Seeking Darkness: Jack Wolfskin X Studio Jamal Ageli

In seinem Editorial Seeking Darkness für Jack Wolfskin durchleuchtet der Fotograf und Videokünstler Jamal Ageli nicht nur den Mythos Natur, sondern auch die aktuelle Hiking Kollektion.

Die gängige Darstellung von perfekten Landschaften und unberührter Natur empfindet Jamal Ageli als oberflächlich, „sie hindert uns daran, über Problemlösungen zur Umweltverschmutzung oder zum Klimawandel nachzudenken.” In seinen eigenen Arbeiten versucht er deshalb, die Umwelt ein bisschen realer darzustellen. Für Jack Wolfskin hat der Fotograf und Videokünstler eine mystische Reise in den Nachthimmel unternommen und dabei nicht nur den Mythos Natur, sondern auch die aktuelle Kollektion genauestens be- oder besser: durchleuchtet.

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Jamal Ageli ist einer der wenigen Künstler, die Teil der Moon Gallery sein werden, der ersten Ausstellung auf dem Mond. Der Testlauf zur ISS lief erfolgreich, bald kann Jamals Werk „The Cosmic Tree“, der in Quarz gegossene „Fingerabdruck“ eines Baumes auf dem Mond bestaunt werden. Hier werden die Kunstwerke 2025 installiert. Überhaupt ist der Weltraum Jamals Thema, spätestens seit er bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA ein Praktikum absolvierte. Außerdem liebt er seine Arbeit draußen und hat ein Faible für Outdoor-Mode und Streetwear. Für Jack Wolfskin dokumentierte er eine fiktionale Wanderung zu einem echten Berggipfel. Doch die Gruppe ist nicht allein unterwegs und der nicht ganz so exklusive und makellose Sternenhimmel offenbart am Ende noch allerhand andere leuchtende Dinge. Allzu romantische Vorstellungen demontiert Jamal gerne in seinen Bildern, ohne aber das Erlebnis zu entzaubern. Vielmehr vermag er Abenteuer ins hier und jetzt zu rücken, in eine authentischere Realität, die nicht weniger spannend ist.

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Wann und wie hat deine Leidenschaft für Fotografie begonnen?

Mit 12. Als mein Stiefvater erblindete, schenkte er mir seine analoge Kamera aus den 1970ern. Damals waren bei solchen Kameras noch so kleine, ca. 300-Seiten-starke Büchlein mit dabei, in denen nicht nur die Bedienungsanleitung, sondern alles mögliche übers Fotografieren stand. Das hab ich gelesen und bin dann losgezogen. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal durch die Linse schaute und dachte, „Hey, das ist ja cooler als die Realität!“ Und da ich aus einer eher ländlichen Gegend komme, war die Natur praktisch mein erstes Model. Inzwischen ist mein Hobby zu meinem Beruf geworden.

Du studierst im letzten Semester Fotografie in den Niederlanden, hast bereits viele Ausstellungen und Projekte realisiert. Wie entstand die Zusammenarbeit mit Jack Wolfskin?

Ich bin totaler Outdoor- und Streetstyle-Fan und mag diese Mode sehr, zum Beispiel auch die Kollaboration zwischen Jack Wolfskin und GMBH. Die Grenze zwischen Outdoor und Streetstyle verschwimmt immer mehr. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir gerne etwas erleben und dass es sich noch besser anfühlt, wenn wir gut gekleidet sind. Mich interessiert aber auch die Darstellung von Mode. In Jack Wolfskin Shootings sieht man die Outfits fast immer nur perfekt ausgeleuchtet und bei Tageslicht. Ich wollte für Jack Wolfskin mal etwas komplett Neues ausprobieren, die Sachen so zeigen, wie es noch keiner getan hat.

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Welche Story erzählt deine Jack Wolfskin Fotostrecke?

