Pip Stewarts Lektionen aus dem Amazonas-Gebiet

Pip Stewart beschreibt sich mit einer Vorliebe für Wellness und Wohlbefinden und gerät auf ihren unglaublichen Reisen doch immer wieder in abenteuerliche Situationen und nicht selten in Lebensgefahr. Ihre Erkenntnisse hielt sie nun in ihrem 2021 veröffentlichten Buch “Life Lessons aus dem Amazonas: Was ich bei meinem Dschungel-Abenteuer fürs Leben lernte” fest, welches soeben auch als Audio Book erschienen ist. Wir sprachen mit ihr über ihre letzte und so lehrreiche Expedition durch den Dschungel, die Begegnung mit dem isoliert lebenden indigenen Waiwai Volk und einen fleischfressenden Parasiten.

river shot amazonas

Pip ist Journalistin, Moderatorin und Abenteurerin. Als Reporterin ist sie 2013 in Hongkong und Malaysia unterwegs, als sie kurzerhand beschließt, von hier aus bis nach Hause in London zu radeln. Auf diesem ersten außergewöhnlichen Trip legte sie 16.000 Kilometer zurück, durchquerte 26 Länder und kam auf den Geschmack des Abenteuers. 2016 reiste sie durch Brasilien und Peru um die voranschreitende Abholzung des Regenwaldes zu dokumentieren und 2018 schließlich bewältigte sie gemeinsam mit einem kleinen Team aus Abenteurern die gesamte Länge des Essequibo Flusses in Guyana, Südamerika. Der Fluss fließt 1.014 Kilometer durch abgelegenen Dschungel, unberührten Regenwald, unbekannte Stromschnellen und umstrittene Goldminenlager, bis er auf den Atlantischen Ozean trifft.

Wie entstand die Idee, dem Essequibo in Guyana von der Quelle nahe der brasilianischen Grenze bis zum Atlantik zu folgen – oder wer kam auf diese Idee?

Eigentlich war es Ed Stafford, der erste Mann der den Amazonas-Dschungel durchquert hat. Er war auch für Dreharbeiten in Guyana, ist nach Hause gekommen und sagte, dieser Ort sei magisch, vor allem die Tierwelt! Und bislang sei niemand dem Essequibo von der Quelle bis zum Meer mit dem Kajak gefolgt. Seine Frau Laura Bingham, ebenfalls eine bekannte britische Abenteurerin, wollte diese Idee dann umsetzen und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, Teil ihres Teams zu sein. So kam eins zum anderen.

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Ihr seid also mit einem kleinen Team zur Quelle des Essequibo Flusses, und wie habt ihr euch dort fortbewegt?

Zuerst sind wir durch den Dschungel zur Quelle des Flusses, mitten in den Acarai Bergen in Süd-Guayana gewandert, einem noch weitgehend unerforschten Teil der Welt. Dann sind wir mit Kajaks dem Essequibo gefolgt, wir waren die ganze Zeit auf dem Wasser. Das sind gut 1000 Kilometer durch Stromschnellen und Wasserfälle, hier leben Kaimane (Alligatoren) und Piranhas.

Klingt sehr aufregend! Was oder welcher Moment hat dich besonders beeindruckt auf deiner Reise?

Oh, es waren so viele… Nun, vielleicht ist es aber einfach das Privileg, drei Monate lang im Dschungel zu sein. Ich habe mich nie lebendiger gefühlt! Man ist so weit weg von dem ganzen Überfluss, mit dem man normalerweise in seinem täglichen Leben konfrontiert ist. Stattdessen hat man nur diese unglaubliche Natur um sich herum. Das ist wirklich Magie. Eins zu sein, mit der Umgebung. Beim Aufwachen und Einschlafen haben wir die Brüllaffen gehört und plötzlich erkennt man, was für einen winzigen Teil wir Menschen doch auf dieser Welt ausmachen.

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Sich klein zu fühlen tut sicher jedem mal gut. Aber drei Monate lang? War es nicht ziemlich unkomfortabel und sogar gefährlich?

Ja, war es. Aber daran gewöhnt man sich irgendwie. Die ersten Nächte habe ich kaum ein Auge zugemacht. Ich dachte die ganze Zeit: Was war das für ein Geräusch? Was ist das für ein Knacken? Es kann ganz schön beängstigend im Dschungel sein, es gibt gefährliche Tiere wie Jaguare und diese Kaimane, Schlangen und Skorpione, die deinem Leben täglich ein Ende setzen können. Aber irgendwann muss man sich einfach entspannen und denken: Okay, sie könnten, sie tun vielleicht aber auch nicht. Ein Waiwai Guide, der uns begleitete, sagte was wirklich Einleuchtendes zu mir: „Alles ist dein Freund, Pip, es sei denn, du störst es.“ Das war ein gutes und hilfreiches Mantra in dieser Situation.

