Die Kunst des Shinrin Yoku

„Shinrin Yoku“ heißt ein aktueller Trend und bedeutet übersetzt soviel wie „ein Bad in der Waldatmosphäre nehmen“– oder kurz Waldbaden. Was in Japan bereits seit den 1980er-Jahren als gefördertes Therapie- und Erholungskonzept anerkannt ist, wird auch bei uns immer populärer, denn die heilende Wirkung der Waldatmosphäre wurde in zahlreichen Studien belegt: Blutdrucksenkung, reduzierte Stresshormone, ein gestärktes Immunsystem und bessere Laune sind nur einige der positiven Effekte, die Forschungsergebnisse der intensiven Sinneswahrnehmung im Wald zuschreiben.

Für ein Bad im Wald ist keine naturmystische Einstellung nötig, das besondere Waldinnenklima überzeugt von ganz alleine. Während die Blätterkronen das einfallende Licht dimmen und Schadstoffe aus der Luft filtern, verdunsten am Tag bis zu 500 Liter Wasser pro Baum. Das sorgt für kühlere Temperaturen, frischere und feuchtere Luft und produziert nebenbei Sauerstoff und ätherische Öle. Die darin enthaltenen Terpene regen nicht nur die Produktion der sogenannten Killerzellen an, die unsere Immunabwehr stärken. Zusammen mit der Erde und der modrigen Vegetation entsteht auch dieser ganz besondere und unverkennbare Geruch, der bei den meisten Menschen positiv konnotiert ist und mit Natur und Kindheitserinnerungen assoziiert wird. Auch unsere anderen Organe empfangen die Oberfläche der biochemischen Prozesse im Wald, das Wiegen und Rascheln, Vibrieren, Knistern und Dampfen. Diese umfassende Sinnesanregung vermag die Herausforderungen des Alltags zu marginalisieren, man kann sie besser aus der Distanz betrachten und mit mehr Klarheit. Und plötzlich erinnern wir uns daran, dass auch wir ein Teil der Natur sind und diese nicht nur eine Ressource für uns ist.

Über die Praxis des Waldbadens, die positiven Effekte und das Potential für eine neue Verbindung zur Natur sprechen wir mit Lia Braun, Diplom-Psychologin, Soziotherapeutin und seit 2016 Forest Therapy Guide.

Frau Braun, Sie sind seit 2016 zertifizierter Forest Therapy Guide, können Sie kurz erklären, was das bedeutet und was Sie machen?

Ich biete geführte Touren in den Wald an, sogenannte Forest Therapy Walks. Das sind Auszeiten im Wald, die dem Wohlbefinden und der Gesundheit dienen. Menschen werden hier eingeladen, den Alltag hinter sich zu lassen, ihre Sinne zu öffnen und die Stille zu genießen. Ein klar definierter Aufbau angeleiteter Aktivitäten verleiht dieser Auszeit Struktur. Das Angebot ist mehrstündig aber leicht zugänglich und erfordert keine körperliche Fitness. Die Zeit im Wald ist so gestaltet, dass sie ein Erleben von Verbundenheit anregt, Verbundenheit mit sich selbst, der Natur und anderen.

Diese umfassende Sinnesanregung vermag die Herausforderungen des Alltags zu marginalisieren


Welche Ausbildung macht man als Forest Therapy Guide?

Als ich vor vier Jahren ausgebildet wurde, gab es einen Trainings- und einen zweigleisigen Praxisteil unter Anleitung. Man arbeitete sich zunächst in die Forschung ein, sie bildete die Basis. Für die Durchführung von Gruppen machte man sich mit der von der Association of Nature & Forest Therapy entwickelten Sequenz vertraut. (Anm.d.Red.: Die Association of Nature & Forest Therapy, kurz ANFT, wurde 2012 gegründet und ist eine forschungsbasierte Vereinigung und Ausbildungsstätte für natürliche Heil- und Therapiemöglichkeiten, insbesondere für das vom japanischen Shinrin Yoku inspirierte Waldbaden.) Das Scouting von passenden Waldstücken und die Kontaktaufnahme mit den jeweiligen Besitzern oder Forsten gehört ebenfalls dazu. Und nicht zuletzt das Entwickeln einer eigenen Sprache, mit der die Teilnehmer zu Aktivitäten eingeladen werden. Wirksam sind weniger geläufige Formulierungen, die im übertragenen Sinne zu einem Sehen mit neuen Augen, zu Erfahrungen jenseits des Üblichen ermutigen. Der zweite Strang betont die Vertiefung der eigenen Naturverbundenheit, man macht sich vertraut mit dem Land, den heimischen Tieren, Pflanzen und Elementen.

