In Städten schwimmen

Als ich ein Kind war, kam meine Tante Linda jedes Jahr mit dem Auto aus Santa Cruz hochgefahren. Sie übernachtete dann bei uns zu Hause in San Francisco, um in aller Frühe aufzustehen und sich zusammen mit einer Gruppe von genauso verrückten Hobbyschwimmern, in die kühlen Gewässer vor Alcatraz zu stürzen. In einem Jahr beschlossen sie, vom Strand in der Nähe unseres Hauses aus unter der Golden Gate Bridge hindurch und auf die andere Seite der Bucht nach Marin zu schwimmen. Ich muss damals ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. An jenem Morgen standen wir alle mit meiner Tante auf und begleiteten sie zum Strand. Die Sonne schien, aber es war eiskalt. Die Schwimmer hatten alle eine Gänsehaut von der Gischt des Pazifik. Ich fragte meine Tante Linda, ob sie sich keinen Schwimmanzug anziehen wolle wie die anderen. „Nein“, antwortete sie und schmierte sich etwas Vaseline unter die Achseln. „Schwimmanzüge sind etwas für Warmduscher.“

Vielleicht fand ich es aufgrund dieser Erfahrung mit Anfang zwanzig gar nicht so verrückt, als ein befreundeter Journalist mir erzählte, er gehe gerne morgens vor der Arbeit in der San Francisco Bay schwimmen. Eines Tages holte er mich im Morgengrauen in dem Apartment ab, das ich mir im Stadtteil The Castro mit meinen Mitbewohnern teilte. Wir fuhren nach Aquatic Park, einer zwischen dem Marina District und dem Hafenviertel Fisherman’s Wharf gelegenen kleinen Bucht in der Bay. Ich folgte meinem Bekannten in den Dolphin Club, einem Holzgebäude aus dem 19. Jahrhundert, wo Schwimmer und Sportbootfahrer sich umziehen, duschen und in die Sauna gehen konnten. In der Frauen-Umkleidekabine zog ich mir meinen Badeanzug an und ging dann durch die Hintertür, die zu einem kleinen Strand führte. Von dort konnten wir hinaus in die Bay gehen.

Die San Francisco Bay
Mich überkam das zugleich merkwürdige und schöne Gefühl, meine Stadt auf eine ganz neue Weise zu erleben

Das Wasser war so kalt, dass es nicht sinnvoll war, langsam hineinzuwaten. Also tauchte ich, als ich bis zu den Knien im Wasser stand, einfach gleich ganz unter. Es fühlte sich an, als würde die Welt um mich herum stillstehen. Die einzige Option war jetzt, loszuschwimmen und in Bewegung zu bleiben. Irgendwie legte sich der Schock kurze Zeit später, und ich merkte, dass ich okay war. Ich schwamm. Mein Körper arbeitete wie von selbst. Nach einer Weile fühlte ich so etwas wie Wärme, oder vielleicht sollte ich besser sagen: Ich spürte die Kälte nicht mehr, und eine Art Hochgefühl stellte sich ein. Ich bewegte meine Arme Zug um Zug durchs Wasser, links, rechts, links, rechts, ich atmete, den Blick stets zur Stadt hin gerichtet – zur anderen Seite über die Bay zu schauen, traute ich mich nicht. Wenn ich einatmete und dabei auf die Stadt blickte, in der ich aufgewachsen war, sah ich hoch über dem Wasser auf dem Hügel das „Ghiradelli“-Schild thronen. Mich überkam das zugleich merkwürdige und schöne Gefühl, meine Stadt auf eine ganz neue Weise zu erleben. In der Highschool war ich Mitglied des Schwimmteams gewesen und hatte jeden Tag stundenlang im Schwimmbad in den Avenues trainiert. Aber das hier war anders: Es war eine Erfahrung, in die man ganz eintauchte, als würde man eins werden mit der Umgebung. Nachdem wir eine Zeit lang geschwommen waren, fragte mich der befreundete Journalist, ob es mir gut gehe. Mit den Beinen im Wasser tretend, fing ich an zu lachen. Es war so kalt, dass mein Gesicht eingefroren war und ich zum Sprechen nur noch meine Lippen bewegen konnte.

