Ethisches Reisen

Wie können wir lernen, reflektierter und achtsamer zu reisen?

„Was haben wir mit unserer bisherigen Art zu reisen erreicht und vor allem: Was können wir zukünftig besser machen”, fragt sich Harald Friedl in seinem Buch „Ethisches Reisen“.

Ein Moment, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, ereignete sich in Peru auf meinen Reisen. Ich war wandern im Colca Canyon, als mir ein schwer beladener Esel entgegenkam. Das Tier trug die Taschen von zwei Reisenden den Berg hoch und sah dabei sehr müde und träge aus. Die Touristen hingegen freuten sich darüber, dass sie ihr Gepäck nicht selber schleppen mussten und liefen gut gelaunt dem Esel und einem Peruaner, der den Esel führte, voraus. Dass ethisches Reisen so nicht funktioniert, ist offensichtlich. Aber wie können wir es anders machen?

buro taxi donkey in peru

Viele Menschen reisen gerne, jedoch reflektieren in unserer Lebenswelt eher wenige, wohin sie eigentlich reisen, warum sie eigentlich reisen und welche Motive und Motivationen ihre Reisen dabei haben. Es ist ein Automatismus, der zu unserem Leben schon dazugehört. Es wird ein Flug gebucht, ohne darüber nachzudenken.

Sehr wichtige Punkte zu dieser Thematik sind im Shop der Bundeszentrale für politische Bildung unter der Rubrik „Zeitschriften“ zu finden. Gabriele Habinger schreibt in ihrem Artikel mit dem Titel „Reisen und Erobern“ über die kritischen Aspekte touristischer Reisen in andere Länder und betont unter anderem, dass “europäische Reisende, beginnend im 20. Jahrhundert, oft unaufgefordert in die Häuser fremder Menschen eindringen, häufig mit dem Anspruch, deren Kultur und Lebensweise kennenzulernen“. Dabei wird das Wort „Eroberungshabitus“ erwähnt, welches diese Art von Reisen zusammenfassen soll. „Unter anderem wird ausgeführt, dass es heute noch westliche Tourist*innen dazu drängt, Grenzen der Privatsphäre der lebenden Menschen vor Ort zu ignorieren“. „Diese bestehen in der begierigen Suche nach dem Authentischen hinter den Kulissen, die hervorgebracht wird von der Sehnsucht nach wahrer Intimität, nach ursprünglicher Natur und dem einfachen Leben”, sagt Gabriele Habinger. Ähnliche Motive prägen laut Habinger auch den Ethnotourismus, der ebenfalls die Suche nach dem “Authentischen”, nach Natürlichkeit, Ganzheit und Spiritualität verfolgt. Dabei wird davon ausgegangen, dass in der westlichen Gesellschaft solche Werte schon längst verloren gegangen zu sein scheinen. Diese und andere Fragen stellen sich möglicherweise mehr Menschen, die gerne genauer wissen möchten, wie das Reisen – ethisch betrachtet – verbessert werden kann.

the outdoors ethical travel tourist hot spots

Erfahrungen auf meiner eigenen Reise

Ich erinnere mich noch genau an den Zeitpunkt nach meinem Abitur. Ich hatte mein Zeugnis in der Tasche und schon länger immer wieder Momente gehabt, in denen ich wegwollte, aber die Frage war dabei das „wohin“. Also recherchierte ich, in welche Länder ich reisen könnte. Dabei fiel mein Fokus auf Peru. Mich faszinierten die verschiedenen Sprachen des Landes und die andere Lebensweise, die die Menschen dort führten. Durch Bekannte aus Südamerika, die mir schon viel erzählt haben, wollte ich Peru endlich selbst kennenlernen. Innerhalb von drei Monaten war ich dann dort, reiste anfangs viel umher und lebte eine Weile in den Bergen des Colca Canyon. Nach einiger Zeit bemerkte ich aber, dass mir diese Art zu reisen nicht gefiel. Ich fühlte mich oft als Eindringling, als Europäerin, die anders aussah, die Sprache nicht sonderlich gut sprach und die Kultur und Mentalität nicht teilte. Ich bemerkte, dass die Menschen über mich sprachen und ich immer wieder komisch angeschaut wurde, wenn ich durch die Stadt ging. Es waren meist Blicke, die mich auf eine bestimmte Art und Weise verunsicherten. Ich erlebte, dass die Menschen mir gegenüber offen waren, aber trotz alledem eine gewisse Distanz zu mir hatten und somit anfangs wenig Gespräche entstehen konnten. Ich wusste, dass ich die Sprache lernen musste, um mich besser integrieren zu können.

