Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir im Grünen sind, Prof. Dr. med. Volker Busch?

Professor Dr. med. Volker Busch ist Neurowissenschaftler an der Universität Regensburg und begleitet als Therapeut Menschen, die unter Stress oder Depressionen leiden. Im Interview erklärt er, wie unser digitaler Lifestyle Leistung und Kreativität einschränkt – und warum die Natur das beste Mittel dagegen ist.

Dr. Busch, warum sollten wir unser Gehirn ab und zu in der Natur ausführen? Was hat der digitale Lifestyle mit uns gemacht?

Die digitale Welt hat unsere Aufmerksamkeitssteuerung stark verändert, das geht so weit, dass wir immer weniger in der Lage sind bewusst zu steuern, wohin unsere Aufmerksamkeit fließt. Die digitalen Medien und Technologien buhlen um uns – wir sollen Artikel liken und teilen, Waren kaufen, Verträge abschließen oder in anderer Form an irgendetwas Anteil nehmen. Die Strategien werden immer trickreicher und die Ablenkungen rücken immer näher an uns heran.

Die Informationsflut hat in der Tat spürbar zugenommen …

Man schätzt, dass ein durchschnittlicher Mensch heute pro Tag mehr Informationen auf seinen präfrontalen Cortex empfängt als der durchschnittliche Mensch im 18. Jahrhundert in seinem ganzen Leben. Das führt dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf viele kleine Portionen verteilen müssen. Sei es bei der Arbeit am Schreibtisch oder abends auf dem Sofa. Wir schaffen es kaum mehr einer Sache allein die Aufmerksamkeit zu schenken.

Noch nicht mal einem spannenden Film. Der „Second Screen“ ist beim Fernsehen immer häufiger mit von der Partie …

Bei einer schlechten Vorabendserie ist es nicht so schlimm, wenn man parallel noch auf einen zweiten Bildschirm guckt. Bei einem guten Film dagegen ist es besser, wenn wir richtig eintauchen können.

Auch der Job – vor allem solche vor dem Rechner – ist durch ständige Unterbrechungen geprägt.

Richtig, und wir brauchen im Schnitt ca. fünf bis acht Minuten bis wir nach einer Unterbrechung mit der exakten Genauigkeit wieder bei der Sache sind. Wenn wir also die Aufmerksamkeit nicht auf eine Sache konzentrieren können, kann das unsere Leistung massiv beeinträchtigen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, wenn es darum geht, wie guttuend wir den digitalen Fortschritt beurteilen. Ich denke, wir stecken derzeit in einer Art digitalen Pubertät. Wir müssen noch lernen mit den Veränderungen der letzten zehn bis zwanzig Jahre umzugehen und unser Verhalten dementsprechend anzupassen.

Was passiert im Grünen im Gehirn?

Das Gehirn nutzt generell in Pausen das Nicht-Festhalten an etwas bestimmtem, um Dinge miteinander in Bezug zu bringen. Man kennt das, wenn man beispielsweise in einem Gespräch nicht auf einen bestimmten Namen kommt. In der Situation fällt einem die Antwort partout nicht ein. Dann geht man einmal um den Block und plötzlich ist die Information wieder da.

Die Pause also als Problemlöser?

Das Nicht-Fokussiertsein schafft Kreativität. Wir finden Lösungen und bewältigen auch emotionale Probleme. Albert Einstein ist 1916 von dem Gestaltpsychologen Max Wertheimer  gefragt worden, wie er auf die Relativitätstheorie gekommen wäre? Seine überraschende Antwort lautete: „Ich habe mir vorgestellt auf einem Lichtstrahl zu reiten…“ Die lustige Anekdote zeigt: In der Reizarmut entstehen Ideen.

Ideen können wir in Zeiten großer Herausforderungen wie dem Klimawandel dringend gebrauchen. Herrscht denn aufgrund der Reizüberflutung tatsächlich eine Ideenarmut?

Die Kreativität lässt in der Tat nach. Man spricht in der Wirtschaftspsychologie von einer Creativity Crisis. Die Forscherin Kyung Hee Kim vom College of William and Mary in Virginia konnte anhand einer internationalen Studie mit einer Viertelmillion Probanden zeigen, dass die Kreativitätsleistung was Gedankenflüssigkeit, Ungewöhnlichkeit von Ideen und auch die Elaboriertheit, Ideen zu Ende zu denken in den letzten 30 Jahren nachgelassen hat.

Woran liegt das?

