„Das hebelt die Natur von ganz alleine aus“

Vor 27 Jahren gründetet Petra Jäger in Flensburg den ersten Waldkindergarten Deutschlands. Ein Gespräch über Natur und was sie Kinder lehren kann.

„Drei Fragen, die sich in 27 Jahren nicht geändert haben, wenn ich mit Eltern und Interviewpartnern spreche, sind: Was ist mit der Toilette? Lernen die Kinder genug? Und ist es nicht gefährlich?“, lacht Petra Jäger. Dabei ist die pädagogische Pionierin, die 1993 mit einer Freundin den ersten Waldkindergarten Deutschlands nach skandinavischem Vorbild gründete, nicht nur staatlich anerkannte Erzieherin, erfolgreiche Gründerin, sondern auch international anerkannte und gefragte Referentin. Wenige Tage nach unserem Interview, das auf ihrem kleinen Hof in Angeln unweit der Ostsee stattfindet, wird sie als Botschafterin der Waldkindergärten die erste von elf für dieses Jahr weltweit geplanten Reisen nach Schottland antreten, um dort hoffentlich nicht nur diese drei berühmten Fragen zu beantworten.

Nur, was machen denn Kinder und ihre Erzieher in einem Waldkindergarten überhaupt? In erster Linie tatsächlich draussen sein, in diesem Fall in einem Wäldchen, der Marienhölzung in Petras Heimatstadt Flensburg.

„Wir sind 98 Prozent des Jahres draussen. Bei extremen Witterungsverhältnissen, bei Sturm oder Schneegestöber, ziehen wir uns zurück in unsere Sturmhütte. Wir treffen uns aber nicht an der Sturmhütte, die etwas außerhalb liegt, sondern direkt im Wald. Gestern regnete es zwar nicht durchgehend; es war auch mal eine Stunde trocken, aber wir haben trotzdem den ganzen Tag im Wald verbracht.“

Allen Müttern und Vätern, die jetzt nicht weiterlesen, weil sie fürchten, es ginge beim Waldkindergarten darum, die lieben Kleinen zu Minirambos und Nachwuchs-Nehbergs zu formen, sei versichert, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil:

„Die Kinder nehmen das Wetter unterschiedlich auf. Ich bin überhaupt kein Freund davon, zu sagen, die Kinder merken das gar nicht. Viele Kinder freuen sich über Pfützen und Regen, aber eben nicht alle. Es gibt schon bei den Wahrnehmungsfeldern der Kinder Unterschiede. Manche mögen matschige Hände, manche aber auch nicht. Wir versuchen da nicht entgegenzuwirken und sie dahin zu erziehen, dass sie Überlebenskünstler in der Natur werden, sondern sie kommen mit dem, was sie haben und können sich in der Natur entwickeln. Wenn es morgens regnet und sie sind in diesem Moment nicht so erfreut, helfen wir den Kindern durch diese Schwierigkeiten, die natürlich sind.“

Draußen in der Natur ist alles möglich, dort werden persönliche Unterschiede respektiert, aber eben nicht antizipiert oder gar herbei behauptet. Statt sich untereinander Rollen zuzuweisen, erleben alle eine gemeinsame Rolle – die als Teil der Natur, positiv.

„Was wir zum Beispiel gar nicht haben ist, dass die Jungs kämpfen und die Mädchen machen was anderes. Das mischt sich hervorragend und es entstehen viele Freundschaften zwischen Jungs und Mädchen, die sich auch nach dem Kindergarten erhalten. Wir sortieren diese Kinder in der Gesellschaft auch schon ziemlich früh ein. Nach Mädchen/Junge, Schwarz/Weiß, Klein/Groß, später Schlau/Dumm und dann geht es einfach so weiter. Aber die Natur hebelt das von ganz allein aus. Es gibt auch Mädchen, die gern wild sind, kämpfen und klettern und einen Gruppenprozess in Gang bringen. Und dann gibt es Jungs, die sich sehr gern und lange Ameisen anschauen. Je nach Vorliebe kann sich draussen jeder seine Sachen aussuchen.“  