Ich stellte nach einer Weile fest, dass das Gefühl sich als Eindringling zu fühlen, nie komplett weggehen würde, aber wollte einen anderen Umgang damit finden. Ich wollte mich nicht ausgrenzen und eine Trennung zwischen mir und den Menschen herbeiführen, sondern vielmehr in einen Austausch darüber kommen. Daraufhin kaufte ich mir in einem kleinen Buchladen ein spanisches Kinderbuch und setzte mich jeden Morgen auf die Plaza de Armas, der Platz des Zentrums von Arequipa und fing an, mir jeden Tag neue Vokabeln beizubringen. Ich fragte mich damals schon, wie es möglich ist, einen anderen Umgang mit dem Thema Reisen zu finden. Dieses Gefühl begleitete mich eine Weile. Ich fühlte mich sehr wohl in Peru. Ich traf viele zuvorkommende, liebevolle Menschen, aber trotz alledem kam die Frage in mir auf, ob sich meine Freund*innen und Bekannte eigentlich in unseren Gesprächen wohlfühlten und wie ein gemeinsamer Austausch auf Augenhöhe aussehen kann.

„Ich glaube, die Grundlage, damit ein Austausch auf Augenhöhe geschehen kann, ist Respekt, Empathie und Sensibilität für die jeweilige Person zu haben, die vor einem steht. Es ist wichtig zu begreifen, dass das Gegenüber aus einer anderen Welt kommt als die eigene, was aber nicht bedeutet, dass sie weniger oder mehr wert ist. Diese Person hat vermutlich einfach einen anderen Weg eingeschlagen, welcher ihre Werte und ihren Charakter geprägt haben. Offenheit, Bescheidenheit, Einfühlungsvermögen und Empathie sind ebenfalls sehr wichtig, um auf Augenhöhe zu kommunizieren“, erzählte mir ein Bekannter aus Mexiko.

overcrowded tourism on bridge

„Wir wollen Menschen aus Europa das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Ich bin immer sehr neugierig und interessiert an anderen Menschen und deren Kultur”, sagt A. aus Peru.  

Wenn Tourist*innen nur durchs Land reisen, sich die Sehenswürdigkeiten, das Essen und die beliebten Naturspots ansehen und dann wieder zurückreisen und denken, sie hätten ein anderes Land mit ihrer Kultur, ihren Menschen kennengelernt, ist es problematisch und fragwürdig, ob diese Art zu reisen vertretbar ist. Harald A. Friedl betont, dass ethisches Reisen für ihn in allererster Linie respektvolles Reisen bedeutet und es darum geht, achtsam zu sein. Und damit ist vor allem nicht gemeint, dass wir am Ende „dann am besten noch selbst mit aufs Selfie (sollten), damit das Foto perfekt wird”, wie Haralds A. Friedl in seinem Buch über ethisches Reisen berichtet:

machu pichu in peru

„Die 800 Seelen Gemeinde Hallstatt in Österreich ist zum Synonym für Über-Tourismus geworden. Viele Zeitungsartikel widmeten sich der Frage, wie es möglich ist, diese touristischen Auswüchse in den Griff zu bekommen. An vielen Orten ging es vor Corona ähnlich zu wie in Hallstatt. Menschenmassen und schwingende Selfiesticks in der Inka Ruinenstadt in Machu Picchu in Peru und auch andere Orte dieser Welt sind Beispiele dafür, dass so eine Art zu reisen reflektiert und hinterfragt werden kann, mit der Überlegung, eine neue Weise zu finden, die achtsamer und respektvoller ist, denn auf Reisen zu verzichten ist in diesem Fall auch keine Lösung.“

Die Sicht der Bewohner*innen von beliebten Reiseländern

Sich mit Menschen aus anderen Ländern auszutauschen, sich zu informieren und vor allem auch mit Expert*innen zu sprechen, kann dabei sehr hilfreich sein.

