Feuer und Eis

Eine Expedition zu den Gletschereishöhlen des Mount St. Helens

Weltweit gibt es etwa 1.500 aktive Vulkane. Der Mount St. Helens im Süden des US-Bundesstaates Washington ist einer davon. Er gehört zur Kaskadenkette, die sich entlang der Westküste Nordamerikas erstreckt und Teil des pazifischen Feuerrings ist. Bekannt wurde der Vulkan durch seinen spektakulären Ausbruch am 18. Mai 1980, der 57 Todesopfer forderte. Dabei rutschte der gesamte nördliche Berggipfel hangabwärts. Sein heute 2539 m hoher Gipfel verlor damals etwa 400 m an Höhe. Im Vulkankrater entstand seit dem Ausbruch ein langsam wachsender Gletscher.

glacier camp

Zusammen mit dem deutschen Höhlenklimatologen Dr. Andreas Pflitsch geht es zu einer einwöchigen Expedition in die Gletschereishöhlen des Mt. St. Helens. Eine Expedition zu Feuer und Eis. Und eine Expedition der Extreme.

glacier helicopter

Wir sitzen etwas beengt in einem kleinen Helikopter und haben nur das Nötigste für eine Notlandung dabei, da Stunden zuvor all unsere Ausrüstung in großen Transportnetzen bereits ins Basislager geflogen wurde. Am Steuerknüppel ein ehemaliger Airforce-Soldat, fast zwei Meter groß, Kaugummi kauend und man kommt sich etwa vor, wie in einem schlechten Vietnam-Kriegsfilm, da er sich einen Spaß daraus macht, möglichst dicht über die kargen Bäume der Startzone zu fliegen. Da wir ja hoch auf den Vulkan müssen, hat die insgesamt eher niedrige Flughöhe aber den Vorteil, dass wir die Landschaft sehr gut beobachten können und sogar weiße Bergziegen erblicken. Ansonsten sieht man eine sich erst langsam erholende Natur. Auffallend sind die durch die damalige Druckwelle beim Ausbruch wie Streichhölzer umgeknickten Baumstämme, welche noch immer im weiten Umkreis herumliegen oder im Sprit Lake schwimmen. Die heiße Glutwolke vernichtete damals auf ca. 600 Quadratkilometern jegliche Flora und Fauna. Der Heli schraubt sich anstrengend den Gletscher zum Krater hinauf. Noch eine kurze Nebelwand und wir erblicken den Platz für unser Basislager auf knapp 2000 m Höhe. Hier oben errichten wir am Rande des Lavadoms “Camp Rembrandt”.

group glacier

Die Eishöhlen entstehen durch Fumarolen. Fumarolen sind vulkanische Dampfaustrittsstellen im Gestein, aus denen Wasserdampf und vulkanische Gase austreten. Die heißen Dämpfe steigen nach oben und erschaffen so riesige Höhlengänge im Gletschereis. Es handelt sich um eine recht junge, durchaus aktive und dynamische Umgebung, die sich aber hervorragend für die Forschung im Bereich der Höhlenklimatologie eignet.

Wir sind 20 Personen, darunter der erfahrene Expeditionsleiter Eddy Cartaya, weitere Höhlenforscher aus Kanada, die für die digitale Vermessung der Höhlen zuständig sind, Mikrobiologen, die nach Leben in Form von Mikroben suchen, Vulkanologen, ein Expeditionsarzt, Bergrettungsexperten und Mitarbeiter des NASA Jet Propulsion Laboratory (JPL), die einen Eisroboter unter extremen Bedingungen testen wollen. Der wissenschaftliche Leiter der Expedition ist der deutsche Höhlenklimatologe Dr. Andreas Pflitsch von der Ruhr-Universität in Bochum.

Klimaforschung in Vulkangletschereishöhlen – für Dr. Andreas Pflitsch ein absoluter Lebenstraum

work station eric guth

Für seine Forschungen besteigt Andreas regelmäßig schneebedeckte Feuerberge, um die Klimadynamik von Gletscher- und Lavahöhlen auf der ganzen Welt zu erforschen. Etwa auf den Mt. Hood oder den Mt. Rainier ist er schon geklettert aber auch in die größte und längste Lavahöhle der Welt auf Hawaii.

Nun sind wir im Krater des Mt. St. Helens, weil nach einem Jahr erneut die Gletscherhöhlen untersucht, Datenlogger ausgelesen und neue Messdaten gewonnen werden sollen. Hier oben schaut alles sehr surreal aus, traumhaft aber unwirklich. Und es ist eine exklusive Welt, denn nur Wissenschaftler bekommen eine Erlaubnis, das Innere des Vulkankraters überhaupt zu betreten.

Andreas fasziniert vor allem das Abseilen in neuentdeckte Gletschereishöhlen. Darin rauschen Schmelzwasserbäche von den Wänden. In der Decke stecken Lavablöcke, die jederzeit heraus fallen können und dies auch ab und zu tun. Der gesamte Gletscher bewegt sich mit bis zu 1,5 m am Tag Richtung Tal. Von den hohen Wänden des Kraterrandes fällt zudem in kurzen Abständen Lavagestein, sodass man sehr aufpassen muss oder eben schnell sein, wenn man diese Stellen unterhalb der Kraterwand passiert. Der Name „shooting gallery“ sagt im Grunde schon alles und eine Menge von Gletscherspalten gibt es natürlich auch. Eine unbeschreiblich schöne, aber durchaus gefährliche Welt.

cloud smoke from mount st. helen

Andreas nimmt gerne die Mühen und Gefahren einer solchen herausfordernden Expedition auf sich, weil es für ihn äußerst spannend ist, in Bereiche vorzudringen, in denen es bisher noch keine klimatologischen Forschungen gab. Die Expeditionen zum Mt. St. Helens sind für ihn das Außergewöhnlichste, was er bisher erlebt hat. Hier oben fühlt er sich aber auch irgendwie zu Hause, denn auf einem Vulkan und dann auch noch in Eishöhlen zu forschen, ist für ihn ein Lebenstraum.

