Querflussein durch Deutschland

Mit dem Kajak ist Jens Steingässer schon in Grönland, Albanien und Südafrika unterwegs gewesen, doch sein größtes Wasserabenteuer erlebt er in Deutschland. Vier Wochen folgt er mit Ultraleicht-Packraft und Faltrad den Flüssen von seiner Heimat im Odenwald bis zur Ostsee. Über 1000km geht er eine Synthese mit Flüssen wie der Elbe, Saale und Havel ein, um sich von Fluss zu Fluss bis zum Meer durchzuschlagen. Je nach Fließrichtung und Befahrbarkeit wechselt er vom Boot zum Rad. Der Fluss wird sein ständiger Gefährte und das Draußen wird sein zu Hause. Jens Steingässer zeigt, dass die größten Abenteuer direkt vor der Haustür warten.

„Fährt dein Fahrrad überhaupt noch, mit so viel Zeug drauf?“ Meine Tochter Frieda staunt über die Zuladung, die mein Faltrad in den kommenden vier Wochen tragen muss: vier Packtaschen, 75 Kilogramm Gepäck – vom Packraft mit Paddel über die Campingausrüstung bis hin zu den allernötigsten Klamotten. Mein Plan: Einmal aussteigen, einen Monat lang dem Ruf der deutschen Flüsse folgen, von meiner Haustür im Odenwald aus querflussein über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze bis zur Ostsee. Es kribbelt, wenn ich mir vorstelle diesen Mut aufzubringen. Und gleichzeitig habe ich einen Höllenrespekt vor dem, was mir unterwegs begegnen könnte. Deutschland so nah zu kommen heißt auch, nicht mehr auszuweichen. Mich einfach treiben lassen. Trial and error.

Bis zur Ostsee, wird mir jetzt klar, werde ich das Doppelte meines Körpergewichts vorwärtsbewegen. Abwechselnd mit Rad und Boot, je nach Begebenheit der Flüsse. Auf Navi oder GPS und vorgeplante Etappenabschnitte habe ich verzichtet. Wegweiser sollen die Flüsse sein, denen ich mit allen Sinnen folgen will. Von der nächstgelegenen Quelle aus, bis irgendwann aus einem Rinnsal ein Fluss wird, den ich paddeln kann. Bis dahin muss das Faltrad mich, mein Boot und mein Gepäck vorwärts bringen.

Start an der Modau

Wie geschmolzene Eiswürfel! Mir schmeckt die Modau. Hier oben an der Quelle sind noch keine Düngemittel ins Wasser eingetragen.  Auf der Suche nach ihrem Ursprung überquere ich meine erste kleine Wasserscheide. Während die Modau in den Rhein fließt, ergießt sich die Gersprenz erst mal Richtung Osten, um später wieder Richtung Westen in den Main zu fließen. Faszinierend, dass sich jeder Tropfen Regen, der vom Himmel fällt, den einfachsten Weg zum Meer sucht – immer dem Gefälle nach. Wasserscheiden sind die topografischen Scheitelpunkte, an denen sich die Wege trennen. Zwei Regentropfen, die einen Zentimeter voneinander entfernt vom Himmel fallen, können an den großen europäischen Wasserscheiden sogar in unterschiedlichen Ozeanen enden. Was genau den Weg der Tropfen und damit ihr Schicksal bestimmt, wird sich im Detail vermutlich immer dem menschlichem Verständnis entziehen. Der eine Tropfen mag beim Einholen der Fischernetze an Deck eines Nordsee-Kutters landen. Der andere könnte auf seinem Tausende von Kilometer langen Weg Richtung Schwarzes Meer von einer gebeugten Alten mit einem Eimer auf ihr Feld gekippt werden, auf Paprika und Wassermelonen.

Start an der Modau


Per Anhalter auf dem Main

Vor uns liegt der Main, der mich vor eine echte Herausforderung stellt. 350 Kilometer flussaufwärts muss ich ihm folgen, einem der wichtigen Verkehrswege in Europa. Der Main auf dieser Höhe ist nicht gerade der Fluss, der mich auf meinem Weg zur Ostsee am meisten lockt. Flussaufwärts paddeln kann ich sowieso nicht, weil ich mit meinem Packraft nicht gegen die starke Strömung ankommen würde.

