Trekking in Grönland

Den ganzen September wollen wir zu zweit auf einer Trekkingtour im Süden von Grönland verbringen. Am kleinen Flughafengebäude von Narsarsuaq ist nicht viel los. Die letzten Touristen verlassen gerade die größte Insel der Welt. Aber genau deshalb haben wir uns für den Herbst entschieden, auch wenn wir wissen, dass der erste Schnee fallen kann und es nachts bereits bitterkalt ist.

glacier exploration

Flussdurchquerung

Wir verlassen früh morgens den recht übersichtlichen Ort. Unser Ziel ist das Johan Dahl Land, weil man dort auf einen Berg steigen und das Inlandeis erblicken kann. In Grönland gibt es keine Straße zwischen den größeren Städten und Dörfern, sondern man benutzt das Boot oder den Helikopter. Daher gibt es kaum Autos, aber viele Quads und Schneemobile. Und überall sieht man Eisberge in den Fjorden schwimmen. Im ersten Moment ein ungewohnter Anblick, wenn man zuvor noch nie hier war.

Wir durchqueren ein breites Gebiet eines vom Inlandeis kommenden Flusses. Leider wurde die Hängebrücke am Hauptstrom bei einem Hochwasser weggerissen und wir müssen erst mal einige Zeit flussaufwärts laufen, bis wir eine passende Stelle zur Querung finden. Ich habe hierfür noch paar Turnschuhe und ein Seil dabei. Mein Wanderfreund muss allerdings mangels Ersatzschuhen barfuß durch den eiskalten Fluss. Seine Trekkingschuhe bindet er dafür zusammen und hängt sie sich über den Hals. Er wirft sie auf den letzten Metern an das andere Ufer. Sie rollen allerdings wieder langsam zurück und werden sogleich von der starken Strömung weggespült. Ich hechte hinterher, fange zwar seine Schuhe, rutsche aber aus und bin somit klatschnass.

polar lights
Copyright Wulfs Bramesfeld

Polarlicht

Wir schlagen unser Zelt auf und trocknen die Sachen über dem Campingkocher. Sobald die Sonne weg ist, wird es kühl und wir verschwinden schnell in unseren Schlafsäcken. Mitten in der Nacht wachen wir halb durchgefroren auf und sehen plötzlich ein Licht am Zelt. Es scheint, als ob draußen jemand mit der Taschenlampe um uns herum schleicht. Es ist aber nichts zu hören. Wir drehen uns in unseren Schlafsäcken zum Zelteingang und öffnen diesen ganz vorsichtig. Was wir nun am Himmel erblicken, ist einmalig! Das erste Polarlicht unseres Lebens und dann auch noch weit am Himmel verteilt und in allen möglichen Farben. Fast wie in einer Disko: Grün und gelblich tanzen die Farben in allen Variationen über uns. Man kann es nicht wirklich beschreiben und muss es einmal erlebt haben. Die Wikinger hielten es für den Tanz der Götter in Walhalla, dem Ruheort ihrer Krieger. Wir gehen raus und genießen den Anblick für über eine Stunde, bis uns die Müdigkeit wieder ins Zelt treibt. Eine absolut unvergessliche Nacht.

Johan Dahl Land

Noch wenige Tage folgen wir einem kleinen Wanderweg in der Buschlandschaft, die bei der tief stehenden Sonne herbstlich erstrahlt. Es sind eher kleine Schafpfade und wenn man sich vertut, so landet man in einer Sackgasse und muss alles wieder zurück bis zur nächsten Weggabelung, weil die Büsche zu hoch sind, um einfach querfeldein zu laufen. 

Später klettern wir zu einem felsigen Bergsattel und wieder hinunter. Danach kommen wir an einen breiten Gebirgsbach und finden einen tollen Platz direkt am Ufer. Am nächsten Tag folgen wir ihm entgegen der Strömung. Irgendwann müssen wir aber auf die andere Seite. Schon wieder kalte Füße, aber diesmal sind alle Schuhe im Rucksack.

ice landscape greenland

Blick auf das Inlandeis

Querfeldein gehen wir hinab ins Johan Dahl Land zu einer Art Sommerwiese der Inuit. Am Strand liegen große Eisblöcke, die vom kalbenden Gletscher stammen, der sich gegenüber in einem großen See ergießt. Wir lagern hier und erklimmen am folgenden Tag einen Berg mit einem sehr beeindruckenden Blick auf das Inlandeis. Endlose Weiten und unzählige Gletscherspalten. Ein Traum und ein sicherlich lohnendes Ziel einer Grönlandreise. Wir sind unterwegs niemandem begegnet und stehen hier oben völlig alleine und genießen einfach den Ausblick auf das Inlandeis. Fast den gleichen Weg geht es zurück nach Narsarsuaq.

