Der Spion mit der Wolfstatze

Die amerikanische Autorin Sally McGrane erklärt, warum der deutsche Spion in ihrem Roman „Moskau um Mitternacht“ eine Jacke von Jack Wolfskin trägt.

Eigentlich halte ich mich für ziemlich abenteuerlustig, wenn es ums Reisen geht. Ich muss jedoch immer daran denken, was ein berühmter amerikanischer Reiseschriftsteller einmal in einem Vortrag gesagt hat, den ich vor Jahren in Berlin besuchte. Jemand aus dem Publikum fragte ihn, was er denn von den Deutschen halte, und er musste lachen. 

„Große Reisende!“, sagte er. „Du kannst ans Ende der Welt fahren, ganz allein in der Arktis in einem Kanu sitzen, überzeugt davon, der erste Mensch zu sein, der diesen Ort jemals gesehen hat. Dann taucht am Horizont ein anderes Kanu auf. Das Kanu kommt auf dich zu, und als es an dir vorbeizieht, begrüßt dich der Paddler mit einem freundlichen Hallo, und natürlich ist es ein Deutscher.“ 

Der Schriftsteller meinte, es gebe keinen Ort auf der Welt, an dem einem nicht deutsche Touristen über den Weg laufen. Dem würde ich gerne hinzufügen, dass man sie meistens an dem Tatzenabdruck auf ihrer Multifunktionsjacke erkennt.

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich zum ersten Mal eine Jacke von Jack Wolfskin gesehen habe – war es in der klimatisierten Kühlschrankluft einer Shoppingmall in Singapur? In einem eingeschneiten „Hutong“-Hof in Peking oder in einer Moskauer Disco? In einem Vaporetto-Boot in Venedig, einer Pariser Metro, irgendwo in Berlin? 

Auf jeden Fall weiß ich noch, dass der Tatzenabdruck und der Name mir gleich beim ersten Mal auffielen. Ich habe meine Kindheit in San Francisco verbracht und bin mit Büchern von Jack London aufgewachsen. Auf mich wirken der Name und das Logo immer wie ein Anagramm aus dem Namen des Abenteuerschriftstellers und seinem klassischen Schiffbruch-Roman „Der Seewolf“, in dem ein Literaturkritiker in der San Francisco Bay mit einer Fähre untergeht und von Piraten gerettet wird. 

Wie dem auch sei: Wer auf Reisen geht, wird die Marke unweigerlich kennenlernen. Sie ist so beliebt bei den Deutschen, dass sie fast allgegenwärtig ist. Wenn du unterwegs bist, ganz egal wo, siehst du sie und bekommst früher oder später mit, dass es eine deutsche Marke ist. Sobald du den verräterischen Tatzenabdruck entdeckt hast, kannst du sicher sein, welche Nationalität deine Mitreisenden haben. 

Als mir dann vor ein paar Jahren ein deutscher Verleger sagte, mein halb fertiger Spionageroman gefalle ihm gut, ob ich aber nicht noch einen deutschen Spion einbauen könne, sagte ich: „Natürlich.“ Sogleich erschien mir mein neuer Charakter vor dem geistigen Auge. Das heißt, ich sah, was er anhatte: eine schwarze Multifunktionsjacke von Jack Wolfskin. 

Als der Verleger und ich uns in einem kleinen Bistro ein Spargelgericht schmecken ließen, kam mir eine Episode von früher in den Sinn: Ich war einmal in Davos, um einen Kurs in kreativem Schreiben zu unterrichten. Auf die für uns von den Organisatoren gebuchte, völlig adäquate Unterkunft in der Jugendherberge verzichtete ich und verbrachte die Nacht stattdessen in einem ehemaligen Sanatorium, das eines der Vorbilder für das Sanatorium in Thomas Manns „Zauberberg“ gewesen war. 

Das Hotel erreicht man nicht mit dem Auto, sondern per Seilbahn. Ich stieg zusammen mit einer Gruppe von Touristen ein. Als wir schweigend den schneebedeckten Berghang hinaufbefördert wurden, fing ich unwillkürlich an, das „Wo kommen sie her?“-Spiel zu spielen. Ich blickte zu einem Paar hinüber und dachte: „Vielleicht Schweizer?“ Bis sich der Mann umdrehte und ich die Jack-Wolfskin-Jacke sah. Dann sagte er etwas zu seiner Begleiterin und es bestätigte sich: Es waren Deutsche. 

In diesem Moment war Heinz Müller-Heinz geboren, ein deutscher Spion und Veganer, der bei der Eröffnung der US-Botschaft in Berlin einmal Hamburger von Burger King hatte essen müssen, um nicht aufzufliegen. Zuerst war die Jacke da.

Einige Monate später hatte ich mich in ein wunderschönes Studio-Apartment in der Gogol-Straße in Odessa zurückgezogen, um in einem Wettlauf gegen die Zeit „Moskau um Mitternacht“ abzuschließen, den Spionageroman, den ich dem Verleger beim Spargelessen versprochen hatte. Max Rushmore, mein vom Pech verfolgter amerikanischer Spion, versucht seine Karriere zu retten und reist nach Sibirien, um sich mit einem früheren Sowjetwissenschaftler zu treffen, der eine Zeitmaschine erfunden haben will. In der Maschine – die jener Maschine ähnelt, die ich einmal in einer ehemaligen sowjetischen Wissenschaftsstadt außerhalb von Nowosibirsk besichtigte – hat Max eine Vision. 

Einer von der Vision inspirierten Eingebung folgend, reist Max in eine fiktive sibirische Stadt. Dort braucht er Hilfe. Ein freundlicher Barkeeper entschließt sich, den einzigen anderen Ausländer in der Stadt zu rufen. Heinz Müller-Heinz, der BND-Mann, der Max den entscheidenden Hinweis gibt, um das Atommüll-Geheimnis zu lüften, erscheint in der Bar. Man muss ihn nicht vorstellen: Seine schwarze Multifunktionsjacke von Jack Wolfskin sagt alles.
Sally McGrane, geboren 1975 in Berkeley, Kalifornien und aufgewachsen in San Francisco, lebt seit über zehn Jahren in Berlin. Als freie Journalistin schreibt sie für The New York Times, The New Yorker Magazine, The Wall Street Journal, TIME, Die Zeit, Monocle und andere. Ihr Romandebüt
Moskau um Mitternacht“ erschien 2016 im Droemer Knaur Verlag.