Aus Luftverschmutzung Diamanten machen

Ein Gespräch mit dem niederländischen Künstler Daan Roosegaarde über Social Design und die Kraft der Gemeinschaft.

Was wäre, wenn tanzende Menschen auf einem Dancefloor mehr Energie erzeugten, als sie verbrauchen? Und wenn mithilfe der Sonne die Luft von Viren bereinigt würde und das auch noch gut aussähe? Oder wir diamantenen Schmuck verschenkten und damit nicht nur zig Kubikmeter Abgase in der Stadt neutralisierten, sondern diesen Akt durch den Kauf des Schmucks sogar finanzierten? Das wäre nicht nur toll, sondern ist bereits ganz real möglich. Dank des niederländischen Künstlers und Designers Daan Roosegaard und seiner Idee von Social Design.

Was ist Social Design?

Das ist natürlich immer eine persönliche Interpretation. Aber bei Design geht es nicht darum, mehr Tische, Stühle und Lampen zu entwerfen. Davon haben wir genug. Es geht um den Versuch, das Leben zu verbessern im Angesicht wachsender Herausforderungen wie dem Anstieg des Meeresspiegels und dem Klimawandel. Wir haben schlechtes Design entwickelt und damit unsere eigenen Probleme geschaffen, also müssen wir unseren Weg heraus finden. Das ist die Agenda von Social Design: konkrete Lösungen für die Zukunft zu finden.

Deine Arbeiten sind immer von großer Schönheit geprägt. Muss Social Design schön sein?

Das ist eine gute Frage (lacht). Wenn du etwas gestaltest mit dem Ziel, es einfach zu halten, getrieben von einer Idee und du versuchst diese Idee zu realisieren, kommt automatisch etwas Schönes heraus. Aber du hast recht. Menschen verändern sich aufgrund von Liebe oder aufgrund von Angst, das heißt sie akzeptieren Veränderungen aufgrund von Liebe oder Angst. Die Schönheit einer nachhaltigen Welt zu zeigen, hilft Menschen, Veränderung zu akzeptieren. Ich bin kein Energieminister oder CEO einer Multimillion-Dollar-Company, also kann ich Schönheit nutzen, damit die Menschen die Veränderung akzeptieren. Dadurch wird es ein sehr mächtiges Werkzeug. 

Jack Wolfskin Daan Roosegarde
Roosegaardes Werk GROW ist eine Hommage an die Schönheit der Landwirtschaft.

Lässt sich Social Design auf konkrete Prinzipien herunterbrechen wie die berühmten 10 Regeln für gutes Design, die Dieter Rams in den 1960er Jahren formuliert hat?

Design handelt von der Verbesserung des Lebens. Es ist hybrid, es geht um die Kombination verschiedener Bereiche und Disziplinen. Also ist es kollaborativ. Es geht nicht darum, neue Dinge hinzuzufügen, sondern um Erfahrungen und Erlebnisse und Gemeinschaft. Oder auch Bewusstsein. Das sind große Ideen, aber normalerweise bieten wir sehr konkrete taktile Lösungen und Erfahrungen an. In allem getrieben von Neugier und nicht von Angst. Das ist wirklich wichtig, es gibt diese naive Idee, die Gesellschaft zu verbessern. Das gehört zur DNA, wenn man eine Definition erstellen möchte.

Bist du da wo du bist als Künstler und Designer aufgrund von Neugier?

Absolut, da sind 80 Prozent Bullshit, um 20 Prozent Innovation umzusetzen. Es gibt viele Hindernisse, aber ich denke, eines der Probleme, die wir haben, ist lineares Denken. Wir sind nicht geübt darin, kreativ zu sein oder neue Verbindungen zu finden. Aber auch aus einer wirtschaftlichen Perspektive gesehen: wir leben in einer Welt, in der Umweltverschmutzung gratis ist. Was ist der Preis für saubere Luft? Wir werden in 10 bis 15 Jahren eine inklusive Wirtschaft haben, wo der Schaden, den wir anrichten, in deinem Flugticket, in der Kleidung, in deinem Auto usw. enthalten ist, aber da sind wir noch nicht. Von Neugier getrieben zu sein und die Schönheit zu zeigen ist ein Weg, diese Politik bereits heute zu implementieren und zu erkennen. Also muss es ein bisschen verrückt und über-optimistisch sein, um sich diesen banalen Herausforderungen zu stellen.

