Der Korfu Trail, ein Mysterium

Ein Antiquar sagte mir mal, dass es keinen Markt für Reiseführer gäbe; sie würden einfach viel zu schnell veralten. Die einzige Ausgabe, die ich online über den Korfu Trail finden konnte, war tatsächlich von 2015, das musste reichen – das, und die Tatsache, dass ich außer dem Buch online nichts weiter darüber finden konnte. Ich kann nicht sagen, ob dieser Mangel an Informationen ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, aber ich entscheide mich für ersteres.

Das Internet hat uns so vieler Geheimnisse beraubt, warum sollte ich nicht einem Mysterium entlang einer Insel im Ionischen Meer folgen? 

Hiking in Kavos
KorfuPhoto by Betsy Welch

Ich komme nach Anbruch der Dunkelheit auf der südöstlichen Spitze in Kavos an und bin in der Tat perplex. Hoffentlich ist diese 600 Quadratkilometer große Insel nicht das griechische Pendant zu … Cancun? Der Bus schleicht entlang eines Hotelboulevards mit lauter Bars, die dröhnende Tanzmusik in die meist leeren Straßen pumpen, bevor er mich an einer besonders lauten Ecke wieder abwirft. Zum Glück ist Nachsaison, denke ich. Vielleicht machen sie heute alle früher die Schotten dicht? Später, als ich in meinem billigen Hotelzimmer auf den durchgescheuerten Laken liege, meine Ohrstöpsel sind an dieser Stelle leider nur Symbol meines stillen Protestes, befürchte ich, dass der Buchhändler Recht hatte – dieser Ratgeber musste fürchterlich veraltet sein. Wie kann eine 150 Kilometer lange Wanderung durch alte Olivenhaine in einer dermaßen schäbigen Touristenhölle beginnen?

Mit der Fähre nach Korfu

Ich habe mich entschieden, den Korfu Trail zu wandern, weil ich noch sechs freie Tage in Europa habe. Mein Bruder und ich haben eine Woche lang Albanien erkundet, und Korfu liegt nur ein paar Stunden mit der Fähre von Sarandë entfernt. Ich bin ein begeisterter Outdoor-Sportler, und liebe es, durch körperliche Aktivitäten wie Radfahren, Laufen oder Wandern neue Orte zu erkunden. Als ich herausfinde, dass es auf der Insel eine Fernwanderung gibt, ist die Entscheidung, wie ich meine Zeit dort verbringen will, bereits gefallen. Ich nutze das Buch über den Korfu Trail als groben Leitfaden: Obwohl der Autor die Wanderung in zehn leicht verdauliche, 15 km lange Wandertage aufteilt, bin ich an die süßen Beschwerden von Ausdauersportarten gewöhnt und topfit, und so beschließe ich, dass es für mich in nur fünf Tagen machbar ist.

Sandiger Weg entlang der Küstenlinie
Photo by Betsy Welch

Immer Trail Zeichen hinter her

Ich bin so aufgeregt endlich loszuwandern, dass ich direkt den Kaffee in Kavos auslasse; die Bars haben gerade mal geschlossen, während die Cafés noch stundenlang geschlossen sind. Nach etwa fünfzehn Minuten endet der schäbige Teil der Stadt abrupt, und das silbergrüne Blättermeer der Olivenbäume entfaltet sich vor meinen Augen. Während meiner Zeit auf Korfu werde ich ständig von Bäumen umgeben sein; laut meinem Reiseführer „verhüllten einst ausgedehnte Eichenwälder die hügelige Insel und wurden von den Venezianern, die das Holz für den Schiffsbau verwendeten, weitgehend ausgebeutet. Sie wurden teilweise durch ausgedehnte und profitable Olivenhaine ersetzt; es gedeihen heute schätzungsweise drei Millionen anmutige Olivenbäume auf Korfu“. Die Länge des Korfu Trails ist durch gelbe Metalltafeln mit dem Zeichen „CT“ (Corfu Trail) und schwarze Pfeile gekennzeichnet; manchmal sind diese auch an den pockennarbigen Stämmen alter Olivenbäume angebracht. Häufiger als die Tafeln suche ich jedoch nach gelben Sprühflecken oder Pfeilen an Felswänden, Telefonmasten oder auf dem Boden.