Die fiktionale Geschichte, die im Shooting erzählt wird, ist die einer jungen Gruppe, die sich trifft, um auf einen Gipfel zu gehen und in die Sterne zu schauen. Der Weg ist anstrengend, führt bergauf, durch dichten Nebel, und oben angekommen werden die Protagonisten ein wenig desillusioniert, da statt hübscher Sternbilder und der Milchstraße Satelliten samt ihrer Laufbahnen am Himmel zu sehen sind.

Das ist natürlich auf die Spitze getrieben, in Wahrheit sieht man die nicht alle, oder?

Nein, die meisten Satelliten kann unser Auge nicht wahrnehmen – aber die Kamera kann es! Gleich nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang sieht man sie am besten. Denn anders als Flugzeuge blinken Satelliten zwar nicht, ihre metallische Oberfläche reflektieren Sonnenlicht aber sehr gut, weshalb sie diese konstant leuchtenden Punkte am Nachthimmel bilden. Wenn man den Himmel eine Stunde lang belichtet und daraus ein einzelnes Standbild macht, sieht man die Masse an Satelliten und ihre Laufbahnen.

Wie bist du auf die Idee mit den Satelliten gekommen, was begeistert dich am Sternenhimmel?

Während eines Praktikums bei der Europäischen Raumfahrtorganisation kam ich in Kontakt mit Wissenschaftlern und Observatorien. Ich hab mich dann in das Thema eingelesen, in ein Teleskop mit enormer Brennweite investiert und astronomische Aufnahmen gemacht. Wenn man zu Beginn noch den Anspruch hat, einen makellosen Sternenhimmel zu zeigen, fällt auf, wie viele Aufnahmen man pro Nacht löschen muss, weil ein Satellit oder sonstiges Flugobjekt durchgeflogen ist. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man stattdessen genau das zeigen sollte – weil es Realität ist. Jedenfalls wollte ich persönlich keine unrealistischen Vorstellungen mehr reproduzieren.

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So bekommt dein künstlerischer Ansatz noch einen politischen Aspekt. Es geht dir offensichtlich nicht nur darum, die Mode perfekt in Szene zu setzen?

Auch. Die Serie für Jack Wolfskin umfasst viele Bilder, aber das Satellitenbild ist quasi das Core Image. Ich finde die aktuelle Entwicklung im Weltraum interessant. Auf der Erde haben wir den Klimawandel und kämpfen gegen die Umweltverschmutzung. Parallel wird auch der Himmel immer voller. Tausende Satelliten werden da hoch katapultiert und es werden immer mehr. Und wenn ich heute den Himmel fotografiere, gibt es nun mal diese vielen Striche, die mir durchs Bild fliegen. Diese neue Realität verändert nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Arbeitsweise. Inzwischen mache ich die Laufbahnen lieber sichtbar, anstatt sie herauszulöschen.

Deine Bildsprache passt super zur Story und Inszenierung und ist insgesamt eher ungewöhnlich für eine Modestrecke: Du fotografierst nachts und es sieht so aus, als würdest du die einzelnen Jacken, Rucksäcke, Schuhe genau durchleuchten…

Ja. Bei unserem Shooting war es größtenteils dunkel und ich arbeite mit einer Wärmebild-Kamera und durchleuchte damit wortwörtlich die Klamotten. Ein bisschen wie in typisch deutschen TV-Reportagen, in denen Dinge genau unter die Lupe genommen werden, um zu schauen, was die Sachen taugen. Aber das ist nur eine Analogie mit Augenzwinkern. Fasziniert hat mich an der Arbeit vor allem der ästhetische Aspekt. Das Lichtspektrum, erweitert um das Infrarot-Spektrum, hat sehr gut gepasst, zumal es bitterkalt bei unserem Shooting war und tolle Effekte hervorgebracht.

So wirken deine Bilder beinahe surreal. Welche Elemente haben inhaltlich eine Rolle gespielt?

Ich hatte mir überlegt, wie man das Irdische mit dem Kosmischen und Astronomie mit Outdoor-Fashion verbinden kann. Und natürlich wollte ich das, was Jack Wolfskin als Brand mitbringt, mit etwas Neuem, einer ganz eigenen Bildsprache kombinieren. Die Geschichte dagegen ist zwar eine fiktionale, die aber durchaus genau so ständig irgendwo stattfindet. Nur eben nicht so festgehalten wird.

