Die Psychologie des Überlebens

Was macht man eigentlich, wenn man sich in der Wildnis verlaufen hat? Oder wenn das Wasser ausgegangen ist, ohne Zivilisation in Sicht? Lösungen für solche Situationen findet man in unzähligen Handbüchern, YouTube Tutorials und Internet-Foren. Doch ein ganz entscheidender Aspekt dabei ist, wie man im Kopf mit Notsituationen umgeht. In unserer Reihe “Psychologie des Überlebens” gibt Survival Coach und Bushcraft Mentor Ralf Pintzka Hilfestellung für die überlebenswichtige mentale Einstellung und räumt mit Fehlinformationen auf.

bushcraft survival trainer ralf pintzka
Survival Coach Ralf Pintzka von Rathwolven Bushcraft

Nochmal ganz von vorne

Vergiss für einen Moment alles, was du zum Thema Survival gelernt hast. Der Grund dafür sind die zahllosen Mythen rund um das Thema: Die meisten Outdoor-Abenteurer werden schon mal in Kontakt mit der Thematik Überleben in der Wildnis gekommen sein – über Instagram, YouTube oder teilweise veraltete Bücher. Das Maß an Fehlinformationen ist enorm und nimmt stetig zu. Genau deshalb sollte man in Bezug auf dieses sehr ernste und komplexe Thema bei null starten.

fresh water cup bushcraft

Was ist Survival?

Um die Psychologie des Überlebens zu verstehen, muss man zunächst definieren, was “Survival” wirklich bedeutet und was nicht. Die Definition des Oxford Dictionary legt fest: „Damit eine ‘normale’ Situation zu einer Überlebenssituation werden kann, erfordert diese zwingend das Auftreten eines Notfalls oder einer Einschränkung, die das Weiterleben signifikant erschweren und/oder behindern.” Mit anderen Worten: Es muss eine (lebens-)bedrohliche Situation vorliegen.

making fire bushcraft

Es ist wichtig, diese Tatsache hervorzuheben, denn in der heutigen Zeit wird der Begriff “Survival” inflationär genutzt. Content Creators auf YouTube oder Instagram vermitteln den Eindruck, dass es “Survival” sei, wenn man 24 Stunden ohne Ausrüstung in den Wald am Dorfrand geht, nur um am nächsten Morgen den Heimweg anzutreten und nach einer wohltuenden Dusche die Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben und es sich auf der Couch bequem zu machen. “Survival” wird zum Freizeitspaß.

Auch Survivaltrainings sind kein Survival. Das Erlernen von Überlebenstechniken in einem kontrollierten, begleiteten und sicheren Umfeld steht fernab von wirklichen Notsituationen. Selbst das schwierigste Trainingsmodul kann Stress- und Notsituationen nur simulieren. Man kann beispielsweise einen Arm abbinden um zu trainieren, wie es sich einhändig in der Natur überleben lässt. Der gebrochene Arm ist aber nur simuliert, man fühlt keinen Schmerzreiz und kämpft nicht gegen eine wirkliche Einschränkung unter Qualen und Stress an.

jack wolfskin the outdoors map reading

Emotionen kennen = richtig handeln

Einer der Kernpunkte der beim Handeln in Gefahrensituationen sind Emotionen. Jede Bedrohung führt zwangsläufig zu einer emotionalen Belastung. So kann es beispielsweise sein, dass ein Abenteurer mit seinem Kajak kentert, sich an einem Bein verletzt und gegen sein körperliches Schmerzempfinden kämpfen muss. Ein anderer Outdoorsportler könnte dagegen beim Trekking von seinem Weg abkommen und daraufhin mehrere Tage von jeglichen sozialen Kontakten abgeschnitten sein. Möglicherweise erfährt er Einsamkeit und Langeweile, die ihm seinen Überlebenswillen rauben. Ein Opfer einer Geiselnahme hingegen müsste Angstzustände und Panikattacken durchstehen. Mit anderen Worten: Jede Überlebenssituation gestaltet sich anders. Genau deshalb ist es so wichtig, sich langsam an die jeweiligen individuellen Empfindungen heranzutasten und sich selbst besser kennenzulernen. Denn nicht jeder Mensch reagiert in derselben Krisensituation gleichermaßen. Wir werden in den kommenden Artikeln tiefer in die Bewältigung diverser Reaktionen und Emotionen eintauchen. Erst einmal ist es wichtig zu realisieren, dass jeder durch das eigene Empfinden und Fühlen überwältigt werden kann.

orientation in the forest with mobiile phone

Das zentrale Konzept beim Überleben

Die zentrale Frage beim Überleben ist also immer folgende: Kann ich einer Gefahrensituation mit realistischem Optimismus und mit gesundem Selbstvertrauen begegnen? Oder überwältigt mich das Erlebte und ich gebe auf?

Diesen realistischen Optimismus gilt es zu entwickeln und zu pflegen. Eine Zauberformel dafür gibt es jedoch nicht. Jeder Mensch ist anders und muss sich darum zwangsweise mit seinen persönlichen Schwächen auseinandersetzen. Im ersten Schritt geht es also darum, sich seiner eigenen Psyche zu widmen. Folgende Übung kann dabei helfen, sich selber besser zu verstehen. 

Notiere dir die folgenden Fragen:

1. Wovor habe ich Angst?

2. Was verursacht mir Stress?

3. Neige ich zum Verkennen und Verleugnen von Problemen? Wenn ja: Welche Probleme sind das?

4. Was fühle ich in Situationen, in denen ich scheitere?

5. Was fühle ich, wenn ich einsam und von anderen isoliert bin?

6. Welche Fähigkeiten habe ich? Und wo liegen meine Schwächen?

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Nimm dir in der kommenden Woche jeden Tag ein paar Minuten Zeit, um diese Fragen für dich zu beantworten. Dabei gibt es keine “falschen” Antworten, sie dienen lediglich der eigenen Entwicklung. Daher sollten alle Fragen absolut ehrlich beantwortet werden.

Diese Übung dient dazu, eine Art psychologisches Profil von sich selbst zu erstellen und sich damit selber besser verstehen zu lernen. In den kommenden Artikeln dieser Reihe werden wir uns im Detail mit den Antworten auf diesen Fragen sowie den ihnen zugrunde liegenden Verhaltensstrategien befassen.

Bis dahin: Genieße die Zeit draußen!

Übrigens:

Wer in Erwägung zieht, einen Survivalkurs zu buchen, sollte im Vorfeld prüfen, ob der oder die Kursleiter:in oder Survival-Mentor:in imstande ist, die Komplexität des Fachs zu erklären und eine gesunde und ehrliche Haltung zu dem Thema hat. Mentoren, die “Wundertrainings” anbieten und ohne jegliches Gehör für den Interessenten ein Programm herunter rattern, sind weder zu empfehlen, noch zu trauen. Wirklich gute Mentoren begegnen Kursteilnehmern auf Augenhöhe und besprechen die individuellen Erwartungen des Teilnehmers an einen Survivalkurs. Gute Survivaltrainer:innen kennen ihre eigenen Schwächen und verweisen Kunden an andere Trainier, sollten diese über mehr Expertise auf bestimmten Fachgebieten verfügen.