Die Psychologie des Überlebens Teil 2

Wer sich auf Notsituationen in der Wildnis vorbereiten will, sollte nicht nur wissen, wie man Feuer macht und Trinkwasser sammelt. Mindestens genauso wichtig ist es, sich mental auf gefährliche Situationen vorzubereiten. In Teil 2 unserer Serie Die Psychologie des Überlebens erklärt Bushcraft Mentor Ralf Pintzka, wie wir unsere Gefühle und Gedanken in gefährlichen Situationen in den Griff bekommen.

Im ersten Teil dieser Serie haben wir den Begriff „Survival“ definiert und uns mit dem Grundsatz des „realistischen Optimismus“ auseinandergesetzt.  Beim Überleben in Gefahrensituationen ist diese Grundeinstellung entscheidend. Ziel dieser Serie ist es, einen realistischen Optimismus zu entwickeln und zu pflegen.

snowfall out in the field

Wer den ersten Teil nicht gelesen hat, sollte hier noch mal nachlesen. Am Ende des Artikels befindet sich auch eine Übung bestehend aus Fragen, die sich jeder, der sich für ein richtiges Verhalten in Überlebenssituationen wappnen möchte, für sich selber beantworten sollte. Diese Antworten sind wichtig für den nachfolgenden Text.

Hast du die Fragen bereits beantwortet? Super, dann nimm dir deine Notizen zur Hand und vergleiche, welche Begriffe in der unten aufgeführten Liste mit denen in deinen Antworten übereinstimmen.

Survivalsituationen können zu folgenden Reaktionen führen:

  • Realitätsverweigerung & Verleugnung der Situation
  • Panikreaktionen
  • Überreagieren
  • Angstzustände
  • Schuldgefühle
  • Resignation / Aufgeben

1. VERLEUGNUNG UND DAS AUSBLENDEN DER REALITÄT

Frage ich meine Kursteilnehmer, welche Reaktionen der Mensch in Krisen an den Tag legt, so sprechen die wenigsten den menschlichen Hang zum Verkennen an. Tatsächlich aber tritt in nahezu allen Notsituationen eine Form der Realitätsverweigerung auf.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Pilzsammler begibt sich ohne Navigationshilfen und Schlafausrüstung in ein weiträumiges Naturgebiet. Er geht davon aus, bis zum Abend wieder zu Hause zu sein und bewegt sich entsprechend unbekümmert durch das Gelände. An einer unmarkierten und verwucherten Wegkreuzung muss er sich für eine Richtung entscheiden – und wählt dabei unwissentlich die, die ihn ins Nirgendwo führt. „Den Trampelpfad werde ich schon zurückverfolgen können“, denkt er sich – und marschiert daraufhin mehrere Kilometer durch Wildgräser und Gestrüpp auf der Suche nach Pilzbeständen. Als er endlich einen Fundort erschließt, verlässt er den sowieso kaum noch sichtbaren Pfad. Als er sich mit seinem gefüllten Pilzkorb schließlich umdreht, ist vom Weg nichts mehr zu sehen.

Anstatt zu stoppen und sich zu sammeln, denkt der Pilzsammler: „Die Kreuzung muss dahinten gewesen sein. Ich laufe da mal hin, hinter dem Dickicht komme ich bestimmt wieder auf den Weg.“ In Wirklichkeit aber spekuliert er und navigiert sich nur noch tiefer in das Gestrüpp hinein. Nach einer Weile stellen sich Gedanken ein wie: „Das kann nicht wahr sein… Der Pfad muss doch in der Nähe sein! So weit bin ich doch nicht gelaufen!“

Mit dem Absenken der Abendsonne steigt der Druck immer weiter an – noch immer irrt der Pilzsucher durch die Gegend, trifft keine Vorkehrungen für die eintretende Nacht und ignoriert weiterhin den Ernst der Lage – jenes Verkennen gibt ihm immerhin ein (falsches) Gefühl der Sicherheit.

getting dark outside survival

Als die Sonne schließlich am Horizont verschwindet, steht er ohne Nachtlager, wärmendes Feuer und Trinkwasser da. Sollte es jetzt noch stark abkühlen oder gar regnen, überlebt der Verlaufene die Nacht unter Umständen nicht. 

Es ist wichtig zu verinnerlichen, dass derartige Denkfehler häufig im Kleinen beginnen, mit verstreichender Zeit aber zu größeren Problemen heranwachsen. Wir müssen darum stets bedachtsam handeln und Risiken auch dann sorgfältig abwägen, erscheinen sie uns noch so klein und belanglos.