Wie passt das zu Jack Wolfskin?

Perfekt. Bei Jack Wolfskin geht es ja auch um Glaubwürdigkeit, darum, authentisch zu sein und Aufmerksamkeit für unsere Umwelt zu schaffen. Und ich denke, Outdoor-Mode steht in gewisser Weise im Zentrum dieser Entwicklung, da sich ja ihre natürliche Umgebung verändert – egal, ob nun die kosmische oder die irdische. Outdoor-Fashion muss sich neuen Gegebenheiten stellen und anpassen.

Viele deiner Arbeiten sind stark atmosphärisch und zeichnen futuristische Stimmungsbilder nach dem Motto: „Aufbruch in eine ungewisse Zukunft“. Bist du eher Team Utopie oder Team Dystopie?

Die Vorstellung vom alternativen Lebensraum und Kolonien auf anderen Planeten fasziniert mich nur aus künstlerischer Sicht, persönlich bin ich kein Fan von solchen Ideen. Das lenkt auch zu sehr von den Problemen auf unserer Erde und den Diskussionen, die wir führen müssen, ab. Das gilt ebenso für die Darstellung von Natur bzw. Landschaft: Die ist ja immer schön und oberflächlich betrachtet sieht auch alles noch in Ordnung aus, obwohl es weniger Wald oder Schmetterlinge gibt. Solche Probleme werden in der Werbung selten thematisiert. Das Bild mit den Satelliten ist deshalb ein Versuch, die Umwelt ein bisschen realer darzustellen.

Und die Satelliten werden ja niemanden davon abhalten, weiterhin nach den Sternen zu schauen, oder?

Natürlich nicht. Wir werden weiterhin rausgehen und versuchen, uns mit der Natur zu verbinden. In Zeiten so krasser Entfremdung durch die Digitalisierung braucht man das einfach. Aber auch die Art, wie wir uns in der Landschaft bewegen, ist stark von der Digitalisierung geprägt. Überall wird gleich das Handy rausgeholt und der Urlaub wird an der Foto-Ausbeute gemessen, die in den sozialen Netzwerken hochgeladen wird. Ich bin nach wie vor am liebsten draußen. Inzwischen denke ich aber auch, sich mit der Landschaft zu beschäftigen, ist immer auch politisch. Wir müssen einen Weg finden, die romantische Vorstellung zu überwinden. Denn sie hindert uns daran, über Problemlösungen zur Umweltverschmutzung oder zum Klimawandel nachzudenken. Da ist jeder in seiner eigenen Darstellung der Umwelt gefragt, aber eben auch die Werbung, die in vielen Fällen immer noch sehr einseitige Realitäten abbildet.

Was bedeutet Natur für dich?

Ich versuche eher den Begriff Landschaft zu verwenden. Natur wird immer mit etwas „Externem“, was nichts mit einem selbst zu tun hat, assoziiert, mit etwas „da draußen“. Und da muss man dann hin und die Natur erfahren. Dabei ist Natur ja ein Teil von uns beziehungsweise wir sind Teil der Natur. Wenn man in urbaneren Regionen lebt, empfindet man eine noch stärkere Entfremdung. Parks und Grünanlagen sind ja ganz nett, aber die meisten sehnen sich nach der sogenannten puren, echten Natur. Und da beginnt eine romantische Vorstellung kritisch zu werden. Ein Schlüsselmoment für mich war das Bild, welches vor ca. drei Jahren am Mount Everest entstanden ist: Menschen stehen und hocken in einer irre langen Schlange auf einem Bergkamm im Schnee, kurz vorm Ziel, um ihren 2-Minuten-Moment auf dem Gipfel zu haben und diesen mit der Kamera festzuhalten. Einige von ihnen sind in dieser Schlange gestorben, wegen Kräfte- oder Sauerstoffmangel. Dieses Bild ist für mich zum Inbegriff des heutigen Umgangs mit Natur geworden.

