Magie aus Müll

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Wie wahr! Der britische Designer Stuart Haygarth erkannte bei einem Strandspaziergang den Reiz herumliegender Plastikteile. Die Kronleuchter, die er daraus fertigt, haben seiner Karriere eine rasante Wendung und einen ordentlichen Boost verpasst.

Es war ein Spaziergang in der Natur im Jahr 2003, der Stuart Haygarths Leben nachhaltig veränderte. Der damalige Illustrator hatte seinen Hund ins Auto geladen und war mit ihm zwei Stunden südöstlich aus der englischen Hauptstadt heraus nach Dungeness gefahren. Beide mussten raus aus dem hektischen Leben Londons und an der Küste von Kent frische Luft schnuppern. „Am Strand fand ich interessante Dinge. Ich habe schon immer gerne gesammelt und mich faszinierten weniger die üblichen Muscheln und Steine im Sand, sondern vom Menschen gemachte Objekte“, erinnert sich der Brite.

© Stuart Haygarth, Kronleuchter BARNACLE

Der Absolvent des Exeter College of Art and Design hatte im Studium und bei seiner Arbeit einen ganz eigenen Blick auf die Welt entwickelt. Je mehr spannende Teile er am Strand entdeckte und in seine Tasche steckte, desto mehr Ideen kamen ihm, was er mit den bunten Fundstücken anfangen könnte. Aber zunächst einmal sammelte er weiter. Aus einem Spaziergang wurden viele Weitere, und zu Hause wuchs das Archiv aus dem, was das Wasser ans Land schwemmte. Haygarth säuberte die Plastikteile und sortierte sie anschließend nach ihren Farben und Funktionen.

Als erstes Design entstand der ikonische Kronleuchter „Tide“ aus der ungewöhnlichen Sammlung. Das kreisrunde Arrangement mit einem beachtlichen Durchmesser von 150 cm ist von einer außergewöhnlichen Schönheit. Dass es sich bei dem sorgsam kuratierten Sammelsurium um der Müllhalde geweihte Plastikteile handelt, ahnt man auf den ersten Blick nicht. Erst bei genaueren Hinsehen lassen sich Sandschippen, Flaschen, Haarreifen, Küchensiebe, Trinkhalme, Kämme und sogar zerbrochene Kunststoffscherben entdecken.

© Stuart Haygarth, Kronleuchter TIDE

„Tide“ zählt auch heute noch zu Haygarths erfolgreichsten Arbeiten. Er hat den Leuchter inzwischen in unterschiedlichen Farben und verschiedenen Größen als Editionen angefertigt. Jedes Stück ist ein Unikat – das versteht sich von selbst. Denn immer sind die zum Einsatz kommenden Fundstücke anders. „Obwohl sich die Leuchten aus der Entfernung witzigerweise sehr ähnlich sehen.“ Aber nicht nur die ausgesuchte Schönheit der Leuchten macht ihren Erfolg aus, sondern auch ihr starkes Konzept. „Die sphärische Form ist eine Reverenz an den Mond, der mit seiner Anziehungskraft maßgeblich den Ablauf der Gezeiten beeinflusst. Ebbe und Flut schwemmen wiederum den Plastikmüll erst an den Strand.“ Gleichzeitig spielt sein Lüster mit dem Mondschein. Jedes einzelne Teil besteht aus transparentem oder transluzentem Kunststoff, sodass das Licht geradezu magisch durch sie hindurchscheinen kann.

Dass die weggeworfenen Objekte vom Strand das Berufsleben des Designers auf den Kopf stellen sollten, zeichnete sich bald nach der ersten Präsentation ab. Gemeinsam mit zwei weiteren aus Fundstücken gearbeiteten Werken zeigte er den Kronleuchter „Tide“ beim London Design Festival. Aber Publikum und Presse mochten das Spiel der Kronleuchter aus Pomp und Trash. Auch, weil es den Zeitgeist so schön traf. Schon seit Jahrhunderten hatten Künstler gefundene Objekte als Materialien benutzt. Daraus aber etwas Neues, Sinnvolles, Hochwertiges und gleichzeitig ungeheuer Schönes zu schaffen, war ganz im Sinne der Upcyclingbewegung, die in den 00er-Jahren richtig Fahrt aufnahm.