Als ich Kostas treffe, der Zimmer vermietet und in Dafnata bei Kilometer 58 eine Taverne betreibt, teilt er mir mit, dass die Tafeln (die er im Rahmen seiner Korfu-Trail-Komitee-Mitgliedschaft eigens aus London bestellt) oft verloren gehen – wahrscheinlich in den Rucksäcken von Wanderern wie mir. Wir sind also auf die gelben Farbkleckse angewiesen, die übrigens ziemlich leicht mit der goldenen Flechte verwechselt werden können, die Felsen und Stämme besiedelt.

Olive Grove on Corfu in Greece
Photo by Betsy Welch
…ich treffe Penelope in einem kleinen Strandgeschäft, und als ich ihr erzähle, dass ich den ganzen Weg von Kavos zu Fuß gegangen bin, wird sie sofort mütterlich…

Am ersten Tag laufe ich fast 40 Kilometer, und als ich endlich den Marathias Strand erreiche, haben meine Hüften genug für den Tag. Normalerweise schaue ich mir im Vorfeld gerne ein paar Zimmer an, bevor ich mich für eine Unterkunft entscheide. Aber ich treffe Penelope in einem kleinen Strandgeschäft, und als ich ihr erzähle, dass ich den ganzen Weg von Kavos zu Fuß gegangen bin, wird sie sofort mütterlich, und ich kann das Angebot nicht mehr ausschlagen – auch wenn das Zimmer etwas mehr kostet, als ich ursprünglich ausgeben wollte. Sie besteht darauf, dass ich eine kalte Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nehme, und schiebt mich auf mein Zimmer. Ich habe einen Pakt mit mir selbst geschlossen, dass ich auf dem Weg mehrmals am Tag schwimmen gehen werde, und obwohl der Gedanke, die Treppe von meinem Zimmer zum Strand hinunter zu gehen, überwältigend erscheint, schlüpfen meine müden Füße aus meinen Turnschuhen in Sandalen und ich humple beherzt hinunter ans Meer. 

Am nächsten Morgen fühle ich mich sogar noch schlimmer als neulich an dem Sommertag, an dem ich 200 Meilen mit dem Fahrrad zurückgelegt habe. Und das alles nur vom Laufen! Nach einem Frühstück mit Joghurt und Honig, Tomaten und Brot bekomme ich eine Umarmung von Penelope und humple erneut zum Strand hinunter. In der Touristenstadt Agios Giorgios Süd versuche ich, Ibuprofen gegen meine Schmerzen und Steifheit zu finden, aber es ist Sonntag, und die Apotheken haben geschlossen. Ich begnüge mich mit Espresso, der zumindest meine Stimmung verbessert, und schleppe mich weiter. 

Trail Hiking Schild an einem Baum
Photo by Betsy Welch

Auf geht’s ins Landesinnere

Nach einigen Stunden Spaziergang auf Sand und einem kurzen Bad im Meer an einem winzigen Strand namens Paramonas (wo ich für 15 Minuten weggedöst bin und mir wünschte, den ganzen Nachmittag dort zu verbringen), biegt der Weg von der Küste ins Landesinnere ab. Mir wird klar, dass ich knapp bei Kasse bin, weshalb ich mir im nächsten Dorf jemanden suchen will, den ich fragen kann, ob es eine Bank oder Geldautomaten gibt. Während ich mich die zähen Straßen hinunterwinde, sehe ich keine Menschen, aber immerhin eine angelehnte Tür. Ich schaue hinein. Ein Mann öffnet. Er hat ein kleines Glas Wein in der Hand, und ich frage nach einer Bank. Ich spreche kein Griechisch, er spricht nicht viel Englisch, aber er versteht, worum ich bitte, lacht, und schüttelt den Kopf. Nicht in dem Dorf! Seine ältere Mutter, mit hochgestecktem silbernem Haar und einer weißen Schürze über ihrem rosa Kleid, besteht darauf, mich in ihr dunkles, unterirdisch anmutendes Heim zu bringen und mir Wasser und anschließend Wein anzubieten. Sie verschwindet in der Küche und taucht mit drei Tomaten wieder auf. Für mich? Dann eine Gurke. Sie erzählt immer wieder etwas, ihr Sohn übersetzt nicht mal, er sitzt nur da, lacht, und trinkt seinen Wein. Ich stopfe die Gurke und die Tomaten in die Seitentaschen meines Rucksacks, wiederhole immer wieder „efharisto“, bevor ich wieder los muss. Beim Rausgehen schmunzele ich vor mich hin und beschleunige mein Tempo. Gerade als ich denke, dass ich schon lange keine gelbe Markierung mehr gesehen habe, taucht eine auf, und schon begebe ich mich auf einen steilen und schmalen Weg abseits der Hauptstraße hinab. Den Rest des Nachmittags geht es auf einem schmalen steilen Pfad weiter, bis ich schließlich – wieder mal vollkommen erschöpft – in Dafnata ankomme, das hoch über der Küste liegt und einen unglaublichen Blick auf die darunter liegende Stadt Korfu bietet.