Ich habe mich mit zwei Bekannten unterhalten, die beide eine spannende Perspektive auf die Thematik haben und jeweils Erfahrungen mitbringen. D. aus Mexiko und in Berlin lebend und A. aus Peru erzählten mir, dass sie es im Großen und Ganzen großartig finden, das Menschen reisen, unabhängig davon, woher sie kommen oder wohin sie gehen.

Wie seht Ihr Reisende in euren Heimatländern?

D.: Ich denke, dass Reisen einer der schönsten Erfahrungen sein kann, die wir machen können. Manchmal neige ich dazu, eine höhere Moral zu empfinden. Moral ist ein soziales Konstrukt und wird als solches verstanden und ist in jedem Teil der Welt anders. Oft scheinen Reisende mit der Idee unterwegs zu sein, das Unterentwickelte, das Ländliche, das Exotische kennenzulernen.  Im Allgemeinen ist es das Gefühl der Überlegenheit, dass die Tourist*innen oder Reisenden denken, dass sie die Lösungen für unsere Probleme kennen. Meiner Meinung nach glauben sie, dass die Lebensweise, die sie führen, besser ist und sie nehmen sich deshalb das Recht, sich überlegen zu fühlen.

Dabei werden meistens kaum die eigenen Verhaltensweisen hinterfragt und es werden sich wenig Gedanken darüber gemacht, dass genau diese Thematik den Neokolonialismus herbeiführt und die ganzen Vorurteile, die damit einhergehend unsere Gesellschaft durchdrungen haben. Wie etwa das Vorurteil vom unterentwickelten Menschen. Ich glaube diese Aussagen kommen von der eurozentristischen Erziehung, die das System uns eingeimpft hat. Das ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich erinnere mich daran, dass ich dieses Gefühl jedes Mal hatte, wenn wir jemanden aus Europa sahen.

Dabei stellt sich die Frage:  Wie können wir uns vorbereiten, um eine Reise ethischer zu gestalten?

D.: Ich denke, es ist wichtig, sich erst einmal diese Frage zu stellen. Einerseits glaube ich, dass wir mit Bewusstsein reisen sollten. Es ist schön, wenn dabei besondere Erfahrungen entstehen, aber ich glaube auch, dass die Vorbereitung auf solche Reisen sehr wichtig ist. Wir sollten uns mit der jeweiligen Kultur auseinandersetzen, um etwas über ihre Geschichte, ihre Traditionen, ihr Essen und ihre Sitten zu erfahren, damit wir das Beste daraus machen können. Andererseits ist es wichtig, dabei über die eigenen Privilegien nachzudenken, was es bedeutet, zwischen den Kontinenten reisen zu können und die Verantwortung, die damit verbunden ist. Wie ich bereits erwähnt habe, sollten wir die Vorstellung in „unterentwickelte Länder“ mit „unzivilisierten Menschen“ zu reisen, dekonstruieren.

Und wie kann ein reflektierter Umgang mit diesem Thema gestaltet werden? Was braucht es, um weiterhin reisen zu können? 

A.: Ich denke, das Gespräch zu beginnen, ist immer ein erster guter Schritt. Oft realisieren wir gar nicht, wenn wir anderen Menschen gegenüber respektlos sind und sie herablassend behandeln. 

