Wandern, wo sonst nur Autos fahren

Vor etwa einem Jahrzehnt steckte ich mit meiner Mutter auf einem kalifornischen Freeway im Verkehr fest, als wir eine der „Pilgerglocken“ entdeckten, die, aufgehängt an einer Stange, an einen überdimensionierten franziskanischen Spazierstock erinnerte und den Weg des alten „El Camino Real“ markierte – eine von spanischen Missionaren errichtete Verbindungsstraße über insgesamt 21 Missionsstationen, die sich von San Diego im Norden bis nach Sonoma erstreckt.

Umzingelt von brummenden Autos im Leerlauf und hässlich-beigen Lärmschutzwänden fingen wir an darüber zu sprechen, wie doch alles anders ausgesehen haben muss, als die Missionare hier damals langliefen – jede Missionsstation war drei Tagesmärsche von der nächsten entfernt – und wie spannend es doch wäre, wenn wir heutzutage den Versuch wagen würden, die gleiche Route zu wandern.    

Mission Dolores in San Francisco

Einige Wochen später trafen meine Mutter und ich uns an einem nebligen Sommermorgen in der Mission Dolores in San Francisco. Wir trugen beide kleine Rucksäcke, die nur das Nötigste enthielten: eine Wasserflasche, ein paar Socken und Unterwäsche zum Wechseln, eine Zahnbürste und eine Kreditkarte. Wir wollten einen relativ intakten Abschnitt des King’s Highways laufen, der von hier bis zur Mission Santa Clara führte.

Ich hatte nach dem College drei Jahre lang in einer Wohnung gleich um die Ecke gewohnt, aber als wir aufbrachen, fühlte sich alles seltsam und exotisch an – Kalifornien ist für Autos konzipiert, und obwohl ich schon so häufig ins Silicon Valley gefahren war, kannte ich wirklich niemanden, der sich jemals dafür entschieden hätte, zu Fuß dorthin zu laufen.

Wir waren uns auch nicht sicher, ob es überhaupt funktionieren würde. Würde es befestigte Wege geben? Würde der Weg an einem Freeway einfach abbrechen und uns einsam und verloren zurücklassen? Vor unserem Spaziergang suchten meine Mutter und ich im Internet nach Informationen, fanden aber nur eine einzige Person, die behauptete den Weg gelaufen zu sein – ein Mann namens John Black, der sich wie ein waschechter Pilger auf den Weg gemacht hatte, ganz ohne Geld in der Tasche. John Black sagte, wenn er etwas bräuchte, würde sich schon Gott darum kümmern. Ich fand seine Email-Adresse über eine Website heraus und meine Mutter schrieb ihm mit der Bitte um Tipps zu den Routen. Als wir keine Antwort erhielten, überkamen uns beide leise Zweifel an seiner Existenz. 

Nun, wir hatten eine gute Zeit entlang des alten Missionarsweges vorbei an schicken Restaurants, Waschsalons, Bars mit Namen wie „Pissed Off Pete’s“ oder „Pass Time“ und den vielen geschäftigen Gebetshäusern am Wegesrand. Wir befanden uns immer noch innerhalb der Stadtgrenzen, inklusive aller überraschenden Begegnungen, die man so erwartet, wenn man an einem so betriebsamen Ort entlangspaziert. Direkt vor einem Hotel, das Wochenpreise feilbot, stellte sich ein adrett gekleideter Mann mit massiven Brillengläsern vor und verkündete, dass er und seine Frau Leanne obdachlos seien und fragte ob wir nicht zufällig ein wenig aushelfen könnten. Vor einer majestätischen alten Bank, die mittlerweile als salvadorianischer Gemüsemarkt fungierte, zwinkerte uns eine alte Frau zu und wünschte uns noch einen guten Tag. Dann leerte sich die Straße. Wir überquerten eine Autobahnüberführung. Nun ging es auf ins Unbekannte.

concrete freeway overpass

Hier war die Straße einsam, aber wir liefen immer noch auf einem Gehweg. Nach einer Weile entdeckten wir am Straßenrand, gegenüber eines Gebrauchtwagenhandels und dem „El Camino Inn“ („Bleiben Sie hier auf der Suche nach ihrem Glück“), ein mexikanisches Restaurant und beschlossen eine Pause einzulegen. Der höhlenartige Speisesaal war leer und wir fragten die Gastgeberin, ob wir die Toilette benutzen könnten. Der Barkeeper schlenderte vom Spiel der Niners herüber. „Ihr geht zu Fuß?“, fragte er ungläubig. „Nach Santa Clara?“. „Von der Mission Dolores zur Mission Santa Clara“, sagte meine Mutter. Der Barkeeper schüttelte den Kopf und ging weg. Die Wirtin drückte uns Papiertüten mit Tortilla Chips in die Hand. Der Barkeeper tauchte mit zwei Bechern und einem Krug Eiswasser wieder auf. Dann wünschten sie uns Glück. 

