Die virtuelle Illusion der Marisa Hampe

Um treffend zu beschreiben, was Marisa Hampes aktuelle Berufung ist, reicht der Begriff Reise-Influencer nicht aus. Die Berlinerin bereist die Welt und teilt die Fotos von ihren Abenteuern auf Instagram, so wie viele Reise-Influencer und -Blogger auch. Doch ihr geht es nicht darum, die spektakulärsten Destinationen zum hundertsten Mal abzubilden, sie kreiert mit ihren Bildern vielmehr ihre ganz eigenen Welten.

“Meine Follower und ich sind sehr Foto-affin. Ich bin nicht der klassische Mode- oder Lifestyle-Blogger. Ich habe während meines Kunststudiums als Fotografin in Fotostudios gearbeitet und an der Universität der Künste Berlin die Bewegtbildklasse (Film) besucht. Es gibt Blogger, die geschätzt werden für ihr markantes Aussehen, spezielle Talente oder ihre besondere Persönlichkeit. Für viele ist die fotografische Qualität nicht so relevant, um sich zu präsentieren. Für mich ist die fotografische Qualität aber die Basis, auf der ich versuche, Emotionen und Kreativität aufzubauen. Ich mag es, Welten zu erschaffen, Fotos zu kreieren, die manchmal etwas schräg sind – nicht von dieser Welt – und mein Ziel ist es, immer etwas zu erschaffen, das anders ist.”

Marisa Hampe in am Aquarium


Marisa begann 2012 damit, ihre Fotos bei Instagram zu posten, hauptsächlich um ihre Zeichnungen vor und während ihres Kunststudiums zu teilen, mit anderen Illustratoren und Künstlern in Kontakt zu kommen und Inspiration zu finden. Vom Zeichnen kam sie zur Fotografie, fokussierte sich auf verlassene Orte und war damit so erfolgreich, dass Instagram 2014 auf sie aufmerksam wurde. Für ein Event der Social Media Plattform führte Marisa einen Foto-Walk durch Berlin durch. 

“Es wurden damals 200 Instagrammer aus aller Welt eingeflogen. Es war das erste Mal, dass ich mich mit gleichgesinnten Menschen aus dem Netz im echten Leben traf und mein Hobby auch im echten Leben teilen konnte. Als ich Social Media nicht nur online auslebte, machte es mir dadurch noch mehr Spaß und das positive Feedback ermutigte mich dazu, meine größte Leidenschaft zu dokumentieren: Das Reisen. So habe ich meine Nische gefunden, in der ich mich nach wie vor am Wohlsten fühle.”

Wenn man (lange) durch Marisas Feed scrollt, kann man die graduelle Entwicklung ihrer Bildsprache deutlich erkennen. Was anfangs noch experimenteller, schnappschussartig und wie mit Instagram oder VSCO Filtern versehen wirkt, bekommt eine immer konstantere und unverkennbare CI. “Mustard Smurf” hat sie diesen Look getauft, ein Lightroom Preset, den sie unter dem Namen auf ihrer Website auch zum Kauf anbietet. 

“Er ist dunkel, mysteriös und moody und kreiert eine gewisse melancholische Stimmung, die sich vom klassischen Urlaubsfoto abhebt. Ich mag es dramatisch, ich stehe auf tiefe Kontraste, reichhaltiges Toning und den Filmlook. Ich habe den Look nicht wirklich gewählt – er hat sich mit der Zeit in diese Richtung entwickelt. Früher war alles satt – und bunt – nun ist er entsättigter – mehr moody – vielleicht bin ich erwachsen geworden?  Wobei – ein bisschen Kind ist wohl in mir geblieben, sonst würde mein Preset wohl nicht Mustard Smurf heißen.”

Marisa Hampe with Dog Halo
Marisa Hampe und ihr Hund Halo


Doch auch die Motive wirken nicht mehr zufällig, sondern bewusst inszeniert. In ihren Bildern versucht Marisa nicht Perfektion vorzutäuschen, sondern kreiert per Photoshop ganz offensichtlich Illusionen. Diese Bilder sind es auch, auf die ihre Follower am meisten reagieren. Sie liken und kommentieren, aber sie stellen Marisa auch Fragen.