© Stuart Haygarth, Kronleuchter TIDE (Nahaufnahme)

Wie stark der Bedarf nach nachhaltigen Entwürfen wurde, konnte Haygarth am eigenen Leib erleben. Die Nachfrage nahm zu und bald blieb für die Tätigkeit als Illustrator keine Zeit mehr übrig. Heute wird der Designer von der renommierten Carpenters Workshop Gallery mit Niederlassungen in London, Paris, New York und San Francisco vertreten. Seine Arbeiten sind in den Ausstellungen namhafter Häuser wie dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, dem Museum of Arts and Design in New York oder dem Design Museum in London zu erleben. Die Auftraggeber reichen von Privatleuten über Modelabels wie Comme des Garçons bis hin zu Konzernen wie Coca-Cola.

Auch knapp 20 Jahre nach dem Strandspaziergang zieht sich Nachhaltigkeit durch Haygarths Werk. Die Herangehensweise folgt immer derselben präzisen Methode: Alle Einzelteile werden nach Farbe sowie Funktion geordnet und dann wie ein riesiges 3D-Puzzle arrangiert. Neben Upcycling spielen heute aber auch „Repurpose“-Objekte eine Rolle, sprich Lüster wie „Flame“ aus zweckentfremdeten Dingen wie Gläsern, Vasen oder Tellern. „Inzwischen finde ich nicht mehr alle Materialien in der Natur, sondern kaufe Dinge auf ebay oder dem Flohmarkt.“ Hierbei handelt es sich also nicht um Müll, sondern um kleine Schmuckstücke, die zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen. Auch die Leuchte „Comet“ setzt auf Zweckentfremdung. Für sie benutzt der Designer Tausende von Acrylstücken, die in der Fotografie für Shootings von Champagner oder anderen Getränken zur Darstellung von Eis verwendet werden.


Die Sammelleidenschaft beschränkt Haygarth inzwischen auf seine beruflichen Aktivitäten. Ich habe schon immer Dinge auf der Straße eingesammelt“, sagt er. Über die Jahre sind allerdings so viele Objekte zusammengekommen, dass eine Lagerhalle außerhalb von London dafür her musste. Die Beschaffung interessanten Plastiks für die „Tide“-Leuchten an den Küsten Englands wird hingegen immer schwerer. So viel Müll wie noch vor einigen Jahren ist dort nicht mehr zu finden, was wohl weniger an schwindenden Plastikmengen im Meer als an kommunalen Aufräumaktionen liegt. Haygarth selbst hat dort seiner eigenen Schätzung nach im Laufe der Jahre einige Tonnen Plastik weggetragen. „Ich empfinde das als einen positiven Nebeneffekt meiner Arbeit. Aus Umweltperspektive ist es natürlich gut, dass der Abfall vom Strand verschwindet. Auf welche Art und Weise auch immer.“

Stuart Haygarth wurde 1966 in Whalley, Großbritannien, geboren. 1988 absolvierte er sein Studium am Exeter College für Kunst und Design. Haygarth begann seine Karriere als Fotograf, daher spielten Licht und Umwelt immer eine wichtige Rolle in seiner kreativen Arbeit. 2003 begann er, durch Skulptur seine Kreativität auch in der dritten Dimension auszudrücken. 2016 brachte Haygarth gemeinsam mit Art Books Publishing STRAND heraus, eine fotografische Dokumentation jener von Menschen gemachten Objekte, die er auf dem 800 Kilometer langen Strandabschnitt zwischen Gravesend und Land’s End gesammelt hat.


Übrigens: Ozeane säubern und aus Müll etwas Neues zu machen, ist auch Jack Wolfskin ein Anliegen. In Kooperation mit Seaqual Initiative bekommt Meeresplastik ein neues Leben als T-Shirt Kollektion.