Bushcraft mit Ralf Pintzka

Wie man mit dem Smartphone Feuer macht und warum auf Mickey Maus zu hören lebensgefährlich ist.

Als Survival Coach und Bushcraft Mentor bringt Ralf Pintzka Menschen bei, sich in der Wildnis zurechtzufinden. Seit mehr als 15 Jahren befasst sich der studierte Kultursoziologe mit Techniken und handwerklichen Tätigkeiten, die für einen längeren Aufenthalt oder sogar das Überleben in der Natur nützlich sind. Seine Mission ist es, den Menschen wieder näher an die Natur heranzuführen, wie zum Beispiel den britischen Singer-Songwriter Tom Gregory im Rahmen dieser Jack Wolfskin #GOBACKPACK Challenge.

Wir sprachen mit Ralf darüber, wie man mit dem Smartphone Feuer macht und warum auf Micky Maus zu hören lebensgefährlich ist.

how to do a campfire through bushcraft learning

Was interessiert dich am draußen Sein in der Natur?

Ich bin einfach schon immer viel draußen gewesen. Meine Oma hat mir die Grundsätze vom Pflanzensammeln und -bestimmen beigebracht und irgendwie ist das so über die Jahre weiter in meine Arbeit reingewachsen. Das hat einerseits mit Abenteuerlust zu tun, andererseits mit meiner Faszination gegenüber der Prähistorie. Ich bin studierter Kultursoziologe und mich interessiert, wie Urmenschen lebten. Darum befasse ich mich mit dieser Art des „Urlebens“.

Survival ist ein großer Begriff, der von Rambo über den Fähnlein Fieselschweif Ratgeber, mit dem ich mich als Kind im heimischen Garten überlebenssicher fühlte, bis zu Rüdiger Nehberg allerlei Assoziationen weckt. Aber irgendwie immer mit Kampf zu tun hat.

Ich suche das Einfache in der Natur, die Ruhe in der Natur, die Verbindung mit der Natur, das Teilsein vom Planeten so wie er ist. Bushcraft befasst sich mit dem Leben in der Natur, aber auch mit der Natur. Natur kommt zuerst und dann kommt Bushcraft. Die Grenzen verschwimmen ja, was Survival oder Bushcraft ist. Mir geht es in der Essenz wirklich um das, was als Primitive Living beschrieben wird. Das, was den Menschen eigentlich ausmacht, wiederzuerkennen. Das geht mit Pflanzensammeln los und hört mit  Baumbestimmung und Holznutzung auf. Wie mache ich mir ein Boot aus bestimmten Hölzern? Wie kann ich mir aus Rinden und Bast ein Gefäß weben? Das ist mehr mein Metier als das Überleben mit der Feuerwaffe.

how to carve branches Jack Wolfskin buchcraft training

Gibt es unabhängig von der Umgebung Wissen, das überall nützlich ist?

Wie in dem Video beschrieben, gibt es die »Rule of Three«: Man überlebt bis zu drei Minuten ohne Sauerstoff, bis zu 3 Stunden ohne Wärmeerhalt, bis zu drei Tage ohne Wasser und bis zu drei Wochen ohne Nahrung, Leute denken meist zuerst ans Verhungern aber der Körper kann erstmal auf Fettreserven zurückgreifen. Erste-Hilfe-Kenntnisse werden oft unterschätzt, aber wer ohne rausgeht, wird früher oder später sein böses Erwachen haben. Im Prinzip dreht sich eigentlich alles um Risikominimierung und gesunde Selbsteinschätzung. Das sind die zwei wichtigsten Punkte, die man beherrschen muss. Man muss sich selber kennen, man muss sich langsam herantasten und man muss eben verstehen, wie man ein kalkuliertes Risiko berechnet.

bushcraft building a campfire with tools from nature

Wer nimmt an deinen Touren teil?

Das ist sehr gemischt, eigentlich ganz normale Leute. Teilweise auch erfahrene, ältere Leute mit handwerklichem Hintergrund – z.B. ein Ledergerber – aber auch Informatiker, was sehr interessant zu sehen ist, weil die ganz andere Denkmechanismen haben. Mittlerweile sind es hauptsächlich jüngere Leute oder Gruppen mit Jugendlichen von Naturschulen, die ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es draußen auch ganz schön ist.

Gab es für dich auch schon Überraschungen, was die Art zu denken und das Handeln der Teilnehmer:innen draußen angeht?

Für mich gibt es grundsätzlich nicht die Trennung zwischen Lehrer und Schüler, es ist immer ein gemeinsames Unterfangen. Mit den Informatikern zum Beispiel hatten wir das Thema Feuermachen: Wie machen wir das mit dem Feuerbogen und Reibung? Einer von ihnen kam auf die Idee, mal auszuprobieren aus einem Handy eine Batterie auszubauen und diese kurzzuschließen. Das haben die dann auch gemacht mit einem Streifen von einem Wrigley’s Kaugummi und der ist in Flammen aufgegangen. (Mit dem Alufolienstreifen aus der Verpackung als Brücke zwischen den Polen, nicht der Kaugummi selber!) Das fand ich eine extrem geniale Art zu denken. Dass ein Mobiltelefon, von dem man meint, dass es ohne Empfang gar keinen Nutzen hat, als Feuerzeug dienen kann. Insofern ist es immer ein Geben und Nehmen und ich bekräftige Leute, die verrückte Ideen haben, diese auch mal auszuprobieren. Denn nur so kommt man dahinter. 

