Von Babylon bis Berlin – Urban Farming und Vertical Gardens

Supermärkte, die ihr Gemüse auf dem Dach anbauen und Häuser, deren Fassaden zu Vertical Farms werden – städtisches Gärtnern liegt im Trend, sowohl im soziokulturellen als auch architektonischen Sinne. Denn die wachsende Zahl der Menschen fordert allmählich ein Umdenken. Aber kann die urbane Landwirtschaft den herkömmlichen Bauernbetrieb ersetzen?

Wir leben im Jahrhundert der Städte. Rund 55 Prozent der Weltbevölkerung siedelt bereits im urbanen Raum, in Deutschland sind es sogar über 70 Prozent. Die Population wächst stetig. Für das Jahr 2050 prognostizieren die Vereinten Nationen eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen, von denen rund zwei Drittel in städtischen Agglomerationen und Megacities leben werden. Und alle wollen satt werden. Dabei sind die Meere nahezu leergefischt, der Klimawandel bedroht die Ernten und auf den Anbauflächen konkurrieren Tierfutter, Treibstoff und Nahrung. Nahrung, die in die Städte transportiert werden muss. Ein Umstand, der den Menschen von seinen Lebensmitteln zudem entfremdet – im wortwörtlichen, wie auch übertragenen Sinne. Zwischen Produkt und Konsument liegen Ernte oder Herstellung, Distribution und Vertrieb. Es bleiben nicht nur wichtige Informationen auf der Strecke, auch das Gefühl für Lebensmittel, ihre Nährstoffe und Verfügbarkeit, geht mit der entkoppelten Präsentation im Supermarktregal verloren.

Dabei sind immer mehr Menschen an einem gesunden Lebenswandel interessiert und hinterfragen die Produkte, die sie konsumieren und ihre Herkunft. Durch mangelnde Transparenz in der Lebensmittelindustrie wächst die Skepsis großen Konzernen gegenüber und viele Verbraucher träumen davon, ihr Gemüse selbst anzubauen – eine Möglichkeit, die bislang nur Landwirten oder Gartenbesitzern vorbehalten blieb. Doch hier entwickelt sich allmählich ein Trend, der vielseitige Ideen bereithält, für aufgeklärte Verbraucher aber auch den gesteigerten Nahrungsmittelbedarf.

Zwischen öffentlichen Parkanlagen und Guerilla Gärten auf verwaisten Grünstreifen hat sich das Urban Gardening mit seinen wildromantischen, individuell bepflanzten Hochbeeten etabliert und schließlich zum Urban Farming weiterentwickelt: dem Anbau von Obst und Gemüse im städtischen Gebiet. Kein zivilisatorischer Rückschritt, sondern ein Versuch zur Optimierung urbaner Lebenskultur und die logische Konsequenz aus Gammelfleisch-Skandalen und geschmacklosen Gewächshaus-Tomaten. Aber auch eine Antwort auf Krisen und Lebensmittelknappheit.

Unter diesen Gesichtspunkten entwickelte sich bereits in den 1970er-Jahren in Kuba eine staatlich geförderte Landwirtschaft, die vormals das Ziel verfolgte, die Menschen in den ärmeren Siedlungen autark zu machen. Heute stammen zwei Drittel des konsumierten Gemüses in Havanna aus den Gärten am Stadtrand. Ebenso die Community Gardens, die in den 1970er-Jahren in New Yorks Problemvierteln entstanden, gelten als wichtige Vorläufer des Urban Farmings. Auch wenn die Motivation hier eine andere war: Um die Verbrechensrate in der Bronx zu senken, formierte sich eine Bürgerbewegung, die Brachflächen zu Gärten und Gemüsebeeten umgestaltete um Menschen zusammenzuführen und sinnstiftend zu beschäftigen.

High Line New York / ©iStock.com/Albachiaraa

Gleichzeitig kam seit den 1990ern die Idee auf, ungenutzte Flächen, die sich weder zum Abriss noch zur Bebauen eigneten, zur öffentlichen Naherholung umzufunktionieren. So entstanden Parkwanderwege wie die Coulée verte René-Dumont in Paris und später die High Line in New York nach eben diesem Vorbild. Auch die Freigabe des ehemaligen Flughafengeländes Berlin Tempelhof für die Öffentlichkeit oder schwimmende „Pocket“-Parkanlagen auf der Londoner Themse sollen für mehr Grün in der Stadt sorgen.

