Der Jakobsweg – Eine Pilgerreise in Plastikponchos


Die Schauspielerin Shirley MacLaine lief 1994 den Camino de Santiago, da war sie gerade 60. Danach sprach sie im National Public Radio über ihre Erfahrungen. Meine sportliche Mutter war damals in ihren Vierzigern, hatte gerade eine lebensbedrohliche Krankheit überstanden und als sie das Interview im Radio hörte, wusste sie sofort, dass auch sie diesen Weg gehen wollte. „Sie steht doch auf Reinkarnation und all so verrückte Zeug“, sagte meine Mutter. „Mit diesem Kram kenne ich mich nicht aus. Aber als sie über den Camino sprach, hat es mich wirklich angesprochen.“

Meiner Mutter spukte dieser Wanderung schon lange im Kopf umher. Sie hatte den Krebs zum zweiten Mal besiegt und wurde dank meiner Brüder Großmutter. Endlich, zwanzig Jahre nachdem Shirley MacLaine ihren Weg lief, trafen meine Mutter und ich uns in Paris und nahmen den TGV Richtung Süden nach Saint-Jean-Pied-de-Port an der spanischen Grenze.

Viele Wege führen nach Santiago de Compostela

Meine Mutter hatte eine achttägige Wanderreise organisiert. Sie hatte eine Menge recherchiert und herausgefunden, dass man den ganzen Weg nicht auf einmal absolvieren muss. Man kann ihn in Teilabschnitten laufen, nach Hause fahren, und jedes Jahr wieder dort anfangen, wo man aufgehört hatte. Tatsächlich würden wir noch herausfinden, dass es gar nicht so etwas wie den „ganzen Weg“ gibt. Es ist nämlich nicht nur so, dass es sehr viele verschiedene Routen Richtung Santiago de Compostela gibt, sondern vielmehr der Weg bereits beginnt, wenn man den ersten Schritt vor die Tür setzt – und demzufolge ist jedermanns Weg einzigartig. 

Camino de Santiago

Während Shirley MacLaine ohne Geld gereist war, um Essen gebettelt hatte und in den refugios unterkam, hatten wir uns für eine bequemere Variante entschieden. Ein Gepäckservice fuhr unsere Sachen von Hotel zu Hotel entlang der Camino Francés, die meine Mutter für uns ausgesucht hatte. In unseren Rucksäcken trugen wir nur das Nötigste für den Tag: etwas Geld, Wasser, Pflaster, Sonnenschutz, einen extra Pulli. Ich packte noch eine Windjacke in neon-orange ein, die meine Mutter für mich gekauft hatte, ich aber nie getragen hatte, weil ich fand, dass sie extrem uncool aussieht.

Ich dachte, dass es ziemlich entspannt wird – wir waren in Kalifornien gewandert, wo alles für Autos ausgelegt ist, aber das hier war schließlich Europa. Wir würden ein wenig laufen, zum Essen anhalten, ein bisschen weiterwandern. Der erste Tag begann auch genau so. Wir frühstückten Café au lait und Baguettes, dann begann die Wanderung zu unserem nächsten Ziel. Zuerst machten wir uns Sorgen, dass wir auf dem falschen Schotterweg unterwegs sind, entdeckten dann aber einen der gelben Pfeile, die den Weg für Pilger markieren – oder peregrinos, wie der Spanier sie nennt – die jedes Mal wie ein kleiner Sonnenstrahl wieder auftauchten, sobald wir anfingen uns ernsthafte Sorgen zu machen, ob wir wohl vom Weg abgekommen seien oder etwa in die falsche Richtung liefen. 

Camino de santiago

Über uns schien die Sonne, während wir uns gemächlich den Weg durch die französische Landschaft bahnten. Ich war nicht allzu besorgt, als wir sahen, dass sich unser Pfad ab jetzt serpentinenartig nach oben schlängeln würde. Wir waren beide in guter körperlicher Verfassung – ein wenig bergauf zu wandern, würde uns schon nicht umbringen.

