Ein Besuch beim Volk der Samen

Weiß. Soweit das Auge reicht. Alles ist von Schnee bedeckt. Die Welt scheint eingefroren. Wer mich kennt, sollte wissen, dass ich auch nebenbei ausgesprochene Einladungen manchmal sehr schnell annehme. Vor kurzer Zeit erst hatten wir uns noch in Darmstadt bei einem Vortrag kennengelernt. Carl-Johan sprach über sein Land, das mitten in Europa liegt, aber auf fast keiner Landkarte eingezeichnet ist. Es ist durchschnitten von Grenzen, die für ihn nicht existieren. Er würde sagen, es ist noch immer eine Kolonie.

sami landscape the polar region

Wir sind in Sápmi, dem Land der Samen. Es erstreckt sich von Norwegen bis nach Russland. Hier leben die letzten Indigenen des europäischen Kontinents. Doch wenn sie nicht gerade ihre traditionelle Tracht anhaben, würde man sie nicht erkennen. Sie leben in einem weiten Gebiet, das unter ihren Füßen ausgebeutet wird. Aber einige Samen widersetzen sich. Carl-Johan und seine Frau Jenni sind zwei von ihnen. Er ist Schwede, sie ist Finnin. Zumindest laut ihrem Pass.

Ich war gekommen, um über die Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben und auf ihre Kultur zu berichten. Und kaum angekommen, schon wurde ich ausgelacht: „Hast du keine warmen Klamotten dabei?“ Dabei dachte ich, dass ich gut ausgerüstet wäre. Kurze Zeit später war ich es dann wirklich. Mit Lammfell gefütterten Innenschuhen und darüber eine Art Regenstiefel an den Füßen und einer Mütze aus Wolfspelz auf dem Kopf. Normalerweise trage ich keinen Pelz. Aber normalerweise laufe ich auch durch Berlin und nicht durch die Arktis. Hier lebt man noch mit der Natur. Nicht gegen sie. Denn gegen die Natur hat man hier einfach keine Chance.

traveling through the snow sapmi

Es ist Ende November und die Sonne zeigt sich hier in Jokkmokk am Polarkreis nur noch für einige Stunden am Tag. In tiefer Dunkelheit und bei minus zwanzig Grad schwangen wir uns auf die Motorschlitten, um die Rentiere in den Bergen zusammen zu treiben. Mit der Hilfe von Hunden und der Samen der umliegenden Dörfer wurden die weit verstreuten Herden eingekreist und in ein umzäuntes Gelände getrieben. Dann folgte der harte Teil. Bis tief in die Nacht ordneten die Samen die Tiere ihren Besitzern zu. Sie erkennen traditionell ihre Tiere an Kerben im Ohr, die bei jeder Familie anders angeordnet sind. Ich erkannte nichts. Im stetigen Trab liefen die Rene im runden Gatter ihrem Herdeninstinkt folgend pausenlos im Kreis. Dazwischen die Samen mit bunten Daunenjacken und Lassos. Es fühlte sich an wie in einem amerikanischen Western – nur eben im Schnee und nicht im Staub.

traditional sami working with reindeers

Während ich durch die kreisenden Bewegungen der Rene wie hypnotisiert in den Sucher meiner Kamera starre, fährt mich Carl-Johan an: „Leg deine Kamera weg und fang endlich an zu helfen.“ Die Sitten bei den Samen sind rauer. Hier ging es schon immer ums Überleben. Da sind Höflichkeitsfloskeln und Sentimentalität fehl am Platz. Erst vor Kurzem war Carl-Johans Verwandter auf dem Weg zu seinen Rentieren im Schnee erfroren. Sein Motorschlitten war umgekippt und hatte ihn eingeklemmt und die Beine gebrochen. In der Dunkelheit konnte er nicht mehr gerettet werden. Auf meine Beileidsbekundung erwidert er nur: „Er hatte ein Lächeln auf den Lippen als wir ihn fanden.“ So ist das Leben hier. Der Tod gehört dazu. Das haben wir in unseren Stadtwohnungen längst vergessen. Oder sagen wir besser verdrängt.

working with reindeers

Aber zu den bekannten Gefahren kommen immer neue dazu, seitdem das Klima wärmer wird. Die Migrationsrouten der Tiere führen oft über gefrorene Flüsse und Seen. So war es schon immer. Bis jetzt. Heutzutage weiß man nie, ob das Eis noch halten wird. Und so hat Carl-Johans Familie bereits eine ganze Herde verloren. Die Tiere brachen einfach ein und ertranken im eiskalten Wasser. 

potrait of sami

Außerdem wird die Nahrung der Tiere durch die nun schwankenden Temperaturen plötzlich unerreichbar: Steigen die Temperaturen, schmilzt der Schnee – sinken sie abrupt wieder, bildet sich eine undurchdringbare Eisschicht über den Moosen und Flechten. Es ist nicht der erste Winter, in dem Carl-Johan teures Futter verteilen muss, damit sie nicht verhungern. Er glaubt, dass seine Kinder die letzte Generation sein werden, die noch die alte Tradition der Rentierzucht weiterführen können, falls sich nicht bald was ändert. Aber er und Jenni sind Kämpfer. Und so stellten sie sich erst kürzlich einem Bergbauunternehmen entgegen, das auf ihrem Land eine Eisenerz-Mine errichten will. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg war bereits mehrmals hier, um sie zu unterstützen. Aufmerksamkeit, die die öffentliche Meinung formt, kann eine Waffe gegen internationale Konzerne sein. David gegen Goliath. Nur ist es, anders als in der Bibel, noch nicht festgeschrieben, wer gewinnen wird.

snowy and icey view of sami region

Inzwischen war es wieder Nacht geworden. Was eigentlich nichts änderte, da es nie wirklich Tag geworden war. Der helle Schnee machte die Finsternis jedoch erträglicher. Das Gatter war nun durch Flutlichter erhellt. 

Nach den vielen Stunden war die Kälte mittlerweile auch unter die letzte Schicht Merinowolle vorgedrungen. Und so suchte Carl-Johan ein paar Äste zusammen und machte uns ein kleines Lagerfeuer. In einer Pfanne briet er Rentierfleisch und etwas Fladenbrot an. Es war einfach, aber es schmeckte vorzüglich. Dazu gab es warmen Tee. Langsam kam wieder Leben zurück in den Körper. Das war auch bitter nötig, denn wir waren hier noch lange nicht fertig.