Frauen in der Bergrettung

Die Alpenregionen blicken auf rund 100 Jahre Bergrettungsdienst zurück. Bei jedem Wetter und in jedem Gelände finden in den Bergen Einsätze statt. Um Leben zu retten, investieren die meist ehrenamtlichen Helfer viel Zeit in Training und Ausbildung. Wenn die Helfer vor Ort eintreffen, dann muss jede Bewegung und jeder Griff sitzen. Deshalb kommt auch der Ausbildung eine so hohe Bedeutung zu. Und die rund drei bis vierjährige Ausbildungszeit, um Menschen anschließend sicher aus der Bergnot retten zu können, hat es für die mehrheitlich Berg erprobten Kandidaten und Kandidatinnen richtig in sich.

Sabrina Wurzer im Bergrettungstraining angeseilt auf einem Fels
© Sabrina Wurzer

Die Durchführung des Bergrettungsdienstes bedeutet, Wanderern, Skifahrern oder Kletterern bei Notfällen im unwegsamen Gelände zu helfen, Lawinenopfer zu befreien und mit anderen Rettungsorganisationen an Katastropheneinsätzen teilzunehmen. Es geht aber auch um die Mithilfe bei der Unfallvorbeugung, Beseitigung besonderer Gefahrenquellen sowie Mitwirkung in Natur-, Landschafts- und Umweltschutz. Die Bergrettung ist eben sehr vielseitig einsetzbar, und stets heißt es: Ruhig bleiben und keine Fehler machen. Zupacken, wenn andere in Not geraten. Gefordert wird maximale Konzentration. Im Gegenzug gibt es das Wissen, sich für seine Mitmenschen eingesetzt zu haben. Und die Naturkulisse ist in den Alpen nie langweilig.

Auch immer mehr Frauen melden sich jährlich als Anwärterinnen für die anspruchsvolle Aufgabe in den Alpenregionen. Eine von ihnen ist Sabrina Wurzer aus Bischofshofen in Österreich. Die Marketing-Managerin ist seit anderthalb Jahren nach der Ausbildung aktive Bergrettungsfrau in der Ortsstelle Bischofshofen und engagiert sich zusätzlich im Team der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Landesleitung des Bergrettungsdienstes Salzburg. Als Stadtkind in Düsseldorf aufgewachsen, kam die 35-Jährige schließlich vor über 10 Jahren nach Österreich. Die Berge und die Menschen dort ließen sie seither nicht mehr los.

Sabrina Wurzer als eine der wenige Bergretterinnen in Österreich
© Sabrina Wurzer

Frau Wurzer, Sie folgen dem Diktum „Bergsteiger helfen Bergsteigern“. Wie kamen Sie dazu?

Mein Interesse und meine Liebe für die Berge sowie das Bergsteigen habe ich relativ spät im Leben entdeckt. Ich komme ursprünglich aus dem Norden Deutschlands. Mein Mann stammt aus der Region Salzburg, ist selbst ein erfahrener Bergsteiger und zudem aktiv in der Bergrettung tätig. So konnte ich viel aus erster Hand lernen und ein Gespür für die Berge meiner wunderschönen Wahlheimat aufbauen. Als meine körperliche Kondition und mein bergtechnisches Wissen und Können einem guten Niveau entsprachen, kam in mir der Wunsch hoch, selbst auch in der Bergrettung aktiv zu werden. Mir gefiel der Gedanke, helfen und eingreifen zu können.

Welche Anforderungen gab es? Die Ausbildung ist bekanntlich umfangreich und nichts für schwache Nerven.

In der Tat begann ich zuerst mit einem Probejahr. Da nimmt man zwar schon an vielen Übungsabenden teil, wird aber auch von den erfahrenen Ausbildern genau beobachtet, ob man wirklich für den Bergrettungsdienst geeignet ist. Das ist auch gut so, denn schließlich muss man selbst sicher und souverän im Einsatz unterwegs agieren. Es wird einem bei der Ausbildung daher definitiv nichts geschenkt. Das Probejahr ist auch da, um sich entwickeln zu können. In der Ortsstelle haben mich alle herzlich als vollwertiges Mitglied willkommen geheißen. Dass ich eine Frau bin, hat glücklicherweise in der Akzeptanz und Integration keine Rolle gespielt.

