Stedsans in the Woods

Mit ihrem Öko-Retreat in den schwedischen Wäldern betreibt Mette Helbæk mehr als ein nachhaltiges Hotel. Sie entwickelt ein Konzept für den Lebensstil der Zukunft.

Wenn Gäste im Stedsans in the Woods eingecheckt haben, bekommen sie erst einmal einen Picknickkorb in die Hand gedrückt – und werden in den Wald geschickt. Spazieren gehen, sich an den See setzen, die hausgemachten Spezialitäten genießen. Den Blick schweifen lassen. Durchatmen. Einen Vorgeschmack darauf bekommen, worum es hier in den nächsten zwei Tagen gehen wird: innehalten und sich neu besinnen.

Das unter Nachhaltigkeits-Fans inzwischen gut bekannte Retreat liegt tief in der schwedischen Region Halland versteckt, zwei Autostunden von Göteborg gelegen, etwa drei vom dänischen Kopenhagen. Von dort und vom deutlich weiter entfernten Stockholm kommen auch die meisten Gäste. „Manchmal“, sagt Gründerin und CEO Mette Helbæk lachend, „steht unser ganzer Parkplatz voll mit Teslas.“ So richtig nachvollziehen, das merkt man im Gespräch mit ihr, kann sie den Lebensstil ihrer Besucher häufig nicht. Aber sie versteht, wonach sie suchen. Und weiß, wo sie es finden.

©Stine Christiansen

Gegründet hat Mette Helbæk das „Stedsans in the Woods“ 2017, gemeinsam mit ihrem Mann Flemming Hansen. Mette ist Köchin und Food-Stylistin, schon immer hat sie ausschließlich mit regionalen Bio-Zutaten gearbeitet. Darüber hat sie mehrere Kochbücher veröffentlicht; in Kopenhagen hatte sie außerdem ein eigenes Öko-Lebensmittelgeschäft. Als sie Flemming, einen erfahrenen Gastronomen, kennenlernte, eröffneten die beiden ihr erstes eigenes Restaurant. Das „Stedsans ØsterGRO“ lag im Zentrum der Stadt, thronte auf der Dachterrasse einer urbanen Farm. Man saß an langen Tafeln umgeben von Beeten und Pflanzen, die Zutaten der Menüs immer frisch geerntet. Ein durchschlagender Erfolg, von Anfang an ausgebucht.

Der Wunsch, sich weiterzuentwickeln, noch ganzheitlicher arbeiten zu können, wuchs langsam. Irgendwann fragten sich Mette und Flemming: „Warum sind das hier um uns herum nicht unsere eigenen Gewächse? Warum kochen wir nicht mit Gemüse, das wir selber angebaut und geerntet haben?“ So entstand die Idee von einem Ort, an dem die Menschen nicht nur zum Essen einkehren können. Sondern an dem sie eine Weile ganz nah bei der Natur und bei sich sein dürfen.

©Stine Christiansen

Into the Wild

In Dänemark konnten das Paar das unerschlossene Land, das ihnen für ihr Projekt vorschwebte, nicht finden. Also zogen sie nach Schweden, ins weitläufige Halland, wo es unberührte Wälder und abgeschiedene Gewässer gibt. Hier, erzählt Mette, fingen sie – inzwischen eine Familie – ganz von vorne an. Haus und Geschäft hatten sie verkauft. Jetzt besaßen sie nichts mehr außer dem Boden, auf dem sie standen und die Wildnis um sich herum. Aber Mette spürte sofort: „Hier hat alles seinen natürlichen Platz gefunden, alles hat plötzlich Sinn ergeben.“ Das dänische Wort „Stedsans“ lässt sich mit „Gespür für den Ort“ übersetzen. Und obwohl sie möglichst schnell eröffnen wollten, um den Hype aus Kopenhagen nicht gänzlich verpuffen zu lassen, sollte das Neue Stück für Stück wachsen und sich in das einfügen, was die Umgebung vorgab.

Bei der Eröffnung 2017 war deshalb erstmal nur das Restaurant fertig. Etwas später konnten die Besucher in stabilen Canvas-Zelten über Nacht bleiben. Inzwischen stehen auf dem Gelände 14 Cabins mit großen Glasfronten für insgesamt 38 Gäste, einige schwimmen vorgelagert auf dem See, andere schmiegen sich zwischen die Bäume. Die Materialien für den Bau stammen von alten Wohn- und Gewächshäusern. Drinnen: nur das Nötigste. „Das, was man wirklich braucht, aber in sehr gut“, beschreibt Mette ihr minimalistisches Interior-Konzept. „Ein komfortables Bett, hochwertige Leinenbettwäsche. Mehr ist nicht nötig.“ Nichts soll ablenken. Dass es auf den Zimmern keine Fernseher gibt, versteht sich von selbst.