Die Halbinsel Qaqortoq

Die nach der größten Stadt Südgrönlands benannte Halbinsel Qaqortoq wird durch zwei Fjorde begrenzt. Nördlich vom Tunuliarfik und südlich vom Igalikup-Kangerlua Fjord. Die Halbinsel ist sehr gebirgig, was sich in der imposanten Gipfelreihe namens Redekam widerspiegelt. Östlich von Igaliku befinden sich kleine und größere Gletscher und die Felswände scheinen fast alpin in den Himmel zu wachsen. Von Narsarsuaq fahren wir mit einem kleinen Fischerboot über den Fjord und wandern weiter nach Igaliku. 

greenland playing chess
Copyright Dirk Apel

Eric der Rote und die Wikinger  

Als Eric der Rote 986 von Island nach Grönland kam, um sich genau hier niederzulassen, hatte sich seine Werbung für das “grüne Land” gelohnt. Allerdings kamen von 25 Wikingerschiffen nur 14 in Grönland an. Einige kehrten um und andere erlitten Schiffbruch. Hier auf der Halbinsel baute er “Gardar”, seinen Hof. Das war 15 Jahre bevor das Christentum bei den Wikingern verpflichtend war. Der Ort wurde 1126 sogar zum grönländischen Bischofssitz. 

In Igaliku klettern wir auf ein 300 m höher gelegenes Plateau und genießen die Aussicht.

Am nächsten Tag geht es zurück in den geschichtsträchtigen Ort und weiter in Richtung des Gebirgszug Redekam. Wir wandern den ganzen Tag lang bergan und als wir endlich ganz oben sind, haben wir einen weiten Blick auf die Fjordlandschaft. Erst am Abend des nächsten Tages erreichen wir die imposante Kirchenruine Hvalsey.

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Eine alte Kirchenruine

Hier hatte sich bereits ein Vetter Erics niedergelassen. Die Kirche wurde aber erst um 1300 erbaut und gilt heute als das bekannteste Bauwerk seiner Zeit in ganz Grönland. Es ist ein magischer Ort und die Ruine steht irgendwie so mitten im Nichts. 16 x 8 m ist ihre Grundfläche und sie ist umgeben von bis zu 5,7 m hohen Mauerresten, die wiederum etwa 1,5 m dick sind. Die wenigen Fenster schauen wie Schießscharten aus. Die letzte bekannte Dokumentation stammt von einer hier stattfindenden Hochzeit 1408. Danach verliert sich die Spur der Wikinger in Grönland und es dauerte über 300 Jahre bis der nächste Europäer, Missionar Hans Egede, 1721 auf der Suche nach den Wikingern wieder die Insel betrat. Er fand aber nur Inuit, die im Gegensatz zu den Wikingern an die Lebensart der Landschaft seit Jahrtausenden angepasst waren.

Gibt es Mücken in Grönland?

Nach weiteren zwei Tagen erreichen wir Qaqortoq.  Auf auf unserem Weg müssen wir zuvor noch ein größeres Feuchtgebiet durchqueren. Und da sind sie plötzlich: Mücken. Die Luft scheint dunkel zu werden, als ein großer Schwarm auf uns zukommt und sich die kleinen Biester auf alle freiliegenden Hautflächen setzen. Sie kriechen sofort in alle Öffnungen. Wir haben zu dieser Jahreszeit mit allem gerechnet, z. B. mit heftigen Sturmwinden, die föhnartig vom Inlandeis kommen, aber nicht mit so vielen Mücken. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als schnell weiter zu laufen. 

In Qaqortoq stocken wir unsere Essensvorräte auf und tags darauf geht es mit dem Boot nach Narsaq. Von dort wandern wir noch eine Woche zurück bis nach Narsarsuaq. 

Der erste Schnee ist in der allerletzten Nacht gefallen. Zu schnell ist sie vorbei, unsere wunderschöne und einsame Trekkingtour. Südgrönland im Herbst ist einen Besuch wert. Die Nächte können zwar frostig sein, aber man hat dafür beste Chancen, das Polarlicht zu sehen.