Familienabenteuer

Ich werde den Finger in die Wunde legen und über das Reisen schreiben. Dieses Jahr wollten wir in die Schweiz, nicht in die richtige, sondern in die Sächsische. Schweiz ist Schweiz, haben wir uns gedacht. In der Sächsischen Schweiz gibt es auch Berge, einen schönen Wald und man muss nicht so weit fahren und keine Mautgebühr bezahlen und sich dann über die Preise im Restaurant ärgern, wo ein Kaffee so viel wie drei Mittagessen in Berlin kostet. Also hat man nur Vorteile, wenn man in die Sächsische Schweiz fährt. Und der Herbst ist dort auch schön und golden.

Dann kam das Beherbergungsverbot und später ein Zustand, den man nun „die aktuelle Situation“ nennt. Die Sächsische Schweiz musste aufgeschoben werden. Es ist ziemlich gewagt in der „aktuellen Situation“ ein Buch mit dem Titel „Familienabenteuer“ rauszubringen. Ein Buch, in dem sich alles um das Reisen mit Kindern dreht. Eine Lektüre, die jene Sehnsüchte weckt, die lieber auf dem Grund unseres Gefühlsozeans während der „aktuellen Situation“ einen tiefen Schlaf halten sollen.

Photo Credit: Drew Martin, Familienabenteuer, gestalten 2020

Die Sehnsüchte, bei mir sind sie hellwach. Und Fernweh. Ich denke, wenn wir jetzt schon nicht reisen können, dann wenigstens einen kleinen Fantasy-Trip durch ein Buch unternehmen, um sich von der „aktuellen Situation“ abzulenken. Ich liebe Reisereportagen, die jenseits der toxisch-sinnlosen Positivität sind. So ehrlich wie das Leben und eben auch Reisen mit Kindern nur sein kann. Da gibt es gute Zeiten und natürlich auch andere, wenn man an seine mentalen und körperlichen Grenzen kommt.

So erzählt in einem Kapitel Hannah Carpenter, wie sie mit ihrem Mann und vier Kindern aus dem Staat Arkansas, USA nach Italien reist. Hannahs Mann wurde als Professor an einem Auslandsprogramm seiner Universität angenommen und so ergab sich für die sechs Köpfige Familie eine Chance, drei Monate in Florenz zu leben und im Anschluss durch Europa zu reisen.

Reisen mit der eigenen Familie kann unglaublich schön, aber auch unglaublich schrecklich sein. So wie Zu Hause, führt kein Weg daran vorbei, dass man sich hin und wieder gegenseitig hasst. Der Ehepartner bleibt immer noch derselbe Typ, die Kinder immer noch dieselben Kinder und du immer noch du selbst. Es gibt keinen magischen Reisestaub, der so bald der Atlantische Ozean überquert ist, alle Familienmitglieder zu besseren Menschen macht. Man wird sich also weiterhin miteinander streiten, hin und wieder heulen und sich wünschen aus dem Zug noch vor seiner Familie auszusteigen.

Photo Credit: Emma Donnelly, Familienabenteuer, gestalten 2020

So viel zur Gefühlswelt. Doch bei Reisen ist da noch eine andere Ebene. Es ist das Entdecken, gemeinsam Dinge erleben und als Familie gemeinsame Erinnerungen schaffen. Hannah erzählt so wunderbar und ehrlich über ihr Leben in Italien, dass man fast das Gefühl hat dort mit ihr auf „una passaggiata“ zu sein, wie Italiener einen Spaziergang ohne Ziel und Zweck nennen.

Eine andere Geschichte, die mich sehr berührte, ist die der Fotografin Marta Greber. Marta flog zusammen mit ihrer einjährigen Tochter Mia nach Neuseeland, mietete dort einen Camper Van und begab sich auf einen dreiwöchigen „Mutter-Tochter“ Trip. Martas Bilder nehmen einem den Atem weg. Sie sind so voller Liebe für ihre Tochter und die wunderschöne Natur. Martas Geschichte ist ehrlich und inspirierend zugleich. Sie erzählt über die wunderschöne Flora und Fauna, Seelöwen und Pinguine. „Tiere üben eine unglaubliche Kraft auf das Vorstellungsvermögen der Kinder aus. Auch für mich selbst, ist es das Größte ein Tier in seiner natürlichen Umgebung zu erleben“.

Doch die Reise von Martha und Mia war, zumindest am Anfang, nicht einfach. „Ich habe versucht zu arbeiten, alle Mahlzeiten selbst zu kochen (…) jeden Tag einen neuen Ort zu sehen und mit Mia zu spielen. Dieser Plan war zu viel und hat zu Beginn nicht funktioniert“. Martha erzählt ehrlich und eindrucksvoll über alle Herausforderungen des Reisens und wie sie ihre Erwartungen und Tagesabläufe an das Reisen mit ihrer kleinen Tochter anpassen musste.

Photo Credit: Quartier Collective, Familienabenteuer, gestalten 2020

Apropos Herausforderungen. „Familienabenteuer“ ist vollgespickt mit den Tipps des Autors, wie man sich auf das Reisen mit Kindern verschiedenen Alters am besten vorbereitet. Unterschiedliche Geschichten sind besonders ermutigend für jene, die sich bisher nicht getraut haben ihre Koffer zu packen und mit Kindern eine Familienauszeit jenseits des Massentourismus zu verbringen.

Um etwas zu erleben, muss nicht unbedingt an das andere Ende der Welt geflogen werden. Als leidenschaftliche Waldliebhaberin erzähle ich im Buch über die Pilzpflücke und unsere kleinen Familienabenteuer in Brandenburger Wäldern. Um seinem Kind die Liebe zur Natur und Respekt für alles Lebendige zu vermitteln,  reicht auch The Great Outdoors, das fast vor der Haustür liegt. In diesem Sinne freuen wir uns schon sehr, wenn in die Sächsische Schweiz gereist werden darf.


Photo Credit Header Bild: Quartier Collective, Familienabenteuer, gestalten 2020