Die Kirche des Schwitzens

Als ich das erste Mal in eine russische Banja ging, lernten meine Schwester und ich gerade Russisch an einer Sprachschule in Moskau. Wir lebten im Studentenwohnheim und unsere Mitbewohnerin Lilia, eine Studentin aus Ungarn, fragte uns, ob wir mit zu den berühmten Sanduny-Bädern gehen wollten. Meine Schwester, die im Gegensatz zu mir wirklich Russisch lernte, sagte, sie müsse noch üben. Ich hatte keine Vorstellung davon, was eine Banja ist. „Heiß“, sagte Lilia, „sehr angenehm“. Ich beschloss mitzugehen. Es war Sommer, der in Moskau sehr heiß sein kann. Ich mag Hitze, und so  machten Lilia und ich uns auf den Weg. Ich beherrschte unsere einzige gemeinsame Sprache Russisch nicht wirkich, also verständigten wir uns hauptsächlich über ein Lächeln oder Handzeichen. Nach einer langen U-Bahn-Fahrt erreichten wir die Innenstadt, in der elegante alte Gebäude dicht an dicht standen und das Straßenbild beherrschten. Es muss ein Sonntag gewesen sein, denn die Straßen waren menschenleer. An einer Ecke verkaufte eine einsame ältere Frau Bündel mit getrockneten, grünen Zweigen. Lilia kaufte zwei.

Eine wechselndes Gefühl von Vergnügen und Schmerz

Wir fanden die Adresse, betraten ein reich verziertes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, kauften Tickets und gingen durch einen palastartigen Eingang zur Frauen-Banja im ersten Stock. Wir liehen uns weiße Tücher, Handtücher, Flip-Flops und Filzhüte von den Frauen, die wie Krankenschwestern aussahen und Wache standen. Dann machten wir uns auf in das Heiligtum, das mit hohen, altmodischen Holzbänken ausgestattet war, wo man seine Kleidung ablegen oder in einem Handtuch eingewickelt sitzen konnte, um etwas zu essen oder zu trinken.

Die Sanduny Banja Sauna in Moskau
Sanduny Banja in Moskau (©NVO)

Wir wickelten uns in die Tücher ein, setzten unsere Hüte auf und gingen in den großen gefliesten Raum nebenan. An einem Ende befand sich der Banja-Raum. Einige ältere Frauen trieben uns zur Eile und wir liefen in einen kleineren Raum mit einem großen Ofen. Die Tür schloss sich hinter uns, und wir stiegen eine Holztreppe zu einer Holzplattform mit Bänken hinauf, wo bereits andere Frauen, ebenfalls in weiße Laken gewickelt, saßen oder sich hingelegt hatten und warteten. Ich hörte, wie die Metalltür des Ofens geöffnet wurde. Danach füllte sich der Raum mit einer knisternden Hitze, einem wechselnden Gefühl von Vergnügen und Schmerz; so musste es in der Wüste sein – nur war es hier noch heißer. Die Intensität nahm zu und meine Haut wurde so heiß, dass sie sich wieder kühl anfühlte, und ich fragte mich, wie viel ich aushalten konnte. „Schließe deine Augen!“, rief eine Frau, als Tropfen des heißen, leicht duftenden Wassers auf unsere Körper und Gesichter trafen. Nach einer Atempause kam eine weitere Welle knisternder Hitze. Ich verspürte gleichzeitig ein Gefühl der Ruhe und des Glücks. Ich fand es toll.

Mein Kopf hatte einen tiefvioletten Farbton angenommen

Danach schwamm ich eine kleine Runde im kalten Mentholbad am anderen Ende des gefliesten Raumes und ein tiefes Gefühl des Wohlbefindens stellte sich zusammen mit einem kleinen Schwindel ein. Es war die Art von Schwindel, bei dem dir klar wird, dass deine Sorgen am Ende gar nicht so schlimm sind. Ich habe den ganzen Vorgang noch einmal wiederholt. Ich fühlte mich tiefenentspannt und glücklich.

Danach machte ich eine Pause. Ich saß auf der Bank im Eingangsbereich, als eine Russin auf mich zukam. „Keine Sorge“, sagte sie auf Englisch, „wir haben die Matrone gefragt und sie meinte, mit dir sei alles in Ordnung. Das liegt nur an den Giftstoffen, die austreten.“ Ich hatte keinen Ahnung, worüber sie sprach, bis sie auf einen Spiegel deutete. Mein Kopf hatte einen tiefvioletten Farbton angenommen und glich einer Aubergine. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. „Oh mein Gott“, stieß ich hervor und wurde etwas nervös. Die Matrone schaute zu mir herüber. „Es ist alles gut“, sagte sie. Ich war so tiefenentspannt, dass ich beschloss, mir darüber keine Gedanken zu machen, obwohl ich mich fragte, ob es nicht unpraktisch wäre, den Rest meines Lebens violett gefärbt zu verbringen. Nach einer Weile ging es, wie versprochen, weg. Als wir nach Hause gingen, hatte mein Gesicht wieder eine normale Farbe angenommen. Aber ich hatte mich für immer verändert.