©Stine Christiansen

Beim Essen sitzt man an Community-Tischen, in Zeiten von Corona allerdings durch Scheiben voneinander getrennt. Das sechsgängige Dinner-Menü wird jeden Abend spontan zusammengestellt, je nachdem, was gerade frisch geerntet werden konnte. „Es ist uns wichtig“, erklärt Mette, „dass man auf dem Teller sehen und schmecken kann, wo die Lebensmittel herkommen – und wie dort das Wetter in den vergangenen Monaten war.“ Es gibt keine Auswahl, alle bekommen das Gleiche. Für den Kaffee danach setzt man sich um große Feuerstellen zusammen in die schwedische Dunkelheit.

Der Betrieb des „Stedsans in the Woods“ funktioniert fast vollständig nachhaltig. In der Küche gibt es keine Elektrizität, gekocht wird auf offenem Feuer. Geduscht wird mit gefiltertem Seewasser, alle Seifen und Hautpflege-Artikel werden in eigener Produktion aus abbaubaren Pflanzenextrakten hergestellt. Die Toiletten sind komplett kompostierbar. Weil immer wieder darüber gestaunt wird, dass sie trotzdem so gut aussehen und nicht unangenehm riechen, nennt Flemming sie inzwischen seine „sexy compost toilets”.

©Skovdal Nordic

Auf dem großen Waldgrundstück hat außerdem die eigene Farm Platz, ein medizinischer Kräutergarten und ein kleiner Spa-Bereich mit Sauna. Und das, was Mette ihr „Department of Research and Development“ nennt. Eine Art Think Tank, der den ganzheitlichen Ansatz der Anlage auffängt. Denn die Vision der beiden Gründer hört nicht bei Bio-Karotten und grünem Shampoo auf: Sie arbeiten an einer Idee für den „Lebensstil der Zukunft“, wozu für sie auch Philosophie, Wirtschaft, Wissenschaft und Architektur gehört. „Es geht uns darum, eine bessere Welt zu gestalten. Praktisch, auf dem Teller, mit dem, was du isst. Aber auch weitergedacht, mit der Frage nach einem größeren Ganzen.“ Mette und Flemming beschreiben das gerne auch so: „Wir glauben, dass die Lösung für fast jedes Problem schön ist, gut schmeckt und glücklich macht.“

Konzentration auf das Wesentliche

Ein Aufenthalt im „Stedsans in the Woods“ ist auf zwei Nächte beschränkt. Das reiche aus, beteuert Mette, um abzuschalten. Und um das zu schaffen, was sie sich für ihre Besucher wünscht: Den Lebensstil, den sie hier kennenlernen, zu verinnerlichen und mit nach Hause zu nehmen. „Wir bieten unseren Gästen die Chance, sich in die Natur zu verlieben“, sagt sie. Wenn man sich ihr erst einmal geöffnet habe, könne man dieses Gefühl halten. „Man muss nur die Augen aufmachen, Flora und Fauna um sich herum wahrnehmen.“ Pflanzen zum Beispiel gebe es schließlich überall, selbst in der Großstadt. „Es kommt nur darauf an, worauf man sich konzentriert.“

©Stine Christiansen

Während der Corona-Pandemie im Frühjahr und Sommer des zurückliegenden Jahres lief es für das „Stedsans in the Woods“ vergleichsweise sehr gut. „Wir sind ein Outdoor-Restaurant- und -Retreat, wir haben viel Platz. Selbst Küche und Spa liegen unter freiem Himmel. Das kam uns natürlich zugute.“ In Dänemark und Schweden gab es außerdem wenig Einschränkungen und Reiseverbote. Einzelne Stornierungen konnte man schnell ausgleichen, die Warteliste ist lang und die Nachfrage sogar noch gestiegen. „Das Bedürfnis danach, draußen zu sein und in der unmittelbaren Region zu bleiben, wächst. Das spüren wir,“ resümiert Mette Helbæk. „Also müssen wir aufregende Orte in unserer Umgebung schaffen. Neue Wege und neue Plätze finden, um uns zu treffen.“ Denn in einem ist sie sicher: „Egal, was passiert – zusammenkommen, das wollen die Menschen immer.“