“Viele Fragen kommen von jungen Mädels, die Hilfe suchen und mir persönliche Fragen stellen. Oft geht es um Entscheidungen in diversen Lebenssituationen.

Mich selber setzt der Social Media Trubel manchmal unter Druck. Ich fühle mich nicht perfekt genug, nicht glücklich genug, ich passe nicht in das High Life Konzept, das um mich herum zelebriert wird, zumindest nicht genug, um mich mit den perfekten Lifestyle Influencern zu messen.


Ich selber gehe offen um mit meinen persönlichen Konflikten, für die ich manchmal keine Lösung habe. Mich selber setzt der Social Media Trubel manchmal unter Druck. Ich fühle mich nicht perfekt genug, nicht glücklich genug, ich passe nicht in das High Life Konzept, das um mich herum zelebriert wird, zumindest nicht genug, um mich mit den perfekten Lifestyle Influencern zu messen. Meine Unsicherheit soll transparent über meinen Feed erkennbar sein. Denn ungerne möchte ich jemanden glauben lassen, dass meine Welt perfekt sei – auch, wenn meine Inszenierung manchmal so scheint. Deswegen habe ich meine Bio abgeändert auf: ‚Virtual Illusion of Marisa Hampe.‘ Die Definition von Illusion ist: beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt. Und das ist quasi mein Instagram Feed. In Posts wie zum Beispiel dem hier, habe ich meine Intentionen mit meinem Instagram erläutert. Einige Leute können sich mit meinen Aussagen identifizieren. Mein Motto ist es, meine inneren Konflikte in Kunst umzuwandeln. Manche jungen Mädchen lässt es denken, dass ich ein Orakel sei und dass ich die Antwort auf ihre Fragen wüsste, aber ich weiß sie natürlich nicht und nehme mir auch nicht das Recht Entscheidungen für jemanden zu fällen. In der Regel beantworte ich die Fragen somit zurückhaltend und nüchtern. Ich schreibe ihnen, dass ich mein Leben nicht mehr im Griff habe als sie ihres selbst und ich bei Entscheidungen nicht helfen kann.”

Marisa verarbeitet mit ihren Bildern aber nicht nur ihre inneren Konflikte, sondern thematisiert auch Probleme, die uns alle angehen, wie etwa das Aussterben gefährdeter Tierarten. Vor drei Jahren reiste sie im Rahmen einer Anti-Wilderei Kampagne nach Kenia, wo sie viel über Wilderei und aussterbende Tierarten wie Elefanten, Breitmaulnashörner und Berggorillas gelernt hat. Damals zählte man nur noch wenige hundert Gorillas in Uganda, Ruanda und Kongo. “Mir war klar, dass ich niemals das Privileg haben werde, sie in freier Natur erleben zu dürfen”, so Marisa, “denn die Zahl sank rapide.”  Doch mittlerweile werden wieder mehr als 1000 Gorillas weltweit gezählt und der Tierbestand nimmt weiterhin zu. Im letzten Jahr hatte sie in Ruanda das große Glück, Gorillas in ihrer natürlichen Umgebung doch noch erleben zu können. 

“Nach einem dreistündigen Trekking quer durch den Dschungel mit Machete im Volcanoes National Park waren wir im Busch. Über und unter uns war alles voll mit Bambus und Sträuchern. Die Stelle, an der wir standen, haben die Ranger mit der Machete quasi frei geschlagen – als ich ein Trommeln und Brüllen und Schreien hörte. Und im gleichen Moment lief der Silberrücken mit den Fäusten auf der Brust trommelnd auf mich zu. Er stellte sich auf und ich war wie in Trance – der Ranger sagte uns, dass alles cool sei – wir sollen uns nicht bewegen und ihm nicht in die Augen schauen. Einige in der Gruppe wurden wirklich blass. Und ich genoss diesen surrealen Moment, nicht wirklich ängstlich, aber sehr respektvoll. Mit dem Trommeln auf der Brust hat uns der Silberrücken quasi die Rangordnung signalisiert und dann kamen hinter ihm zehn weitere Gorillas – darunter sehr viele fluffige Babies. Sie liefen durch unsere Gruppe durch ins Freie – raus aus den Sträuchern – wir hinterher. Sie saßen, schliefen, aßen und spielten, während wir Menschen es uns mit respektvollen Abstand quasi in ihrem ‘Wohnzimmer’ gemütlich machten. Eineinhalb Stunden durften wir bei ihnen zu Besuch sein und wurden von ihnen nicht nur toleriert, sondern fühlten uns in ihrer Runde akzeptiert. Das war wirklich das eindrucksvollste Naturerlebnis, das ich bislang erfahren durfte.” 

