El Hierro – Evolution in Echtzeit

Eine Recherchereise zum Thema Nachhaltigkeit führte mich nach El Hierro, die entlegenste der kanarischen Inseln. Die Nachforschungen ergaben nach kürzester Zeit, dass das laut ausgerufene Konzept der „Ökoinsel“ mit hundertprozentig erneuerbarer Energie und überwältigender Elektromobilität klammheimlich gescheitert war. Doch ich fand ein Refugium der Abgeschiedenheit vor. Nichts erinnerte an die Touristenhorden der benachbarten Insel Teneriffa oder deren graue Betonklötze, die die Landschaft verunstalten. Hier war alles dörflich und fast einsam. Letzteres hing zweifellos auch damit zusammen, dass ich im Winter hergekommen war und der Passatwind die höher gelegenen Teile der Insel in einen steten Nebel hüllte. Mein Entdeckergeist war geweckt. 

Die hochgelegene Küstenstraße schlängelt sich durch die Pinienwälder

Ich quartierte mich in dem kleinen Fischerort La Restinga am südlichsten Zipfel der Insel ein, der weitgehend vom Regen abgeschirmt ist und einer Wüste gleicht. Die Vegetation zwischen dem kargen Vulkangestein beschränkt sich auf wenige Sukkulenten und einige oft ausgetrocknete Büsche. Selbst die Bauart der Gebäude erinnert mehr an den Mittleren Osten. Es gab einige Tauchschulen und einen kleinen Yachthafen mit einer überdimensionierten Hafenmauer, die vor dem rauen Atlantik Schutz bieten sollte. Bis ins späte 19. Jahrhundert lag hier der Nullmeridian der Welt, nach dem zahlreiche Seekarten ausgerichtet waren. Es war ein typischer Außenposten der Zivilisation. Schon Christoph Kolumbus hatte hier das letzte Mal Land gesehen bevor er auf Amerika zusteuerte. Und doch war es nicht mehr als ein verschlafenes kleines Dorf mit dreihundert Seelen.

Ich fand schnell Anschluss und traf ein Potpourri bunter Charaktere, die sich immer wieder in einer der beiden beliebten Bars einfanden. Da war beispielsweise die 71-jährige Schwedin Rosi, der durch die Corona-Pandemie klar wurde, dass das Leben schnell vorbei sein konnte, und die sich dazu entschlossen hatte, endlich Tauchen zu lernen. Da waren europäische Aussteiger oder digitale Nomaden, die dem Brexit entflohen waren. Und da waren Abenteurer, die man in so einer hohen Anzahl wohl nur an Orten wie diesem findet. Einer von ihnen war Jean-Marc, ehemaliger französischer Elitesoldat, der sich auf seine Atlantiküberquerung mit dem Ruderboot vorbereitete. Bis es so weit war, freundeten wir uns an. Fast jeden Abend verbrachte ich mit Gesprächen im heiteren Treiben der internationalen Gemeinschaft, die wie eine eingeschworene Familie wirkte. Alle waren willkommen.

Tagsüber machte ich mich auf Entdeckungsreisen durch die vielfältige Landschaft El Hierros. Während auf der Hochebene Obsthaine und grünes Weideland das Gelände bestimmen, beherbergt das grüne Kratertal von La Frontera abgedeckte Bananenplantagen und eine Fülle von Gemüsebeeten und -feldern. Die Vulkanerde ist ertragreich, soviel kann man sagen. Andere Teile der Insel könnte man auch in den schottischen Highlands verorten, wären da nicht die vielen Kakteen. Unendlich viele Mauern aus aufgetürmtem Vulkangestein durchziehen die grüne diesige Landschaft, die abrupt in den Atlantik abfällt.

Mich zog es aber immer wieder in die hoch gelegenen Wälder. Ich tauchte tief in den weiten wohlriechenden Kiefernwald ein als ein dichter Nebel aufzog. Der Passatwind war wieder da. Und in Höhen von bis zu 1500 Metern kommt er manchmal schneller als gedacht. Man sah sprichwörtlich die Hand vor seinen Augen nicht mehr und doch versuchte ich einem der verschlungenen Pfade zu folgen. Als sich die Wolken etwas lichteten stand ich in einem mystischen Nebelwald. Es waren keine Nadelbäume mehr, sondern verschlungene, dicht mit Flechten und Moosen bewachsene Bäume und Sträucher. Als die Sonne kurz durch das dichte Weiß brach, leuchtete alles in mannigfaltigen Grüntönen. Dicke Wassertropfen an den Flechten reflektierten das Sonnenlicht. Doch von Aussicht vom vor mir liegenden Kraterrand hinab nach La Frontera konnte nicht die Rede sein. Das Tal lag unter einer dicken Wolkendecke. So bestaunte ich dieses einzigartige Feuchtbiotop bis ich wieder zur Straße gelangte. 

Nebelwald von El Hierro

Zurück in La Restinga bereitete ich mich auf meinen nachmittäglichen Tauchgang vor. Kurze Zeit später knatterten wir mit dem Schlauchboot an den schroffen Vulkanfelsen vorbei. Auch Rosi war wieder dabei. Unter uns spielte sich gerade Evolution in Echtzeit ab. Nachdem vor knapp zehn Jahren ein Unterwasservulkan kurz vor La Restinga ausgebrochen war, war das Tauchparadies zu einer toten Ödnis verkommen. Ein seismisches Forschungsboot in der Ferne zeugte weiter von der gegenwärtigen Gefahr. Die Fischerei war kurzzeitig komplett zum Erliegen gekommen. Doch schon kurz darauf siedelten sich die ersten Pflanzenpioniere auf der Vulkanasche an, die wie ein Dünger wirkte. Die Fischerei wurde auf Initiative der lokalen Fischer auf traditionellen Fischfang mit strikten Fangquoten begrenzt und zu einem marinen Schutzgebiet erklärt. Das ist zwar sehr klein, jedoch ermöglicht es der Natur, sich zu erholen. Und nach und nach kamen neue Spezies dazu. So wie der ziegengroße Zackenbarsch, der mich eine Weile neugierig anstarrte, als ich in sein Revier eintauchte. 

Am Abend saß ich mit einem Bier in der Hand am Meer und sinnierte über die Recherchen, die mich hierher gebracht hatten. War es nicht anmaßend zu denken, dass ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien, uns in die Zukunft weisen sollte? Oder lag genau in dieser Entschleunigung bereits die Lösung?

Neue Vegetation unter Wasser

Manolo Ty ist Autor, Fotograf, und Dokumentarist.