Bäumepflanzen für den CO2-Ausgleich, klappt das?

Bäume können eine zentrale Rolle dabei spielen, die von Menschen in der Atmosphäre hinterlassenen CO2-Emissionen zu binden. Ich habe mit meiner eigenen Hinterlassenschaft einfach mal angefangen …

Ich bin Autofahrerin – und das lange Zeit aus Leidenschaft. In den letzten Jahren sitzt allerdings immer öfter das schlechte Gewissen mit am Steuer. „Man könnte doch mal auf eigene Faust anfangen – ähnlich wie es bei der Buchung von Flugreisen angeboten wird – den verfahrenen CO2-Verbrauch des letzten Jahres zu kompensieren“, regte ein Freund letztens an. Die Idee, durch Baumkäufe die CO2-Emissionen der verfahrenen Kilometer zu binden, klingt sinnvoll. Aber ist es wirklich so einfach, seinen Konsum durch weiteres Konsumieren wiedergutzumachen?

Zuerst errechne ich einfach mal den CO2-Verbrauch der letzten 12 Monate. Laut Herstellerangabe verbraucht mein Auto 4,7 Liter pro 100 Kilometer und produziert 108 Gramm CO2 pro Kilometer. Ein Blick auf den Tacho: Bei den 12.000 verfahrenen Kilometern im letzten Jahr sind das 1.296 Kilo CO2. Wer von seinem Autobauer keine Angaben über den Verbrauch seines Wagens hat, kann seine Bilanz – im übrigen auch die vieler anderer Aktivitäten – per CO2-Rechner wie dem von KlimAktiv ermitteln. 

Zuverlässiger Bäumepflanzer gesucht

Um den CO2-Verbrauch zu kompensieren, braucht es einen verlässlichen Partner. Ende letzten Jahres wurde die Baumpflanzszene ziemlich durchgeschüttelt und hat bei vielen Beobachtern an Glaubwürdigkeit verloren. Damals hatte ein Artikel der ZEIT die Abläufe der Organisation Plant for the Planet als intransparent und fragwürdig beschrieben. Und das, obwohl sie namhafte Unterstützer wie die Fridays-For-Future-Bewegung auf ihrer Seite hat. Prof. Dr. Tom Crowther vom Institut für Integrative Biologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich stellt das Projekt trotzdem nicht infrage. „Plant for the Planet hatte viel zu kämpfen; es gab Jahre des Scheiterns“, gab der renommierte Forscher im Interview mit dem Spiegel zu Protokoll. Fehler und Rückschläge würden aber in fast jedem Restaurationsprojekt passieren.

Es geht aber auch von Anfang an transparenter. Sören Brüntgens lädt alle, die sich davon überzeugen möchten, was mit den Baumspenden bei ihm passiert, zu sich in den Wald ein – auch mich. Ich treffe den Gründer von Plant-My-Tree in einem Waldstück bei Hohengöhren in Brandenburg, wo er eine seiner knapp 50 Flächen in Deutschland betreibt. Sein erstes Stück Land hatte er in den 00er-Jahren gekauft und mit ein paar Tausend Bäumen bepflanzt. Erst einmal nur für sich, beziehungsweise um aus einem ökologischen Selbstverständnis heraus einen Beitrag für die Umwelt zu leisten. 

Brüntgens erzählte anderen davon. „Und irgendwann machte jemand das Portemonnaie auf, gab mir 100 Euro und sagte, ich solle für ihn ein paar Bäume mitpflanzen. Da wurde mir klar, dass noch mehr Menschen so drauf sind wie ich und dass sie bereit sind, die Sache finanziell zu unterstützen“, sagt er. 2007 gründete er Plant-My-Tree, um ein Bindeglied zwischen Flächen und Unterstützern zu schaffen. Er stellte eine Webseite mit CO2-Rechner und Baumshop ins Netz und wurde so zum Pionier der Baumpflanzbewegung in Deutschland. Viel Werbung musste er nicht machen, es gab von Anfang an gut zu tun. 