Nicht daran, dass wir dümmer geworden sind. Im Gegenteil: Der Intelligenzquotient steigt von Generation zu Generation, man nennt das Flynn-Effekt. Es liegt auch nicht daran, dass wir nicht motiviert sind. Das Problem ist, dass wir alle so verstopft, verkopft und reizdurchflutet sind, dass unser Gehirn immer nur Bindfäden abschneidet und nicht ins sinnvolle Verknüpfen kommt. Man vermutet, dass es damit zu tun hat, dass wir die Freiräume nicht mehr haben, in denen unsere Gedanken schweifen und frei wandern können – und unser Gehirn nichts tun muss.

Was kommt beim Loslassen in der Natur hinzu?

Findet die Pause in der Natur statt, hat das noch einen zusätzlichen Effekt auf das Gehirn. Die Natur richtet keinen Appell an uns. Sie sagt nicht, du sollst oder du müsstest aber mal unbedingt … Das ist bei Aufenthalten in der Zivilisation anders. Dort erinnern uns etwa die Schuhe einer anderen Person, die man immer noch kaufen wollte oder eine Werbung an der Bushaltestelle an Dinge, die wir noch erledigen wollten. Hart formuliert: Die Natur braucht uns nicht. Sie zerrt nicht an uns – deshalb kann unser Gehirn aufräumen, löschen, verknüpften und neue Kräfte mobilisieren.

Dazu kommt der Effekt der Naturfarben!

Vor allem der von Grün und Blau. Obwohl beide kühle Farben sind, haben sie einen beruhigenden Charakter – besonders wenn sie in der tatsächlichen Natur vorkommen. Aber: Es gibt Arbeiten, die zeigen, dass schon das Betrachten von Bildern eines Waldes in totalen Stressmomenten eine beruhigende Wirkung hat. Die Natur scheint also in Ansätzen sogar zweidimensional einen positiven Effekt auf uns zu haben.

Welche Natur funktioniert besonders gut? Ist etwa der Wald erholsamer als ein angelegter Stadtpark?

Ich wäre vorsichtig darüber Ratschläge zu erteilen, weil diese wirklich wissenschaftlich belegbar sein müssen. Aber: Meine Überzeugung ist, dass ein angelegter Stadtpark ausreicht. Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder, die in urbanen Settings mit einem Park in der Nähe aufwachsen und diesen auch nutzen, seltener ADHS haben. Ich denke also nicht, dass wir einen Urwald oder tropischen Regenwald benötigen, um die positiven Auswirkungen zu spüren.

Welchen Aktivitäten sollte man in der Natur nachgehen?

Alles ist erlaubt. Wichtig ist, dass Sie in der Aktivität einfach sein können. Wenn Sie laufen gehen und für den nächsten Marathon trainieren, dann sind Sie schnell raus aus der Entspannung. Dann geht es auf einmal um bestimmte Laufzeiten, eine optimale Herzfrequenz oder ähnliches – nicht ums Abschalten. Kreative Einfälle haben etwas mit Loslassen zu tun. Ob Sie dabei besonders schnell oder langsam den Körper bewegen oder Nordic-Walking-Stöcke in der Hand halten, ist reine Geschmacksache.

Wie lange soll der Aufenthalt in der Natur dauern?

Erste heilsame Effekte treten bereits nach 30 Minuten lockerem Gehen oder Wandern auf. Optimale Effekte liegen aktuellen Auswertungen nach bei 50 bis 60 Minuten.

Facebook soll in seinem Headquarter in Menlo Park einen 9-Loch-Golfplatz auf dem Dach haben. Eine gute Strategie, um gestressten Mitarbeitern eine Auszeit zu gönnen?

Der Ansatz ist gut, auch wenn ich nicht weiß, ob der Gedanke dahinter steckt. Tech-Unternehmen wie Facebook und Google haben aber längst erkannt, dass ihre Mitarbeiter Auszeiten von der digitalen Kommunikation brauchen. Dort darf man in der Pause das Handy mitunter gar nicht nutzen. Das ist natürlich witzig, weil es genau diese Unternehmen sind, die uns in die Situation gebracht haben.

Wie bringen Sie selbst Job und Natur zusammen?

Wenn möglich halte ich Seminare gerne im Freien – das geht dann auch ohne Diafolien oder ähnliches. Außerdem gestalte ich viele meiner psychotherapeutischen Behandlungen als Spaziergang in der Natur. Dabei kann man sehr gut miteinander reden. Sowas funktioniert sicherlich nicht in jedem Job. Aber dort wo es geht, lohnt es sich kreativ zu sein.

Mehr über Dr. Volker Busch und seine Arbeit gibt es hier