In einem Interview sagt Kami Rita, ein berühmter nepalesischer Sherpa und damals Bergführer einer der Gruppen in dieser Schlange am Mount Everest, dass solch eine Situation selten aber dann vorkommt, wenn mehrere Gruppen im letzten Lager auflaufen und auf besseres Wetter warten müssen, um schließlich gemeinsam zum Gipfel zu gehen. Inzwischen muss auch jeder einen Müllsack mitführen, nicht nur für seinen eigenen Abfall, sondern auch um etwas einzusammeln, was dort herumliegt – das ist nämlich das andere Problem am Mount Everest, der ganze Müll, der sich dort sammelt. Dann gibt es noch die Träger, die den Touristen ihre Ausrüstung den Berg hochtragen.

Ein absurdes Business. Und auch wenn dieses Bild nur eine Momentaufnahme ist, stellt es für mich doch das Kernproblem dar. Der Mount Everest ist nicht einmal der am schwierigsten zu besteigende Berg, aber der höchste, und der muss es für viele Menschen offensichtlich sein. Es muss immer krass sein und dann aber bitte Natur pur – und das ist eine Illusion, der sich die Menschen anscheinend hingeben.

Das ist mir auch in Island aufgefallen. Hier scheinen vor allem Touristen der gehobeneren Klasse unterwegs zu sein, sehr gut equipped, mit teuerer Profi-Kamera-Ausrüstung. Die Foto-Spots werden an der Straße ausgeschildert und vorgegeben. Interessant ist dann, wie die Reisenden ihr Bild, einen Wasserfall oder Ähnliches, „framen“. Denn man steht mit Hunderten am gleichen Ort und dennoch versucht jeder, es auf seinem Bild aussehen zu lassen, als sei niemand sonst da. Und so produziert sich diese romantische Idee von der vermeintlich unberührten Natur à la Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“, wie der Wanderer dort alleine und ganz episch auf dem Felsen steht und auf die neblige Landschaft schaut, immer weiter.

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Reiseorte als künstlich erschaffene Bühnenwelten. Aber gibt es nicht auch eine Trendwende hin zu mehr Realität in den sozialen Medien und in der Werbung? Weniger Photoshop und Gleichmacherei, stattdessen Diversität, echte Bilder, Geschichten, Sorgen und Alltag?

Einerseits gibt es eine Nostalgiewelle in allen möglichen Bereichen, als Reaktion auf die Entfremdung durch die Digitalisierung als eine Art Weltflucht. Es fing mit diesen Analog-Filtern bei Instagram an, die man über seine digitalen Bilder legen konnte, um eine falsche Authentizität zu vermitteln. Analoge Bilder wirken handgemacht und echt, so wie Vintage-Klamotten, die schon was erlebt haben und eine Geschichte erzählen. So kann man im Handumdrehen eine authentischere Vision von allem erschaffen.

Wo die Digitalisierung hinführt, ist spekulativ. Virtuelle Realität zum Beispiel ist eine logische Entwicklung. Die Grenzen zwischen Körper und Devices verschwimmen immer mehr, das Handy legt man kaum mehr aus der Hand. Wenn man sieht, was Social Media bereits in den letzten zehn Jahren mit uns gemacht hat, kann einem das Sorgen bereiten.

Aber ja, es gibt zum Glück auch Tendenzen zum Realismus in der digitalen Darstellung. Das habe ich für das Jack Wolfskin Shooting auch aufgegriffen: Man geht als Gruppe los und trifft unterwegs weitere Leute, die das gleiche Ziel haben. Am Ende kommt man irgendwo gemeinsam an, mit vielen anderen. Und sieht auch Satelliten. Und das ist okay. Und das ist real.

Danke Jamal Ageli, für das großartige Fotoshooting und das interessante Gespräch.

Jamals Projekte und Arbeiten findet man auf seiner Webseite:

Jamal-Ageli.com