Also geht es darum, an der Schnittstelle von Schönheit und Funktionalität anzusetzen und möglichst handfeste Projekte zu entwickeln?

Ich mag Ideen, die kühn und radikal sind und die anfangs futuristisch erscheinen, aber wenn man sie umarmt, werden sie ein Teil unseres täglichen Lebens. Und das ist das Feedback, das ich bei jedem Projekt bekomme. Erst fragen die Leute, wie das möglich sein soll. Und dann wie bei »Grow« und »Urban Sun« rufen uns viele an und sagen, warum gibt es das nicht überall? (lacht). Es ist wie bei Mode: Erst Haute Couture und dann landet es im Prêt-à-porter. Vielleicht ist das auch ein Teil von Design, dass Menschen sich an Ideen gewöhnen. Zum Beispiel »Urban Sun«, ein Projekt, welches die Luft von Viren reinigt. Veröffentlicht 2018, man kann es lesen und googeln und finden, aber warum schreibt niemand drüber und warum nutzen wir es nicht? Wenn wir es in eine Geschichte packen und erzählen, dann erreicht es auf einmal Millionen Leute, wie durch den Movie Urban Sun. Die Macht von Design ist, dass es abstrakte Ideen übersetzen kann, aber ganz gewiss möchte ich mit meiner Arbeit Teil einer neuen Normalität eines neuen Standards sein.

Jack Wolfskin Daan Roosegarde
Urban Sun kann bis zu 99.9% des Coronaviruses aus der Luft entfernen.

Warum gibt es soviel gutes Design und innovative Ideen aus den Niederlanden? Weil ihr schon mit der Natur leben und auf eine Art mit ihr kämpfen müsst?

Ja, genau. Wir leben unterhalb des Meeresspiegels größtenteils. Ohne Technologie und kreatives Denken würden wir ertrinken. Meine chinesischen Freunde sagen, zieh doch einfach nach Deutschland, zieh in die Berge, wer lebt denn unterhalb des Meeresspiegels, das ist nicht sehr sicher. Aber natürlich leben wir dort seit mehr als tausend Jahren. Es ist designt, technisch entwickelt. Wir bauen Baumhäuser, spielen mit der Natur, lernen davon. Das gehört zu meiner Mentalität und ich begreife mich eben nicht nur als Konsument, sondern auch als Macher. Ich mache Vorschläge und ich mache meine Realität und ich glaube, dieses Leben mit der Natur und der Kampf sind ein Grund, warum Niederländer:innen so gut sind in Architektur, Design, Fashion. Wir sind gerade mal so viele Leute wie in Shanghai leben, aber überall tauchen wir auf mit dieser Ich-beweise-dir-das-Gegenteil-Mentalität. 

Licht ist ein Material, das in vielen deiner Arbeiten eine Rolle spielt. Ist es als Designer dein bevorzugter Werkstoff?

Licht ist die Sprache. Es gibt Dinge, die wir tun können, von denen wir noch nichts wissen. Natürlich geht es darum, die Kraft von Licht zu nutzen, aber in erster Linie ist es auch Schönheit: saubere Luft, saubere Energie, sauberes Wasser. Wenn du dir die Sterne ansiehst, sind die ja keine Dekoration, sie sind Information. Sie sind Geschichte, die uns erreicht. Vielleicht sind sie ein Morsecode von weit her, den wir nicht entschlüsselt haben bislang. Vielleicht erkennen wir in 30 Jahren, oh, da wollte uns jemand was sagen. Ich finde das faszinierend und Licht ist definitiv eine persönliche Obsession von mir.

Jack Wolfskin Daan Roosegarde
GATES OF LIGHTS: 60 reflektierenden Strukturen werden von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos zum Leuchten gebraucht.