Der chronische Platzmangel machte auch die städtische Landwirtschaft erfinderisch. So etablierten sich diverse Unterkategorien, wie zum Beispiel das Rooftop Farming, wobei Flachdächer als Anbaufläche von Nutzpflanzen dienen, oder das Vertical Farming, bei dem Pflanzen nicht auf der Fläche, sondern übereinander angebaut werden, beispielsweise an Hausfassaden. In diesem Kontext forscht Dickson Despommier seit rund 40 Jahren an der Columbia Universität in New York. Der Wissenschaftler gilt als Visionär in Sachen urbaner Landwirtschaft und geht davon aus, dass die Zukunft im vertikalen und erdfreien Anbau liegt, wie der Titel seines Buches „Vertical Farm: Feeding the World in the 21st Century“ verheißt. „Die Idee Nutzpflanzen nicht in Bodennähe, sondern stattdessen in hängenden Töpfen oder sogar in Wasser zu produzieren ist nicht neu,“ betont Despommier in Interviews, „man kann so ziemlich jede Feldfrucht statt in Erde in Nährstofflösung kultivieren. Das wurde nur bislang nicht vorangetrieben, weil es keine Notwendigkeit gab. Heute dagegen befinden wir uns durch den Klimawandel und die Verknappung der Ressourcen in einer Krise.“

Hydroponischer Garten im Café De Kaskantine in Amsterdam

Schon die sagenumwobenen hängenden Gärten von Babylon wurden um 600 v. Ch. terrassenförmig angelegt und mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem genährt. Die Idee dahinter: Pflanzen brauchen in Wahrheit gar keine Erde, sondern Nährstoffe, Sauerstoff und Licht. Erdfreie, sogenannte hydroponische Systeme sind pflegeleicht, benötigen viel weniger Wasser (nur 5% im Vergleich zu herkömmlicher Aufzucht) und die Pflanzen wachsen dreimal schneller, durch die Bewegung des Wassers und vor allem, da ihre Wurzeln nicht erst in der Erde nach Nährstoffen suchen müssen. Regelmäßig werden sie mit nähr- und sauerstoffreichem Wasser geflutet. Falsch machen kann man hierbei kaum etwas, einmal im kühlen Nass versorgen sich die Setzlinge selbst. Übereinander gestapelte Becken vergrößern zudem die Grundfläche für den Anbau um ein Vielfaches. Der Dünger wird aus natürlichen Ressourcen gewonnen, unterscheidet sich aber in der Aufarbeitung. Derzeit hat man die Wahl zwischen mineralischen (synthetisch hergestellten) und organischen Düngemitteln. Manche Pflanzen und Systeme kommen sogar ganz ohne Dünger aus.  

Obwohl die Hydrokultur derzeit nicht mit der traditionellen Landwirtschaft konkurriert, sind ihre Popularität und ihr Potenzial nicht unbemerkt geblieben. So bilden sich immer mehr sogenannte städtische Mini-Ökosysteme. Eines von ihnen könnte man als exemplarischen Vorreiter bezeichnen: das Dizengoff Center in Tel Aviv. Mitten in der Großstadt, auf dem Dach der ältesten Shopping Mall Israels, befindet sich seit 2015 ein einzigartiger Bauernhof mit heimischen Nutzpflanzen, Insekten und Fischen. Die Dachfarm produziert mehr als 10.000 Kopfsalate pro Monat und baut 17 verschiedene Gemüsesorten und Kräutern an. Engmaschige Netze schützen vor Luftverschmutzung, was in Laboren regelmäßig geprüft wird. Es gibt sogar einen Bananenbaum, einen Bienenstock zur biodynamischen Befruchtung, eine Fledermaushöhle, Vogelnester und eine eigene Biogasanlage, die organische Abfälle in Gas umwandelt, das zum Kochen und Betreiben von Generatoren verwendet wird.

Die Farm verwendet eine Vielzahl von vertikalen und horizontalen hydroponischen und aquaponischen Systemen: Dabei züchtet man Gemüse und Fische in einem geschlossenen Kreislauf. Die Ausscheidungen der Karpfen, Goldfische oder Koi werden als Düngemittel in ein Gemüse-Wasserbeet gepumpt, die Pflanzen reinigen das Wasser, und es fließt wieder zurück ins Aquarium. Pestizide müssen übrigens nicht verwendet werden, da es ohne Erde kaum Schädlinge ins System schaffen. Dennoch müssen die Produkte ohne den „organic“-Zusatz auskommen, da auch in Israel das Bio-Siegel die Aufzucht in Erde voraussetzt – ein veraltetes Prinzip, das überdacht werden sollte.