Gleich hinter dem Restaurant verschwand der Bürgersteig. Wir liefen auf dem Seitenstreifen der Straße, waren uns aber einig, dass dies ein unsicheres Unterfangen war und dass wir, wenn es zu lange dauerte, wahrscheinlich lieber aufgeben sollten. Aber schon bald erreichten wir die Stadtgrenze von Colma, den Ort, an dem San Francisco – das im Jahr 1900 keinen Platz mehr für Friedhöfe hatte – seine Toten begrub. Inzwischen hatten wir stundenlang niemanden mehr auf der Straße gesehen, und es begann sich ein wenig unheimlich anzufühlen. Dann hob sich unsere Stimmung: Der Gehweg war wieder aufgetaucht.

Die Anzeigen auf den Billboards suggerierten, dass wir, wenn wir „Bankrott!?“ wären, den Kauf eines Autos in Betracht ziehen sollten, wobei sie langsam den eher düsteren Verkaufsargumenten der Grabsteinlieferanten wichen. Wir kamen an Friedhöfen vorbei, deren Namen nach Wohnsiedlungen klangen („Hügel der Ewigkeit“, „Ewiges Zuhause“). Wir lasen die Inschrift: So lehrt uns, unsere Tage zu zählen, damit wir zum Kern der Weisheit vordringen können. Ein junger Mann mit einem Rucksack kam uns auf dem Gehweg entgegen. Er schaute uns mit tiefem Misstrauen an, legte den Kopf nach unten und ging wortlos an uns vorbei.

Der Wind nahm zu, die erste Begeisterung ließ nach, und die stille Gegenwart von 1,5 Millionen Seelen in dieser Nekropole fing an auf unseren Schultern zu lasten. „Apropos Hügel der Ewigkeit“, sagte meine Mutter. „Wie weit müssen wir deiner Meinung nach noch laufen?“ 

Schließlich stießen wir auf eine kleine Siedlung nagelneuer terrakottafarbener Eigentumswohnungen. Aber auch hier war es menschenleer. Wir liefen weiter und erreichten zwanzig Minuten später einen brandneuen Trader Joe’s Supermarkt, der anscheinend für die Versorgung der Wohnungen gebaut worden war, die, wie wir bemerkten, keine Eingangstüren hatten: Die Bewohner schienen also unterirdisch durch die Garage ein- und auszugehen.

Wir machten einen Zwischenstopp an einem festgeschraubten Picknicktisch neben einer Parkplatzeinfahrt. Ich fragte meine Mutter, ob sie glaube, dass wir noch in Colma seien. Sie war sich nicht so sicher, also ging ich zu einem Mann in einem abgetragenen Polohemd, der neben seinem Auto stand. „Entschuldigung“, sagte ich. „Wo sind wir hier?“. 

Er sah mich an, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. „Daly City“, sagte er spöttisch. Er stieg in seinen Honda, knallte die Tür zu und fuhr einfach weg.

Ich starrte ihm nach. Er lag vollkommen falsch: Wir hatten Daly City bereits vor Stunden hinter uns gelassen. 

Foto: Mike Peel

Als es dunkel wurde, entdeckten wir lange, einsame Fußgängerübergänge mit Ampeln, die uns über eine Reihe Arterien führten, die die Autobahn speisten, sodass wir uns wie Ameisen vorkamen. Der Flughafen leuchtete in der Ferne wie eine Raumstation, und wir beschlossen, dass es an der Zeit war einzukehren. Wir checkten im nächstgelegenen Hotel ein – dem „El Rancho“ Best Western. Nach dem Abendessen schlurften meine Mutter und ich auf dem Weg in unser Zimmer am „Cortés Meeting Room“ und dem „Aztec Gym“ vorbei und fragten uns, ob derjenige, dem diese Namen eingefallen waren, nicht wusste, wo die Azteken gelebt hatten, oder ob es ihm einfach egal war. Bevor wir uns schlafen legten, sprachen wir über den Mann mit dem Honda. „Nun“, sagte meine Mutter und sprach das aus, was sich wie eine der Lektionen unserer Reise anfühlte: „Ich schätze, wenn die Leute die ganze Zeit nur fahren, wissen sie gar nicht mehr, wo sie sind.“

Am Morgen taten meiner alles andere als wehleidigen Mutter die Füße weh. Sie hatte sich Blasen vom Tragen der Wanderschuhe geholt – sie hatte nicht daran gedacht, dass unsere Wanderung fast ausschließlich auf Beton stattfinden würde. „Turnschuhe wären besser gewesen“, sagte sie. Als sie dann hinzufügte: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den ganzen Tag laufen kann“, war mir klar, dass die Situation wirklich ernst war.

Wir fragten die Rezeptionistin im Hotel, ob es in der Nähe irgendwelche Schuhgeschäfte gäbe. „The Payless, im Tanforan“, sagte sie lächelnd. Das lag einen halben Tagesmarsch zurück, versuchten wir zu erklären. Sie warf uns bloß einen leeren Blick zu. Einen Block weiter gibt’s einen Starbucks, sagte sie.