Licht scheint so offensichtlich da zu sein, dass wir es nicht mehr wahrnehmen.

Ganz genau. In einem Projekt, an dem ich gerade arbeite, geht es darum Dunkelheit zu zelebrieren. Ohne zu viel verraten zu können, geht es grob gesagt darum, in einer Stadt alle Lichter ausgehen zu lassen. Alle Werbetafeln aus, alle Geschäfte dunkel. Man kann immer noch die Sterne sehen. Es geht darum, etwas in der Gemeinschaft etwas zu feiern, in einer Zeit, in der wir nicht reisen können. Die Dunkelheit macht das Licht sichtbar, das wir nicht sehen können. Wir benutzen Licht nämlich sonst sehr grob, sehr ornamental und sehr brutal.

Vielerorts, vor allem natürlich in urbanen Zentren, gibt es ja kaum noch echte Dunkelheit. Da wirkt Licht zuweilen fast wie Verschmutzung

Als in Los Angeles vor ein paar Jahren ein Stromausfall die Lichter ausgehen ließ, haben sehr viele Leute 911 gerufen und gesagt: ‚Da sind Aliens, die uns attackieren!‘ Und die Polizei musste aufklären: ‚Nein, das sind Sterne.‘ Zahlen und abstraktes Wissen ändert unser Verhalten nicht. Wir wissen, dass Rauchen schädlich ist und steigende Meeresspiegel und so weiter, aber es sind eben Erfahrungen, die etwas bewirken. Bei unserem nächsten Projekt »WATERLICHT«, das wir auch im November in Oberhausen zeigen werden, kannst du sehen, wie hoch das Wasser steigen kann und wird. Du stehst da mit Hunderten von Leuten und erlebst es, das ist ein Trigger. Erfahrungen können schlecht oder gut sein, aber ich bin fasziniert davon, dass sie helfen können, Veränderung zu akzeptieren. Mein Traum wäre es, einen Ort zu schaffen, an dem man gemeinsame Erlebnisse erfahren kann. So ähnlich wie eine Kirche – nicht falsch verstehen, ich bin überhaupt nicht religiös oder pro Kirche, aber die katholische Kirche hat es definitiv drauf, mit Licht Erlebnisse zu gestalten (lacht).

Viele deiner Arbeiten sind mittlerweile in renommierten internationalen Formaten wie der NYT dokumentiert und gefeiert und auf deiner Seite sind die auch alle sehr schön aufbereitet, dennoch: Hast du wirklich aus Abgasen Diamanten gemacht?

Wir haben den größten kleinen Staubsauger gebaut, der verschmutzte Luft einsaugt und reinigt und die Luft in Parks bis zu 27 Prozent sauberer macht. In China, Korea, Polen und den Niederlanden. Und mit den Überresten wollten wir etwas machen. Auch vor dem Hintergrund, was ich eingangs erwähnte: Was ist der Preis sauberer Luft? Und uns wurde klar, dass, wenn man die Partikel komprimiert, bekommt man diese interessanten Würfel wie aus braunem Puder. 42, 48 Prozent Carbon. Wenn du sehr viel Druck darauf ausübst, bekommst du Diamanten und das war die Inspiration. Also haben wir diese kleinen Ringe gestaltet und mit dem Teilen eines Ringes kannst du über ein Kickstarter Projekt spenden: für 1000 Kubikmeter saubere Luft in der Stadt. Also ist die Verschmutzung von 1000 Kubikmetern in dem Ring.

Anfangs meinten alle, niemand wolle Verschmutzung am Finger tragen. Mittlerweile gibt es Wartelisten von Tausenden von Leuten, die das als Hochzeitsring wollen. Wenn die Leute Teil der Lösung werden und nicht nur Teil des Problems, dann ist das die Kraft der Gemeinschaft.

Jack Wolfskin Daan Roosegarde
Der erste Luftverschmutzungs-Sauger der Welt SMOG FREE TOWER.

Alle Bildrechte liegen bei dem Künstler Daan Roosegaarde.