Gardens by the Bay in Singapur

„Das Hauptziel ist, die Landwirtschaft ins Zentrum der Stadt zu bringen,“ sagt Yoav Sharon von Green in the City, der Dachgarten-Initiative auf dem Dizengoff Center, und beweist seit fünf Jahren, dass es funktioniert. Inzwischen werden 15 Restaurants in Tel Aviv und diverse Marktstände in der Mall beliefert. Das mit Wurzelwerk geerntete Gemüse ist extra frisch und hält auch ungekühlt bedeutend länger als herkömmliches. Diese erste urbane Farm sollte nicht nur die Vorteile von städtischer, unabhängiger und nachhaltiger Landwirtschaft demonstrieren, sondern auch durch Workshops für die Öffentlichkeit zum Nachahmen animieren. Beides trug Früchte. Viele Stadtbewohner schafften sich eigene Pflanzensysteme an und wurden zu Selbstversorgern. Und längst gibt Nachahmer-Projekte auf der ganzen Welt.

Beinahe jede Großstadt brüstet sich mit einem neuen Farmscraper oder Dachgarten, wie zum Beispiel Den Haag, Detroit, Chicago, Shanghai, Sydney und Singapur. Einige filtern ihr sogenanntes Greywater (Dusch- und Abwaschwasser) für vertikale Gärten, wie zum Beispiel das Santalaia in Bogotà. Eine Supermarktkette in Philadelphia züchtet die Pflanzen für ihren Verkauf direkt und hydroponisch auf dem Dach und spart so enorme Transportwege. In Frankreich soll nun auf dem 14.000 Quadratmeter umfassenden Gelände der Pariser Expo die größte urbane Gemüsefarm Europas entstehen. In Berlin kümmert sich die Firma Dachfarm Berlin um gebäudeintegrierte Landwirtschaft und urbane Ernährungsstrategien und findet Lösungen für nahezu jede architektonische Situation. Ein insgesamt durchaus positiver Wettbewerb, der aber bereits an Grenzen stieß. Pläne aus den Niederlanden zu geschlossenen Kreislaufsystemen, die Schweine und Legehennen auf einzelnen Etagen vorsahen, um eine Dachfarm zu düngen, scheiterten zum Glück am Widerstand in der Bevölkerung.

Vertikaler Garten im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin

Aber auch ohne direkten Nutzen sind vertikale Gärten sinnvoll: Sie schlucken den Lärm der Stadt und reinigen die Luft, indem sie Sauerstoff produzieren und ordentlich Feinstaub und CO2 binden. Damit argumentiert auch der französische Gartenarchitekt Patrick Blanc seit rund 30 Jahren, der unter anderem für das Berliner Kulturkaufhaus Dussmann ein botanisches Fassaden-Kunstwerk entwarf, und die Forscher gaben ihm recht. Eine ähnliche Antwort auf den Klimawandel lieferte der Architekt Ingenhoven mit seinem jüngsten Projekt, dem soeben eingeweihten KÖ Bogen II in Düsseldorf: ein Büro- und Einkaufszentrum, dessen Außenwände mit 8 Kilometern Hainbuchenhecken bepflanzt wurden und nun Europas größte Grünfassade bilden. Natürlich gibt es auch hier Kritikpunkte, bis sich das grüne System amortisiert hat, auch emissionstechnisch, dauert es ein paar Jahre. Aber die Richtung ist deshalb nicht verkehrt.

Eins der interessantesten Projekte ist das noch nicht realisierte Farmhouse des österreichischen Architekturbüros Precht: Modulare, wabenartige Wohneinheiten bauen unendlich aufeinander auf und sind so angelegt, dass jedes Appartement Zugang zum eigenen oder gemeinnützigen Garten hat. Bewirtschaftet und geerntet wird auf jeder Etage. Jede Einheit kann individuell gestaltet werden und erhält so den Charakter eines eigenständigen Townhouses. Abfälle werden recycelt und aufbereitet, Schmutzwasser wird gefiltert. Durch seine Selbstversorger-Strategie und den passiven Energiehaushalt leistet das Farmhouse einen doppelten Beitrag für die Umwelt. Aber es geht hier um mehr. Um Mitgestaltung und Mitbestimmung, nicht zuletzt dessen was wir essen. Und das ist heute auch eine politische Entscheidung.

Farmhouse des österreichischen Architekturbüros Studio Precht