Mit dem Schlauchboot auf der Elbe

Wer stand nicht schon mal am Fluss und dachte, was wohl passieren würde, wenn man sich einfach flussabwärts treiben lassen würde? Ich hatte das Gedankenspiel bereits unzählige Male. Und dann saß ich plötzlich im Zug von Berlin nach Wittenberge. Der schnellsten Verbindung zur Elbe. Auf der Landkarte war mir vorher aufgefallen, dass zwischen Hamburg und der deutschen Hauptstadt komischerweise eines der am dünnsten besiedelten Gebiete in Deutschland lag. Das versprach ein Gefühl von Abgeschiedenheit und viel Natur. Doch schon am Ufer drohte mein Mini-Abenteuer ins Wasser zu fallen. Nach zwei Stunden musste ich einsehen, dass die mitgelieferte Pumpe vom Billig-Schlauchboot kaputt war. Doch ein Baustellenarbeiter, der mir amüsiert zugeguckt hatte, riet mir, es in einem Angelladen um die Ecke zu versuchen. Kurz darauf drehte ich mich im Schlauchboot sitzend um meine eigene Achse. Vom Ufer hörte ich den Arbeiter mir nur ungläubig zurufen: „So möchtest du nach Hamburg? Viel Glück.“ Das kann ich gebrauchen, dachte ich als ich mehr als ungelenk in die Fahrrinne paddelte.

boat trip watching berlin

Mein Plan war einfach. Die Elbe hat eine Fließgeschwindigkeit von 4 km/h. Am Tag sollte ich also locker ohne jegliche Kraftanstrengung 40 Kilometer machen. So einfach war das aber nicht. Ohne Kiel im Wasser hielt das Schlauchboot sich nicht in der Spur. Und jeder Windstoß blies mich in die nächste Buhne aus deren Strudel ich mich mit viel Anstrengung wieder befreien musste. Aber nach einiger Zeit fand ich eine Technik mit der ich arbeiten konnte. Dann kam der Regen und ich saß durchnässt in einer tiefen Pfütze. Mein Boot hatte sich in einen Pool verwandelt. Aber aller Anfang ist schwer.

watching river bank from boar

Belohnt wurde ich dafür mit einsamer Natur. Nicht ein einziges Boot kreuzte meinen Weg am ersten Tag auf einem der mächtigsten deutschen Flüsse. Wildgänse schnatterten um die Wette und ein Seeadler packte sich einen Fisch. Am Himmel flogen Kraniche eine Eins und am Ufer erspähte ich Wildpferde von deren Existenz ich bis dahin noch nicht einmal wusste. Ich war angekommen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe. Immerhin UNESCO Weltnaturerbe.

boat rip flying birds

Als die Reflexionen der Abendsonne die Bäume am Ufer golden glänzen ließen und meine Augen zu blenden begannen, wusste ich, es ist Zeit sich einen Schlafplatz zu suchen. Ich zog mein Schlauchboot auf ein Stück sandigen Elbstrand und baute mein Zelt auf. Ich hatte gerade mal 28 Kilometer geschafft. Die Ruhe hier war so vollkommen, dass selbst ein Specht in der Ferne einem Presslufthammer Konkurrenz zu machen schien.

Am nächsten Morgen wurde ich dann vom Grunzen von Wildschweinen neben meinem Zelt und einem unfassbar schönen Sonnenaufgang geweckt. Kurz darauf trieb ich schon wieder den Strom hinunter. Diesmal ohne Wind und Wetter. Ich konnte getrost dösen und frühstücken ohne Gefahr zu laufen, in eine Buhne getrieben zu werden. Während ich so dahin trieb, nahmen mich die Rehe, die zum Trinken an den Fluss kamen, nicht einmal wahr. Und auch die Reiher nahmen keine Notiz von mir, während sie nach ihrer Beute Ausschau hielten.

boat trip down the river elbe

In Mödlich ging ich dann wieder ans Ufer und stapfte neben den Störchen durch das taunasse Gras über den Werder zum Café Elbeglück. Im Naturschutzgebiet wollte ich kein Feuer machen, aber auf einen heißen Kaffee hatte ich trotzdem Lust. Hier traf ich einen Wanderer, der das Grüne Band durch die Republik entlang lief. Er war in seiner Wehrdienstzeit ostdeutscher Grenzsoldat gewesen und wollte seine Heimat mit neuen Augen sehen. Wir sprachen über die Absurdität der innerdeutschen Grenze, mussten aber auch eingestehen, dass sie diesen Abschnitt der Elbe zu dem gemacht hatte, was es heute ist. Denn zwischen den DDR-Wachtürmen hatte sich die Natur wieder etwas Wildnis zurückerobert.

Die Elbe scheint hier jedoch weiterhin eine echte Grenze zu bilden, die ich mit dem Schlauchboot von Ufer zu Ufer treibend mühelos überwinde. Und so traf ich auch etwas weiter flussabwärts in Dömitz auf Ostalgie vom Feinsten. Nach einer Kettwurst gönnte ich mir noch ein DDR-Softeis, während Honecker von der Wand herabblickte und die neue Zeit beobachtete. Eine ältere Frau nickte mir freundlich auf ihrem Rollator sitzend zu: „Das war damals gut gewesen, und ist es auch heute noch.“ Wo sie recht hat.

Nach 4 Tagen zwischen Dörfern am Deich und der Natur komme ich in Hamburg an.

manolo ty boat trip

Eines habe ich auf der langsamsten Abenteuerreise vor der Haustür gelernt. Die Elbe ist ein besonderer Fluss, auf dem man die Zeit vergessen kann. Sie bedeutet hier rein gar nichts. Und dafür bin ich doch hierher gekommen.

Alle Fotos von Manolo Ty