Im Sinne der Nacht

Nachtwandern schärft die Wahrnehmung und macht unglaublich Spaß

Die Sonne strahlt an diesem Tag besonders stark. Die Berge zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Der Blick geht weit, die Luft ist klar und die Getränke erfrischend kühl. Doch diesmal ist nicht der heiße Sommertag der Star. Gespannt fiebern alle schon dem Sonnenuntergang entgegen. Denn heute soll sich alles um die bevorstehende Vollmondnacht drehen. Fünf Freunde und ein Hund haben entschlossen, im Dunkeln wandern zu gehen.

JW Auf dem Weg in die Nacht, Hängebrücke mit Frau

Nachtwandern im Sommer erfreut sich einer immer größeren Beliebtheit. Gerade in einer Gruppe kann die Dunkelheit zu einem ganz besonderen Erlebnis werden. Zudem bietet die Nachtwanderung einen gewissen Nervenkitzel. Wenn die Augen kaum mehr Umrisse erkennen können, werden die anderen Sinnesorgane geschärft. Geräusche und Gerüche werden deutlich intensiver wahrgenommen.

Wer kennt denn noch die funkelnden Sternenbilder am Himmel, die erst tief in der Nacht heraufziehen und kann die vielen geheimnisvollen Geräusche im Wald für sich deuten? Und wer fühlt sich eigentlich nachts im Wald noch wohl? Doch genau darum geht es: Sich einen Moment von der Dominanz der Augen und visuellen Ablenkungen lösen. Der Nacht lässt sich eben nur mit etwas blindem Vertrauen folgen. Doch der Lohn für den Zauber der Nacht ist ein unerwartet intimer Zugang zu Flora und Fauna.

Wandern alleine im fast dunklen Wald Jack Wolfskin

Alte Freunde, neue Wege

Die Dämmerung hat eingesetzt und der Weg in die Dunkelheit kann endlich starten. Wir sind eine Gruppe von alten Freunden: Drei Frauen, zwei Männer und ein Hund. Keiner besonders fit, keiner besonders wagemutig. Darum ist diese Wanderung aus der Komfortzone uns auch so wichtig. Eine Hochzeit in unserem Bekanntenkreis hatte uns nach vielen Jahren des „aus den Augen verloren seins“ wieder zusammengeführt. Spontan entschlossen wir uns zu diesem Marsch.

Unsere Jacken zum Wandern

GLACIER CANYON PARKA M

OTTAWA COAT F

Am Parkplatz außerhalb von Starnberg im Süden Bayerns wird schnell klar: An die richtige Ausrüstung hat eigentlich keiner so richtig gedacht. Jemand fragt nach Stirnlampen, doch keiner antwortet. Egal, der Wille und die Lust sind da. Ein Schmunzeln begleitet uns bis zum Waldrand – wie zu alten Schulzeiten.

Nachtwandern mit Jacke und Stirnlampe der Outdoormarke

Die Wanderung beginnt

Wir kennen den Weg durch den Wald in- und auswendig. Schon nach 100 Metern wird es richtig dunkel und schnell wird uns klar: Eine normale Wanderung wird dies nicht. Wir marschieren dicht beieinander und gehen langsamer als gewohnt. Jeder Schritt ist auch ein Schritt in das Ungewisse. Jedes Geräusch wird plötzlich wichtig und genauer Beachtung geschenkt. Es macht schon nach 10 Minuten erstaunlich viel Spaß, die Natur mit all seinen Sinnen wahrnehmen zu können. Man ringt der Natur plötzlich Ungeahntes ab und merkt, dass irgendwie alles lebt, kriecht und weht. Die Wahrnehmung wird schärfer, die Sinne akuter. Wir erkennen Umrisse plötzlich genauer und sehen auf einmal auch mehr in die Breite. Dies füllt uns auch mit neuer Energie und einer unverfälschten Wachsamkeit.

Plötzlich taucht beim Nachtwandern im Taschenlampenlicht ein Fuchs auf

Der Wald riecht würzig, die Luft schmeckt frisch nach Nadelbaum. Die Haut spürt die leicht aufsteigende Feuchtigkeit des dunklen Bodens und reagiert mit einer gespannten Gänsehaut. Man bekommt das Gefühl, dass sich der Wald gerade von dem heißen Sommertag regeneriert. Ja, man meint fast ein gewisses Erwachen der Natur in der Pflanzen- und Tierwelt mitzuerleben. Die Instinkte werden mit jedem Schritt schärfer. Der Mund bleibt wie bei einem geheimen Lauschen offen, um noch gezielter hören zu können. Die herumliegenden kleinen Äste knacken beim Auftreten, und werden oft noch ein zwei Schritte wie loses Herbstlaub mitgeschleift. Die ungewöhnliche Situation versetzt den Körper in wache Spannung.

Die Nacht ist magisch und ein Abenteuer, Pilze und Pflanzen im Lichte der Nacht

Nach rund anderthalb Stunden erreichen wir eine große Lichtung im Wald und plötzlich strahlt der Vollmond in all seiner Pracht. Nach dem Marsch durch den dunklen Wald ziehen wir für einen Moment sogar kurz die Augen zusammen. Das Licht durchflutet alles und wirft lange Schatten. Uns ist jetzt schon bewusst, dass diese Momente bleiben werden und wir gerade etwas Besonderes erleben. Die Nacht strahlt magisch und unsere Gesichter auch. Wir erzählen uns von den letzten Jahren. Wir lachen viel, manchmal kommen Tränen. Tagsüber nimmt man so vieles unnötig unter die Lupe, aber hier im Schutze der Nacht bleiben jegliche Bewertungen fern.

Der Sternenhimmel blickt zwischen den Baumkronen hervor, Nachtwanderer bekommen einen Einblick in eine andere Welt

Jede Nacht endet

Langsam wird es kühler und der Körper schaltet dem eigenen Rhythmus folgend etwas runter. Der Rückweg ist ruhig. Jeder hat das Bedürfnis still zu sein. Die letzten 100 Meter werden wir synchron immer langsamer. Wir wollen nicht, dass diese Nacht endet. Am Hotel angekommen bleiben wir noch draußen auf den Bänken sitzen bis die Nacht langsam ihr Zepter an die Sonne abgibt. Einer nach dem anderen geht wortlos schlafen. In dieser kurzen Nacht schläft jeder tief.

Aufgeregt tauschen wir uns beim Morgenkaffee aus. Auch im nächsten Jahr wollen wir uns wieder treffen und eine erneute Nachtwanderung starten. Diesmal mit Ausrüstung und Übernachtung im Freien. Sogar von Stirnlampen ist die Rede. Der Ehrgeiz hat uns wieder gepackt.

Die Nacht im Wald ist zauberhaft

Was benötige ich zum Nachtwandern?

Bewegung und frische Luft, eine enge Verbindung zur Natur und Erholung pur warten auf die mutigen Nacht-Wanderer. Damit dir die Dunkelheit bei den Abenteuern nicht im Weg steht, solltest du gute Freizeitschuhe mit rutschfester Sohle, Regenschutz, Getränk, Reflektor-Band und natürlich eine Taschen- oder Stirnlampe mitnehmen. Am besten gehst du auch nicht gleich allein. Die Gruppe bietet Sicherheit und gemeinsam Erlebtes prägt uns oft noch tiefer. Es ist zudem ratsam, die geplante Nachttour schon einmal am Tage bewältigt zu haben. So kann man sich noch intensiver auf die Wander-Momente einlassen.