Irgendwann wurde es so viel, dass er Teile seiner Firma verkaufte und den alten Job im Abrissbereich an den Nagel hängte. Heute bewirtschaftet er in grüner Latzhose mit seinen Mitarbeitern erstaunliche 100 Hektar Wald, also eine Million Quadratmeter Fläche. „Viel zu wenig!“, meint Brüntgens, der mit spürbar ehrlichem Herzblut bei der Sache ist. Aber es ist ein Kraftakt, inmitten der hiesigen Monokulturen einen gesunden Mischwald, der für eine stabile Biodiversität essenziell ist, anzusiedeln. Beim Aufforsten gibt es einiges zu beachten. Die Fläche bei Hohengöhren wurde vor sieben Jahren gerodet und dann sich selbst überlassen. „Holzfabriken“ nennt Brüntgens die Waldstücke, in denen schnell wachsende Fichten und Kiefern hochgezogen und möglichst flott wieder abgeholzt werden. 

Mit dem Bäumepflanzen ist es nicht getan

Viele der Baumsetzlinge, die er und seine Mitarbeiter hier in den nährstoffarmen Boden pflanzen, überleben die erste Zeit gar nicht – und das, obwohl sie mit Zäunen vor knabbernden Rehen und wütenden Wildschweinen abgeschirmt werden. Die kleinen Bäume müssen auch durch schützende Pionierpflanzen umringt werden bis sie die Fähigkeit haben, allein zu überleben. „Bis sich hier eine Mischkultur etabliert hat, vergehen Jahrzehnte“, erklärt der Plant-My-Tree-Chef. Mit dem einfachen Pflanzen eines Baumes ist es also nicht getan. 

Immer wieder muss er die Flächen besuchen, den überlebenden Setzlingen optimale Bedingungen zum Wachsen schaffen und die nicht überlebten Setzlinge ersetzen. Außerdem bringt der Klimawandel eine schwer einschätzbare Komponente mit ins Spiel. „Wir müssen heute schon spekulieren, welche Baumsorten die künftige Erwärmung aushalten werden und entsprechend pflanzen.“ Weil aber noch niemand genau weiß, welche Baumart wo die besten Überlebenschancen haben wird, pflanzen Brüntgens und sein Team immer mindestens fünf verschiedene Arten auf einer Fläche an. In Hohengöhren sind es Eiche, Erle, Schwarzerle, Roterle und Haselnuss. 

Wie kurzfristig Formeln wie „Ein Euro pro Baum“, die zuletzt in der „Waldrekord-Woche“ von Sat.1 propagiert wurde, gedacht sind, wird in Anbetracht solcher Details ziemlich deutlich. Nicht nur der Akt des Pflanzen ist entscheidend, sondern auch das nötige ökologische Wissen und die anschließende Nachsorge. Außerdem muss der neue Wald für eine erfolgreiche CO2-Kompensation viele Jahrzehnte stehen bleiben. Um das sicherzustellen, übergibt Brüntgens seine Flächen in die Stiftung PLANT-MY-TREE. „So bleiben sie generationenübergreifend geschützt“, sagt er.

Nicht auf dem guten Gewissen ausruhen

Zurück am Computer in Berlin mache ich meinen Anfang. Im Shop von PLANT-MY-TREE kaufe ich die für 1.296 Kilo CO2 benötigten zwei Bäume zur Kompensation. Das kostet mich 30 Euro, die Kompensation erfolgt über den Zeitraum von 80 Jahren. Es fühlt sich gut an. Dass wir alle nicht fröhlich mit Verbrennungsmotoren, Flugreisen und anderen Umwelt-Exzessen weitermachen können, ist aber genauso klar. Kritiker warnen, man dürfe es sich mit dem erkauften guten Gewissen nicht allzu bequem machen. Die Senkung von CO2-Emissionen muss Priorität haben, in diesem Punkt kann sich jeder selbst auf den Prüfstand stellen. Bäume können zwar eine zentrale Rolle dabei spielen, die von Menschen in der Atmosphäre hinterlassenen CO2-Emissionen zu binden und so den Klimawandel und die Artenkrise zu lindern. Gleichzeitig müssen aber die wirklichen Treiber des Klimawandels, etwa die Verbrennung fossiler Energieträger und die alarmierende Rodung von Urwäldern, gestoppt werden.

Als ich den Rechner zuklappe, habe ich Brüntgens Worte noch im Ohr: „Wenn wir dieses Jahrzehnt nicht nutzen die klimatische Wende zu erzielen, werden wir das Überleben der nachfolgenden Generationen stark in Gefahr bringen. Wir müssen dringend etwas tun. Nur zu hoffen, dass schon nichts passiert, ist ein viel zu hohes Risiko.“ Mir ist klar: Die Kompensation von 12 Monaten Autofahren kann wirklich nur ein kleiner Anfang sein.