Lost Places – Auf der Suche nach einer verlassenen sowjetischen Ruinenstadt

Ich kann mir nicht helfen, ich liebe verlassene Orte. Ich habe viele Lost Places besucht und sogar einen Blog darüber gegründet. Die Liebe zu verlassenen Orten hat eine wissenschaftliche Bezeichnung und nennt sich “Ruinenlust”.

Mit Ruinenlust verhält es sich nicht anders als mit jeder anderen Lust. Sie packt einen und man muss ihr nachgeben. Oder man bleibt lange unglücklich. 

Früher war es immer eine schnelle Sache, Rucksack packen, Falafel auf die Hand, Kamera nicht vergessen, fertig. Ein paar Stunden später saß ich auf dem Wäschereidach der verlassenen Lungenheilanstalt in Beelitz, atmete Waldluft und über meinem Kopf rauschte der spätsommerliche, violette Abendhimmel. Es war schön. 

Ein Hochsitz im Wald von Brandenburg

Mit einem Baby gestaltet sich das Programm nicht mehr so einfach. Der Rucksack wird mit Windeln, feuchten Tüchern, Stilleinlagen gepackt und im Flur abgestellt, bis der richtige Tag kommt. Ein Tag, an dem die Nacht nicht so schlimm war. Ein Tag an dem das Baby keine Koliken hat. Ein Tag an dem alle nicht so müde sind. Bis dieser Tag kommt, kann viel Zeit vergehen. Ist die Ruinenlust noch da, muss schnell gehandelt werden.

Für unseren ersten Ausflug mit Baby haben wir die verlassene sowjetische Militärstadt Vogelsang ausgesucht. „Warum kannst du nicht wie alle anderen Mütter mit deinem Kind auf einen Spielplatz gehen?“, regt sich am Telefon meine Mutter auf. „Kann ich“, antworte ich. „Vogelsang ist ein herrlicher Spielplatz. Endlich Spaß für die Eltern“. Meine Mutter reagiert auf solche Aussagen allergisch und legt auf.

Die verlassene Garnison Vogelsang liegt versteckt im Brandenburger Wald. Für exakte Ortsangaben droht bei der Lost Places Community virtueller Scheiterhaufen, also muss vorher sorgfältig nach Koordinaten recherchiert werden.

Nach einer zweistündigen Fahrt aus Berlin parken wir unser Auto an einem winzigen verlassenen Bahnhof in Brandenburg. Hoch und klar glänzt über unseren Köpfen der Herbsthimmel. Das Baby hat den ganzen Weg durchgeschlafen, was für alle Beteiligten ein Segen ist.

Das Tolle an verlassenen Orten ist, das man nie genau weiß, was einen erwartet. Und es ist genau das, was ein richtiges Abenteuer ausmacht.

Garnison Vogelsang mit alter sowjetischer Tapete

Die ehemalige Sowjetische Garnison Vogelsang war die größte außerhalb der Sowjetunion. Fast 40 Jahre lang lebten hier über 15.000 Soldaten mit ihren Familien. Die Stadt hatte eine geregelte Infrastruktur. Es gab Kinos, Schulen, Krankenhäuser und sogar ein Gefängnis. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte“ aus Deutschland abgezogen. Seit 1994 steht Vogelsang leer und verfällt.

Nach einer kurzen Wanderung durch den Wald finden wir graue, zerfallene Baracken. „Militärisches Sperrgebiet“ warnt ein Schild. Ist es das schon? 

Um uns herum rauschen mächtige Tannen und in der Ferne kreuzt ein Reh unseren Weg. Der Wald duftet und schimmert in den schönsten, herbstlichen Farben. Unser Baby hat die Hand im Mund und kaut zufrieden darauf rum. Bald kommt wohl der erste Zahn. 

Sollten wir Vogelsang nicht finden, war dieser Ausflug jetzt schon eine Reise Wert. Es gibt nichts besseres als weit weg, in der Natur zu sein. 

Wir setzen unsere Wanderung auf dem schmalen Waldweg fort. Als wir schon fast die Hoffnung aufgeben Vogelsang zu finden landen wir vor einer geöffneten Schranke und erblicken die ersten Häuser der verlassenen Stadt.

Ruinen der Garnison Vogelsang

Vogelsang wurde mit einem sozialistischen Sinn für Architektur errichtet. Es gibt eine zentrale Allee und einen großen Platz von dem strahlenförmig die Straßen ausgehen.

Heute wachsen auf den Bürgersteigen prächtige Birken, Farne sprießen durch die gebrochene Asphaltdecke.

Das Internet sagt, dass es ein paar Highlights gibt, die man unbedingt gesehen haben muss. Die verlassene Schule zum Beispiel und die alte Turnhalle mit den sowjetischen Wandmalereien. Beide Objekte sollen von den Graffitis und Vandalismus verschont geblieben sein.

»Der Geist der Sowjetunion ist hier allgegenwärtig. Hallo Leninkopf und kommunistische Parolen.«

Geboren im letzten Jahrtausend, in einem Land, dass es nicht mehr gibt, fühle ich mich hier in Vogelsang auf einmal Zuhause. Der Geist der Sowjetunion ist hier allgegenwärtig. Hallo Leninkopf und kommunistische Parolen. Hallo Kremlinstern, militärischer Heldenmut, Soldatenstiefel und all das, was für den sowjetischen Irrsinn stand. Die Zeit wurde hier konserviert und ich fühle, dass ich heulen muss, weil ich hier mit meinem Kind stehe und auf meine eigene Kindheit zurückblicke.

Garnison Vogelsang, ein verfallener Theatersaal

Wir stellen fest, dass viele Häuser bereits abgerissen wurden. Das Land Brandenburg hatte beschlossen ein Teil von Vogelsang der Natur zurückzugeben. Eine maßlose Idiotie, denn die Natur hat sich auf eine wunderbare und bizarre Art und Weise selbst alles zurückgeholt. Auf den Dächern wuchern Bäume und auf den Fassaden leuchten saftig und grün dicke Kletterpflanzen. Mit gutem Gewissen kann man sagen, dass Vogelsang Angkor Wat des Ostens ist.

Wir machen Rast vor der alten Veranstaltungshalle. Als wir unsere Picknickdecke ausbreiten, hören wir aus dem offenen Fenster furchtbares Gestöhne. Schnell ist klar, es ist ein Pornodreh. Kurze Zeit später erscheint eine Darstellerin an der Türschwelle und zündet sich eine Zigarette an. Obenrum trägt sie russische Soldatenuniform, untenrum glänzende Stiefel. Dazwischen ist sie nackt. Sie nickt uns freundlich zu und checkt ihr Handy. Als sie unser Baby auf der Decke sieht, erhellt ein breites Lächeln ihr Gesicht und sie fängt an wie von Sinnen zu winken. Wir winken ihr alle zurück.

Nach einer weiteren Runde in der Garnison geben wir die Hoffnung auf, alles an einem Tag erkunden zu können. Dafür ist das Areal viel zu groß und unser Tempo viel zu niedrig.

Also muss ein weiterer Ausflug geplant werden. An einem Tag, an dem das Baby keine Koliken hat oder keine Zähne bekommt. An einem Tag, an dem die Nacht nicht so schlimm war. An einem Tag, an dem man nicht vergessen hat vorher den Akku für seine Kamera zu laden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber dieser Tag wird mit Sicherheit kommen.