In Dafnata wohne ich in Kostas‘ Herberge, der mich in das beste Geheimnis des Trails einweiht: Just die Straße hinunter lebt ein Bäcker, der jeden Morgen für 30 Minuten öffnet bevor er aufbricht, um sein Brot auszuliefern. Noch nie in meinem Leben hatte ich soviel Lust, pünktlich zu sein! Kostas sagt, dass ich die Bäckerei  an den Olivenholzstapeln auf der Veranda erkennen kann, denn es gibt kein Schild. Obwohl er zweifellos beschäftigt ist, lädt mich der Bäcker (und einige andere spontane Gäste) in die Stube ein, wo mich der Geruch der frischen Brote quasi aus den Latschen haut. Perfekte Laibe reihen sich auf mehlbestäubten Tischen. Olivenholz knistert in dem massiven Lehmofen. Ich möchte von jeder Sorte etwas mitnehmen, aber ich weiß, dass meine Augen größer als mein Magen sind, und das Gewicht eine Rolle spielt, wenn man 40 Kilometer am Tag läuft. Ich entscheide mich für einen mit Spinat gefüllten Gebäck und einen perfekt runden Laib Vollkornbrot. Schließlich werde ich die nächsten drei Tage daran rumknabbern, denn mein Magen hat beschlossen, dass das Trinken aus dem Wasserhahn – oder vielleicht auch die Erschöpfung durch das tägliche achtstündige Wandern in der Sonne – keine so gute Idee war.

Griechisches Gebäck mit Spinat gefüllt
Photo by Betsy Welch

Ich bin frustriert, dass mein normalerweise unersättlicher Appetit ausgerechnet in Griechenland (ausgerechnet Griechenland!) schlapp macht. Eine einzigartige Sache gibt es jedoch, an der ich mich erfreuen kann. Wie die Olivenbäume wurde auch das Ginger Beer von den Briten auf die Insel gebracht. Ich kaufe kleine Flaschen davon, wenn ich die Dörfer passiere. Es ist scharf, wenig süß und hilft, meinen Magen zu beruhigen. 

Niemand scheint vom Korfu Trail gehört zu haben, und man wundert sich, warum ich einen so umständlichen Weg von Ort zu Ort nehme, vor allem, wenn sie im Straßenverlauf nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind.

Der vierte Tag der Wanderung bietet in Hinblick auf die Panoramen den vielleicht schönsten Abschnitt. Der Abstieg zum Ferienort Agios Giorgios Nord erfolgt auf einem gut erhaltenen „Kalderimi“, auch Eselspfad genannt. Ich halte oft an, um den gepflasterten Weg zu fotografieren, wie er sich dem türkisfarbenen Meer entgegenwindet. Meine Füße sind jetzt von Blasen geplagt, aber solch grandiose Aussichten lenken glücklicherweise gut von den Beschwerden ab. Der Eselspfad endet am Strand, und ich genieße es, auf diesem Weg in die Stadt zu wandern – zwischen Familien und Paaren, die in der Brandung plantschen. Ich finde ein Zimmer über einem kleinen Supermarkt, und der Kassierer und Gastwirt schüttelt nur den Kopf, als ich verrate, wo ich hergekommen bin. Es ist zu einer typischen Reaktion geworden; niemand scheint vom Korfu Trail gehört zu haben, und man wundert sich, warum ich einen so umständlichen Weg von Ort zu Ort nehme, vor allem, wenn sie im Straßenverlauf nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind.