»Ich sehe es nicht selten, dass ein Kind mit einem Baum spricht: „Darf ich ein Blatt nehmen?“ und dann am Stamm horcht, ob der Baum ja oder nein sagt.«

Wir nutzen die Natur in unserem Spiel. Wir sind ein Teil der Natur und nehmen nur soviel, wie wir brauchen. Wir sprechen verschiedene Sprachen im Kindergarten, denn wir haben unter anderem deutsche, dänische oder persische Kinder, sprechen aber auch die Sprache der Bäume. ‚Windisch’ oder ‚Baumisch‘ sagen die Kinder dazu. Ich sehe es nicht selten, dass ein Kind mit einem Baum spricht: „Darf ich ein Blatt nehmen?“ und dann am Stamm horcht, ob der Baum ja oder nein sagt. Das kann man natürlich als esoterischen Kram abtun, aber wenn man sich so oft in der Natur aufhält, schwingt man mit mit den Dingen mit. In dem Moment passt es dann einfach.“

Das Wetter wird wahrgenommen, aber die Natur deshalb nicht als gefährlich oder feindlich empfunden. Es ist alles eine Frage der Perspektive, auch der von Drinnen oder Draußen:  

„Du siehst den ganzen Tag nasse Fensterscheiben und denkst, es regnete den ganzen Tag. Wenn man sich aber über eine längere Zeit draussen aufhält, merkt man, dass es auch wieder aufhört.

Wir begrüßen uns im Morgenkreis, das ist ein wichtiges Ritual. Und im Wald in einem Morgenkreis zu sitzen ist natürlich etwas ganz anderes als in einem Raum. Wir besprechen, wie das Wetter ist. Man spürt schon ganz deutlich beim Sitzen, was aktuell da ist. Bei Minusgraden können wir nicht so lange sitzen, denn nach fünf Minuten merkst du, wie die Kälte reinkriecht.

Auch gemeinsam zu essen ist eine ganz tolle Aufgabe in der Natur. Erstmal wurde die Zeit vorher draussen verbracht, sodass die Kinder Appetit haben. Und Appetit eröffnet die Möglichkeit, verschiedene Nahrungsmittel auszuprobieren. Ein Apfel schmeckt nach zwei Stunden Bewegung so gut! Die Kinder bringen ihr Essen mit, aber tauschen auch untereinander. Dann verbringen wir Zeit auf dem Platz und da passiert die ganze Welt. Da passiert alles, was an Bildung sein muss, im freien Spiel. Später machen wir einen Abschlusskreis, denn wir verabschieden uns immer im Wald. Natürlich greifen wir auch Feste auf. Wir feiern alle Feste im Wald mit den Eltern zusammen. Wir machen alles draussen, auch die Vorbereitung. Die Kinder haben auch zu Weihnachten Geschenke für ihre Eltern gemacht. Aber natürlich müssen wir uns auch da anpassen. Du kannst nicht eine Stunde draussen sitzen und stricken.“

Den Unkenrufen der üblichen Berufsskeptiker zum Trotz läuft es wunderbar und heute gibt es an die 2000 (!) Waldkindergärten in Deutschland. Seit 2018 ist der 3. Mai sogar offiziell internationaler Waldkindergartentag.

