Ein Interview mit Umweltaktivistin Céline Cousteau

Céline Cousteau ist die Enkelin des legendären Meeresforschers Jacques Cousteau und Regisseurin, Umweltaktivistin, Designerin und Rednerin für die UN. Für ihre Dokumentationen bereist sie natürliche Ökosysteme auf dem ganzen Planeten, filmt zwischen Pinguinen und schwimmt mit Walen. Trotz vieler menschengemachter Schäden, auf die sie regelmäßig stößt, steckt sie voller Optimismus. Ein Interview mit Happy End.

Ihre Kindheit war alles andere als gewöhnlich. Sie haben früh die außergewöhnliche Natur der Welt entdeckt. Mit neun begleiteten Sie ihren Großvater zum ersten Mal auf eine Expedition durch den Amazonas. Wie hat Sie dieses Erlebnis beeinflusst?

Als Kind war es damals nicht gerade leicht auf Expedition mitzugehen. Es gab ja noch nicht die Technologien von heute. Es gab keine Handys, mit denen man erreichbar war oder mal kurz zu Hause anrufen konnte. Mit neun flog ich trotzdem mit meinem Großvater nach Peru und wir gingen dort an Bord seines Forschungsschiffs, der Calypso. Die Reise durch den Amazonas hat mich nachhaltig beeinflusst und mich sicherlich ein Stück zu dem gemacht, was ich heute bin.

Was erlebten Sie?

Es war aufregend, als Kind auf einem Schiff mitten durch den Amazonas zu reisen. Ich durfte den Wissenschaftlern beim Fangen von Piranhas helfen, und wir trafen auf die Ureinwohner des Dschungels. Die Reise hat eine Verbindung zwischen mir und dem Amazonas mit seinen Bewohnern hergestellt, die bis heute besteht. Als Kind habe ich diese Welt einfach entdeckt – und zwar auf eine ziemlich außergewöhnliche Art und Weise. Als Erwachsene verstehe ich, dass damals die Grundlage für meine Liebe zur Natur mit ihren unterschiedlichen Ökosystemen gelegt wurde.

Der Amazonas

Ungefähr im selben Alter absolvierten Sie Ihren ersten Tauchgang. Erinnern Sie sich?

Oh ja. Ich war mit meinem Großvater an der Küste von Monaco auf einem Boot unterwegs. Er steckte mir das Atemgerät in den Mund und sagte: „Ok, jetzt atmen!“ – dann sprangen wir ins Wasser. Es gab keine komplizierte Einführung und es fühlte sich unheimlich natürlich an unter Wasser zu sein.

Was war Ihr bisher bewegendster Moment unter Wasser?

Ich bin auf Hawaii einmal mit Buckelwalen geschwommen. Das war ein ganz besonderer Moment. Ich war mit einem Filmteam und Wissenschaftlern unterwegs und wir konnten ganz nah an eine Mutter und ihr Junges heran.

Sind das freundliche Tiere?

Sie sind sehr tolerant. Die Mutter hat ein Auge auf uns gehalten, sich aber nicht wirklich an uns gestört. Es ist fast so etwas wie eine spirituelle Erfahrung mit ihnen Zeit zu verbringen. Neben der Mutter und ihrem Jungen waren noch drei männliche Buckelwale da. Eines der Männchen sang die ganze Zeit über den charakteristischen Walgesang…

… den es auch auf CDs in Esoterikläden zu kaufen gibt.

Wenn man so nah an den Tieren ist, spürt man ihn als Vibration im ganzen Körper. Das ist unbeschreiblich.

© Çapkin van Alphen/Van Alphen Visuals: Céline Coustau beim Tauchen

Ist extreme Natur so etwas wie ein Sehnsuchtsort für Sie?

Orte mit einer intensiven Natur ziehen mich an. Dabei ist es beispielsweise am Amazonas alles andere als komfortabel. Aber ich muss immer wieder dahin zurück. Zuletzt habe ich dort mit indigenen Völkern aus dem Javari-Tal für meine Dokumentation „Javari – Tribes on the Edge“ gedreht.

Was reizt Sie an diesen Orten?

Dieses Gefühl, dass alle Sinne verstärkt arbeiten, weil man nicht länger der stärkste Dominator ist. Die Kontrolle des Alltags ist weg. Plötzlich sieht, riecht und hört man viel deutlicher – weil man es muss. Solche Erlebnisse sollten wir alle in regelmäßigen Abständen haben, um daran erinnert zu werden, wie klein wir eigentlich sind. Ich weiß das zwar rein intellektuell, aber nach einer Zeit im normalen Leben, unter komfortablen Duschen und ohne die mögliche Präsenz von Angreifern, rutscht es irgendwann in den Hintergrund.

Haben Sie unterwegs manchmal Angst?

Angst ist nicht das richtige Wort. Aber ich bin mir möglicher Gefahren sehr bewusst. Man muss diesen Orten mit großem Respekt begegnen. Aber so vorsichtig man auch ist, es kann immer etwas passieren. Zuletzt wurde jemand aus dem Team von einer Schlange gebissen. Glücklicherweise ist nichts Schlimmes passiert.

Die Antarktis

Welche Natur hat Sie besonders überrascht?

Die Antarktis. Wegen der Kälte war ich gar nicht so wild darauf dorthin zu fahren. Aber dann beauftragte mich das chilenische Fernsehen mit einer 12-teiligen Serie und ich fuhr im Rahmen der Dreharbeiten hin. Ich dachte, in der Antarktis wäre einfach alles weiß, aber das stimmt gar nicht. Das sich ändernde Licht hat mich fast umgehauen. Die Magie der Natur und der Einfachheit war überraschend für mich.

