Island – Von Walen und Vulkanen

Wenn es nach meinem Instagram-Feed geht, dürfte es keinen bemoosten Stein auf Island geben, auf dem nicht schon einmal ein Influencer in einer gelben Regenjacke stand. Umso überraschter war ich, als ich schon kurz nach Reykjavik die Straße für mich allein habe. Es war ein Besuch bei in die entlegenen Westfjorde ausgewanderten Freunden, der mich hierher führte. 

mountain lake iceland

Die vorbeiziehende Landschaft glich genau der Schönheit der Bilder, durch die man sich morgens gelangweilt in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit scrollt und denkt „Warum bin ich eigentlich gerade nicht da?“ Weite vor langer Zeit erstarrte Lavafelder, hohe grün bewachsene Hügel mit grasenden Schafen, und Berge aus denen sich alle paar hundert Meter ein Wasserfall ergießt. Es waren so viele, dass ich nach kurzer Zeit gar nicht mehr anhielt, um sie zu fotografieren. Und trotzdem hielt ich verdammt oft an. So oft, dass ich mich fragte, ob ich überhaupt noch mal irgendwo ankommen würde. Hier eine verlassene Fischerhütte an der schroffen Atlantikküste, dort ein einsames rot angemaltes Häuschen inmitten einer Herde von stoisch im Regen stehender Islandpferde. Postkartenidylle hier. Game-of-Thrones-Kulisse da. Fluch und Segen für einen Fotografen. Und so arbeitete ich mich im selbstauferlegten Stop-and-go über die verschlungenen Straßen entlang der Fjorde bis ich auf einen riesigen Walkadaver am Wegesrand stieß. Ich kam gerade von einer Expedition zu den Meeressäugern im Mittelmeer, umso mehr interessierte mich auch das letzte Kapitel in ihrem Leben. Die Neugierde ließ mich das Skelett genauer unter die Lupe nehmen, obwohl der Geruch der Verwesung schwer zu ertragen war. Einer der seltenen Momente im Leben, in denen es von Vorteil war einen Schnupfen zu haben. 

the outdoors manolo ty iceland landscape

Seit einigen Jahren erholen sich die Bestände in den Weltmeeren wieder. Einer der wenigen Erfolge in der internationalen Umweltpolitik. Und obwohl Island das Moratorium für Walfang nie anerkannt hat, tragen neuerdings gerade Whale-Watching-Touren zu ihrem Erhalt und zur Beliebtheit der größten Vulkaninsel der Welt bei. Wie sehr der Wohlstand des Landes vom Tourismus abhängt, durften die Isländer gerade während der Corona-Krise erfahren. Plötzlich waren sie wieder weitgehend isoliert und auf sich allein gestellt. Doch die Regierung machte aus der Not eine Tugend und verteilte Reisegutscheine an seine Bevölkerung, die die Insel nun auch für sich selbst entdeckte. 

Dasselbe galt für meine Freunde, obwohl sie es eigentlich nicht nötig gehabt hätten, die Westfjorde zu verlassen. Zu schön hatten sie es direkt vor ihrer Haustür. Ísafjörður liegt wunderschön gelegen auf einer Landzunge inmitten eines Fjords. Trotz seiner nur knapp 3000 Einwohnern ist der Ort die regionale Hauptstadt, mit allem was dazu gehört und wirkt recht geschäftig. Hier befindet sich sogar eine der wahrscheinlich entlegensten Universitäten der Welt, wo ich in den nächsten Tagen einen Vortrag über nachhaltige Entwicklung halten soll.

island jakuzzi view

Während die Einheimischen noch dem Samstagsspiel auf dem Fußballplatz frönten, spazierte ich durch den Fischereihafen und den aus wenigen Häusern bestehenden alten Ortskern. Das dänische Konsulat zeugt noch von der internationalen Bedeutung des hiesigen Fischfangs. Doch nach dem Zusammenbruch der Heringsbestände in den 1960er Jahren, kehrte wieder Ruhe ein. Fangquoten sollen die Fischerei, die der ganze Stolz vieler Isländer ist, wieder zukunftsfähig machen. Da passte es gut, dass wir am Abend im Tjöruhúsið, dem Lieblingsrestaurant meiner Freunde, einkehrten und den frisch gefangenen Fisch von lokalen Kleinfischern probierten. Ein wahres Fest.

Wie es der Zufall wollte, traf ich einige Tage später des Nachts am anderen Ende der Westfjorde einen alten Fischer im Hotpot. Diese mit heißem Thermalwasser gefüllten Becken finden sich übers ganze Land verteilt und sind eine Art Versammlungsort für die lokale Bevölkerung. Für einen Reisenden wie mich der perfekte Ort, um mehr über das Land und seine Leute zu erfahren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Von der Fischerei könne man kaum noch leben, verriet er mir. Damit er das ganze Jahr über ein Auskommen hat, sei er noch Schäfer und im Winter, wenn die Gemeinde eingeschneit ist, kümmere er sich um den Flughafen, der dann die einzige Lebensader nach draußen ist. Dann nahm er einen letzten Schluck aus seiner Bierdose und verabschiedete sich. Morgen sei Schafabtrieb mit der Gemeinde.

polar lights iceland

So blieb ich allein im 40 Grad warmen Wasser zurück, über mir der klare Sternenhimmel. Während ich den Wellen des nur wenige Meter entfernt liegenden Nordpolarmeers lauschte und meine Gedanken langsam abdrifteten, fing ein schwaches Licht an, über meinem Kopf zu tanzen. Da war es also. Das berühmte Polarlicht. Wie alle Strecken, die ich in Island zurücklegen sollte, zog sich auch mein Heimweg über die halbe Nacht. Trotz der eisigen Kälte fotografierte ich fasziniert die Nordlichter, die immer heller wurden.

Am Ende meiner Reise hatte ich 4000 Kilometer mit dem Mietwagen zurückgelegt. Über schier endlose Schotterpisten, über karge Bergpässe, durch grüne, mit Blaubeeren bewachsene Täler und dichte Nebelbänke. Und stand ich vor wenigen Tagen noch vor kalbenden Gletschern, von denen blau leuchtende Eisberge ins offene Meer trieben, erblickte ich eine hohe Rauchsäule am Himmel am Vorabend meines Rückflugs. Tiefe Freude kam in mir auf. Der Vulkan Fagradalsfjal war nach mehreren Tagen der Ruhe erneut ausgebrochen. Es war meine Chance, noch vor dem Abflug eines der spektakulärsten Naturschauspiele hautnah mitzuerleben.

vulcano lava at night

Kurze Zeit später kletterte ich neben unzähligen anderen Menschen, die kurzfristig auch hierher gepilgert waren, den Berg empor und beobachtete, wie die kochende Lava sich ins Tal ergoss. Es zischte und brodelte. Der Wind war bitterkalt, aber je näher man an die Lava trat, desto mehr konnte man sich von dem fließenden Gestein wärmen lassen. Wie in Trance blickte ich stundenlang in die roten, blubbernden Bäche und verfolgte die sich immer wiederholenden Ausbrüche. Doch irgendwann war auch diese Reise zu Ende. Mit dem gleißenden roten Licht des Vulkans, das den Nachthimmel erhellte, im Rückspiegel musste ich zum Flughafen. Es war wie eine Szene aus dem Hollywoodfilm Dante’s Peak. Leute hielten mitten auf der Schnellstraße und stiegen aus ihren Autos. Überall blinkte das Blaulicht der Polizei, die hoffnungslos versuchte, den Verkehr zu regeln. Aber auch sie stand im Bann des Vulkans. 

iceland the outdoors vulcano