Bin ich mit meinem Buggy in der Sahara unterwegs und leuchtet die Motorkontrolllampe auf? Dann stoppe ich und kontrolliere den Motor, anstatt mir einzureden, dass das Fahrzeug die Strecke zurück zum Camp schon irgendwie schaffen wird.

Wandere ich mit einem Freund in den Alpen und wollen wir uns aufteilen? Dann treffen wir genaue Absprachen, anstatt uns einfach mit einem „Ich sehe dich dann später am Camp“ voneinander zu verabschieden.

Fahre ich mit meinem Kanu stromabwärts und schlägt dieses auf den Grund auf? Dann prüfe ich bei der nächstgelegenen Anlegemöglichkeit die Außenhülle auf Schäden, anstatt auf „Wird schon nichts passiert sein“ zu spekulieren, nur um später auf die harte Tour zu lernen, was passiert, wenn ein kleiner, unbeachteter Riss dann aufbarstet und das Boot mit Wasser füllt.

Mit anderen Worten: Bei Outdoor Aktivitäten müssen wir verinnerlichen, dass selbst die kleinsten aller Entscheidungen unter Umständen die eigene Gesundheit gefährden oder gar den eigenen Tod besiegeln können. Wer verinnerlicht, dass er draußen verletzlich ist, übt sich von selbst in Bedachtsamkeit.

paddling a canoe down a river

2. PANIK UND ÜBERREAKTION

Panikreaktionen folgen meist unmittelbar (und damit überraschend) auf die oben besprochene Relativierung der Situation. Bleiben wir bei unserem Pilzfreund: Stundenlang wägte er sich in einem falschen Gefühl von Sicherheit, als ihm zum Tagesende dann die Realität dämmert.

Da er nicht frühzeitig mit dem Bau eines Unterstands begonnen hat, versucht er nun in den letzten hellen Minuten noch auf die Schnelle einen zu improvisieren. Seine Bewegungen sind hastig und unüberlegt, und so kommt es, dass er beim Heranschleppen einer Fichtenstange ausrutscht, fällt und sich dabei verletzt.

Vielleicht trägt er eine Verstauchung seines Knöchels davon und ist damit bis auf Weiteres in seiner Mobilität eingeschränkt. Vielleicht fällt er so ungünstig auf einen abstehenden Ast, dass er sich weitaus schlimmere Verletzungen als nur eine Verstauchung zuzieht. Horrorszenarien wie diese sind in Stresssituationen nicht unwahrscheinlich. Im schlimmsten Fall bezahlt man diese mit dem Leben.

Selbst wenn diese beschriebenen Extremfälle nicht eintreten sollten, so könnte unser Pilzsammler dennoch derart so eilig und gehetzt arbeiten, dass er am Ende mit vollgeschwitzen Klamotten die Nacht überstehen muss. Er setzt sich damit einer erhöhten Gefahr der Unterkühlung aus – und könnte dann innerhalb weniger Stunden versterben.

Panik ist auch bei den anderen genannten Beispielen nicht ausgeschlossen: Geht der Motor unseres Wüstenbuggys in Flammen auf oder säuft unser Kanu ab, bleibt nur wenig Zeit zum Handeln. Stressreaktionen können in diesen Beispielen zu Verbrennungen oder zum Ertrinken führen.

Beim Beispiel mit der Alpenwanderung könnte es sein, dass mein Freund zur Abenddämmerung noch nicht am Camp eingetroffen ist. Ich nehme dann an, dass ihm etwas passiert sein muss und sorge mich, worauf ich mich hastig vom Lagerfeuer entferne, um ihn im Dunklen zu suchen.

Mit Einbruch der Nacht klopft mein Herz immer stärker; die Besorgnis nimmt weiter zu. Mit jeder verstreichenden Minute rufe ich verzweifelter nach ihm und merke in meiner Panik nicht mal mehr, in welche Richtung ich gerade laufe. Möglicherweise finde ich so meinen eigenen Weg nicht mehr zurück.

Schlimmer noch: Eventuell bin ich so gehetzt, dass ich selbst stürze und mich dabei verletze. In einer Sekunde wurde ich damit vom Helfer zum nächsten Opfer. Rettungskräfte müssten in diesem Fall zwei Personen anstatt nur einer bergen. Vorausgesetzt, dass ich noch imstande bin, überhaupt einen Notruf abzusetzen. Sollte dem nicht so sein, so kostet eine Panikreaktion nicht nur mein Leben, sondern zwei.