An einem Berghang hielten wir an einem fast verlassenen wirkenden Café an, um Mandelkuchen zu essen und beobachteten die schnell vorbeiziehenden, fluffigen Kumuluswolken am strahlend blauen Himmel. Ich wäre gern noch ein wenig geblieben, aber meine Mutter, die sich alles über unsere Route angelesen hatte, drängte zum Aufbruch, was wir auch taten. Bergauf und bergauf und bergauf. Verlassen oder nicht, es gab keine Cafés mehr am Wegesrand, keine Busse, keine Taxis. Keine Straßen. Dunkle Gewitterwolken zogen auf, um uns herum tauchten Felsvorsprünge auf. Meine Beine waren müde, die Temperatur sank. Trotzdem waren wir, den kleinen hölzernen Entfernungsmarkierungen entlang des Weges zufolge, noch nicht einmal in der Nähe unseres nächsten Ziels. Wir suchten während eines kurzen Regenschauers Schutz in einer einsamen Holzhütte und machten uns dann wieder auf den Weg, immer noch auf dem Weg nach oben. Im College verbrachte ich mal ein Semester damit, über das Leben frühchristlicher Heiliger zu lesen, und das Gefühl der Einsamkeit, das ich hier empfand, erinnerte mich an einige dieser Geschichten. Wir teilten uns ein Sandwich. Wir tranken etwas Wasser. Wir fragten uns, ob wir wirklich vor Dämmerung die andere Bergseite erreichen würden.

Wir liefen weiter. Endlich ging die Straße bergab. Als wir in einen dichten Wald kamen, fing es an dunkel zu werden. Ich beobachtete meine furchtlose Mutter vor mir, die sich schnell den unebenen Feldweg entlang bewegte, der manchmal unter unseren Füßen zerbröckelte. Wir hielten uns zur Unterstützung an den schlanken Bäumen fest. „Sei vorsichtig!“, sagte ich. „Du auch!“, sagte sie. Wir sprangen herum wie die Ziegen. 

Ich konnte es kaum glauben, als die Bäume endlich lichter wurden. Wir kamen aus der künstlichen Dämmerung des Waldes in die echte Dämmerung hinein, auf etwas, das wie eine gepflasterte Straße aussah. Vor uns sahen wir ein paar andere Pilger, die alle Regenponchos aus Plastik trugen, was ich etwas lustig fand. Ein hölzernes Schild mit einer Muschel – dem Symbol des Jakobsweges – bestätigte es: Wir hatten Roncesvalles erreicht, wo eine Dusche, ein Zimmer und ein Abendessen auf uns warteten. Es war ein langer Tag gewesen, viel länger als ich erwartet hatte, an dem wir einen klaren „point of no return“ erreicht hatten, an dem es sinnvoller war, weiterzumachen als zurückzugehen. Auch der Weg war viel anstrengender gewesen, als ich erwartet hatte. Als wir im Hotel eincheckten, schaute ich zu meiner Mutter hinüber. Sie war total beflügelt und strahlte. Sie liebte es.

Ob Regen oder Sonne, Pilger laufen jeden Tag

Am nächsten Morgen wurden wir von einem Blitz und dem Geprassel von strömendem Regen geweckt. Ich konnte meine Mutter überzeugen, dass Weiterlaufen bei diesem Wetter nicht sinnvoll wäre. Dann rief ich die Rezeption an. „Wir würden gerne eine Nacht länger bleiben“, sagte ich. Selbst durchs Telefon konnte ich die Verwirrung der Rezeptionistin raushören. Ich sagte: „Wir können heute nicht loslaufen, es regnet“. Sie sagte das Hotel sei komplett ausgebucht. Wir mussten los. Also zogen wir uns an und gingen zum Frühstück. Draußen schüttete es weiter. Drüben am Tisch saß eine Gruppe irischer Frauen, die nur ein wenig jünger als meine Mutter schienen. Sie waren bereits in voller Wandermontur, mit Wanderschuhen, Outdoor-Jacken und Rucksäcken. „Geht ihr nach draußen?“, fragte meine Mutter. „Warum denn nicht?“, sagten sie. “Ob Regen oder Sonne, Pilger laufen jeden Tag.” Dann sagten sie, dass wir Müllbeutel über unsere Socken ziehen sollten, um die Füße trocken zu halten. Und wir sollten uns natürlich unbedingt einige Plastikregenponchos besorgen.

Ich schüttelte den Kopf und merkte, dass meine Vorstellungen vom Wanderwetter sehr kalifornisch geprägt waren. „Stimmt“, sagte meine Mutter. „Klar, zu Hause würde man bei so einem Wetter nicht wandern“.

