Auf Pilzsuche in Brandenburgs Wäldern

Die Fahrt aus der Stadt war wie immer ein Höllenritt. Stau am Berliner Ring, Katy Perry auf jedem Radiosender und ein Kind auf der Rückbank, das um sein Pilzkorb weint, weil es denkt, dass er Zuhause vergessen wurde. Dein Pilzkorb ist im Kofferraum, wiederhole ich seit fast zwei Stunden. Doch 4-Jährige im Allgemeinen und mein Kind im Speziellen sind nicht einfach zu überzeugen. 

Auch in Punkto Wald ist meine Tochter eine große Skeptikerin. Erstens, weil man viel zu Fuß laufen muss, zweitens weil man die Pilze nicht sofort essen kann, drittens, weil man die Pilze zuerst finden muss, was sich zwar nach Spaß anhört, sich jedoch als ziemlich demotivierend erweist, wenn man nach 5 Minuten immer noch keinen Erfolg hatte. 

Ich bin mir all dieser Herausforderungen bewusst, dennoch denke ich, dass wir die Sache mit dem Wald trotzdem jetzt schon angehen müssen. Die Liebe zur Natur ist wie eine Impfung. Einmal da, hält sie ein Leben lang. 

Also holen wir das Pilzkörbchen aus dem Kofferraum, binden dem Kind die Schnürsenkel neu und gehen in den Wald hinein. 

Im ersten Moment werde ich von Gefühlen erschlagen. Die Ruhe, das leise Rauschen der Tannen über meinem Kopf, der Geruch des sanften Bodens und des herbstlichen Nachtregens. Zwischen zwei Bäumen, im Septemberlicht schaukelt wie eine Perlenkette ein funkelndes Spinnweben. Der Zauber des Waldes legt sich sofort wie ein Balsam auf die Seele. 

Ein kleines Mädchen im Wald
Der Philosoph Theodor W. Adorno schrieb, dass erwachsene Menschen ihr Leben lang versuchen, ihre Kindheit einzuholen, weil es der Ort ihres Glücks ist.

Als Kind spielte sich in den Ferien mein Leben in der Natur ab. Ich erinnere mich wie ich mit meiner Mutter in den Wald ging, obwohl ich mir viel lieber am Badesee einen Sonnenbrand geholt und mit anderen Kindern gespielt hätte. 

Einmal fanden wir wilde Erdbeeren, von denen ich am Abend einen allergischen Schock und hohes Fieber bekam. Und einmal nahm uns ein Pferdekarren in das nächste Dorf mit. Ich bin vorher noch nie mit so einem Karren gefahren und erinnere mich noch heute, 35 Jahre später, dass das Pferd mit dem weiß gefleckten Po Boris hieß. Boris wedelte mit seinem langen, dunklen Schwanz die Mücken ab, von denen es im Wald nur so wimmelte. Dieses Bild hat sich für immer in meine Netzhaut eingebrannt. Ich weiß nicht mehr, ob ich an diesem Tag glücklich war oder das Ganze als sehr aufregend empfand. Wahrscheinlich wollte ich nur zum Badesee. Doch rückblickend ist dieser Tag einer der schönsten Erinnerungen an meine Kindheit.

Jili und ich verlassen den Waldweg und spazieren nun durch die Tannen, einen flachen Hang herunter. Im hohen Gras surren flinke Libellen. Sie streifen mit ihren Flügeln Jilis Oberarme und sie kreischt vor Freude. Ich lege meine Kamera weg, weil ich diesen Augenblick mit meinen eigenen Augen für immer festhalten möchte.

Jetzt ist die Saison für Butterpilze und Maronen. Sie wachsen gerne an schattigen Hängen oder verstecken sich in der Heide. Doch statt Pilzen, findet mein Kind blaue Mistkäfer. Sie müssen nun in das Pilzkörbchen und unternehmen unzählige Fluchtversuche, was unser Tempo deutlich drosselt. Wenn wir jetzt keine Pilze finden, bleiben die Mistkäfer das Highlight des Tages. Im Geiste sehe ich sie schon in einem Glas mit Schraubverschluss bei uns auf dem Esstisch wohnen und wie mein Kind, das sich eigentlich eine Katze wünscht, nun unsere neuen Mitbewohner mit Salatblättern füttert. Das muss verhindert werden. Wo sind bloß die Pilze? 

Als ich die Hoffnung schon fast aufgebe, werden wir doch noch fündig. Boletus Edulis, der König aller Pilze, auch Steinpilz genannt, wartet auf uns versteckt unter einem Blatt. Und er ist nicht allein!

Pilz im Wald

Als wir zum Auto zurückkehren, fängt es bereits an zu dämmern. Die Wolken stehen am violetten Himmel wie flauschige, pinke Flamingos. In unserem Körbchen schaukeln  hübsche Steinpilze und zwei müde Mistkäfer, die unter dem wachen Auge meiner Tochter nun ihre Reise nach Berlin antreten werden. 

Als ich den Motor starte und den Waldweg entlang fahre, ist der Himmel bereits erloschen. Mein Kind ist sofort auf dem Rücksitz eingeschlafen. Ich nutze die Chance und lasse die Mistkäfer raus. Sie verschwinden für immer im spätabendlichen, dunklen Gras. 

Als ich das Radio anmache, spielt dort immer noch Katy Perry und ich finde es nicht mehr so schlimm. Mach es gut, geliebter Wald, wir werden bald wiederkommen. 

Fotos: Anna Livsic