Picknick statt Conference Call – Die neue Work-Life-Integration

Ein Meeting mit den Füßen im Wasser baumelnd und Architekturen, die das Draußen nach drinnen holen klingen surreal? Ganz richtig! Und genau so hätten wir das in Zukunft gerne. 3D-Artist Paul Milinski (@paul_milinski) inspiriert uns zu integrativen Lebens- und Arbeits(t)räumen, die in Zeiten von Corona gar nicht mal so abwegig aussehen.

Allmählich füllen sich zwar die Biergärten wieder mit Kontakthungrigen, parallel befindet sich jedoch rund die Hälfte der digital arbeitenden Bevölkerung im Home Office. Risiken minimieren heißt noch immer die Devise, besonders für Arbeitgeber, die nicht ungewollt im Rampenlicht stehen wollen. Und die Vorteile liegen auf der Hand: Home Office schont die betriebseigenen Ressourcen und bietet Entlastung für Mensch und Umwelt. Weniger Pendelverkehr gleich weniger Emissionen, weniger Zeit im Straßenverkehr gleich mehr Zeit Zuhause. Entschleunigung, die viele als angenehmen Nebeneffekt wahrnehmen. Die Bilanz nach den vergangenen Monaten fällt allerdings gemischt aus. Während es sich als Mythos entlarvte, die Kinderbetreuung mühelos nebenbei zu bewerkstelligen, steigerte sich die Produktivität der Arbeitnehmer dennoch durch die Bank weg – ein vermeintlich positiver Effekt, der jedoch die Gefahr des Work-Life-Blendings vertuscht: Die negative Verschmelzung zwischen Berufs- und Privatleben. Calls nach Feierabend und Mittagspausen vorm Computer zermürben die ewig Einsatzbereiten. Aber müssen uns derartige Krisen unbedingt ins Häusliche zwingen, gesünder lebt es sich doch draußen? Und können Zoom-Meetings den analogen Smalltalk unter Kollegen ersetzen oder konferieren wir uns allmählich einsam?

Was braucht der Mensch zu seinem Glück? Wissenschaftler sind sich einig: Beziehungen, Arbeit und die Natur.

Die war bislang so selbstverständlich, dass die aktuellen Debatten ihren Einfluss fast übersehen. Laut einer Umfrage im Auftrag der Bundesregierung gehörte die Natur für 95 Prozent der Erwachsenen schon vor der Pandemie zu einem guten Leben. Mit der Nähe zur Grünanlage wächst aber nicht nur die Zufriedenheit. Das Risiko für Diabetes, Gelenkerkrankungen, Ängste, Depressionen und viele andere Leiden sinkt. Auch Experimente mit Probanden, die einerseits durch Straßen und andererseits durch die Natur spazierten zeigen, dass der Aufenthalt im Grünen, die Nähe zu natürlichem Licht und die bessere Luftqualität die Konzentration und Kreativität fördern und das Stresslevel senken.

Zen Work Pod von Autonomous

Die Wurzeln des Wohlbefindens stecken also draußen – und nicht im Kaktus auf dem Schreibtisch.

Doch was lässt sich daraus für unsere Situation ableiten und wie bringen wir unsere digitalisierte Arbeitswelt mit unserem Grundbedürfnis nach Natur und Gemeinschaft zusammen? Das boomende Modell des Remote Working, das gänzliche Arbeiten ohne festen Arbeitsplatz, gab es bereits vor Corona und erlaubt die freie Standortwahl. Businessinsider glauben sogar, je mehr Menschen die Möglichkeit haben, zu arbeiten von wo sie wollen, umso mehr Menschen werden das Landleben mit seinen geringeren Mieten der urbanen Hektik vorziehen. Allein der unverstellte Blick auf die Natur beflügelt das seelische Befinden, wie Studien an genesenden Patienten zeigten, die ins Grüne schauen konnten.

Solche Erkenntnisse, gepaart mit der beruflichen Quarantänesituation, kommen den Erfindern von mobilen Gartenbüros zugute. Minimalistisch-kubistische Holzwürfel, wie zum Beispiel der Zen Work Pod der Firma Autonomous oder der Minimod von Architekturbüro MAPA, die sich beliebig im eigenen Garten oder der Natur aufstellen lassen, verlegen den Arbeitsbereich aus der häuslichen Umgebung in eine natürliche Oase im Freien. Noch flexibler, dafür aber wetteranfälliger ist das Outdoor-Desk Nōmada des mexikanischen Architekten Enrique Tovar, den die Coronakrise zu dieser Erfindung inspirierte. Es lässt sich leicht zusammenklappen und transportieren, verfügt über einen Stauraum mit Klappe und eine beschreibbare Oberfläche.

