Die Natur in unserer Sprache

Die Verbindung zwischen Natur und menschlichem Denken ist schon seit Ewigkeiten ein Dauerthema, wenn es um philosophisches Sinnieren geht. Von Jean-Jacques Rousseau, mit seinem Les Rêveries du promeneur solitaire, in dem er behauptet, dass Spazieren seine Fähigkeit zum abstrakten Denken fördere, über die Schule der Peripathetiker (Umherschlenderer) wo grundsätzlich im Gehen nachgedacht wurde, bis zu einer meiner Lieblingsautorinnen Rebecca Solnit, die ein ganzes Buch mit Essays über die breitere politische, soziale und kulturelle Bedeutung des Wanderns namens Wanderlust schrieb.

Seit der Homo Sapiens auf seinen Hinterbeinen durch die Weltgeschichte spaziert, können unsere Gedanken genauso freien Lauf nehmen wie unsere Beine. Jetzt, wo wir nicht ständig über unsere Schulter schauen müssen, um Ausschau nach Säbelzahntigern zu halten, können unsere Gedanken erst recht frei umherschweifen, während wir uns dabei entspannen, Stress reduzieren oder meditieren. Wir schaffen Raum für neue Impulse und kreative Ansätze für unser Leben.  

Blumen in einem Briefumschlag

Schlauer Fuchs und fleißige Biene

So ist es nicht verwunderlich, dass die Worte, die über Generationen hinweg zur Beschreibung der natürlichen Umgebung verwendet wurden, in unserer Sprache verwurzelt sind; dass wir Elemente von Landschaften und Wahrzeichen, Tiere und Pflanzen verwenden, um unsere Denkprozesse, unsere Herausforderungen und Mühen sowie unsere Erfolge und Glücksmomente zu beschreiben.

Beim Wandern treiben meine Gedanken überall hin: Ich denke über Dinge nach, die mir nie in den Sinn kämen, wenn ich am Computer oder auf dem Sofa sitzen und Netflix gucken würde. Charakterbeschreibungen wie „social butterfly“, „schlau wie ein Fuchs“, „dumme Gans“ und „fleißige Biene“ stammen alle aus unserer früheren Nähe zur Natur, und es macht enormen Spaß, in der Natur zu beobachten, wie unglaublich treffend diese Beschreibungen doch sind.

Manchmal erinnere ich mich beim Laufen an Redewendungen und Sprüche aus meiner Kindheit: Ich erinnere mich, dass meine Großmutter nach einer Operation aus dem Krankenhaus kam und mein Opa sagte: „Sie ist jetzt Gott sei Dank übern Berg!“ und ich fragte: „Aber was hat sie denn auf dem Berg gemacht?“

Holzauge sei wachsam

Während Berge oft benutzt werden, um buchstäblich das Hoch und Runter, die Berg- und Talfahrt des Lebens zu beschreiben, spielen die Wälder, gerade in der Deutschen Psyche, eine tiefgreifende Rolle. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ oder „Holzauge sei wachsam“ unterstreichen den Wald als eigenständige Persona. Wälder haben in unserer Gedankenwelt oft etwas zutiefst Bedrohliches, vielleicht verstärkt durch die mystischen Bilder der traditionellen deutschen (Brüder Grimm) und skandinavischen Märchen. Der Wald ist der Ort, an dem der große böse Wolf zusammen mit Bären, Waldschraten und anderen bösartigen Kreaturen herumschleicht.

Wenn man sich die schiere Menge der Verweise auf Wälder und Bäume in unserer Sprache ansieht, haben wir offenbar früher viel mehr Zeit dort verbracht. Immerhin sind es doch noch satte 30% der gesamten Fläche Deutschlands. „Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen“ ist eine wunderbare Art, unsere menschliche Unfähigkeit auszudrücken, das große Ganze zu sehen. Man kann einzelne Bäume anschauen und bewundern, aber wenn man nicht ein wenig zurücktritt und die Schönheit der Bäume in Beziehung zueinander sieht, verpasst man das Gesamtbild.

Den Vogel zeigen

Als großer Vogelfan sammele ich nicht nur Vogelarten in meinem Gedächtnis, sondern auch Hinweise auf Vögel in der Sprache. Ich lege sie in meinem Kopf ab und plane, sie beiläufig in Gesprächen anzubringen – ich bin eben echt ein „Vogelnerd“, ich weiß. Aber ich liebe die Komik, die diesen Ausdrücken innewohnt: „diebische Elstern“, „Streithenne“, „Eitler Gockel“ oder „Stolz wie ein Pfau“. Mein Favorit: „ein Vogel (oder eine Meise) haben“! Je mehr man darüber nachdenkt, desto lustiger. Ich stelle mir dann vor, wie ich im hohen Alter, immer verrückter werdend, mit einer Meise auf dem Kopf durch die Gegend spaziere und ich dann sozusagen allen „den Vogel zeige“. Keine Ahnung, warum jemand der etwas merkwürdig ist, als einer bezeichnet wird, der einen Vogel hat. Vielleicht lässt es sich auf die Vogelfänger im Mittelalter zurückführen, die viel Zeit alleine im Wald verbracht haben, und eben etwas eigenwillig geworden sind? So wie Papageno in Mozarts Die Zauberflöte?

Und warum um Himmelswillen zeigen wir jemandem „den Vogel“, wenn wir uns per Zeigefinger gegen die Stirn klopfen? „Bei dir piept’s wohl?“

Viele dieser Ausdrücke sind mögliche Hinweise auf unsere Vergangenheit als Jäger und Sammler, die uns quasi direkt mit unseren Vorfahren verbinden. Sogar in einer völlig städtischen Umgebung benutzen die Menschen diese Ausdrücke unwissend, und berufen sich dabei unreflektiert auf die Erfahrungen ihrer Vorfahren. Ich denke gerne, dass mein Opa, obwohl er sich schon lange die Butterblumen von unten anschaut, trotzdem in meiner Sprache und den lustigen Sprüchen weiterlebt und ich sie an meine Kinder weitergeben kann und immer so weiter.

Hoffen wir einfach, dass die Natur um uns herum überlebt, damit auch künftige Generationen noch in der Lage sind, alte Redewendungen wie „lieber ein Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ oder „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ kennen, und nicht stattdessen fragen müssen „Was ist denn eine Schwalbe“? Das wäre in der Tat sehr traurig.