Geht das nicht leiser?

Niemand sollte die Augen verschließen vor der Tatsache, dass Ohren anders als ihre visuellen Sinneskollegen keine Lider haben. Um uns vor unerwünschten Schallwellen zu schützen, müssen wir schon Hände, Ohrstöpsel, Kopfhörer, Kissen oder was sonst gerade dämpfend zur Hand ist, nutzen. Grundsätzlich haben die Ohren 24/7 geöffnet, sogar nachts, und kein Türsteher verhindert, dass ungebetene Gäste (aka Lärm) sich jederzeit Zugang zu unserem Bewusstsein verschaffen können. Als Lärm bezeichnet man gemeinhin das, was unerwünscht ist: ein Störgeräusch ist nur ein unerwünschter Klang.

Lärmverschmutzung ist überall

Natürlich gibt es jede Menge Klänge, auf die wir gern verzichten würden, die aber leider unerlässlich sind für die allgemeine Kommunikation zwischen Menschen. Wir wollen gar nicht über leicht weggetreten erscheinenden Lautsprechfanatikern in U-Bahnen den Stab brechen, auch wenn es schon spannend wäre, einen Namen für das Audio-Pendant des berühmten Tunnelblicks zu ermitteln. Aber es gibt eben auch ganz zurecht was auf die Ohren, um uns zu warnen oder Bescheid zu geben, dass etwas beginnt oder endet. Es gibt krasse Geräusche als Begleiterscheinung wichtiger Tätigkeiten (Baulärm! Polizeisirenen? Marktschreier! Müllabfuhr?). Daneben, da drin und drumherum entsteht das, was man bei Augenmaß visuelle Verschmutzung nennt und was in noch stärkerem, weil unbewusster einsickerndem Maße, auch für das Hören gilt: Umweltverschmutzung, i.e. Noise Pollution ist überall!

Okay, die Blätter im Herbst sollen weg, aber muss das wirklich einhergehen mit den gefühlten zehntausend Dezibel, die aus den benzinbetriebenen, an Flammenwerfer erinnernden, Höllenmaschinen strahlen?

Denn spätestens wenn der Nutzen einer Tätigkeit sowie die Effektivität eines Arbeitsvorgangs im absoluten Missverhältnis zur erzeugten Geräuschkulisse steht, stellt sich die Frage: Geht das nicht leiser? Und was ist das überhaupt für ein Lärm, der da lautstark und selbstsicher den ohnehin rar gesäten Momente annähernder städtischer Stille die Tür weist, um raumgreifend an unseren Nerven zu zerren? 

Da gibt es zum Beispiel die Laubbläser, die zumindest mich leicht zu einer wahnhaften Existenz wie Tim Robbins sie in dem großartigen Film Noise führt, verdammen könnten. Okay, die Blätter im Herbst sollen weg, aber muss das wirklich einhergehen mit den gefühlten zehntausend Dezibel, die aus den benzinbetriebenen, an Flammenwerfer erinnernden, Höllenmaschinen strahlen? Wenn die maximal aggressiven, stoßweise das Bewusstsein erschütternden Zahnbohrschmerzgeräusche durch den Kiez dröhnen, kann man sicher sein, dass innerhalb nur weniger Stunden Blätter in zweistelliger Höhe einen halben Meter von links nach rechts und wieder zurück gepustet werden. 

Bei einem Einsatz von nur vier bis fünf Laubbläsern, die zwei- bis dreimal pro Woche ab 6 Uhr morgens oder in der Mittagszeit durch wenige Quadratmeter Hinterhöfe und Straßen ziehen, können solche Arbeiten also schon nach wenigen Monaten, pünktlich zum Frühling abgeschlossen werden, um danach direkt die vom Winter übrig gebliebene Schlacke mit ebenso viel Trara gemächlich durch die Gegend zu pusten. Gemächlich, weil die Arbeiter selber gottseidank Hörschutz tragen, wie es sonst bei normalen Presslufthammerarbeiten oder herkömmlichen Panzerfahrten üblich ist. 