Glücklicherweise hat der Frachter Emanuel IV vor der Schleuse flussaufwärts von Würzburg geankert. Der Schiffsführer Jozef und sein Lebensgefährte Harald empfangen mich, als wären wir alte Bekannte. Mit dem Schritt vom Land auf das Schiff betreten wir ein anderes Universum. Die von Tausenden LEDs einer Lichterkette blau illuminierte Reling ist das Tor zu einer mobilen Heimat, die es an Exotik mit einem usbekischen Wohnzimmer aufnehmen kann. Die Kajüte ein Gesamtkunstwerk: Kunstblumen, Glaseulen, aufgeklebte Schmetterlinge und Kollagen von Popstars verschmelzen mit Flohmarktfundstücken zu einer eigenen Welt. Sittiche beäugen uns von ihrer riesigen Voliere aus, als ich in Jozefs und Haralds Wohnzimmer eintrete. Die beiden kennen mich nicht. Ich könnte ein polizeilich gesuchter Bankräuber sein, der über den Wasserweg die Spuren seiner Existenz verwischen will. Für Jozef und Harald bin ich einfach ein Gast.

An der Schwarza

Ich stecke fest. Der morastige Boden will mich nicht mehr hergeben. Kein Wunder bei dem Gewicht. Die Wasserscheide liegt zum Greifen nah, damit auch ein Wendepunkt meiner Reise, denn bald habe ich den letzten großen Anstieg der ganzen Tour hinter mir. Es kostet mich viel Kraft, mich selbst, Rad, Boot und Gepäck entlang des kleinen Rinnsals Richtung Steinachquelle zu schieben. Dass ich die Quelle gar nicht wirklich sehen werde, weiß ich sowieso schon. Da, wo mal ein Flößerteich angelegt worden war, baden heute Nudisten, denen ich nicht mit meiner Kamera auf den Wecker gehen kann. Am liebsten würde ich mich der Länge nach in die Wiese legen, aber dann schluckt mich der Morast vielleicht mit Haut und Haaren. Und dann bin ich doch plötzlich oben. Ich juble innerlich: Soeben habe ich die letzte große Anhöhe der gesamten Etappe hinter mich gebracht!

Ab jetzt geht es bergab. Und weil ich nicht nur den letzten Anstieg, sondern auch die markanteste Wasserscheide meiner Tour gerade erreiche, kann ich hoffentlich schon bald das Boot rauskramen und von seiner degradierenden Existenz in den Packtaschen erlösen. Der Rennsteig, Thüringens Fernwanderweg, wird noch zu einer Herausforderung, bevor ich die Schwarza erreiche. Die Abfahrten durch die stillen Wälder sind extrem steil. Oft bleibe ich mit meinen Packtaschen an Bäumen hängen und muss mein Gepäck wieder einsammeln. Einmal überschlägt sich mein Rad fast, weil ich es auf dem schmalen, steilen Pfad nicht mehr richtig kontrollieren kann und mit viel zu viel Karacho über ein Knäuel aus Baumwurzeln fahre. Der Thüringer Wald hat den Ruf, besonders dunkel zu sein.

An der Schwarza

Ich erlebe ihn so lichtdurchflutet, dass ich seine Schattenseiten nur erahnen kann. Weil die Frühjahrssonne in diesem Jahr schon eine ungewöhnliche Kraft entwickelt, dampfen die Pflanzen um mich herum ätherische Öle aus. Ich bin mehr als motiviert, fast schon euphorisiert. Vor mir liegen noch knapp drei Wochen Freiheit und ich gewöhne mich immer mehr an mein Vagabundenleben und meine Amphibien-Fortbewegung.

Treiben lassen auf der Saale

Es ist ein ganz neues Gefühl, von einem großen Fluss wie der Saale getragen zu werden. Viel träger als die Schwarza fließt sie an den bewaldeten Ufern vorbei, und die am Horizont auftauchenden Dörfchen verdeutlichen noch einmal, dass ich jetzt in einer erheblich dichter besiedelten Gegend unterwegs bin als in den letzten Tagen.

Endlich dürfen meine Beine sich ausruhen und mein Oberkörper muss die Arbeit übernehmen – nach den Radtagen mit schwerem Gepäck eine Wohltat. Manchmal schreckt ein Wasservogel auf, wenn mein Boot sich fast lautlos nähert. Über mir ziehen Störche ihre Runden oder waten über Uferwiesen.