Aber dennoch: Wolltest du nicht ab und zu aufgeben und einfach alles hinschmeißen?

Oh mein Gott, so oft! Alleine die Wanderung um zur Quelle dieses Flusses zu kommen, war körperlich unglaublich herausfordernd. An einem richtig guten Tag schafft man maximal vier Kilometer. Und wir haben uns buchstäblich durch diesen Dschungel gehackt. Es ist heiß und feucht und einfach unfassbar anstrengend. Und auch später am Fluss gab es so viele Momente, in denen ich aufhören wollte, zum Beispiel als ich kenterte, weil ich die Stromschnellen falsch angegangen bin. Plötzlich wird einem die Zerbrechlichkeit des Lebens sehr bewusst. Der krasseste Moment war, als ich fast auf einer tödlichen Schlange saß. Ich steckte mit meinen Fuß zwischen einem Baumstamm und einer Wurzel fest und versuchte ihn irgendwie herauszuwinden. Und fünf Zentimeter unter meinem Hintern war plötzlich diese Schlange. Ich hörte meine Freundin Laura von hinten „Oh mein Gott, da ist eine Schlange!“

Zum Glück tauchte dann Jackson Marawanaru aus unserem Team hinter mir auf und tötete sie mit der Machete. Ich fragte: „Jackson, warum hast du die Schlange getötet?“ Und er sagte: „Weißt du, Pip, wenn ich die Schlange nicht getötet hätte, hätte sie dich getötet.“ Das war einer der Momente, in denen ich auf der Stelle nach Hause wollte und in dem ich mich fragte: Was mache ich hier eigentlich? Was für eine absurde Idee war das? Aber man kann eben nicht einfach umkehren. Und über solche Erfahrungen schreibe ich in meinem Buch. Wir alle haben Probleme im Leben, vor denen wir gerne davonlaufen würden. Stattdessen muss man sich fragen, wie man mit ihnen umgehen kann. Es ist manchmal die einzige Möglichkeit. Wenn ich die Situation nicht ändern kann, muss ich die Art ändern, wie ich zu dieser Situation stehe, beziehungsweise wie ich über sie denke.

Das ist ein guter Ansatz. Wie war eure erste Begegnung mit der indigenen Bevölkerung, der Waiwai-Gemeinde? Wie leben diese Menschen?

Na ja, eigentlich ganz ähnlich wie wir. Menschen sind Menschen, es sind nur verschiedene Umstände, in denen wir uns befinden. Das Wissen der Waiwai über den Dschungel ist natürlich immens und wir hätten die Reise nie ohne ihre Hilfe geschafft. Aber ich denke man muss vorsichtig sein, in der Art und Weise wie man über Menschen spricht. Die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden ist in diesem Zusammenhang nicht unbedingt die hilfreichste Frage. Wir sollten uns respektvoll verhalten und uns auf Augenhöhe begegnen.

hummingbirds amazonas

Was rätst du Leuten noch, die gerne in deine Fußstapfen treten und Ähnliches erleben möchten?

Als wir zu dieser Reise aufbrachen, waren wir blutige Anfänger. Egal wie abenteuerlich du dich auch fühlst, du solltest keine Angst haben, dich auch mal zum Narren zu machen und über dich selbst zu lachen. Du musst bereit sein, Dinge auszuprobieren und zu lernen, nur so können wir an diesen Abenteuern wachsen. Nimm die Dinge nicht zu ernst.

Ich hab gelesen, dass „slow traveling“ für dich die wahre Art zu Reisen ist. Und egal, ob man mit dem Kajak oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, mache es einen Unterschied, wenn man sich nur durch seine eigene Kraft fortbewegt. Was genau ist besser, wenn man es auf Reisen nicht so eilig hat?

