Natur Sounds in der Musik

Du liegst unter einem Baum und hörst Musik. Deine Kopfhörer schließen dich von den Klängen der direkten Umgebung aus. Ein Windhauch streichelt deine Stirn und du genießt mit geschlossenen Augen, dass der in sattem audioblau strahlende musikalische Streaming-Himmel deiner Lieblingssängerin mal wieder voller Geigen hängt, futuristische Sounds verfeuert werden, was das Zeug hält und ihre göttliche Stimme wunderliche Melodien jedweder Couleur durchs Geäst komplexer digitaler Rhythmen jagt. So weit, so schön. Allerdings könntest du dann verpassen, dass einer der Musiker, die das Album geprägt haben in diesem Moment direkt über dir im Baum hockt. Und das Lied, das du gerade hörst live singt. Und in Farbe. Echt. Jetzt.

Dazu müsstest du allerdings „Utopia“ von Björk hören und, ok, idealerweise unter einem Baum in Venezuela liegen. Und es wäre auch nicht Björk, die über dir auf dem Ast sitzt, sondern eher einer der Vögel, die ihr Co-Producer Arca in seinem Heimatland mit einem digitalen Field Recorder aufgenommen und für „Utopia“ in Björks Klangwelt integriert hat. Apropos digital. Welche Vögel da exakt gesungen haben, lässt sich mit einer Art Shazam für Vogelstimmen ermitteln. Und Björk wäre nicht Björk, wenn es nicht auch gleich die passenden Birdsong-Flöten im Luxuspack dazu gäbe.


Ausnahmechanteuse Björks Mitstreiterin Arca, bürgerlich Alejandro Ghersi, ist nicht nur zu recht frisch von Vice gekürte Artist des letzten Jahrzehnts und eine der spannendsten Performerinnen der Jetztzeit, sondern produziert und gestaltet auch Sounds, Beats und Klangräume für Musiker*Innen wie FKA Twigs und Kanye West.

Frau Guðmundsdóttir ist aber nicht nur deshalb das Ausnahmetalent, das sie unzweifelhaft ist oder weil sie aus dem ach-so exotischen und natürlichen Island stammt (wer jetzt ‚Elfe‘ denkt, zahlt 5 Euro in die Mate-Tee-Kasse) und auch nicht weil sie eines ihrer Lieder „Wanderlust“ nannte, sondern weil sie das Draußen, das „in-der-Natur-sein“, von jeher zu unorthodoxen kreativen Prozessen anregt, die sie mit großer künstlerischer Souveränität selbstverständlich umsetzt. So verschmähte sie bereits Mitte der 1990er Jahre die bequeme Erreichbarkeit eines konventionellen Tonstudios und krabbelte für Gesangsaufnahmen, lieber in eine Tropfsteinhöhle, um dort eines ihrer Lieder einzusingen.

Schon immer wurde die Natur von Künstlern als Erlebnis- und Gestaltungsraum empfunden aber das zu betonen, hieße, Landschaftsbilder in eine Caspar David Friedrich Ausstellung zu tragen. Es ist jedoch ein Unterschied, ob man draußen am Lagerfeuer sitzt und den Sternen von der eigenen Wanderlust vorsingt (nichts schlechtes dabei!) oder mit dem iPhone das Knistern des Feuers aufnimmt, um daraus hinterher am Rechner Beats für einen Billie Eilish Remix zu basteln. 

Was parallel, über, unter, zwischen und in den visuell erfassbaren Landschaften unserer Welt an Klängen lebt und an versteckten Soundquellen sprudelt, kann seit dem Aufkommen des mobilen Aufnahmegeräts immer besser erfasst und bearbeiten werden. Dank genialster Mikrofontechnik werden heute weltweit Aufnahmen von Field Recording Experten gemacht: zur Verwendung für Kunst/Musik Installationen, zur Archivierung oder wie heute leider immer häufiger vonnöten zur Dokumentation von Veränderungen und um auf -häufig negative- Phänomene und Entwicklungen hinzuweisen. Aber auch aus Pioniergeist, das Ungehörte hörbar zu machen. Denn was klingt eigentlich nicht? Richtig. Nichts. Was übrigens auch der  Produzent und Toningenieur von Joy Division erfährt, als er in einer der schönsten Szenen der Doku-Fiction „24 Hour Party People“, draußen herumirrend auf die Frage was er denn da mache, antwortet: „recording the silence…“


Man muss auch gar nicht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen zu den Anfängen der mobilen Tonaufnahmen, um die Wirkungsmächtigkeit und Bedeutung der auralen Welt da draußen für Musik und Kunst zu belegen. Es braucht noch nichtmal einen venezolanischen Urwald zur Schaffung eines komplett neuen musikalischen Genres. Für Brian Eno, den legendären Musikproduzenten (U2, David Bowie, Coldplay etc.) reichte sein kleiner Stadtpark um eben dort in den Siebziger Jahren die sogenannte Ambient Musik zu erfinden oder besser: zu erhören. Beim Spaziergang im St.James Park lauschte Eno, der erst als Songwriter und Synthesizer Spezialist Roxy Music mitgründete und später als Sound Designer das berühmte Audiologo von Microsoft entwarf, den singenden Vögeln und quakenden Enten. Und ihm fiel auf, dass sich diese einerseits einmaligen, andererseits schier endlosen Arien in musikalische Passagen, respektive einzelne Sätze gliedern lassen, einfach, in dem man ihnen einen Anfang und ein Ende gibt. 