Vor dem Café fragten wir nochmal bei zwei älteren Frauen in Jogginganzügen und Turnschuhen nach. „Tanforan“, antwortete eine. „Hier gibt es nichts“, sagte die andere. „Nichts“. 

Wir wanderten langsam eine Seitenstraße hinauf und dachten beide, dass dies wahrscheinlich das Ende unserer Reise sei. In diesem Moment schaute ich auf: Keine zehn Meter von der Stelle entfernt, an der wir die alten Damen angehalten hatten, hing ein Schild über einem Schaufenster. Es verkündete „Gesunde Füße“. Im Schaufenster standen mehrere Paar Wanderschuhe.

Die Frau, die dort arbeitete, sagte, sie würden eine orthopädische Lösung aus Deutschland anbieten, die Ihren Rist wieder in seine richtige Form bringen würde. Es wäre der Laden ihres Onkels, erklärte sie, und dass sie von den Philippinen herübergekommen sei, um auszuhelfen. Mit der richtigen Unterstützung und der Bereitschaft, ein wenig Unbehagen zu ertragen, könne jeder den idealen Fuß erreichen. „Den idealen Fuß?“, fragte meine Mutter. „Das klingt gut!“

Die Frau riet uns von neuen Schuhen ab – sie würden nur die derzeitige, nicht ideale Form fördern – und bat meine Mutter, auf ein Stück Papier zu treten, das über einem riesigen Stempelkissen ausgebreitet war. Sie hielt das Ergebnis hoch. Ein langer, schmaler Bogen und runde Fußballen. Ich versuchte es auch. „Mutter und Tochter?“, fragte die Frau und sah sich unsere fast identischen Abdrücke an – meine waren nur etwas kleiner. „Können Sie das sehen?“, fragte meine Mutter. „Ich bin schon vielen Füßen begegnet“, sagte sie voller Stolz. Wir verließen den Laden mit passenden Einlagen. Nach ein paar Minuten sagte meine Mutter: „Es ist schon erstaunlich. Es funktioniert wirklich. Ich hätte heute sonst nicht laufen können.“

Wir waren eine Minute lang still. Wir dachten beide an John Black – der übrigens tatsächlich existiert. Ein paar Tage nach unserer Wanderung schrieb er meiner Mutter:

Hi Sherrill,

Es tut mir sehr leid, dass ich mich nicht vor deiner Abreise gemeldet habe. Ich muss meine E-Mails in der Bibliothek abrufen, aber manchmal komme ich dort einfach nicht vorbei. Wenn du noch zu Fuß unterwegs bist und diese E-Mail siehst, wäre es mir eine Freude, dir Infos über die Route zukommen zu lassen und dir weiterzuhelfen. Schreib mir einfach eine E-Mail und lass mich wissen, wo du jetzt bist oder demnächst sein wirst und welche Informationen du noch benötigst. Willst du alle Missionsstationen besuchen? Wenn ja, könnten dich meine Familie und ich ein Stück begleiten, wenn du durch unser Gebiet kommst (Missionen Soledad, San Antonio de Padua und San Miguel). Wenn du magst, kann ich dich auch bei jedem Abschnitt begleiten. Du kannst mich auch gerne zu Hause anrufen und wir besprechen alles am Telefon.

Friede sei mit dir,
John

Dieses kleine Wunder setzte den Ton für den Rest der Reise. Die Sonne schien und wir wussten, dass wir es schaffen würden. Wir verbrachten die nächsten zwei Tage damit, an dicht nebeneinander gebauten, halbleeren Einkaufszentren entlangzugehen. Wir waren bestürzt über die schreckliche, hässliche Gleichheit der Architektur, waren aber umso erfreuter über den unternehmerischen Einfallsreichtum der einzelnen Ladenbesitzer. Vom „Step Ahead Carpet Store“ bis zum „Bon Vivant Reisebüro“, über den „Bruce Lee“-Frisiersalon bis zum „Gone Crazy Western Motel“ (mit riesigen Gipskakteen vor der Tür). Es gab Goethe- und Shakespeare-Straßen; Cuisine aus Kabul direkt neben vietnamesischen Pho- und Wienerschnitzel-Restaurants. Dennoch trafen wir in der gesamten Zeit, in der wir San Francisco verlassen hatten, nicht mehr als eine Handvoll Menschen zu Fuß. Wir konnten nicht umhin, uns zu fragen, warum wir Kalifornier, die das mildeste Klima der Welt haben, uns eine Welt gebaut haben, in der wir nie aus unseren Autos steigen, und warum wir unsere schöne Landschaft mit Beton überzogen haben. 

Schließlich fanden meine Mutter und ich uns nach drei Tagen, erschöpft, aber glücklich auf der Wiese vor den ausladenden Bögen der Mission Santa Clara wieder. Bevor wir ein Taxi riefen, das uns zum Bahnhof für unser 40-minütige Zugfahrt zurück nach Hause bringen sollte, entdeckte meine Mutter eine Inschrift: Kommt zu mir, ihr alle, die ihr müde und beladen seid, und ich werde euch Erholung bieten. Wir hätten uns nichts Besseres vorstellen können.