Supermarkt auf der Insel
Photo by Betsy Welch

Neue Bekanntschaften

Am letzten Tag meiner Wanderung treffe ich in einem Café auf ein freundliches deutsches Paar. Als ich ihnen erkläre, wie viel ich jeden Tag gelaufen bin und wie sehr meine Füße von Blasen geplagt sind, zaubern sie aus ihren Rucksäcken ein paar medizinische Blasenpflaster. Sie hätten aus der Erfahrung gelernt, sagen sie mir. Nach einer Wanderung diesen Sommer in Österreich hatte die Frau furchtbare Blasen bekommen, so dass sie gut ausgerüstet nach Korfu kam. Seit ich den Weg beschritten habe, sind mir nur fünf andere Trekker begegnet: zwei australische Frauen, die unterwegs einen Belgier namens Philipe mitgenommen hatten, und eine andere Australierin, die mit ihrem isländischen Freund wanderte (sie treffen sich jedes Jahr, um gemeinsam Abenteuer zu erleben). Sie alle gehen den Weg im vorgeschlagenen Tempo des Buches, was gut ist, denn sie alle haben auch Geschichten über falsche Abzweigungen und stundenlanges Wandern abseits des Weges im Gepäck. Ich wandere etwa eine Stunde lang mit dem deutschen Paar und spreche mit ihnen über Politik (ein Thema, das mich so sehr aufregt, dass ich es in eine leichter verdauliche Richtung lenken muss, Reisen bieten sich an). Jetzt, da meine Blasen gut versorgt sind, kann ich viel schneller gehen und so verabschiede ich mich von ihnen und wandere die Hügel hinauf.

Die Tagesroute verläuft steil und ist dicht mit knorrigen Büschen und Bäumen besiedelt und ich lasse mich auf ein zügiges Wandertempo ein. Die Landschaft ist wunderschön, und ich bin fokussiert. Da ich am nächsten Tag für meinen Rückflug nach Albanien zurück sein muss, habe ich beschlossen, einen Abstecher in die Strandstadt Barbati zu machen, wo ich den Bus zurück nach Korfu-Stadt und dann die Fähre nach Sarandë nehmen kann.

Die brutale Körperlichkeit des Laufens hat mir etwas Demut beigebracht. So viele meiner Körperteile sind durch Schmerzen aufgerüttelt worden, obwohl ich nichts besonders Kompliziertes getan habe.

Als ich die Abzweigung nach Barbati erreiche, bewege ich mich bereits im Schneckentempo. Ich bin stur und möchte glauben, dass ich die letzten sechs Kilometer bis zum Strand schaffen kann, aber es geht nur bergab auf einer gepflasterten Straße, und das ist einfach zu viel für meine Füße. Ich strecke meinen Daumen raus. Es ist schon komisch, dass ich eine so kurze Strecke trampen muss, aber es ärgert mich überhaupt nicht. Die brutale Körperlichkeit des Laufens hat mir etwas Demut beigebracht. So viele meiner Körperteile sind durch Schmerzen aufgerüttelt worden, obwohl ich nichts besonders Kompliziertes getan habe. Ich bin auch beeindruckt, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe – nur 12 Kilometer vor Ende der gesamten Strecke des Korfu Trails. Später, als ich nachmittags am Strand liege, mit meinen geschundenen, vom Salzwasser brennenden Füßen, denke ich daran, wie dankbar ich doch bin, dass diese Reise durch das endlose Geplapper des Internets mit seinen Rezensionen und Blog-Posts und der Informationsflut am Ende so unkompliziert war. Irgendwie habe ich es doch geschafft, meinen Weg von Süden nach Norden zu finden, von der Küste durch die Hügel und Olivenhaine – nur mit einem veralteten Reiseführer und einigen Wegweisern in Form von gelben Flecken und Pfeilen. 

Weg der Korfu Wanderung auf der Karte