aufsuchen, denn es muss das richtige Habitat für die gewünschten Sichtungen sein. Es wäre sinnlos, in einem Feld nach einem Schwarzspecht Ausschau zu halten oder im Wald eine Feldlerche entdecken zu wollen. Wie viele andere Frauen auch lasse ich mich dagegen gerne überraschen und bin offen für das, was ich zu sehen bekomme. Wenn ich einen flüchtigen Blick auf das türkisfarbenen Gefieder eines Eisvogels erhaschen kann, ist das sicherlich ein Highlight des Tages. Doch genauso aufregend finde ich es, wenn ich an einem kalten Morgen im Februar drei Biber erspähe, die im Wasser herumtollen. Während es Männern darum geht, viele verschiedene Vogelarten und besondere Raritäten zu sehen, erfreuen sich Frauen eher am Verhalten der Vögel, ob sie nun besonders selten sind oder nicht.

Ein besonderes Exemplar zum Beobachten mit blau-braunem Gefieder

Und dann ist da noch die Frage der technischen Ausrüstung. Männer sind mit allerlei teurem Gerät ausgestattet, während Frauen sich oft mit einem einfachen Fernglas begnügen, das einfach seinen Zweck erfüllt. Welche Frau, die halbwegs bei Verstand ist, würde schon einen Tausender für einen Feldstecher der Spitzenklasse auf den Tisch legen? Ganz genau!

Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, und Frauen verfügen heute über fast genauso viel Freizeit wie Männer, besonders wenn die Kinder aus dem Haus sind. Doch letzten Endes ist das Birdwatching, wie so viele geschlechtsspezifisch geprägte Hobbys, ein Spiegelbild der Gesellschaft. So begegnet man heute zwar gelegentlich Frauen, die mit einem Fernglas um den Hals durch die Gegend streifen. Man wird sie aber kaum dabei ertappen, wie sie Vögel auf einer Liste abhaken und sagen: „Es war bloß eine Meise.“

Ein Vogel im Feld

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