»Wir wollen auch naturferne Familien haben.«

„Die ersten Jahre wurden wir regelrecht ins Kreuzverhör genommen. Viel Aufmerksamkeit, viel Presse aber auch viele Leute, die sagten, das wird sowieso nichts. Die Kinder verwahrlosen, die sind wie Affen, die scheitern später. Wir haben bei uns eine ganz gemischte Elterngruppe, da legen wir auch wert drauf. Das war nicht immer so. Am Anfang haben wir doch hauptsächlich die sehr umweltbewussten Eltern angesprochen. Mittlerweile ist es aber ein Querschnitt der ganzen Gesellschaft, wir haben auch Flüchtlingskinder in der Gruppe, wir haben auch Kinder mit speziellem Förderbedarf. Wir wollen diese Mischung. Wir wollen auch naturferne Familien haben. Das sind Familien, die finanziell oder von der Erziehungstradition her gar nicht die Möglichkeit haben, sich täglich mit der Natur zu verbinden. Auch die sind bei uns und bringen wieder andere Eltern mit. Denen, die finanziell nicht die Mittel haben, können wir mit einem gewissen Beitrag an Spenden helfen, zum Beispiel bei der Kleidung. Wir geben Hinweise, aber wir geben keine klaren Empfehlungen und die Eltern kaufen selbst ein.“

In der Natur kommt man besser als Gemeinschaft zurecht und zu der gehören natürlich die Eltern.

„Wenn man drei Jahre jeden Tag in der Natur verbringt mit einer Gruppe, die harmonisch miteinander umgeht und mit Erziehern, die feinfühlig sind, dann macht das natürlich auch was mit den Kindern und mit den Eltern. Wir haben in 27 Jahren noch nicht ein Kind gehabt, das gewechselt oder aufgehört hat.“ 

Doch selbst ein relativ großer stadtnaher Wald hat Grenzen, ist nicht endlos erkundbar. In Großstädten und Ballungsgebieten ist das Raumproblem noch dringlicher. Wo verlaufen Grenzen? 

„Der Wald ist für die Kinder riesengroß. Erwachsene denken oft, dass Kinder ständig neue Impulse brauchen. Die Kinder fordern das aber gar nicht ein. 

»Bei uns wird jedes Kind das Langeweile hat, beglückwünscht mit: Wie schön, dass du Langeweile hast, das ist die Zeit vor der nächsten Idee.«

Die Natur hat sowieso neue Impulse. Impulse gibt’s in jedem Busch. Der Weg, den wir schon tausendmal gegangen sind, der sieht jedesmal anders aus. Auf einmal ist da eine Nacktschnecke, gestern war die Flusslandschaft ein großes Thema, auf jedem Weg floss ein kleiner Fluss. Im Frühling fangen die Sachen an zu wachsen, es ist immer wieder anders. Wir haben 20 verschiedene Plätze, denen wir alle eigene Namen gegeben haben. Die haben wir uns erobert in all den Jahren, aber oft wollen die Kinder zu einem Platz, wo sie gestern waren, wo sie schon was aufgebaut haben. Langeweile ist ohnehin ein Begriff, den wir als positiv bewerten – eine Weile lang etwas weniger zu tun zu haben. Mittlerweile bestätigen auch Hirnforschung und Psychologie, dass dies ein wichtiger Prozess für das Gehirn ist. Bei uns wird jedes Kind, das Langeweile hat, beglückwünscht mit: Wie schön, dass du Langeweile hast, das ist die Zeit vor der nächsten Idee.“

Es fehlt also niemandem an nichts?

„Die Herausforderung, sich zu arrangieren mit dem, was man nicht hat, finde ich toll . Wenn wir mit Kindern an einen Fluss kommen, ist das wie ein Geschenk für sie. Etwas nicht zu schaffen und sich Gedanken zu machen. Wie kommen wir jetzt eigentlich über den Fluss? Wir warten dann ab, denn Kinder haben die tollsten Ideen. Ein Gefühl für Zeit und Struktur bekommen Kinder auch im Wald. Sie finden durch die Probleme, die nicht sofort lösbar sind, kreative Lösungen für sich. Und sie sind offen für Wege und können sich arrangieren mit dem, was da ist. Abenteuerlust und Risikobereitschaft und das Durchleben von gefährlichen Situationen stärkt sie, damit sie auch später ihren Tagesablauf gut strukturieren können.“

Später beginnt jetzt. Aktuell erarbeitet Petra Jäger im Raum Flensburg mit Schulen, Lehrern und Behörden die logische Fortführung dieses bewährten Konzeptes, um 2021 die erste offizielle Waldgrundschule eröffnen zu können. Dass dabei alles, was entsteht, von Anfang an staatlich anerkannt sein müsste und nicht im Dunstkreis einer privaten Institution ein privilegiertes Nischendasein führt, galt bereits für den Waldkindergarten. 