Marisa with Gorillas in Rwanda


Natur und die Sehnsucht danach spielen im Leben der Fotografin sowieso eine große Rolle. Sieht sie sich selber als richtigen Outdoor Typ? 

“Ja, definitiv. Draußen sein ist für mich alles! Daraus ziehe ich all die Kraft und meine Motivation. Nach den Reisen sitze ich viel vor dem Computer und bin beschäftigt mit der Online Welt: E-Mails, Organisatorischem, Postproduktion – und in diesem Chaos vergesse ich manchmal, wieso ich tue, was ich tue. Wenn es dann wieder auf Reisen geht, ich draußen bin – und das Leben spüre – dann weiß ich es wieder. Es sind die Erlebnisse draußen, in der Natur mit Menschen, die das gleiche wollen, wie ich. Neben den Jobs versuche ich ein bis zwei eigene Reisen im Jahr einzuplanen, bei denen ich mich auf entspannte Weise ausleben kann. Das heißt mal ohne Druck Content kreieren. Hauptkriterium hierfür: Natur! Ich liebe das Grün, das Meer, die Wüste, die Berge” 

Marisa Hampe auf dem Wolftrail by Jack Wolfskin


Mit steigenden Followerzahlen und immer mehr Anfragen von Brands scheint ihr die ganze Welt offen zu stehen. Doch mit zunehmender Reichweite steigt auch automatisch die Verantwortung. Wie entscheidet sie dann, wohin sie reist?

“Die meisten Reisen, die ich mache, sind kein Wunschkonzert. Wenn es um projektbezogene Reisen geht, kann ich hier und da mal eigene Vorschläge mit einbringen, aber ich habe keine großen Entscheidungsmöglichkeiten. Was ich aber tue ist : Selektieren! Letztes Jahr habe ich viele Anfragen abgelehnt, da ich bewusster reisen möchte. Früher, als alles anfing und ich noch etwas grün hinter den Ohren war, habe ich mich gern von A nach B schicken lassen. Heute versuche ich nachhaltiger zu denken. Ist eine Reise nach Afrika über ein Wochenende sinnvoll? Definitiv nicht!” 

Marisa hat über die Jahre ihren eigenen Weg und ihren eigenen Stil gefunden. Die Zeiten, in denen sie nebenher als Barkeeperin jobben musste, sind vorbei. Mit ihrer großen Leidenschaft finanziert sie heute ihr Leben und verkörpert – trotz innerer Unsicherheit – den Traum von vielen Menschen. Doch wovon träumt sie?  

“Kann alles bitte genauso bleiben wie es ist? Es ist selten, dass ich komplett zufrieden bin, aber gerade kann ich mich wirklich nicht beklagen. Ich bin so glücklich über meinen Beruf. Es war nie eine Wahl, sondern mein Hobby, das sich zu meinem Beruf entwickelt hat. Ich höre ständig Geschichten aus dem Freundeskreis, Menschen, die vor der großen Entscheidung stehen sich selbstständig zu machen, oder eben lieber doch nicht? Ich musste diese schwere Entscheidung nie fällen. Ich war so jung und mitten im Studium als ich realisierte, dass ich plötzlich selbstständig bin. Ich wünsche mir, dass ich weiter mit dem, was mich glücklich macht, mein Leben finanzieren kann. Dass ich meine Neugier und meinen Spirit nicht verliere, denn ohne diese zwei Eigenschaften, kann ich meinen Beruf nicht ausführen. Des Weiteren plane ich ein Unternehmen zu gründen, um ein nachhaltiges Produkt auf den Markt zu bringen, und wenn ich dann noch eine gute Balance zwischen beiden Tätigkeiten finden würde, dann wäre ich beruflich wunschlos glücklich.”

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