In späteren Artikeln besprechen wir die STOP-Technik – diese hilft uns dabei, in stressvollen Lagen einen kühlen Kopf zu bewahren.

jack wolfskin mountain climber

3. ANGST UND LÄHMUNG

Der Physiologe Walter Cannon beschrieb 1915 zum ersten Mal die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion (Englisch: fight or flight reaction). ”Ist ein Wesen einer Gefahr ausgesetzt, so kämpft es gegen diese Gefahr oder aber flüchtet vor ihr.” 1988 erweiterte Jeffrey A. Gray dieses Modell um einen dritten Faktor, dem Erstarren (Englisch: freeze). Es ist empfehlenswert, sich mit diesen Konzepten zu befassen, da diese durchaus eine Geltung für Survival Situationen haben.

Zurück zu unserem Pilzsammler: Es ist mittlerweile 3:00 Uhr morgens und stockdunkel. Er ist durstig, friert, kauert unter einem Baum und zittert. Zu allem Übel erschallen aus dem Wald heraus Laute von Tieren, die er nicht identifizieren kann. Was raschelt da im Gebüsch? Ist es ein Wildschwein? War das ein Wolf der da gerade geheult hat? Was ist an meinem Fuß vorbei gehuscht? Eine Maus oder doch eine (Gift)schlange?

Mit erhöhtem Puls und zu viel Adrenalin in der Blutbahn versteift sich jeder Muskel im Körper unseres Pilzfreundes: Seine Psyche lähmt ihn vollständig, er erstarrt.

Ängste müssen dabei nicht zwingend mit gefährlichen Wildtieren zusammenhängen. Nehmen wir auch hier wieder die alten Beispiele zur Hand: Manche Alpinisten und Wanderer leiden an Höhenangst, begeben sich aber doch in entsprechendes Terrain. Wer in einem Buggy (oder auch einem anderen Fahrzeug) fährt, leidet unter Umständen vielleicht an Klaustrophobie. Und eine Kanufahrerin hat vielleicht keine Angst vor dem Wasser, wohl aber vor der Dunkelheit (Nyktophobie).

Was passiert, wenn diese Alpinisten an einer Steilwand festhängen oder sich an eine Klippe heran navigieren? Wie schwer wird es dem Buggyfahrer ergehen, crasht er und kann er die Tür des Fahrzeugs dadurch nicht mehr öffnen? Und was, wenn die Kanufahrerin kentert, an Land schwimmt und dort die Nacht verbringen muss?

Die Liste möglicher Angstzustände ist endlos. Und selbst wenn man ansonsten über eine stabile Psyche verfügt, so haben die meisten Menschen doch sicherlich eine natürliche Angst vor ihrem eigenen Tod. Diese alleine kann schon kampf- und handlungsunfähig machen.

Am Ende steht die Angstlähmung dann im exakten Gegensatz zur Überreaktion. Welcher Faktor sie genau hervorruft, ist individueller Natur. Darum ist es so wichtig, sich die eigenen Antworten aus der letzten Übung anzusehen: Welche Ängste hast du notiert? Was bereitet dir Furcht und warum?

Ich empfehle diese Notizen in der kommenden Zeit näher auszuarbeiten. Je konkreter die Ausführungen sind, desto besser, denn: Es gibt keinen Weg um die eigenen Ängste herum. Wer in Survival Szenarien handlungsfähig sein will, muss sich früher oder später seinen Ängsten stellen. Und das geht am besten in einem kontrollierten Umfeld und durch regelmäßiges Training.

Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich bin arachnophob und hatte als Kind und Jugendlicher eine große Angst vor Spinnen. Für einen Waldläufer ist das eine sehr ungünstige Angst, aber dank wiederholter Annäherungen an diese Tiere kann ich Spinnen heute sogar anfassen. Das Gefühl der Angst – also der erhöhte Puls oder der Ekel – bleibt zwar bestehen, jedoch konnte ich das so weit überwinden, dass ich vor wenigen Jahren sogar eine ausgewachsene Vogelspinne auf meiner Schulter habe krabbeln lassen. Was das mit Survival zu tun hat? Sollte sich auf Touren doch mal eine giftige Spinnenart auf mich herabseilen und ich das erst merken, wenn das Tier unter meinem Shirt krabbelt, dann reagiere ich nicht mehr aus einem Impuls heraus, was einen Biss provozieren könnte.