Seitdem gehe ich regelmäßig in die Banja, wenn ich in Russland bin. Zu meinen Favoriten gehören ein winziger Holzraum, der am Ende eines mysteriösen Gangs im Keller hinter einer Frauenumkleidekabine versteckt liegt und sich unter einem ganzjährig geöffneten riesigen Freibad aus der Sowjetzeit, der „Möwe“, befindet, sowie eine schlichte Einrichtung in einer Seitenstraße in St. Petersburg, nicht weit von Dostojewskis Wohnung entfernt, wo die ältesten Frauen den Raum so sehr anheizten, wie ich es zuvor oder danach kein zweites Mal erlebt habe.

Drei Personen schwimmen Bahnen in einem Schwimmbecken

In der Sauna kommen mir oft die besten Ideen

Weiterhin stellte ich fest, dass ein wöchentlicher Besuch in der Sauna in meinem Wohnort Berlin den Winter-Blues eines kalifornischen Urgesteins wie mir ganz und gar weggeblasen hat. Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass ich in der Sauna nicht nur ruhig und glücklich war, sondern mir dort auch oft die besten Ideen kamen.

Als ich meinen ersten Spionageroman schrieb, nahm ich den Entwurf mit in die große Saunalandschaft in dem winzigen deutschen Dorf, in das ich fuhr, um zu schreiben. Es hat erstaunlich gut funktioniert – die Wärme der Sauna hat mir nahezu alle Ängste genommen, die beim Schreiben so hinderlich sein können („Das ist dumm. Ich bin dumm. Warum schreibe ich das? Das interessiert doch sowieso keinen …“). Außerdem machten mir die Saunabesuche Spaß. Ich freute mich jedes Mal darauf. Eine gewisse Routine stellte sich ein: Nachmittags ging ich mit meinem ausgedruckten Entwurf in die Sauna, suchte mir einen Liegestuhl am Fenster und las einen Abschnitt mit dem Stift in der Hand durch. Nach einer Stunde machte ich eine Pause und ging zum Aufguss. Als sich die intensive Hitze über dem Raum nackter Menschen niederließ, kam mir sehr oft die Lösung zu dem Plot, mit dem ich mich gerade befasste. Ich ging zurück zum Liegestuhl, nahm meinen Stift, schrieb den neuen Plot auf und wiederholte das Ganze. So schrieb ich dieses und auch das nächste Buch fertig.

Blätterbündel in einer Banja Sauna

Letztes Jahr, als ich schwanger war, erinnerte ich mich daran, dass ich irgendwo gehört hatte, dass früher finnische Frauen ihre Kinder in der Sauna gebaren. Ich habe einige Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass das mittlerweile sehr selten ist und ein modernes Krankenhaus ein sichererer Ort ist, um ein Kind zur Welt zu bringen, es jedoch derzeit eine Reihe neuer wissenschaftlicher Untersuchungen über die gesundheitlichen Vorteile von Saunen allgemein gibt. (Sowohl Ärzte des finnischen als auch des deutschen Sauna-Bunds waren sich einig, dass es in Ordnung ist, während der Schwangerschaft weiter in die Sauna zu gehen, was ich bis zur Nacht vor dem Einsetzen der Wehen auch getan habe.)

Ein Ort für authentische Gemeinschaftserfahrungen

Im Rahmen des Artikels, den ich über diese neuen wissenschaftlichen Forschungen schrieb, denen zufolge regelmäßige Saunabesuche unter anderem Depressionen, den Blutdruck, die Anfälligkeit für Erkältungen und Grippe bis hin zur Herzgesundheit verbessern können, habe ich mit finnischen, deutschen und australischen Forschern gesprochen. Das Gespräch mit dem amerikanischen Saunaliebhaber Mikkel Aaland war dabei am aufschlussreichsten für mich. Mikkel, der zufällig wie ich aus San Francisco stammt, bereiste in den 1970er-Jahren die Welt und besuchte überall „Schwitzbäder“ (er schrieb ein Buch darüber mit dem Titel „Sweat“). Finnische Saunen und russische Banjas sowie Hammams , japanische Mushiburos, mexikanische Temescals und die Schwitzhäuser der amerikanischen Ureinwohner seien Teil einer alten Tradition, die wir in den USA weitgehend verloren haben. Er lobte die Tugenden der Schwitzbäder: den Gemeinschaftsgeist, das Wohlbefinden, die heilenden Eigenschaften. Die Art und Weise, wie die Zeit langsamer läuft, Prioritäten neu sortiert werden und der Geist wiederhergestellt wird. Seiner Forschung zufolge erlebt das traditionelle Schwitzbad auf der ganzen Welt eine Wiederbelebung, insbesondere wenn Millennials nach authentischen Gemeinschaftserfahrungen suchen. Er hofft, dass die Tradition des Schwitzbadens auch in Kulturen, in denen sie weitgehend vergessen wurden, wieder von der breiten Masse ausgeübt wird.

Ein Mushiburo in Japan

Als Mikkel alle die Orte beschrieb, an denen er gewesen war, die verschiedenen Arten von Schwitzbadtraditionen, an denen er teilgenommen hatte, und die Menschen, die er getroffen hatte und die gerne schwitzten, konnte ich nicht anders, als ihm zu sagen, wie erleichtert ich wäre, das alles zu hören. Ich war nämlich schon ein wenig besorgt darüber, dass ich so gern in die Sauna ging. Mikkel versicherte mir, dass das völlig in Ordnung sei. Und dann sagte er etwas, das sich für mich absolut richtig anhörte:

„Du bist Mitglied in der Kirche des Schwitzens.“