Jeder hat etwas beizutragen und ich finde es wichtig, dass so etwas interaktiv ist. Wer etwas aus einem Buch lernen will, kann sich auch ein Buch kaufen und damit losziehen. Mir geht es um die Dynamik zwischen Leuten und einen Lernprozess. So wie es eben auch bei indogenen Stämmen der Fall ist.

bushcraft firestarter with wooden bow

Wie hat sich aus deiner Sicht in den letzten Jahren die Wahrnehmung des draußen Seins verändert?

Teilweise ist ein festgefahrenes Bild von Outdoor Aktivitäten entstanden: entweder ist es Adventure Sport und muss ganz extrem sein oder es muss eine Optik erfüllen. Vom Holzfäller-Hipster, der seinen Whisky aus der Holztasse trinkt und riesengroße Feuer macht. Popkultur eigentlich. Aber es gibt bei der ganzen Sache keinen Glamour, es erfordert vor allem Bescheidenheit, denn du bist ein Teil der Natur, es ist nicht dein Spielplatz. So funktioniert das nicht. Man muss sich selbst kennen und das ist auch der Reiz dabei, man lernt sich bei jeder Tour neu kennen. Ich komme auch immer wieder an meine Grenzen. Es ist nicht so als wüsste ich alles, ganz im Gegenteil. Das Ego steht ganz hinten.

bushcraft training to survive in nature by starting a fire

Deine Grenzen hast du schon in jungen Jahren auf die harte Tour kennengelernt, oder?

Ja, das Fähnlein Fieselschweif Micky Maus Buch, das du eingangs erwähntest, das hatte ich auch und es hätte mich fast getötet. Szenario: Ralf ist 18, hat ein großes Mundwerk und will Abenteuer erleben. Mit drei gleichaltrigen Freunden geht es deshalb direkt in die Alpen – ohne wirkliche Vorbereitung und in der Annahme, dass das Unterfangen ein einfacher Campingtrip wird. Ich beschließe zu einem Zeitpunkt Trinkwasser zu suchen, habe zu diesem Moment aber keine Ahnung von der Topographie oder gar Navigationstechniken. Ich bin einfach losgezogen nur mit einem Beil und habe gedacht, ich bin so in einer Stunde ungefähr zurück. In dem Fähnlein Fieselschweif Buch stand eine richtig bescheuerte „Technik“ drin, und zwar, dass man Kerben in Bäume schlagen soll mit der Axt, damit man von Baum zu Baum seinen Weg zurück findet. Jetzt gibt es zwei Probleme damit, zum einen schädigt man sinnlos gesunde Bäume und zum anderen hab ich zwar meine Kerben reingeschlagen aber nicht bedacht, dass diese auch auf der Rückseite des Baumes angebracht werden müssen. Da auf dem Weg zurück keine Kerben im Baum waren, ist ein Zurückverfolgen des Weges dann nicht mehr möglich. Das ist mir erst nach 30 bis 40 Minuten aufgefallen, ich weiß nicht wie weit ich da schon gelaufen war. Und schon gar nicht wohin.Wer keine Ahnung hat, der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich hab versucht meinen Weg zu finden und mich dadurch nur noch mehr verfranzt. Und auf einmal sackt das alles so rein: Man begreift, dass man orientierungslos ist und es an dem Tag auch nicht mehr ins Camp zurückschafft… Ich hab dann die erste Nacht so halb im Unterholz unter einem Baum verbracht. Psychologisch der absolute Horror. Schuldgefühle, Wut und Trauer, dann Panik. “Warum warst du so blöd?” Das sind generell Sachen, die auch Leute denken, die noch viel härtere Sachen überlebt haben. Irgendwann hörte ich den Helikopter. Das Problem ist, wenn du im Wald stehst, sieht dich kein Helikopter der Welt, ich weiß nicht wie oft der über mich geflogen ist. Ich dachte: Jetzt bist du richtig dran, mir kam es auch nicht in den Sinn anhand der Sonne einfach in eine Richtung zu laufen bis irgendwo Zivilisation kommt, ich hatte keine Ahnung! Dann kam die zweite Nacht und es hat auch noch geregnet. Am letzten Morgen kam die Hundestaffel. Das waren nicht komplett 72 Stunden aber es war echt die Hölle. Mir wurde klar: Deine Selbstüberschätzung und dein Ego sind ein Problem. Du wolltest ein Abenteuer erleben und hättest dich dabei fast umgebracht. Nicht zuletzt auch wegen sinnfreien Survivalmythen eines Micky Maus Heftes! Für mich stand fest: Ich befasse mich mit der Thematik richtig und höre auf Leute, die Ahnung haben. Seitdem lerne ich jeden Tag dazu.