Und plötzlich erinnern wir uns daran, dass auch wir ein Teil der Natur sind und diese nicht nur eine Ressource für uns ist.

„Der Therapeut ist der Wald, der Guide öffnet die Tür“ lautet ein Leitsatz der Association of Nature & Forest Therapy  – wie öffnen Sie Türen?

Wenn der Wald metaphorisch als Therapeut bezeichnet wird, ist es meine Aufgabe als Guide, zum Erkunden dieser Begegnung einzuladen, sie anzuregen und zu begleiten. Das beginnt mit einem herzlichen Willkommen und dem Vermitteln von Hintergrundinformationen, sowie einem Überblick über den Ablauf. Immer wieder rege ich an, ganz hier zu sein, langsamer zu werden und sich der Erde, den Gräsern und den Bäumen anzunähern. Fast möchte ich sagen „unschuldig“, wie aus einer kindlichen Neugierde heraus, ohne bestimmte Erwartung und Agenda. Zwischen diesem intuitiven Erkunden bitte ich immer wieder in den Kreis um wahrzunehmen, was gerade in diesem Moment innerlich erlebt wird. Das ist kein Hokus Pokus, sondern eigentlich ganz simpel, nur vielleicht ungewohnt – wie eine Entdeckungsreise ohne festes Ziel. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, das möchte ich vermitteln, das öffnet Türen.

Und wem öffnen Sie Türen, wer besucht bzw. bucht ihre Touren?

Menschen, die nach einer Auszeit suchen. Da sind zum einen die, die einen sehr herausfordernden Alltag haben und die Idee, dass sie beim Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes gut runterkommen. Bei anderen überwiegt der Wunsch nach Inspiration. Die Vielfalt, die Schönheit und der Zauber des Waldes regen die Kreativität an. Viele versetzt das Waldbad auch in eine besondere Stimmung des Wohlbefindens, sie spüren das Eingebundensein in größere Zusammenhänge. Oder sie schätzen die Zeit zwischen Bäumen, weil sie sich selbst noch einmal anders kennenlernen, Impulse oder gar Antworten finden.

Ich habe herausgehört, dass viele wiederkommen und sich regelrecht zum Waldbaden mit Ihnen verabreden – was ist so reizvoll daran, mit anderen, auch fremden Menschen in einer geführten Gruppe in den Wald zu gehen, im Gegensatz zu einem Spaziergang alleine in den Wald?

Beides hat seinen Platz. Vorausgesetzt, dass ich mich alleine im Wald wohl fühle, kann eine Solozeit hier ein besonderer Rückzug, vielleicht eine Zeit der Kontemplation sein, abseits von Menschen und gelernten Konventionen. Darüber hinaus scheint es den Wunsch zu geben, den Freiraum im eigenen Tempo und den eigenen Impulsen folgend zu genießen und gleichzeitig Teil einer geführten Gruppe zu sein. Hier kann man leichter Dinge abgeben oder ablegen: Man muss sich nicht selbst den Weg merken, auf die Zeit achten, alles im Blick haben. Neben dem Angebot, auf eine ganz schlichte Weise mit sich selbst und dem Leben im Wald in Kontakt zu kommen, ist das Zusammenfinden als Gruppe im Kreis für mich sogar das eigentliche Herzstück der Praxis. Ich glaube es braucht neue Wege, zusammen zu sein und auch im Beisein von anderen mehr bei sich zu sein. Ich nenne es auch deshalb eine Praxis, weil es tatsächlich Übung erfordert.


