Expedition in die größte Lavahöhle der Welt

Mitten im Pazifik, 3680 km von der US-Küste entfernt, liegt Hawaii oder wie die Amerikaner sagen „Aloha State“, der 50. Bundesstaat der USA. Big Island ist die größte Insel des Archipels. 

Nein, wir bekommen keinen Blumenkranz umgehängt, denn heute muss man das sogenannte „Lei Greeting“ extra bestellen. Wir sind auf dem Weg zur größten Lavahöhle der Welt, der Kazumura Höhle. Etwa 20 Kilometer südlich der Stadt Hilo gelegen, ist sie mit über 68 Kilometern die längste und mit einer Höhendifferenz von 1100 Metern die tiefste Lavahöhle, die es auf der Erde gibt. 

andreas trail cave jack wolfskin
Copyright Kenneth Ingham

Bekannt waren einige der etwa 100 Eingänge zur riesigen Kazumura-Höhle auf der windzugewandten, regenreichen Seite der Insel schon länger. Für die polynesischen Ureinwohner waren die Eingänge das Tor zu einer mystischen Unterwelt. Man findet hier zahlreiche in den Lavafels gehauene Skulpturen und Zeichnungen für rituelle Zwecke.

Nachdem wir unsere Ausrüstung überprüft haben, geht es über moosbewachsene Basaltbrocken hinein. Die Höhle weist an einigen Stellen die seltsamsten Formen auf. Was früher einmal mit 2000 Grad Celsius heißem Magma gefüllt war, ist heute ein echtes Abenteuer mit einer Vielfalt an bis zu 20 Meter breiten Gängen und 17 Meter hohen erstarrten Lavafällen. Der ultimative Anreiz unserer Expedition.

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Copyright Alexandra Bengel

Alle Eingänge zur Höhle waren das Heiligtum der Feuergöttin Pele und deshalb wagte sich niemand hinein. Viele hawaiianische Ureinwohner betrachten Lavahöhlen als heilige Stätten, weil sie häufig auch als Begräbnisstätten genutzt wurden. In der hawaiianischen Tradition enthalten die Knochen die spirituelle Energie einer Person und dürfen nicht unnötig gestört werden. Wenn menschliche Überreste in einer Lavaröhre gefunden werden, so gilt das gesamte Höhlensystem von Anfang bis Ende als heilig. Das Problem ist, dass niemand wissen kann, ob eine bestimmte Höhle für alte Bestattungen genutzt wurde, bevor sie nicht vollständig erforscht wurde.

Viele lehnen es daher kategorisch ab, sich in Lavahöhlen zu begeben, vor allem aus Respekt vor dem, was sie dort finden könnten. Früher wurde, wer gegen bestimmte Gesetze verstieß, tief in die Höhle gebracht. Ohne Feuerfackel oder Orientierungssinn galten alle, die es wieder hinaus schafften, als von der Feuergöttin gesegnet und durften weiterleben. Wir schalten das Licht aus. Des Augenlichts beraubt, fühlt man sich demütig. Wie muss es gewesen sein, weit vom Höhleneingang entfernt zum Sterben zurückgelassen zu werden, ohne ein Gefühl für Richtung, Zeit, Raum oder sich selbst? Das alles geht in der Dunkelheit verloren und es ist kein Wunder, dass viele es nicht mehr herausgeschafft haben. Vollkommenste Dunkelheit, absolut Schwarz. Wir knipsen das Licht besser wieder an.

Aber auch wenn die modernen Hawaiianer den Lavahöhlen eher misstrauisch gegenüberstehen, so haben ihre Vorfahren sie doch häufig genutzt. Viele Eingangsbereiche weisen auf prähistorische Behausungen mit Feuer- und Schlafstellen hin. In Kriegszeiten wurden längere Lavaröhren als Zuflucht genutzt, um Frauen, Kinder und Ältere zu verstecken. In einigen Fällen wurden Steinmauern über die Höhleneingänge gebaut, mit einem Durchgang gerade so groß, dass eine Person noch hindurch klettern konnte.

andreas trail jump cave  jack wolfskin
Copyright Kenneth Ingham

Schätzungsweise enthält jede zweite Höhle auf Big Island archäologisches Artefakt. Lavahöhlen waren oft der beste Ort, um Süßwasser zu finden. Tief im Inneren und Hunderte von Metern von den Eingängen entfernt, stößt man noch heute auf Überreste von Fackeln und Steinringen, die einst Gefäße stützten, mit denen Tropfwasser von der Höhlendecke aufgefangen wurde.