Es gibt witzige Fotos von Ihnen, wie Sie dort umringt von Pinguinen drehen …

Manchmal merke ich bei der Arbeit gar nicht, was eigentlich gerade geschieht. Wir wurden an einer Schneebank zum Filmen abgesetzt und ich hatte alle möglichen Gedanken im Kopf. Stimmt die Perspektive? Habe ich die Pinguine nah genug drauf? Stehen wir den Tieren auch nicht im Weg? Später als ich die Fotos sah, merkte ich erst, in welcher Situation ich mich da überhaupt befand.

Sicherlich stoßen Sie auf Reisen oft auf vom Menschen verursachte Schäden. Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt viele solcher Beispiele. In der Antarktis tauchten wir vor einer Forschungsstation und fanden einen Walfriedhof. Alles lag voller Knochen. Früher hatten Walfänger dort ihr Lager aufgeschlagen und jagten die Tiere zur Gewinnung von Tran, der nach Europa abtransportiert wurde. In solchen Momenten sieht und fühlt man, wozu der Mensch fähig ist. Es ist unangemessen eine Spezies so zu behandeln und auch kein nachhaltiges Verhalten. Gleichzeitig ist es erfreulich zu sehen, zu welcher Evolution der Mensch fähig ist. Dort wo früher Wale gejagt wurden, steht heute eine Forschungsstation in der Freiwillige arbeiten und um die herum eine ganze Pinguinkolonie lebt.

© Çapkin van Alphen/Van Alphen Visuals: Céline Coustau in der Antarktis umgeben von Pinguinen

Was überwiegt auf Ihren Reisen – die Schwere oder die Perspektive?

Diese Art von Wandel zu sehen macht mir große Hoffnung. Es gibt so viele Dokumentationen über den Planeten, die eine Tendenz zur Schwere haben. Ich glaube, wir müssen auch das menschliche Potenzial sehen. Meine Produktionsfirma CauseCentric Productions legt den Fokus auf Menschen und Organisationen, die Gutes in der Welt tun. Wir beschäftigen uns mit dem Wandel vom Egozentrischen hin zum „Causezentrischen“, also dem guten Zweck dienlichen. 

Die Welt kann positive Ansätze gebrauchen!

Mich erinnert das oft an konzentrische Kreise, die Steine auf der Wasseroberfläche hinterlassen. Man kann oft gar nicht sehen wie weit sie reichen und welche Wirkung sie hinterlassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass positive Energie weitere positive Energie heranzüchtet. Wir werden oft vom Negativen überschüttet. Ich brauche gute Geschichten und denke: Wenn ich mittendrin bin und das Gute sehen muss, dann kann es der Rest der Welt auch vertragen.

Ihre Mission lautet „Menschen mit der Natur verbinden” („Connecting People with the Environment“). Sie tun dies auf unterschiedliche Weise – zum Beispiel auch als Designerin.

Wir alle erzählen Geschichten. Oft sagen Menschen zu mir: „Du hast Glück, weil du auf Expedition gehen und so über den Planeten berichten kannst.“ Aber das ist nur eine Methode. Jeder kann seine eigene Methode nutzen, um Geschichten zu erzählen. Wenn ich Schmuck entwerfe, erzähle ich mit den Stücken dasselbe, wie mit meinen Filmen. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten sich auszudrücken.

Kaiserpinguine in der Antarktis

Sie sind auch als Rednerin für die UN im Einsatz – u. a. sprachen Sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Konnten Sie die Menschen dort mit der Natur verbinden?

Dort hat mir die Erfahrung geholfen, mich in unbekannten Umgebungen zurechtzufinden. Es war fast wie im Dschungel, ich traf auf eine vollkommen andere Spezies Mensch. In meiner Präsentation ging es um die Rückverfolgung von Fischfängen. Auf dem offenen Meer ist das besonders schwer. Es gibt dort sogenannte Geisterschiffe, auf denen mitunter schreckliche Arbeitsbedingungen herrschen. Der Fisch wird von diesen Schiffen auf andere Boote verladen und kommt unter neuer Flagge an die Küste. Schon hier hat man die Informationen über den Fisch und die Arbeitsbedingungen der Fischer verloren. Das Publikum war sehr interessiert.

Solche Geschichten machen wieder weniger Mut.

Die wichtigen Fragen sind: Warum passiert so etwas und wie kann man das ändern? Wie können wir Alternativen schaffen? Oft wollen die Menschen nur ihre Familien ernähren und wir können nicht einfach mit dem Finger auf sie zeigen.

Zum Abschluss bitte noch eine Geschichte mit Happy End

Cabo Pulmo an der mexikanischen Halbinsel Baja California ist ein leuchtendes Positivbeispiel. Wegen der Überfischung hatte man dort vor 15 Jahren um Hilfe gebeten. Das Ökosystem war am Ende und die Menschen wussten nicht mehr weiter. In der Folge wurde der Fischfang verboten und ein Schutzgebiet errichtet. Die Natur konnte sich inzwischen erholen. Es gibt wieder eine reichhaltige Artenvielfalt und außerhalb der Schutzzone kann wieder Fisch gefangen werden. Ganz nebenbei ist die Gegend attraktiver für Besucher geworden und mit dem Tourismus konnte ein neuer Wirtschaftszweig entstehen. Die Nachbargegenden wollen nun nachziehen. Das Beispiel zeigt: Wir zerstören einiges, sind aber lernfähig und schützen auch sehr viel.





Foto Credit Header Bild: © Çapkin van Alphen/Van Alphen