Die Tatsache, dass wir in neu entdeckten Höhlen die allerersten Menschen sind, ist mehr als faszinierend. Und da hier oben alles in Bewegung ist und sich von Jahr zu Jahr verändert, kann es auch sein, dass wir womöglich die letzten sind, die diese Höhlenwelt jemals erleben.

Godzilla-Höhle und ein NASA Roboter

cave exploring

In den kalten Monaten sammelt sich im Innern des hufeisenförmigen Kraters mehr Schnee, als im Sommer wieder abtaut, sodass nach dem Ausbruch mit der Zeit ein Gletscher entstehen konnte. Heute ist dieser etwa 1,2 Quadratkilometer groß, ca. 180 m dick und wächst beständig. Die neu entstandene Landschaft wird von einzigartigen und glitzernden Eishöhlen durchzogen. Wir steigen den Gletscher hinauf zur 2013 entdeckten Godzilla-Höhle. Wegen der vielen Gletscherspalten sind wir nicht nur am Seil gesichert und mit Lawinenpiepsern ausgestattet, sondern führen aufgrund der gefährlichen Gase stets spezielle Überwachungsgeräte mit uns, welche die Luft analysieren und uns bei Gefahr warnen.

cave roping

Oben angekommen klettern wir in eine Art Doline hinab. Hier ist die Höhle bis zur Eisoberfläche aufgebrochen. Auf einer Seite geht es weiter ins Dunkel. Im Licht unserer Helmlampen erkennen wir zuerst nur Bruchstücke der Eishöhle. Es gibt Momente, da steht man komplett im Dampfnebel und sieht fast nichts oder es reißt plötzlich auf und man erkennt die riesigen Dimensionen. Wir lassen erst einmal die ungeahnte Weite auf uns wirken. Der Boden der Höhle besteht aus großen, meist losen Lavablöcken. Die Wände und Decken sind aus Gletschereis und besitzen außer eingeschlossenen weiteren Lavablöcken viele größere, aber auch kleinere Strömungsfacetten, welche durch die Luftströmungen und heißen Dämpfe entstanden sind.

exploring inside of volcano

Während Andreas seine Datenlogger der letzten Expedition sucht, die mitgebrachten Klimamessgeräte aufbaut und noch Rauchtests durchführt, um zu sehen, wohin der orangefarbene Rauch dann abzieht, transportieren die anderen die schweren Kisten mit Teilen eines NASA Robotors zu einer Eiswand.

“Eiswurm” heißt dieses seltsam aussehende Metallteil, welches zukünftig vielleicht einmal die Oberflächen von Kometen oder den Eismond Europa erforschen soll. Im Grunde testen die Wissenschaftler nur einen Fuß des späteren Roboters. Dieser soll selbstständig eine Eiswand hinauf klettern, muss aber erst mal mit einem Seil gesichert werden, da die künstliche Intelligenz noch nicht alle Schritte gelernt hat und daher der Roboter ständig von der Wand fällt. Zwei Tage zuvor hatten wir das seltsame Ding bereits vergeblich in einer kleinen Eishöhle direkt unter unserem Basislager getestet. Diesmal soll es aber gelingen. Und nach einigen Stunden funktioniert er tatsächlich und klettert langsam die Eiswand hinauf. Wir glauben es kaum. Die JPL Experten brechen in Jubel aus, denn nach all den Tagen ist nun am letzten Forschungstag das gewünschte Ziel des selbstständigen Kletterns erreicht worden.

measuring device

Andreas findet nach einem Jahr seine Datenaufzeichnungsgeräte weit entfernt von den zuletzt bekannten Standorten wieder. Er strahlt, denn es sind die weltweit allerersten Klimadaten aus einer Eishöhle in einem Vulkankrater.

Am letzten Abend sitzen wir um einen aus Schnee gefertigten Tisch im Großzelt zusammen und feiern die gelungene Expedition. Um das Zelt haben wir eine lange Eismauer erbaut, die vor den Stürmen hier oben schützen soll. Ein ins Eis geschnitzter Drache ist dabei unser Beschützer. Und tatsächlich hatten wir nur in einer einzigen Nacht heftigen Sturmwind zu ertragen.

exploring ice cave

Wir genießen die Nacht, aber mancher schlief bestimmt nicht gut, da jemand im Laufe des Abends noch erzählte, dass es wohl hier oben einen weiteren Roboter mit künstlicher Intelligenz gibt, den die NASA aber vor Jahren verloren hat und der sich evtl. selbstständig machte und nun darauf wartet, bis wir alle in den Zelten verschwinden und schlafen, um dann aus irgendeinem Loch zu erscheinen und seine Eisschrauben in uns zu bohren. Aber im Ernst: Es ist eine absolut faszinierende, wenn auch gefährliche, aber wunderschöne Welt, die wir erleben und wir sind glücklich, Teil eines außergewöhnlichen Forschungsteams sein zu dürfen.

cave entry

Weitere Informationen zu den Gletschereishöhlenforschern um Dr. Andreas Pflitsch finden man hier oder bei TerraX 

Fotocredits für alle Bilder: www.glaciercaveexplorers.org und Eric Guth