Heute kann man mithilfe des Internets eigentlich jeden beliebigen Punkt auf der Erde anschauen. Nur Höhlen, die Tiefsee und der Weltraum sind die letzten unbekannten Flecken auf unserem Planeten. Oft reicht für die Erkundung einer Höhle wenig Ausrüstung und man kann an einen unerforschten Ort gehen und etwas Neues entdecken und der einzige Mensch in der Geschichte sein, der ihn je zu Gesicht bekommt. Denn sogenanntes Neuland ist immer auch das Ziel von Höhlenforschern. Man bezeichnet die Höhlenforschung gerne als die Raumfahrt des kleinen Mannes. Und Höhlen gibt es überall auf der Erde. 

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Copyright Alexandra Bengel

Zur Regenzeit im Winter bilden sich Tausende Wassertropfen, die im Lichtkegel unserer Stirnlampen wie ein atemberaubender Sternenhimmel wirken. Wenn man leise ist, hört man nach einer Weile das Tropfen, es klingt erstaunlich laut. Neben dem Geräusch unseres Atems ist es das Einzige, was wir hören. Die Wände sind nicht glatt, erscheinen aber oft so. An einigen Stellen ist der Boden übersät mit scharfkantigen Gebilden, sogenannten “Corn Flakes”. Dabei handelt es sich um scheibenförmige Gesteinsbrocken, die einst auf den Lavaströmen transportiert wurden und aufgrund ihrer Zusammensetzung fest mit der darunter liegenden Lava verbunden waren.  Als die Lava abkühlte, blieben diese Flocken auf dem Höhlenboden oder an den Wänden zurück. 

Die meisten Höhlen entstehen im Kalkgestein und es braucht Millionen von Jahre, bis sich kohlensäurehaltiges Wasser ins Gebirge einschneidet, den Kalkstein auflöst und große Höhlensysteme bildet. Bei Lavahöhlen ist das ganz anders. Sie entstehen meist sehr schnell und sind oft nicht besonders alt. Es ist wenige Jahrhunderte her, dass Lava durch die Höhlengänge geflossen ist. Die Lavaröhren sind mit verrückten Ornamenten geschmückt und scheinen auf einen anderen Planeten zu gehören. Lavazapfen hängen wie Stalaktiten von den Wänden und Decken herab und nehmen die unterschiedlichsten Formen an. Lange, hohle Strohhalme, die während der Abkühlung der Höhle durch Gas aus der Decke gepresst wurden, hängen in dicken Büscheln. An einigen Stellen bröckelt die silbrige Magnesioferrit-Glasur der Höhle wie abblätternde Farbe von den Wänden. 

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Copyright Alexandra Bengel

Ein Kriechgang, an der die Decke weniger als einen Meter über dem scharfkantigen, gezackten Boden abfällt, führt uns tiefer in die Höhle. Nein, das ist kein Spaß, wenn man sich bäuchlings im engen Gang vorwärts windet und die Kleidung auf dem zerklüfteten Boden hörbar leidet. Der Gang ist so eng, dass nicht einmal unsere Helme durchpassen, also nehmen wir sie ab und schieben uns Stück für Stück vorwärts in die nächst größere Halle, wo wir wieder aufrecht gehen können. Vieles hier ist scharfkantig und kann Kleidung und Haut zerschneiden. Auch über uns lauern Gefahren, denn Lavabrocken können abbrechen und herunterfallen.

Die basaltischen Schildvulkane von Hawaii haben einige der tiefsten und längsten Lavahöhlen der Welt hervorgebracht – Tunnel, die von Flüssen aus heißer Lava gegraben wurden. Ein Vulkanausbruch kann innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten kilometerlange Lavahöhlen bilden und viele dieser Tunnel schlängeln und kreuzen sich unter der Oberfläche von Hawaiis Big Island. Kazumura dagegen ist eher ein einziger langer, oft großer und gerader Tunnel, der teilweise so breit und hoch ist, dass man meinen könnte, er sei für eine U-Bahn gemacht. Die erste Durchquerung fand aber erst 1995 statt und dauerte zwei Tage, trotzdem ist noch lange nicht alles erforscht. Einige Menschen auf dieser Insel leben direkt über der Höhle und wissen nicht einmal, dass es sie gibt.

Für die Schrammen und blauen Flecken werden wir damit entschädigt, dass wir an einem Ort sind, an dem bisher nur sehr wenige Menschen waren. Unsere Zeit unter der Erde ist eigentlich viel zu kurz und wir müssen den langen und mühsamen Weg wieder zurück. Schon bald sehen wir ein schwaches Leuchten, das das Ende unserer Reise anzeigt. Sonnenlicht. Eine Rückkehr zum Vertrauten.