„Bei uns ist jedes Kind, das in den Kindergarten kommt, auch ein Vorschulkind. Bei uns beginnt die Vorschularbeit ab dem ersten Kindergartentag. Wir gruppieren nicht ein in Minis und Maxis. Wir bereiten auf die Schule vor, auf das Leben in der Schule. Wir wollen uns auch nicht dem Stress unterwerfen, den Kindern Kompetenzen mitzugeben, die sie in der Schule dann gar nicht gebrauchen können. Denn das, was sie in der Schule brauchen, ist nicht, dass sie fünfzigmal perfekt den Buchstaben A schreiben können. Wenn man früher Lehrer fragte, hieß es: ‚Sie müssen gut ausschneiden können’. Heute sagen die Lehrer*Innen:  ‚Sie müssen zuhören können‘. Und unsere Kinder kommen da sehr gut zurecht.“

Die Frage ist ohnehin, wer heute sagen kann, was Kinder (und Erwachsene) eigentlich lernen sollen. Was werden sie wirklich einmal ‚brauchen‘ und wer will das eigentlich festlegen?

»Wir wollen keine Kinder, die sich anpassen, wir wollen eine Revolution im Schulsystem. Wir wollen, dass sich etwas ändert.«

„Wir müssen alle nichts lernen. Letztendlich müssen wir erstmal ein zufriedener Mensch sein, das ist schon Lernfeld genug. Wir wollen keine Kinder, die sich anpassen, wir wollen eine Revolution im Schulsystem. Wir wollen, dass sich etwas ändert.

Die Kinder, die bei uns waren, sind motiviert und haben Selbstbewusstsein. Die haben soviel Zeit gehabt, sich zu entwickeln, sich zu spüren, mit anderen im Einklang zu sein, Rücksicht zu nehmen, empathisch zu sein, in einer Gruppe bestehen zu können. Kein Bestehen durch Ellenbogen, sondern mit dem guten Gefühl, auch in Konflikten sagen zu können: ‚Ich steig hier aus, das ist nichts für mich, ich bin anderer Meinung’. Das ist etwas, das Zeit braucht und die Natur hat den Raum, um Konflikte zu lösen.“

Ein Konflikt, den Petra Jäger als aktive Erzieherin, zweifache Mutter, zukünftige Schulgründerin und international tätige Expertin ganz ohne Hilfestellung von ‚Draußen’ lösen muss, ist der des Energiemanagements. Zum Glück aller Kinder und Eltern ist ihr Enthusiasmus ungebrochen.

„Das ist seit Jahren meine zweite Leidenschaft: Um die Welt zu reisen, um einfach von unserer Arbeit zu erzählen und Unterstützung anzubieten, um solche Kindergärten in anderen Ländern zu gründen, Genehmigungen zu bekommen und so weiter. Ich bin in diesem Rahmen mehrmals nach Südkorea von Universitäten eingeladen worden und wir haben einen Partner-Waldkindergarten in Seoul. Das ist eine tolle Erfahrung, dass so ein Konzept auch in Großstädten greifen kann. Es braucht nicht eine riesige Naturfläche, weil die Kinder keine leidenschaftlichen Wanderer sind. Die wollen nicht in Zweierreihen durch die Natur gehen. Letztendlich wollen sie eigentlich den Weg bespielen. Der Weg ist das Ziel für die Kinder.“

Petra Jaeger

Petra Jäger ist Gründerin des ersten Waldkindergartens in Deutschland und internationale Botschafterin für Naturpädagogik.