Spielend Wandern

Der Verein Österreichs Wanderdörfer hat die Initiative Spielend Wandern ins Leben gerufen, die Eltern dabei hilft, Kindern den Zauber der Natur näherzubringen.

Als ich acht Jahre alt war, ist aus dem Zoo unserer Stadt ein Pelikan entflogen. Davon haben wir Kinder nichts mitbekommen. Wie denn auch? Der Pelikan schaffte es nicht in die Nachrichten. Und selbst wenn, was interessierten uns Kinder die Nachrichten? Wir hatten Besseres zu tun. Auf Bäume klettern, draußen sein, uns durch das hüfthohe Gestrüpp und Brombeerbüsche zu einem verlassenen Haus durchkämpfen. Natürlich durften wir nicht hin zu diesem magischen Haus mit einer zerfallenen grünen Holztür und einem Dachboden, wo ein Bettgestell aus Metall stand und die Luft nach Staub und Katzenurin roch.

Nature is the best playground for kids
Foto: Tim Ertl

“Warst du schon wieder da?”, fragte meine Mutter und inspizierte meine Kleidung, die von oben bis unten mit Kletten übersäht war. Da waren die großen Kletten, die sich aus der Kleidung leicht entfernen ließen und die kleinen, zähen Kügelchen des Waldmeisters und des dreiteiligen Waldhahns. Wer sich schon mal die Kletten genauer angeschaut hat, wird gestaunt haben, welche ausgeklügelten Mechanismen es in der Natur zur Pflanzenvermehrung gibt.

Das Brachland mit dem verlassenen Haus hat mir so viel mehr als zerkratzte Haut und eine Milliarde Mückenstiche gegeben. Es war meine wilde Oase mitten in der Stadt. Im verwahrlosten Garten des verlassenen Hauses konnte ich den Wechsel der Jahreszeiten beobachten. Und wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann war sie von einem Begriff geprägt – der Langsamkeit. 

Draußen in den Feldern locken viele Abenteuer
Foto: Julian Castro

Ich hatte Zeit zu beobachten, so wie es nur Kinder können. Und genau dieses Gefühl möchte ich an unsere Tochter weitergeben. Die Kindheit unserer Kinder ist heute eine andere. Sie wird von Erwachsenen verplant. Verabredungen und Aktivitäten werden organisiert. Raum für Spontanität gibt es kaum. Glück hat ein Großstadtkind, das im Park einen Regenwurm findet. 

Ich denke, dass die Liebe zur Natur und allem Lebendigen ein fundamentales Gefühl ist. Das Verständnis dafür, dass jede unscheinbare Pflanze und jedes winzige Insekt einen Platz in einem Weltsystem hat und respektiert werden muss. Ich denke, dass wir unseren Kindern am besten das auf den Weg geben können, was wir selbst lieben und schätzen. In meinem Fall ist es der Blick auf die kleinen Details, die das große Ganze ausmachen. 

Nun bin ich selbst Mutter. Es hat sich so ergeben, dass wir mitten der Stadt leben, mit einer nie enden wollenden Baustelle vor dem Fenster, viel Beton und wenig Grün um uns herum. 

kids enjoy discovering nature, while parents bond with theirs kids
Foto: Tim Ertl

So oft es geht, fahren wir mit unserer Tochter raus in die Natur. Selbst ein Ausflug im spätherbstlichen Nieselregen ist mit Freude verbunden, weil es zu dieser Zeit im Wald viel Nebel und Pilze gibt. Beides ist toll. Ich gehöre zu den nervigen Menschen, die sagen, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gibt. 

Wie soll man aber jemand zum Rausgehen motivieren, der diesen Zauber nicht kennt? Jemand, für den die Natur unbequem oder gar langweilig ist?

Am besten funktioniert Motivation durch das Spiel. Und da habe ich etwas Tolles entdeckt. Der Verein Österreichs Wanderdörfer hat die Initiative Spielend Wandern und die dazugehörige Website www.spielend-wandern.at ins Leben gerufen. Hier findet man ein E-Booklet von Spielend Wandern, eine sehr umfangreiche online Outdoor Spielesammlung die stetig wächst, sowie Ausflugstipps, Themenwege und Naturspielplätze in den österreichischen Wanderdörfern. Es werden Ideen und Spielanleitungen vorgestellt, die einem helfen Kindern den Zauber der Natur näherzubringen. Und weil meine Tochter und ich gleichermaßen gerne spielen, haben wir draußen im Wald gleich was Neues ausprobiert. 

Spielend Wandern Buch mit Tipps
Foto: Tina Vega Wilson

„Springe flink wie ein Eichhörnchen über die Wurzeln, mach es wie die Ameisen und sammle Vorräte, klopfe an den Baumstamm und lausche, ob du eine Antwort bekommst. Hinter jedem Baum lauert ein Abenteuer und unter jedem Blatt findest du ein neues Spiel. Wecke deinen Forschergeist und leg los.“ 

Ich war erstaunt, wie viele Tiere meine kleine Tochter schon kennt. Da war sogar ein Chamäleon dabei, ein Zeitgenosse, der in hiesigen Gefilden nicht heimisch ist, dennoch was Tierimitation angeht uns die meisten Lachanfälle bescherte. 

Toll war auch folgendes kreatives Spiel: „Materialien, wie Blätter, Steine, Blüten und Äste sammeln, kombinieren und zusammenlegen. Das Team oder jeder für sich erweckt sein einzigartiges Fantasietier zum Leben.“ Wir haben kein Tier, sondern ein Mandala gemacht und so einen wunderschönen Nachmittag auf einer Lichtung verbracht. 

Neben Spielen findet man im Buch der Initiative Wanderdörfer.at auch kleine DIY Anleitungen. So haben wir uns zu einem Windspiel inspirieren lassen und fleißig Naturmaterialien gesammelt. Das Buch „Spielen in der Natur und mit der Natur“ weckt den Forschergeist, regt Kreativität an und sorgt dafür, dass selbst diejenigen, die wissen, was man draußen in der Natur mit sich und den Kindern anfangen kann, neuen Input bekommen. 

Die Geschichte des aus dem Zoo entflogenen Pelikan ist nun über dreißig Jahre her und gehört zu den buntesten aus meiner Kindheit. Der Pelikan landete auf dem Dachgiebel des verlassenen Hauses, machte es sich dort bequem und fing an, ungeachtet seiner erstaunten Zuschauerin, also mich, sich gemächlich die Federn zu putzen. 

nature provides lasting memories for children
Foto: Tim Ertl

Wie von Sinnen lief ich durch den Kletten-Urwald und das Gestrüpp nach Hause zurück, um meiner Mutter vom Ungeheuer zu erzählen. Ich dachte, ich hätte eine neue Tierart entdeckt und war total außer mir.

Als wir zurückkamen, war der Pelikan leider schon fort. Wie ein Geschenk lag im hohen Gras eine lange, weiße Feder, die ich ewig lang zwischen meinen größten Schätzen aus der Kindheit aufbewahrt habe.