Unabhängig davon, ob es wirklich so viel mühsamer wäre, dem Laub mit Besen und Rechen zu Leibe zu gehen, da diese nicht nur günstiger und leiser, sondern sogar angenehme (!) Geräusche zu erzeugen imstande sind, ist das natürlich großstadtneurotisches Leiden auf hohem Niveau. Denn wo wir zur Not temporär in der heimischen Badewanne untertauchen können, um allenfalls uns selbst zu hören, ist eine unermesslich große Anzahl an Bewohnern des Planeten Erde noch ganz anders tönenden, potenziell tödlichen Belastungen ausgesetzt.

Schall reist fünfmal schneller durchs Wasser als durch die Luft. Man kann erahnen, wieviel gravierender Noise Pollution für die Bewohner*innen der Meere ist.

Allein, der anthropozentrische Begriff ‚Planet Erde‘ ist schonmal falsch. Wir leben nämlich auf dem Planet Meer. 70 Prozent des Planeten sind von Wasser bedeckt und wir wissen wenig oder gar nichts über das Leben der Arten, das sich dort abspielt. Was wir aber wissen, ist zum Beispiel, dass bislang noch kein Lebewesen im Meer entdeckt wurde, dass taub wäre. In tiefsten Tiefen, wo kein Licht hinkommt, nützt das Sehen mit den Augen allein eben nichts. Kommunikation, Orientierung, die Jagd, die Fortpflanzung, das Leben, schlichtweg alles ist vom Hören abhängig. Nimmt man die Tatsache hinzu, dass der Schall durchs Wasser fünfmal schneller reist als durch die Luft, kann man erahnen, wieviel gravierender Noise Pollution für die Bewohner*innen der Meere ist. 

Denn, ob es der Lärm des weltweit zunehmenden Containerschiffsverkehrs ist, die Meeresboden erschütternden Stampf- und Bohrgeräusche von Plattformen und Bohrinseln der fossilen Brennstoffindustrie oder militärische Schiffs- und U-Boot Manöver – alles trägt dazu bei, eine Welt zu verstören, die wir kaum kennen, die uns aber bereits von der schlechtesten Seite kennengelernt hat. Insbesondere Walen wird das Leben schwer gemacht, sodass zumindest die Bemühungen zur Entwicklung von Techniken zur Eindämmung der Noise Pollution  unter Wasser sehr zu begrüßen sind.

Dass vor diesem Hintergrund nun gerade eine neu entdeckte Kreatur der Tiefsee nach den Mainstreamrockern von Metallica benannt wurde, mag da als typisch menschlicher Treppenwitz erscheinen, wäre es doch imho angebrachter, einem stillen Seele-bewesen viel eher Arvo Pärt als namenspendenden Paten zuzuweisen. Aber über den Musikgeschmack von Meeresbiologen kann man lange streiten.

Jede Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung, jedes bewusste Empfinden ALLER Sinne, eben nicht nur der visuellen, kann uns helfen, Quellen von Audio-Stress für uns selbst und also auch für andere bewusster wahrzunehmen und damit umzugehen. Es geht nicht darum, sich von der Größe eines problematischen Phänomens entmutigen zu lassen oder sich in Nebenhörplätzen zu verlieren, sondern zu erkennen, wie wichtig es ist, auch und insbesondere in einer immer lauter werdenden Welt überflüssige Luft-(remember: der Schall fliegt)-Verschmutzung zu orten und zu vermeiden.

Denn so unnötig es wäre, einen wundervollen Ort relativer Ruhe, wie ihn z.B. eine öffentliche Bibliothek darstellt, mit Pauken und Trompeten (und Lautsprecheinrichtungen!) zu durchpflügen, so überflüssig ist es, auf einem stadtnahen Badesee mit dem Speedboat rumzucruisen. Da reicht eine Luftmatratze vollkommen aus, auf der liegend man sich obendrein sogar persönlich beim kleinen Wassermann dafür entschuldigen kann, dass man mal wieder seine Mittagsruhe gestört hat.