Nach dieser Erfahrung war ich fest entschlossen, in Städten zu schwimmen, wann immer sich eine Chance dazu bot. Die nächste Stadt, in der ich schwamm, muss Bern gewesen sein. Ich war in die Schweiz gezogen, und in einem Zug erzählte mir ein Mitreisender, die Berner würden im Sommer im nördlichen Teil der Altstadt in die Aare springen, bis hinunter zur südlichen Spitze der Altstadt schwimmen und von dort wieder zurücklaufen. 

Die Aare, die durch Bern fließt.
Glücklich tauchte ich ins Wasser ein und ließ mich in der neuen Umgebung von der starken, belebenden Strömung treiben.

Als ich aus dem Zug stieg, ging ich los, um mir den Fluss anzusehen. Die Aare ist eines der schönsten Gewässer, die ich je gesehen habe. In konnte im Verlauf des Jahres beobachten, wie der Fluss seine Farbe änderte: von einem milchigen Jadeton zu einem alpinen Grün. An jenem ersten Tag war es draußen gerade noch warm genug zum Schwimmen. Glücklich tauchte ich ins Wasser ein und ließ mich in der neuen Umgebung von der starken, belebenden Strömung treiben. Noch Jahre später träumte ich von diesem Schwimmerlebnis. In Malmö, so erfuhr ich, gab es eine Sauna, von der aus man direkt in den Öresund springen konnte. Ich nahm den Zug in Kopenhagen, wo ich gerade an einer Reportage arbeitete, und verbrachte den Tag in Malmö. Es war Dezember. In der Abenddämmerung ging ich vom Holzsteg des viktorianischen Gebäudes aus ins Wasser. Mit jedem neuerlichen Eintauchen in die urzeitliche salzige Schwärze überließ ich mich meinem Vertrauen in die Welt. Eine andere Reportage führte mich nach Zürich. An einem strahlenden Nachmittag im Spätsommer blieben mir noch einige Stunden Zeit, bevor ich zum Flughafen musste. Als ich an einem filigranen, altmodischen Holzbauwerk mit dem Schild „Frauenbad“ vorbeikam, wurde mir klar, dass ich mir möglichst schnell einen Badeanzug organisieren und dort hineingehen musste. 

Kallbadhus in Malmö

Die Momente im Wasser an all diesen verschiedenen Orten gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Ihre Intensität und Lebendigkeit trage ich tief in mir. Inzwischen lebe ich in Berlin. Als ich vor ein paar Jahren hörte, dass es dort eine unter dem Namen ‚Flussbad Berlin‘ bekannte Gruppe unerschrockener Stadtschwimmer gab, die sich zu einem Bad in der Spree treffen wollte, wusste ich sofort: Ich wollte dabei sein. Die Mutter meines Ex-Freundes wollte auch mitmachen. Also gesellten wir uns an einem schönen Sommermorgen zu der großen Gruppe, die sich auf der Brücke am Bode-Museum versammelte. Wir gingen die schweren Steinstufen zum Wasser hinab, an dem ich im Laufe der Jahre so oft entlanggegangen war. Dieses Gewässer hatte mich allerdings noch nie mit einem milchigen Jadeton oder einem tiefen Alpinblau gelockt. Auch wegen der Ratten machte ich mir etwas Sorgen. Doch wir zogen es durch. Zu meiner Überraschung roch das Wasser nicht anders als die Berliner Seen (die auch sehr zum Schwimmen einladen). Wir schwammen los und waren beeindruckt, als wir unter Wasser das Fundament des Bode-Museums sahen. Die imposanten Steine waren so nahe, dass man sie berühren konnte. Das war wahrhaft das urbanste all meiner innerstädtischen Schwimmerlebnisse. Am Tag danach tat meine Haut am ganzen Körper weh, und in die Spree werde ich jedenfalls so schnell nicht wieder springen. Es sei denn, der vom Flussbad-Projekt geplante Wasserfilter kommt und arbeitet bis dahin auf Hochtouren. 

Dennoch erinnere ich mich gerne daran, wie es sich anfühlte, am Fuß des Pergamonmuseums entlangzuschwimmen und zur schneeweißen neuen James-Simon-Galerie hinaufzublicken. Wie es war, einen Badeanzug anzuziehen, um darin nicht in einem Schwimmbad (was nett ist), sondern im Herzen dieser großartigen Stadt herumzulaufen und in heiterer Stimmung an einigen ihrer bedeutendsten Sehenswürdigkeiten vorbeizuschwimmen (was spektakulär ist). Meine Hoffnung ist, dass wir alle eines Tages mitten in der Stadt in der Spree baden können, sobald die Sonne es zulässt.