Fliegende Smaragde schießen wie Pfeile an mir vorbei – Eisvögel! Zu scheu und zu schnell, um sie genauer inspizieren zu können. Immer wieder komme ich in Steilkurven an Sandsteinklippen vorbei, in denen Nisthöhlen erkennbar sind. Im Schatten einer Gruppe junger Buchen äst ein Rehbock ganz nah am Fluss. Seit Tagen nimmt die Hitze stetig zu. Kein Wunder, dass es mehr Menschen und Tiere als sonst ans Wasser zieht. Ihre Trägheit macht die Saale zu einem perfekten Wanderfluss.

Auf der Elbe

So breit, undurchschaubar und kräftig der Fluss hier im Urstromland der Mittelelbe strömt, flößt er mir gehörigen Respekt ein. Vor allem weil ich weiß, dass seit der Schwarza der Boden meines Packrafts an einigen Stellen deutlich sichtbaren Materialverschleiß zeigt. Hätte das Boot ein Leck, wie lange bräuchte ich, um bei der momentanen Fließgeschwindigkeit ans Ufer zu kommen?

Was würde ich versuchen, mich an Land zu retten? Es ist das erste Mal seit Beginn meiner Reise, dass mir solche Gedanken durch den Kopf gehen. Von anderen Paddelreisen kenne ich das Gefühl sehr wohl: Zwischen grönländischen Eisbergen im Kajak unterwegs zu sein gehört zu den tiefgreifendsten Erfahrungen meines Lebens. Zu wissen, dass unter mir jederzeit ein Wal auftauchen, ein Eisberg kippen, ein kalbender Gletscher heftige Wasserbewegung auslösen kann, war schrecklich verstörend und anziehend zugleich. Vielleicht ist es diese Unergründlichkeit tiefer Gewässer, die den Reiz ausmacht. Eine geheimnisvolle Welt, in der ich mich als Paddler winzig, demütig und gleichzeitig berauscht fühle. Und das in einer Welt, in der „unentdeckte“ Wildnis kaum noch vorhanden ist.

Auf der Elbe


High Life an der Havel

In Plaue kaufe ich mein Frühstück samt Kaffee, kämpfe mich am Plauer See durch einen Wald aus Brennnesseln und erhalte prompt die Belohnung: traumhafter Sandstrand, ganz für mich alleine. Vor Begeisterung weiß ich gar nicht, womit ich hier anfangen soll. Erst schwimmen, dann frühstücken und dann mich und meine Wäsche schrubben? Oder doch lieber andersrum?

Ich starte mit einem wilden Schrei in den See und strample wie ein kleines Kind durchs Wasser. Kein Krümel bleibt danach vom Frühstück übrig, das ich mit Blick auf die vorbeiziehenden Hausboote genieße. T-Shirt und Hose lege ich zum Trocknen auf den leicht erwärmten Sand. Und dann gönne ich mir den unbeschreiblichen Luxus, mich einfach ans Ufer zu legen und zu dösen. Meine Kinder müssten jetzt in der Schule sein, meine Frau sitzt am Rechner – kurz flackert schlechtes Gewissen auf, das der Plauer See einfach schluckt wie einen fetten Stein, der träge zu Boden gleitet. Ich beobachte einige Libellenpaare, die wie synchronisiert einer ausgetüftelten Choreographie folgen und um die leicht geöffneten Blüten der Seerosen tanzen. Ich bin ganz sicher nicht der Einzige hier in Urlaubsstimmung. Überall hocken Menschen an Deck ihrer schicken Yachten und abgefahrenen Hausboote und schlürfen in der Sonne Kaffee. Die entspannte Stimmung wirkt ansteckend. Ganz ohne Hast packe ich mein Boot aus, verstaue und verschnüre meine Siebensachen und treibe auf der Havel, die den Plauer See durchfließt, dem Tag entgegen. Vorbei an Reusenstangen der Havelfischer, die senkrecht aus dem Wasser ragen, ganzen Hausbootsiedlungen und Ufern, die mich an Schweden erinnern. Eine Familie bricht von ihrem Hausboot aus mit einem Schlauchboot auf, nebenan werden Angeln an Deck befestigt, während eine Gruppe Jugendlicher sich mit den ersten Cocktails des Tages zuprostet. Hier bekomme ich wirklich das Gefühl, dass man es sich gut gehen lassen kann!