Rain Ponchose

Wir blieben zum Schutz immer nah der Mauer und gingen rüber zum Kloster Roncesvalles, einem wunderschönen alten Steingebäude. Dort gab es einen Konzessionsstand, wo wir die großen, unförmigen Regenponchos aus Plastik mit passenden Plastikhüten kauften. Wir setzten sie auf. Nun sahen wir aus wie die anderen Pilger, die tatsächlich einzeln, zu zweit oder in Gruppen in den regnerischen Tag aufbrachen. Wir beschlossen, in ein kleines Café zu gehen und abzuwägen, was wir als nächstes tun sollten. Es war überfüllt mit durchnässten Pilgern. Wir bestellten Kaffee und setzten uns an einen langen Tisch. Neben uns saß ein kerniger Mann in seinen Siebzigern. Er erzählte uns, dass er Niederländer sei und dass er diese Wanderung jedes Jahr machte, indem er zu Fuß von seinem Haus in den Niederlanden aus startete und unterwegs zeltete. Nun, mit fast 80 Jahren, versuchte seine Frau, ihn zu Hause zu halten – ohne Erfolg. Ein Zugeständnis ans Alter war mittlerweile, dass er, wenn er müde wurde, manchmal mit dem Bus Teilstrecken der Route zurücklegte.

Ich schleppte mich ein wenig dahin, was meine Mutter auf eine Idee brachte: „Lass uns einen Teil des Weges mit dem Taxi zurücklegen“, sagte sie. Das taten wir dann auch, und nach etwa einer Viertelstunde kam bereits die Sonne heraus. Wir stiegen aus dem Taxi, fanden die Pilgerroute und gingen den Rest des Weges zu Fuß nach Zubiri. Der Weg war einfacher als am Vortag, und so kamen wir rechtzeitig zum Abendessen im nächsten Hotel an.

Camino de Santiago

In allen darauffolgenden Tagen liefen wir von morgens bis abends. Als es zu regnen begann, stülpten wir uns Müllsäcke über die Socken und begriffen endlich, warum einige Pilger, die wir trafen, kurze Hosen trugen, obwohl es nicht warm war (nackte Beine trockneten schneller als lange nasse Hosen). Wir durchquerten wunderschöne Landschaften und wanderten auf vielbefahrenen Straßen durch Industriegebiete (dort zog ich das erste Mal die orangefarbene, fluoreszierende Windjacke an, die meine Mutter für mich mitgebracht hatte und zog sie nicht wieder aus). Wir liefen durch hässliche Kleinstädte und wunderschöne Steinstädte, passierten einsame Bauernhöfe, verlassene, nagelneue Wohnsiedlungen und kamen an einem alten Schloss auf einem Hügel vorbei. Auf dem Weg trafen wir Menschen und auch einige Male unseren Freund, den Holländer. Ich gewöhnte mich an das Laufen und es gefiel mir. Sich so viel zu bewegen, fühlte sich natürlich und gut an. 

Der Shirley-MacLaine-Moment

Aber meine Mutter war diejenige, die förmlich aufblühte. Sie lief und lief und lief, als wäre sie dafür geschaffen. Mir kam der Gedanke, dass sie in früheren Zeiten bestimmt diejenige gewesen wäre, die den Stamm von einem prähistorischen Lagerplatz zum nächsten führen würde. Sie hatte sogar ihren eigenen Shirley-MacLaine-Moment, auf einem längeren, etwas uninspirierten Wegabschnitt, auf dem jemand ein Metallkunstwerk für die Pilger aufgestellt hatte. Es war eine Art schmaler Metallgang, drei Meter lang, direkt neben dem eigentlichen Pfad. Eine hohe, verrostete Silhouette eines Pilgers überspannte den Weg. Die Silhouette des Pilgers hatte eine Art Durchgang, den man durchschreiten konnte. Meine Mutter sah ihn und ging einfach unbekümmert hindurch. Als sie herauskam, sah sie ein wenig verblüfft aus. „Wow“, sagte sie. „Ich habe da wirklich etwas gefühlt. Wie eine Art Energieblitz. Wow.“

Ich bin auch hindurch gegangen, habe aber dabei nichts dergleichen gefühlt. Der Energieblitz war wohl nur für sie bestimmt, als Teil des besonderen Caminos meiner Mutter. Für mich war es magisch genug, den Camino mit meiner Mutter zu gehen. Wir freuen uns beide auf die nächste Reise.