Goblincore

Eine Subkultur feiert die Natur – mit all ihren authentischen, dreckigen und unheimlichen Facetten

Der Hashtag ‚Goblincore‘ hat 568 Millionen Views auf TikTok und fast 375.000 Posts auf Instagram tragen das Schlagwort. Dass es also eine echte gewisse Relevanz hat, lässt sich kaum leugnen. Aber was steckt genau dahinter und warum gibt es diesen Trend gerade jetzt?

spookey forest

Cottagecore, das hat man vielleicht schon einmal gehört. Dabei geht es um eine Wiederbelebung des Landhausstils, der gerade während der Coronakrise, die eine (temporäre?) Landflucht zum Ergebnis hatte, stark an Beliebtheit gewonnen hat. Cottagecore zeichnet sich durch romantische Hütten im Grünen aus, die entweder leicht verkitscht eingerichtet sind, oder sich durch einen Back-to-Nature-Look ausdrücken, der sich durch weiße Leinenstoffe und natürliches Licht auszeichnet. Wie damals bei Oma wird gebacken, gehäkelt und gegärtnert. Um ein typisches Cottagecore-Bild zu evozieren: Ein frisch dampfendes Sauerteigbrot, das auf einem unbehandelten Holztisch abgestellt wird, daneben ein Wildblumenstrauß in einer weißen Milchkanne aus Emaille. Ganz nah dran an der Natur, aber eben immer in sauber und hübsch.

dirty hands goblincore

Dem gegenüber steht Goblincore. Man kann es sich etwa so vorstellen: Wenn Gartenzwerge eine Einrichtungslinie lancieren würden, käme Cottagecore dabei heraus, sie sind schließlich die süßen Saubermänner (und -frauen) des Gartens. Ihr Geschmack kommt lieblich und gefällig daher, gemütlich und sauber. Ihre im Dreck wühlenden Cousins, die Goblins hingegen, sind „klein und grotesk, schelmisch oder geradezu bösartig und gierig“, wie es dazu bei Wikipedia heißt. Sie leben in der Erde, in Höhlen, und wenn sie sich kleiden und einrichten müssten, sähe die Sache etwas schmuddeliger aus. Es ist eine weniger romantisierte, derbere Ästhetik. Goblincore verniedlicht die Natur nicht, sondern zelebriert ihre authentische, dreckige und chaotische Seite.

slug goblincore

Das Schöne im Hässlichen finden, könnte man sagen, ist der Kern von Goblincore. Teil der Natur, die klassischerweise als unschön angesehen wurden – wie Schlangen, Frösche, Schnecken, Regenwürmer, Tierskelette, Moos und Pilze – stehen deshalb im Zentrum der Bilderwelt von Goblincore. Glitschig, schlammig, matschig – echt eben. Gibt man das Schlagwort ‚Goblincore’ bei Instagram ein, offenbart sich eine klare Farbskala, die zwischen Erd- und Laubtönen oszilliert: Rostrot, Moos- oder Farngrün, Kürbisgelb werden von holzigen Brauntönen konterkariert.

Wie übersetzt sich Goblincore in Kleidung?

Wer also aussieht, als hätte er oder sie gerade knietief im Matsch gesteckt und Rüben geerntet, ist Goblincore-ready. Schlammfarbene Overalls, Cordhosen, Gummistiefel. Aber der Trend geht über die reine Ästhetik hinaus. Goblincore setzt auch ein Zeichen gegen die Shopping- und Wegwerfmentalität des Kapitalismus: Selbstgestrickte Pullis, Patchworkmäntel, offensichtlich gestopfte oder vernähte Stellen – repariert wird natürlich selbst.

spookey spider forest

Als Modelabels, wenn doch einmal etwas neu gekauft werden muss, kommen nachhaltige Brands in die Tüte, aber am liebsten Shoppen Goblincore-Anhänger auf Etsy (Auf Etsy ist die Zahl der Suchanfragen nach Goblincore-Artikeln Mitte 2021 im Vergleich zu Vorjahr um 652 % gestiegen, schreibt der Guardian) oder Dinge, die bereits ein vorheriges Leben hatten, in Vintage-Läden.

Und, ganz wie Goblins selbst, lieben sie ‚shiny things‘ also besagtes Gold und Juwelen – in Form von Kristallen und Schmuckstücken mit Pilzhängern, moosgefüllten Mini-Terrarien, oder Amuletten mit Mäuseknochen oder gar Schlangenskeletten.

Was bedeutet diese Subkultur?

Um Goblincore herum ist eine veritable Subkultur entstanden, die die Natur und ihre Schattenseiten zum Lifestyle erhoben hat. Das mag eventuell mit der Affinität der Gen Z, die die treibende Kraft hinter dem Trend ist, für Geschlechtslosigkeit und nicht-binäres Denken zusammenhängen. Pilze, mit ihren Tausenden von Geschlechtern, sind das Vorbild, wie Vice schreibt. „Goblincore widersetzt sich den modernen Geschlechternormen, was es zu einem einladenden Lebensraum für alle macht, die jenseits des binären Systems leben.“

mysticical plants

Das Entfliehen vor den Zwängen der Gesellschaft, abtauchen und im Wald leben wie Henry David Thoreau hat eine lange Tradition. Im ‚Zurück zur Natur‘ schwingt immer auch eine Abkehr vom zu schnellen Leben in der Technologie- und Fortschrittsmaschinerie mit, der Versuch, aus dem Hamsterrad auszusteigen und die Welt neu zu denken. Gerade Gen Z ist darin besonders geübt.

Sie verweigert sich nicht nur überholten Genderklischees, sondern sie fordert auch einen besseren Umgang mit der Umwelt und zwar am besten gestern. Goblincore ist ein weiterer Schritt in diese Richtung, denn wer den Planeten retten (beziehungsweise das Überleben der Menschheit darin sichern) will, darf sich nicht auf die schönen Aspekte beschränken, darf nicht auf Greenwashing reinfallen.

forest plants goblincore

Die Klimakrise ist in den Köpfen der jungen Generationen die größte Herausforderung unserer Zeit. Es ist klar, dass die Natur stark durch den Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass unsere Art, mit ihr umzugehen, sie zu kultivieren und auszubeuten sie zerstört hat. Goblincore ist eine Betrachtungsweise der Natur, die sie in ihrer Gänze mit Zärtlichkeit und Liebe betrachtet, und eben nicht nur den Teil, der uns Menschen offensichtlich nützlich, und daher schön, vorkommt, sondern eben auch ihre rauen und verletzlichen Seiten. Goblincore, das heißt, das Vergängliche an der Natur zu umarmen, sie als System zu begreifen und sich darin einzufügen, anstatt es dominieren zu wollen.