An der Müritz

Die Mecklenburgische Seenplatte ist ein Highlight meiner Tour, auf das ich mich schon seit Tagen freue. 1117 Seen, miteinander über Kanäle verbunden. Mittendrin die Müritz und der Müritz-Nationalpark, mit riesigen Wäldern und Mooren, die sich nach Regeln und Rhythmus der Natur entwickeln können.

An der Müritz

Über mir schließen sich die Bäume so konsequent zu einem lebendigen Dach zusammen, dass nur einzelne Lichtbündel das Wasser treffen. In seiner Oberfläche spiegelt sich das grüne Firmament und sorgt fast für eine optische Täuschung: Jetzt ein Bier auf nüchternen Magen und ich wäre nicht sicher, ob Himmel und Erde den Platz getauscht haben. Auf dem Granziner See gibt mir eine Schwanenfamilie Geleitschutz bis zum nächsten Kanal, der noch enger und magischer wirkt als der letzte. Bemoostes Totholz ragt bis weit in die Mitte des Kanals. Umgekippte Bäume und verblichene Äste spannen sich komplett bis zur anderen Kanalseite und malen ein skurriles grafisches Muster auf die Wasseroberfläche. Es riecht nach Feuchtigkeit und Erde, nach dem natürlichen Prozess der Verrottung, nach lebendigem Wasser und einem Hauch von Fisch, in dem eine Vorahnung mitschwingt: mein Ziel, das Meer! Was ich hier im Müritz-Nationalpark erlebe, ist nicht weniger spektakulär als auf meinen Paddeltouren in Südafrika, Australien oder Grönland – nur anders.

Finale auf der Peene

Abgestorbene Bäume erheben sich von Moorwiesen in den Himmel. Aus Schilfinseln dringt eine ohrenbetäubende Symphonie von Vogelstimmen. Uralte Baumwurzeln, vom Wasser umspült, bilden ein Geflecht am Ufer, das ganz eigenen Regeln folgt. Das Wasser findet seinen Weg, durch Wiesen, Wald und Schilf, nagt an den Uferzonen und erobert Nebenwege, die zu dauerhaften Seitenarmen werden. Der Fluss sieht aus wie ein goldenes Band, kurz bevor die untergehende Sonne ihm ihren Glanz rauben wird, bis sie sich am nächsten Morgen wieder golden mit ihm verbindet. Tausende von Vögeln kommen in der Abendstunde aus ihren Verstecken und gehen auf Futtersuche. Kein Wunder, dass die Peene auch „Deutschlands Amazonas“ genannt wird. Ganz ehrlich: Es würde mich nicht überraschen, wenn hier ein Krokodil aus der Schilfdeckung auf mich zugeschwommen käme.

Seeadler ziehen ihre Kreise. In meinem kleinen Raft, das wie eine geräuschlose Nussschale über den Fluss gleitet, mit den Königen der Lüfte in voller Größe über uns, fühle ich mich winzig. Demut. Widersprüchliche Gefühle, die ich schon den ganzen Tag in der Brust spüre, kommen endlich hoch. Ich bin unfassbar glücklich über den Moment. Der goldene Fluss voller Leben neben, das Meer vor mir. Aber ich bin auch traurig, dass mein Flussabenteuer endet. Zur Demut gesellt sich Wehmut. Aber wenn ich querflussein eins gelernt habe, dann ist es, im Moment zu leben. Von den Wermutstropfen des Abschieds lasse ich mir auf keinen Fall die Stimmung verderben.

Finale auf der Peene

Die Flüsse der letzten Wochen haben Stück für Stück eine Metamorphose eingeleitet. Jetzt, genau in diesem Moment, schlägt das Verhältnis von Land zu Wasser um. Da ist sie, die dünne Linie am Horizont. Ich weiß es schon, aber zur Sicherheit stecke ich noch einmal den Finger ins Wasser. Ich bin dort angekommen, wo jedes Wasser, das aufs Land runtergeht, in etwas unendlich viel Größerem aufgeht. Und dabei fühle ich mich wie ein Teil dieses Kreislaufs. Wie ein Teil des Ganzen. Mein Leben hat schließlich auch ein klar gesetztes, unausweichliches Ziel, an dem es sich irgendwann am Horizont verlieren wird.



Jens‘ Packliste


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