JW Bergrettung hier seilen sich Frauen in einen Gletscherspalt ab
© Bergrettung Salzburg

Wie hat Ihnen die Ausbildung insgesamt gefallen?

Die anschließende Ausbildung habe ich als sehr spannend erlebt und empfunden. Aufgeteilt ist diese, vereinfacht gesagt, in die Winter- und Sommerrettung von Personen am Berg. Dabei ergänzen sich Theorie und Praxis stets ideal. Natürlich erlernt man die Erste Hilfe. Danach folgen Kurse zu Bergungstechniken aus Felsen, Schnee und Eis sowie Lawinenkunde bis hin zu Skitouren, um nur einige zu nennen. Absolutes Highlight der Ausbildung ist für mich aber sicherlich die Woche auf einer hochalpinen Hütte inmitten der 3000er der Hohen Tauern gewesen. Im sogenannten „Eiskurs“ haben wir die anspruchsvollen Sicherungs- und Bergtechniken im Eis erlernen dürfen, haben ausgewählte Hochtouren machen dürfen, um das Erlernte direkt in der Praxis umsetzen zu können und eine Menge über Gletscherkunde gesprochen. Die Atmosphäre und der Mannschaftsgeist waren einfach großartig. Generell ist die Kameradschaft herzlich und die qualifizierten Ausbilder vermitteln ihr Fachwissen exzellent, können auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen und haben uns daran teilhaben lassen.

die Bergwacht handelt nach dem Diktum Bergsteiger retten Bergsteiger
© Bergrettung Salzburg

Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit?

Der Mannschaftsgeist. Bergrettung ist eine Teamarbeit. Man kann und muss sich zu 100 Prozent auf seine Kollegen und Kolleginnen verlassen können. Hier ist der Wunsch, Menschen aus der Not helfen zu können, für alle die größte Motivation. Es setzen sich schon mal 20-30 Bergretterinnen und Bergretter für einen Verunglückten ein. Viele Notfälle entstehen unverschuldet, trotz guter Vorbereitung. Das bringt die Natur und die Umgebung in den unterschiedlichen Wetterlagen einfach mit sich.

Wir urteilen auch nicht, wir sind zum Helfen da. Es lässt sich nur schwer in Worte fassen, aber dieses Gefühl, jemanden aus der Not befreit zu haben und zu wissen, dass, wenn ich selbst mal am Berg einen Unfall habe, dass ich weiß, dass mir dann ebenfalls professionell durch meine Kolleginnen und Kollegen geholfen wird. Zusammen mit der Liebe zur Natur ist dies für mich der größte Antrieb. Und es kommt schon vor, dass man ein paar Wochen später Dankesbriefe von Geretteten bekommt. Das bewegt einen dann schon.

Eine Bergretterin lächelt glücklich in die Kamera, sie ist oben auf dem Gipfel angekommen
© Sabrina Wurzer

Wie sehen Sie die derzeitige Situation der Bergrettung aus Sicht einer Frau?

Tendenziell sind nach wie vor weit mehr Männer als Frauen in der Bergrettung tätig. Wir zählen in unserer Region knapp 2.000 Bergretter, rund 90 davon sind Frauen. Als Frau verspürt man schon den Druck, sich noch stärker beweisen zu müssen. Unsere Landesleitung spricht sich stark für Frauen im Bergrettungsdienst aus und ist sehr engagiert, noch mehr Frauen für die Bergrettung zu gewinnen. Es wird eine Menge getan.

Die Hemmschwelle scheint eher von den Frauen selbst zu kommen, obwohl es inzwischen sehr viele versierte Bergsteigerinnen gäbe. Es bedarf vielleicht noch weiterer Überzeugungsarbeit. Inhaltlich wie auch körperlich ist die Ausbildung sehr anspruchsvoll. Man hinterfragt sich, ob man etwa mit den Kraftansprüchen mithalten kann. Frauen punkten meines Erachtens gerade in der Patientenversorgung vor Ort. Meine Botschaft an die Frauen mit Interesse an der Bergrettung ist eindeutig: Traut euch! Es ist eine einzigartige Erfahrung.

Ausbildungsanforderungen und Kontaktinfos zur Bergrettung Salzburg gibt es unter den folgenden Links:

www.bergrettung-salzburg.at

www.bergrettung-salzburg.at/bergretter-werden