Nach dem Waldbaden beschreiben Ihre Teilnehmer eine Erholung, sie fühlen sich neu geordnet und energiegeladen – wie lässt sich das erklären?

Das Eintreten in den Wald ist ein Eintreten in ein eigenes Ökosystem. Unter einem die Wurzeln, ringsum die Stämme, oben die Baumkronen. Es ist ein inmitten von Bäumen und von Bäumen gehalten sein. Das ist auch über die Sinne spürbar: frischere Luft, die Feuchtigkeit, das gedämpfte Licht, die erdigen, harzigen Düfte, die Klänge und Lebewesen im Wald… Es ist wie in eine andere Welt einzutauchen, die anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Bei der ANFT nennen wir das „Drop In“. Dieses Eintauchen in die Natur und den Moment gelingt leichter über die Sinne, nicht über den Kopf. Die Aktivität findet in einem anderen Areal des Gehirns statt, das lässt sich auch messen. Und das markiert den Unterschied, ob jemand rational und von außen auf die Natur schaut, oder wirklich eintaucht, sich vielleicht sogar als zugehöriger Teil der Natur begreift.

Im Gegensatz zum Leben inmitten der Stadt lässt uns der Wald seine Vielfalt erfahren, ohne dass wir reizüberflutet werden.

Gibt es auch Menschen, die sich nicht mit dem Wald einlassen können? Vielleicht sogar Angst davor haben?

Die meisten TeilnehmerInnen haben bereits eine Affinität zur Natur und möchten beim angeleiteten Waldbaden ihr Erleben erweitern oder vertiefen. Menschen, die keine guten Erfahrungen mit dem Wald verknüpfen, fühlen sich eher selten von meinem Angebot angesprochen aber auch hier gibt es Ausnahmen. Ich erinnere mich an einen jungen Teilnehmer, der bislang wenig Zeit in der Natur verbracht hatte aber eine Sehnsucht nach dem Wald verspürte und dieser beim Waldbaden nachging. Es hat mich sehr berührt, wie freudig er die Begegnung mit der Erde und den Pflanzen erlebte.

Haben Sie mit Vorurteilen zu tun, fällt zum Beispiel das Wort „esoterisch“, wenn Sie erzählen, was Sie tun? Was entgegnen Sie? 

Nein, im Alltag habe ich nicht mit Vorurteilen zu tun, die Menschen sind eher interessiert. Dieses Wort fällt eigentlich nur in Interviews, deshalb muss ich schmunzeln. Ich verstehe, dass kritisches Hinterfragen zu gutem Journalismus gehört. Ich wäre auch bereit, meine Angebote wissenschaftlich begleiten zu lassen.

Es gibt ja bereits viele Studien zu diesem Thema. Die Idee und Tradition des Waldbadens basiert unter anderem auf Forschungsergebnissen, die nahelegen, dass sich das menschliche Nervensystem im Wald beruhigt – wie funktioniert das? Was kann der Wald, wenn man ihn lässt?

Im Gegensatz zum Leben inmitten der Stadt lässt uns der Wald seine Vielfalt erfahren, ohne dass wir reizüberflutet werden. Der Körper beruhigt sich ganz unwillkürlich, wenn er bestimmte landschaftliche Elemente wahrnimmt. Wo viel Grün ist, ist das Leben. Da gibt es ausreichend Sauerstoff und Wasser, Nahrung und Schutz. Für das Autonome Nervensystem sind dies Hinweise von Sicherheit. Und das Ergebnis lässt sich messen: ein normalisierter Blutdruck, die geringere Konzentration von Stresshormonen, eine verbesserte Stimmungslage und Kreativität. Je länger der Aufenthalt, umso anhaltender die Wirkung.