D: Wir merken nicht, dass nicht alle Menschen die gleichen Privilegien haben. Ein Privileg ist es, in andere Länder fliegen zu können. Angefangen bei der Kaufkraft, dem CO2 Fußabdruck, der Infrastruktur, der Zeit und auch ganz allgemein den Ressourcen, die einem als Person aus einem bestimmten Land zur Verfügung stehen. Aus diesen Privilegien geht dann hervor, dass die Personen, die es besitzen, mehr Erfahrungen sammeln können, aber es einem somit nicht mehr „Wert” als Person verleiht. Ein weiteres Privileg ist, frei studieren zu können, seinen beruflichen Lebensweg bestimmen zu können und einen Pass zu haben, der jegliche Türen in die Welt offen hält. Genauso wie das Privileg, sich den eigenen Wohnort aussuchen zu können. Viele Menschen haben diese Freiheit und sind sich dieser kaum oder gar nicht bewusst. Wir sollten das Bewusstsein bekommen, dass wir diese Privilegien besitzen und somit in einer gewissen Verantwortung stehen. Zugleich ist eine offene Einstellung und eine gewisse Herzlichkeit auch immer hilfreich und wichtig beim Reisen.

Außerdem stellt sich die Frage, ob die Hierarchien zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden weiter fortgesetzt werden können oder ob es andere Lösungen geben muss.

D: Ich glaube nicht, dass das Reisen selbst die Hierarchien aufrechterhält. Für mich ist eher das Systems eine Ursache, welche nachhaltiger verändert werden muss und durch das Symptom der Bekämpfung verschwinden solche Hierarchien nicht. Aber das ist sehr komplex und schwierig. 

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht begünstigt den globalen Norden und gibt ihm die Möglichkeit, mehr zu reisen, aber gleichzeitig profitieren viele Länder enorm vom Tourismus. In Mexiko leben ein Großteil der Bevölkerung davon. 

tourists in crowded museum

Gibt es für euch einen Unterschied zwischen touristischem Reisen und längeren Aufenthalten?  Freiwilligendienste nicht inbegriffen. 

D.: Ja, es gibt einen Unterschied in der Wertschätzung von Menschen, die nach Süd- oder Lateinamerika reisen. Normalerweise werden Menschen, die für eine längere Zeit bleiben, in Projekten arbeiten und sich integrieren, anders gesehen. Es hängt vom Projekt ab, aber insgesamt werden sie geschätzt, weil sie nicht nur kommen, um „Spaß“ zu haben. Allerdings kann dies eine schwierige Angelegenheit werden und wird häufig auch sehr kritisch gesehen, gerade wenn es sich um ein ausschließlich europäisches Projekt handelt oder wenn die Menschen sich etwas Kulturelles mit neokolonialen Untertönen aneignen wollen.

Es gibt viele Beispiele für europäische Initiativen, die vorgeben, der lateinamerikanischen Gesellschaft zu helfen, aber in Wirklichkeit geht es ihnen nur darum, die Vorteile einer Geschäftstätigkeit in einem Land zu nutzen, das mehr Möglichkeiten bietet und das nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sozialer Hinsicht. Ein Beispiel wäre ein Unternehmen, das Kunsthandwerk in Europa verkaufen möchte. Die Vorstellung von „Hilfe“ basiert dann auf einer Idee, dieses Kunsthandwerk zu „fairen“ Preisen aufzukaufen, um es in einem anderen Teil der Welt zu einem viel höheren Preis zu verkaufen. Dadurch erzielt es größere Gewinne und in vielen Fällen beutet es die lokalen Arbeitskräfte aus.

Weiterführende Informationen zum ethischen Reisen

Wer sich ausführlicher mit ethischem Reisen auseinandersetzen möchte, findet weitere Informationen bei Organisationen wie Ethical Traveler, die sich für nachhaltigen Tourismus einsetzen. Auf der Seite gibt es viele gute Tipps und Anregungen zum ethischen und bewussten Reisen. Auf dem Portal sind jedes Jahr Reiseziele zu finden, die sich in Kategorien wie Umweltschutz, Sozialhilfe und Menschenrechte weiterentwickelt haben. Es sollen Länder dadurch ermutigt werden, sich für diese Werte einzusetzen und sich somit mit ethischem Tourismus zu beschäftigen.