Dass sich überhaupt alles an abstrakter Geräuschkulisse mit dem einfachen Prinzip der kontrollierten Wiederholung konkret umgestalten lässt. 

Das, was für viele Jazzmusiker gilt, dass es keine Fehler im eigentlichen Sinne gibt, da jeder „Fehler“, jeder Verspieler nur wiederholt werden muss, um etwas „Richtiges“, zumindest Gewolltes zu suggerieren, übertrug Brian Eno auf, das, was er in seiner Umgebung, dem Ambiente, wahrnahm. Dass Ambient Musik dann später auch als „Fahrstuhlmusik“ und Hintergrundgedudel in Verruf kam, wird niemanden mehr nerven, als Mr. Eno, der natürlich nicht dafür verantwortlich gemacht werden möchte, dass gewisse Kreise den eigentlichen Ursprungsimpuls, das bewusste Wahrnehmen des Draußen ins genaue Gegenteil,  d.h. das vernebelte Einlullen durch Musik im Drinnen, ob Fahrstuhl oder Café, verkehrt haben.

Denn welch gewaltige Wirkung und welch mystische sonische Schönheit von akkurat gemachten Aufnahmen der Welt da draußen ausgeht, ob in rein dokumentierender Form, als Teil einer bewusst gestalteten Komposition oder als unbestechlicher Zeuge vergangener Ereignisse, zeigt die Arbeit eines Zeitgenossen von Brian Eno, namentlich die des Briten Chris Watson. Es ist nicht übertrieben, Watson, der interessanterweise Ende der 1970er Jahre im industriell geprägten Sheffield die durch und durch experimentelle Postpunk Dada Formation Cabaret Voltaire mitbegründete, heute als wichtigsten und einflussreichsten aktiven Field Recorder und Sound Artist der Welt zu bezeichnen. Über mehr als drei Dekaden hat Chris Watson rund um den Globus Aufnahmen von allem gemacht, was da nur aufzunehmen wäre: die Sounds seiner Reise vom Nord- zum Südpol, die Gesänge und Reden der Wale und Meerestiere und das, ähm, Verwesungsgeräusch aus dem inneren eines Tierkadavers um nur einige zu nennen. 

Er ist außerdem als Komponist und Sound Designer fürs BBC tätig, u.a. für „Life“ und „Life of Birds“ und einer der wichtigste Mitstreiter von Sir David Attenborough. Während er lernt, lehrt und Wissen in Workshops und Vorträgen weitergibt, bewahrt er sich seine Neugierde und lebt die Freuden des Großvaterseins, wenn er morgens mit seinem sechsjährigen Enkel das Bienenvolk im Hinterhof aufnimmt bevor er Hildur Gudnadottir nach Litauen folgt und sie dabei unterstütz, die Geräusche des noch erhaltenen Tschernobyl-Schwesterkernkraftwerks einzufangen, die später das Ausgangsmaterial für ihren preisgekrönten Soundtrack zur HBO Serie Chernobyl bilden. Einen Soundtrack dessen beklemmende Intensität sicher auch darauf beruht, dass die isländische Komponistin dafür tatsächlich einzig und allein die in Estland professionell aufgenommenen Sounds verwendete.

Hier schließt sich ein Kreis zu Björk, für die Autor, Regisseur und Umwelt-Ikone Sir David Attenborough das Narrativ zu „Utopia“ eingesprochen hat, und zu Island (nein, es ist Zufall, dass Hildur auch daher kommt und hat nichts zu tun mit den dort lebenden Elf… ups!). Wo alles in allem, das Kleine im Großen und das Große im Kleinen, der Klang in der Stille und die Stille im Lärm lebt, also hier drinnen in unserem Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen und da draußen in der noch viel zu wenig erlebten Welt der Natur, ist das Potenzial für eine Musik, für eine Kunst, die vom Draußen sein lernt, unerschöpflich. Angefangen bei der Natur als Raum der Geräusche über die Tiere als klingende Seelen bis hin zur Nutzung organischer Strukturen für neue Kompositionstechniken und Gestaltungsprinzipien. Vergesst Verse/Chorus/Verse! Hier kommt Regen/Sonne/Regen! als Ordnungsprinzip eines Hits. Lasst Bakterien komponieren! Schließlich hat schon der klassische Komponist Oliver Messiaen 1952 Birdsongs transkribiert und in seinen Werken („Catalogue d’Oiseaux“) verwendet und der Begriff Biomusic ist heute ein durchaus gängiger.

Wir lernen, was jeder Editor (und Regisseur) als Erstes in der Postproduktion lernt, ob beim Schneiden von Bildern oder beim Verwenden von draußen aufgenommen Sounds: je professioneller, mithin purer und authentischer und unverfälschter die Aufnahmen sind, desto besser lassen sie sich verwenden, bearbeiten und, ja, verfälschen. Denn je genauer und unvoreingenommener wir die Klangwelt um uns herum wahrnehmen, desto mehr erkennen und behalten wir. Und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir demnächst beim Chillen unterm Baum ein paar schräge Vögel, die vielleicht den nächsten James Bond Titelsong singen, persönlich kennenlernen.