Die heilende Kraft des Gärtnerns

Immer mehr Menschen setzen auf die heilenden Kräfte von Unkrautjäten und Umtopfen. Wie das Gärtnern uns gesund halten kann.

Dass Depression die Volkskrankheit Nummer eins ist, ist ein trauriger Allgemeinplatz. Leider haben die letzten Jahre dies aber nur noch weiter verstärkt. „Die Mehrheit der Deutschen ist im Laufe des Lebens von Depression betroffen – entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehöriger (37 Prozent)“ schreibt die Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Website. Die Pandemie hat Ängste und Einsamkeit gefördert und bereits begonnene Therapien unterbrochen – so berichteten im vergangenen Jahr 44 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs.

the outdoors gardening

Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass viele Menschen nicht mehr in Städten wohnen wollen, sobald der tägliche Weg ins Büro wegfällt. Ein klarer Trend zum Wohnen in der Natur zeichnete sich ab – in einer Ifo-Befragung vom Mai 2021 gab mehr als jeder achte Mensch (13 Prozent) einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner an, diese binnen maximal eines Jahres verlassen und in eine kleinere Stadt oder aufs Land ziehen zu wollen. Wer das nicht in die Tat umsetzen konnte, kaufte Zimmer- oder Balkonpflanzen. Dieser Trend zeichnete sich sehr deutlich in den Umsatzzahlen ab: Nach Jahren der Stagnation erlebte der deutsche Zierpflanzenmarkt von 2019 bis 2021 einen Anstieg um rund 15 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro. Der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (Iwd) spricht vom „Rekordjahr 2020“. 

Eine Verbindung zur Natur

Diese Zahlen zeigen, was der gesunde Menschenverstand längst weiß: Dass Natur der Seele guttut und Städte uns stressen. „Die Verbindung zur Natur ist die Grundlage eines gesunden und glücklichen Lebens. Gartentherapie stellt diese Verbindung wieder her,“ so Zdenka Pepa Hajkova. Sie leitet die „Gomera Gardening Experience“ auf La Gomera und zeigt dort Menschen, „wie sie mit und in Natur zur Kraft und Lebendigkeit wiederfinden“, wie sie selbst sagt. Hajkova hat Botanik an der Uni Hamburg und Gartentherapeutie an der Uni Rostock studiert und weiß, wovon sie spricht: „Gartentherapie ist eigentlich für jeden geeignet“, sagt sie. Egal ob alt oder jung, zur körperlichen Rehabilitation oder bei psychischen Leiden wie Stress-Erkrankungen, Burnout oder Depressionen, der Umgang mit Pflanzen und Erde wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus.

growing your own food the outdoors

„Gartentherapeut:innen verbinden die Begeisterung für die Natur mit einem humanistischen Menschenbild, interdisziplinärem und ganzheitlichem Denken sowie einfühlsamem Gärtnern.“ Für eine Gartentherapie braucht man eine Diagnose und einen Therapieplan, der für jede:n Patient:in individuell zusammengestellt wird: „Gartentherapie ist ein teilnehmerzentrierter Prozess, bei dem ausgebildete Expert:innen individuelle Ziele definieren und überprüfen und garten- und pflanzenbezogene Aktivitäten als therapeutisches Mitteln planen und einsetzen, um gesundheitsrelevante Aspekte der Teilnehmenden zu fördern“, so die Definition. „Die Teilnehmenden profitieren in ihrem Heilungsprozess von der Arbeit mit Pflanzen. Gartentherapie wirkt ganzheitlich auf den körperlichen, psychischen und sozialen Zustand, aktiviert und fördert die Selbstheilungskräfte“, weiß Hajkova. Zu den positiven Auswirkungen der Gartentherapie zählen die Steigerung des Selbstbewusstseins und des Selbstwertgefühls, Stressreduktion, die Verbesserung der Schlafqualität und Konzentrationsfähigkeit und die Aktivierung des Immunsystems. 

„Die Sinne aktivieren, die Natur auf uns wirken lassen und achtsam im Moment sein. Bewegung, frische Luft, Sonne und eine Gruppe – das alles erzeugt Serotonin“, weiß sie. Und Serotonin macht bekanntlich glücklich. „Es gibt zwei Gärten, einer in uns und einer außerhalb von uns“, erzählt die Expertin. „Oft beobachte ich, dass die beiden Gärten korrespondieren. Menschen, die viel angestaute Energie oder Aggressionen haben, wollen Holz hacken, Unkraut jäten oder Brennnesseln roden. Am Ende hat man den Boden gut vorbereitet und kann anfangen, wieder etwas zu pflanzen, was gedeihen kann. Und das wiederum spiegelt sich in der Seele wider. Man hat für sich Klarheit geschaffen und kann wieder aktiv werden.“

gardening has healing powers

Woran genau diese positive Wirkung von Natur auf den Menschen liegt, ist nicht abschließend geklärt, aber es gibt drei Theorien:

Die Biophilia-Hypothese von Evolutionsbiologe Edward O. Wilson besagt, dass die emotionale Verbindung zur Natur dem Menschen angeboren ist. Es sei eine evolutionäre Überlebensstrategie, bei der die Menschen, die ihre natürliche Umgebung aufmerksam beobachteten, einen größeren Überlebensvorteil hatten.

Die Attention-Restoration-Theorie: Die gesundheitsfördernde Wirkung von Natur wird darin so erklärt, dass sie die Erholung von intellektueller Anstrengung fördert. Räume, in denen nicht aktiv gehandelt oder sich konzentriert werden muss, wie die Natur, geben sanfte Anreize zur Aktivierung der sogenannten „indirekten“ Aufmerksamkeit und können helfen, die Energiereserven wieder aufzuladen.

Die Psychophysiological Stress Recovery-Theorie, hält die positive Reaktion des Menschen auf die Natur ebenfalls für angeboren. Sie sieht Natur als den Auslöser eines Entspannungsreflexes, der vom limbischen System aktiviert wird, wenn eine Landschaft Sicherheit vermittelt. Welche Landschaft sicher erscheint, hat sich der Mensch im Lauf der Evolution angeeignet. Ein offenes Gelände mit geschwungenem Horizont und Wasser ist demnach ideal. 

Egal, woran genau es liegt – eines ist klar: Die Natur hilft uns, uns selbst zu heilen. Um von der positiven Wirkung der Natur auf den Menschen zu profitieren, muss es übrigens nicht unbedingt eine Gartentherapie sein. Auch ganz normales Gärtnern – oder sich einfach nur im Grünen aufhalten – wirkt sich positiv auf den Körper und den Geist aus. Und die positiven Effekte stellen sich schneller ein als gedacht: Laut einer amerikanischen Studie wiesen Menschen deutlich niedrigere Konzentrationen des Stresshormons Cortisol auf, wenn sie sich täglich 20 bis 30 Minuten im Grünen aufgehalten hatten. Bereits zwei Stunden pro Woche im Grünen fördern die Gesundheit, das bestätigt eine britische Studie zu dem Thema. 

Übrigens: Wer die Möglichkeit, in die Natur zu gehen, nicht hat, kann auch Naturvideos anschauen, selbst dabei haben Studien positive Auswirkungen auf den Gemütszustand festgestellt.