MINIMOD Spot von MAPA

Zugegeben Lösungen, die weder allgemein erschwinglich noch umsetzbar erscheinen. Stattdessen steigt nun mit den zunehmenden Lockerungen auch die Anzahl der Präsenztage in vielen Büros wieder. Und ist das Büro nicht immer auch eine Bühne, auf der Arbeit inszeniert wird? Dieser Ansicht ist Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums. Im Interview mit der Zeit betont er, dass kreative Prozesse nur eingeschränkt am Telefon funktionieren: „Man braucht schon auch echte Meetings, wo man echten Leuten gegenübersitzt.“

Eine Idee aus den USA, die diesen Leitsatz aufgreift, heißt mobiles Arbeiten: Home Office, kombiniert mit hübschen Co-Working-Spaces oder sogenannten Cosy Hubs außerhalb des Businessstandorts, plus einigen wenigen Präsenztagen im Headquarter. Kluge Unternehmen, die den positiven Effekt der Natur bereits einkalkuliert haben, setzen auf begrünte Innenhöfe oder Dachgärten als räumliche Ausweichmöglichkeiten. Solche Outdoor-Lösungen entsprechen auch der Achtsamkeit in Corona-Zeiten, denn die Ansteckung im Freien ist Virologen zufolge rund 20 mal niedriger als drinnen. Denkbar wäre auch die Errichtung saisonaler Open Air Büros auf freien Grünflächen oder improvisierte Arbeitsplätze in naturnahen, luftigen Gebäuden, wie zum Beispiel Gewächshäusern. Mit Strom und WLAN ausgestattete Parkbänke gibt es seit Ende letzten Jahres in immerhin drei Kommunen in Deutschland, in Konstanz, Essen und dem Panketal, als kleiner Testlauf.

Nōmada Desk, Enrique Tovar

Entwicklungen dieser Art verheißen Workshops im Wald und Meetings im Park und klingen nach Work-Life-Integration: Ein Begriff, der dem ewigen Ausbalancieren zwischen beiden Bereichen ein Ende setzt. Stattdessen wird nun versucht, Arbeit und Freizeit nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich miteinander zu kombinieren. Die dazu passenden hybriden Traumwelten, in denen Leben und Arbeit, Natur und Architektur miteinander verschmelzen, kreiert Paul Milinski. Mit seinen retro-futuristischen Indoor-Outdoor-Szenerien konnte der australische 3D-Artist in nur einem Jahr rund 200.000 Follower auf Instagram generiert und wurde für den German Design Award nominiert. Im April publizierte der Gestalten Verlag seine surrealen Raumideen in dem Bildband „Dreamscapes & Artificial Architecture“: Wasserfälle im Schlafzimmer, Freitreppen durch moosbewachsene Hügel, ein Lunch Spot in einer karibischen Bucht und Räume, die optisch einer Mischung aus Wellness Retreat, James Bond Villa und Business Lounge folgen. Jedenfalls könnte man sich die Lebens- und Arbeitsräume der Zukunft durchaus in diesem Stil vorstellen. Bereits zu Beginn der Neunziger Jahre träumten italienische Designer aus dem Memphis-Umfeld, darunter Ettore Sottsass und Andrea Branzi, von modernen, farbenfrohen Büros, die eher wie Wohnungen anmuteten und umgekehrt – nur fehlte noch die Natur als dritte Dimension.

Wenn nun das Recht auf Home Office auch gesetzlich verankert wird, wenn urbane Hubs wie Dachgärten zum Kommunikationsaustausch laden und Büros naturnaher gestaltet werden, könnte das eine ganz attraktive Mischung verheißen, wie wir in Zukunft arbeiten und leben. Denn das bis zur wortwörtlichen Erschöpfung strapazierte Konzept der guten alten Großraumbüros haben wir hoffentlich bald zusammen mit Corona überwunden.


3-D-Artist Paul Milinski kreiert retro-futuristische Räume, in denen Architektur und Natur, Leben und Arbeiten verschmelzen



Photo Header: 3-D-Artist Paul Milinski