rescue helicopter snowy mountains

4. SCHULD & (SELBST)VERURTEILUNG

Eine weitere Emotion, die sich häufig einstellt, aber nur selten angesprochen wird, ist das Schuldgefühl. Beginnen wir wieder bei unserem verirrten Pilzsammler – dieser denkt sich vielleicht Folgendes:

„Ich Idiot! Warum bin ich an der Kreuzung nicht einfach umgekehrt?“

„Meine Frau macht sich bestimmt Sorgen… Ich bin so blöd, warum tu ich ihr das an?“

„Mein Kind sagte noch, ich soll vorsichtig sein – und ich Depp habe kein Kartenmaterial eingepackt. Was, wenn mein Kind ohne Vater aufwachsen muss?“

Anhand dieser Beispiele fällt direkt auf, dass Schuldgefühle und das (Ver)urteilen immer Hand in Hand gehen. Wir alle haben Familie und Freunde, denen wir (ungewollt) Leid und Schmerzen zufügen können. Unter keinen Umständen darf man den Komplex der Schuld kleiner machen, als er ist, denn auch er kann zu Gedankenkreisläufen und somit zur Handlungsunfähigkeit führen. Und damit selbstverständlich zu einer Verschlechterung der bereits schlimmen Situation.

Besprechen wir auch die anderen Beispiele: Der Buggyfahrer kann unter Stress an der Idee verzweifeln, dass er sich dem Verleih gegenüber verantworten muss. „Ich kann es mir nicht leisten das Fahrzeug zu ersetzen!“, könnte dann ein Gedanke sein der vom wirklich wichtigen – also dem Überleben des Reisenden selbst – ablenkt.

Die gekenterte Kanufahrerin könnte beispielsweise das Schlusslicht in einer Paddelgruppe sein und sieht die anderen stromabwärts davon ziehen. Sie denkt: „Die suchen mich jetzt bestimmt und bringen sich für mich in Gefahr… Wenn denen was passiert, dann ist das meine Schuld…“

Wenn ich dagegen von meinem Wandererfreund getrennt werde und er nicht zum Camp zurück findet, rede ich mir vielleicht ein, dass ich aufgrund nicht getroffener Absprachen Schuld an seiner Not oder gar seinem Tod sein könnte.

So bizarr es klingen mag: Selbst wenn man (teilweise) verantwortlich für derartige Probleme sein mag, so bringt es absolut gar nichts, sich dafür zu verurteilen. Das Schlüsselwort ist hier: Akzeptanz. Und zwar der Situation an sich wie auch der Unveränderlichkeit all dessen, was bereits passiert ist.

Es ist zwingend notwendig, um in solchen Situationen geerdet und besonnen „bei null“ zu starten: Ist ein Reisepartner bereits verletzt, dann hilft das Beklagen seiner Verletzung ihm nicht im Geringsten. Hat man sich verirrt, so sind die Ängste von Freunden und Familien erst mal insofern egal, als dass man selbst aus seiner eigenen Gefahrensituation herauskommen muss.

travel signs

5. RESIGNATION UND AUFGEBEN 

Es ist sicherlich selbsterklärend, dass das Aufgeben in einer Überlebenssituation den sicheren Tod bedeutet. Man muss jedoch begreifen, dass Resignation in den meisten Fällen erst die Folge eines der vorab genannten Punkte ist!

Man kann noch so von seinem eigenen Kampfeswillen überzeugt sein: Der menschliche Überlebenswille ist je nach Situation sehr fragil. Die Schlussfolgerung ist, dass diverse Faktoren darüber bestimmen, ob wir eine Notsituation bewältigen oder nicht.

Besonders ausschlaggebend dabei sind Gefühle wie Mutlosigkeit, Lähmung, Angst, Verletzung, Krankheit, Stress, Panik, Realitätsverweigerung, Schwäche, Nervenzusammenbrüche etc. 

Aufgabe

Reflektiere sorgfältig diese Gefühle, die in Stresssituationen aufkommen und finde all die Faktoren, die in der Vergangenheit einen Einfluss auf dich hatten. Versuche dich dabei an Situationen zu erinnern, in denen du praktisch auf „Autopilot“ operiert hast. Daraus lassen sich viele Rückschlüsse auf deine Stärken und Schwächen ziehen.

Im nächsten Teil der Psychologie des Überlebens geht es um sekundäre Stressfaktoren. Sie haben weniger mit den hier genannten Gefühlslagen zu tun. Sie schleichen sich leise in unsere Psyche ein und nehmen großen Einfluss auf ihre Gesundheit und damit unsere Handlungsfähigkeit.