Der in Japan entwickelte Forschungszweig der Waldmedizin beschäftigt sich insbesondere mit der Wirkung der sogenannten Phytonzide, das sind Substanzen, mit deren Hilfe Bäume zum Beispiel Schädlinge abwehren. Es konnte nachgewiesen werden, dass das menschliche Immunsystem auf diese Stoffe reagiert – Bäume und Menschen kommunizieren auf körperlicher Ebene miteinander, und offenbar nicht nur über den Sauerstoff. Evolutionsbedingt waren Menschen schon immer an die Natur angepasst, sie sind ja aus ihr hervorgegangen.


Eine Teilnehmerin sagte sogar, im Wald mit Ihnen finde sie wieder zu sich selbst, im Alltag komme sie sich abhanden – ist die Urbanisierung und Technisierung der Grund für unsere schlechte Verbindung zu uns selbst?

Neben den Vorteilen, die das Leben in Städten bietet, erleben Menschen aufgrund der Lärm- und auch Lichtverschmutzung, der Schadstoffbelastung und der Hektik mehr Stress. Wenn die Anwesenheit von Natur das Wohlbefinden steigert, heißt das im Umkehrschluss, dass sie bei fehlendem Naturbezug einen Mangel erleben. Die Forschung bestätigt das. Zum Beispiel führt eine hohe Dichte an Straßenbäumen bei Anwohnern zu besserer Gesundheit, mehr sozialem Verhalten und weniger Kriminalität. Die Technisierung wiederum ermöglicht, immer und überall angeschlossen zu sein, erschwert dann aber gleichermaßen, sich davon abzugrenzen und zur Ruhe zu finden.

Viele versetzt das Waldbad auch in eine besondere Stimmung des Wohlbefindens, sie spüren das Eingebundensein in größere Zusammenhänge.

In Japan ist Waldbaden seit den 1980er-Jahren eine anerkannte Therapiemöglichkeit und wird angeblich viel intensiver praktiziert: Ärzte verschreiben ihren Patienten mehrtägige Aufenthalte mit Holzhacken und Selbstversorgung im Wald – werden solche Therapien vielleicht bald auch bei uns verschrieben?

2017 wurde im Rahmen einer internationalen Konferenz auf Usedom der erste Heil- und Kurwald in Europa eingeweiht. In Kooperation mit ansässigen Rehakliniken gab es ein Pilotprojekt, das Waldtherapeuten ausbildete. Aktuell bieten mehrere deutsche Universitäten und Hochschulen entsprechende Zertifizierungslehrgänge an und die Integration waldtherapeutischer Elemente wird aktuell in Studien wissenschaftlich begleitet. Und im Rahmen der Prävention werden Outdoor-Stressbewältigungskurse in Deutschland ab sofort sogar von den Krankenkassen unterstützt.


Aber nicht nur Kur-Zentren, auch Einzelpersonen mit verschiedensten Backgrounds bieten Waldbaden an. Sehen Sie eine Gefahr der Verwässerung des Begriffs bzw. der ursprünglichen Idee dahinter?

Das japanische Shinrin Yoku, das Bad in der Atmosphäre des Waldes, hat Menschen inspiriert, lange bevor genau bekannt war, was die Japaner da tun. Je nachdem, was diesen Menschen wichtiger war, also je nach kulturellem und beruflichem Hintergrund wurden da unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. So haben sich weltweit und später auch hier in Deutschland unterschiedliche Ansätze entwickelt. Manche sehen das Waldbaden als eine bloße Möglichkeit der Stressbewältigung unter Anleitung eines Trainers im Wald. Anderen ist auch eine veränderte Beziehung mit der Natur wichtig. Weil die Gesundheit der Menschen nicht unabhängig vom Wohlergehen der übrigen Natur zu erreichen ist, folge ich einem Ansatz, in dem beides die Basis bildet, um ein anderes Miteinander zwischen Mensch und Mitwelt anzuregen – zum Wohle aller. Ich beobachte die Entwicklung also weniger mit Sorge, als mehr mit Neugier. Das ist auch eine Chance! Können wir sie für einen Wandel nutzen?

Lia Braun bietet geführtes Waldbaden im Berliner Düppeler Forst an, hier geht’s zu ihren Terminen.