Oh, ich liebe langsames Reisen. Ehrlich gesagt auch, weil ich nicht sehr schnell bin, ich bin keine große Sportlerin. Aber ich denke wirklich, dass man beim „slow traveling“ mehr in die Kultur eintauchen kann und mehr Gastfreundschaft erlebt. Ich habe auch festgestellt, dass ich beim einfachen Gehen meine besten Ideen habe. Ich bewege mich auch gerne langsam durch Landschaften, schaue mir alles an und nehme mir Zeit für die Dinge – sehr zum Frust aller, die jemals mit mir auf einer Expedition waren, weil ich immer sooo langsam bin… (lacht laut)

Das klingt, als hättest du schon viel erlebt und kannst auch viel darüber zu erzählen?

Ja, das hoffe ich und habe deshalb alles, was ich gelernt habe, in meinem Buch Life Lessons from the Amazon aufgeschrieben, das im September 2021 erschienen ist und jetzt auch als Hörbuch erhältlich ist. Es geht dabei nicht vordergründig um meine Abenteuer. Menschen können das gleiche Ereignis völlig unterschiedlich erleben. In meinem Buch teile ich meine Erkenntnisse zum Beispiel zu den Themen Belastbarkeit und Selbstkritik, Glück oder auch Problemlösungen. Es gab so viele Begebenheiten auf dieser Reise, die mir nun helfen, mein Leben ein wenig besser zu leben, und die möchte ich gerne durch den Mechanismus des Geschichtenerzählens teilen.

Hat dich dieses Abenteuer sehr verändert?

Nun, zunächst kam ich von dieser Reise zurück und dachte: „Halleluja, ich habe überlebt!“ Stromschnellen und Wasserfälle und all die anderen Dinge, die einen im Dschungel umbringen können. Aber dann fand ich diese kleine Stelle an meinem Hals, ein Biss, der nicht wirklich wegging sondern stattdessen immer größer und tiefer wurde, was wirklich gruselig war. Das Krankenhaus teilte mir mit, dass ich einen fleischfressenden Parasiten hätte, der – ohne Therapie – buchstäblich meine Nase und mein ganzes Gesicht aufgefressen hätte. Das gibt plötzlich eine ganz neue Perspektive auf die vermeintlichen Probleme im Leben. Mir wurde auch klar, wie viel Glück ich hatte, Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Meine Freunde in Guyana verwenden brennendes Kuhfett oder zerbrochene Schildkrötenpanzer gegen solche Bisse – vielleicht sind die traditionellen Behandlungen auch wirksam, aber darüber wurde noch nicht genug geforscht. Die Bevölkerung hat sowohl Schwierigkeiten mit dem Zugang zu medizinischen Behandlungen als auch mit deren Finanzierung. Auch wenn Leishmaniose nach Malaria die zweitgrößte parasitäre Infektionskrankheit ist und Millionen vor allem arme Menschen betrifft, wird die Krankheit so sehr vernachlässigt und ich überlege wirklich, was ich dagegen tun kann. Diese Reise hat mich definitiv verändert, mich demütiger gemacht und ein Gefühl von Trivialität für vieles andere hinterlassen.

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Würdest du einen solchen Trip dennoch wieder unternehmen?

Bestimmt! Aber in vielerlei Hinsicht anders. Weißt du, man verzichtet auf die besten Momente im Leben, wenn man ein paar schlimme nicht auch in Kauf nehmen möchte. Es gab unglaubliche Höhen und unglaubliche Tiefen. Es war wahrscheinlich die extremste Reise, die ich bislang unternommen habe, und ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Aber natürlich gibt es vieles, was ich jetzt anders machen würde.

Was zum Beispiel? Oder was insbesondere?

Eine Sache ist wahrscheinlich diese Selfie-Kultur. Während der Reise fing ich schließlich an, mich bei Selfies und im Umgang mit sozialen Medien schlecht zu fühlen. Man postet Bilder ohne Ende und zollt den Menschen um sich herum, unseren Guides aus der Waiwai-Community zum Beispiel, nicht wirklich genug Anerkennung. Mir wurde klar, dass es auf eine Art rassistisch ist, ein Land durch die eigenen Bilder repräsentieren zu wollen, so unbeabsichtigt auch immer das vonstatten geht. Ich überlege nun, wie wir Rassismus durch die Art und Weise, wie wir reisen, in Zukunft vermeiden können.

Ein sehr guter Gedanke für jeden Reisenden! Vielen Dank für dieses schöne Interview und Deine ehrlichen Worte!

Life Lessons aus dem Amazonas: Was ich bei meinem Dschungel-Abenteuer fürs Leben lernte von Pip Stewart wurde im DuMont Verlag veröffentlicht. Auch das Hörbuch ist ab sofort erhältlich, zum Beispiel über Audible.