Die Kirschsaison ist eröffnet

Es sind Ferien und wir wollten zum Badesee. Eigentlich wollten wir nach Kroatien und nicht zum Badesee. Wir wollten im warmen, salzigen Mittelmeer schwimmen und Wassermelonen essen.

Aber nun sind wir hier, weil irgendwie fast alle immer noch hier sind. Dieses Jahr macht man Urlaub in Deutschland. Hier ist es auch schön, haben sie gesagt. Bleibt doch hier, haben sie gesagt.

Draußen sind es 20 Grad und der Himmel liegt unter einer dichten, grauen Wolkendecke. So bleibt es die nächsten zwei Wochen. Was machen wir also?

In Brandenburg gibt es einen Ort, der Philadelphia heißt. Da wollen wir hin. Aber nicht heute, nächste Woche.

Heute fahren wir nach Potsdam zur Kirschpflücke. Unser Kind ist aufgeregt. Ich bin aufgeregt, weil Kirschenpflücken mich an meine eigene Kindheit erinnert. Ich rufe in Neumanns Erntegarten in Potsdam an und bekomme die Auskunft, dass es zu viele Kirschen und zu wenige Besucher gibt. Alle sind im Urlaub und die Äste biegen sich, sagt Herr Neumann höchstpersönlich am Apparat. Na toll, denke ich. Also sind doch alle in Kroatien, Griechenland oder wo auch immer und wir fahren bei fragwürdigen Wetterbedingungen nach Brandenburg.

„Außerdem gibt es bei uns Stachelbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren, alles sehr lecker“, fügt Herr Neumann hinzu. „Na dann“, antworte ich, „machen wir uns gleich auf den Weg!“

Neumanns Erntegarten liegt nur 6,1 Kilometer vom Schloss Sanssouci in Potsdam entfernt. Kultur! Schreit mein kulturhungriges Ich. Kirschen, ruft der Magen und der Rest meiner Familie. Ich darf spontanen Impulsen nicht folgen und muss mich der Familiendiktatur beugen. Also gibt es statt Kultur Kirschen und Sanssouci muss warten.

Was für ein Idyll. Selbst unser Kind ist aus dem Häuschen.

Wie schön Brandenburg doch ist, das vergesse ich immer wieder. Felder und Wälder. Der weite Blick. Auf einer abgemähten Wiese spaziert ein Storch. Die Luft ist frisch und riecht nach Heu. Was für ein Idyll. Selbst unser Kind ist aus dem Häuschen.

Es ist Mittag, die Wolkendecke ist ziemlich dicht und wir sind die einzigen Besucher in den Kirschen. Ehe ich mich umsehen kann, hängt meine Tochter schon auf der letzten Sprosse einer Leiter und schiebt sich die dicken, saftigen Kirschen in ihren Mund.

Zwei Stunden später liegen wir alle komatös auf einer Decke und können uns nicht bewegen. Der Mann googelt wie man Kirschsaft aus der Kleidung rauskriegt. Es muss wohl nur kochendes Wasser drüber gekippt werden, dann verschwinden die Flecken wie von Zauberhand. Der Mann kassiert kritische Blicke und schließt mit seiner skeptischen Frau, also mir, eine Wette ab.

Es ist früher Nachmittag und es trudeln immer mehr Familien ein. Nun ist es laut und quirlig unter den Bäumen. Also beschließen wir noch die Gegend zu erkunden. Für Sanssouci haben wir keine Kraft mehr. Dafür entdecken wir einen Weg, der an der Kirschplantage in die Felder führt.

Die Natur enttäuscht nie. Sie beruhigt und macht einen sanftmütig.

Es ist nichts spektakuläres, dennoch genau das, was wir als Familie so dringend gebraucht haben. Die Natur enttäuscht nie. Sie beruhigt und macht einen sanftmütig. Dieser Tag fühlt sich wie Urlaub an.

Ich bereue, dass wir keine Übernachtung eingeplant haben. Es gibt hier in der Gegend so viel zu entdecken. Da ist das Schloss Cecillienhof mit anliegenden Parks und den Häusern des Holländischen Etablissements, das Schloss Sanssouci, das Russisches Dorf Alexandrowka mit seinen typischen Holzhäusern. Auch Philadelphia im Landkreis Oder-Spree wollen wir eine Chance geben. In dieser Gegend kann man gut Kanu fahren und entspannen. Man muss die Sache nur richtig angehen, nicht als einen Tagesausflug, sondern als Kurzurlaub.

Zuhause angekommen machen wir den Test und gießen kochendes Wasser auf unsere mit Kirschsaft verschmierten Klamotten. Im Nu sind alle Flecken raus. Ich habe die Wette verloren und werde morgen einen Kirschkuchen backen müssen. Es hätte schlimmer kommen können.