Dem arktischen Müll auf der Spur

Rund 500 Kilogramm Abfall produzieren Europäer pro Kopf im Jahr. Leider landet dieser selten im Recycling-System (weltweit liegt die Recycling-Quote bei nur 14%). Sehr oft findet der Müll seinen Weg ins Wasser. Regisseur und Filmemacher Steffen Krones, der unter anderem auch schon für Jack Wolfskin gedreht hat, verfolgte in seinem neuen Film Flaschen mit GPS-ausgestatteten „Drifter“-Bojen bis in die Arktis. Dabei traf er renommierte Wissenschaftler und gleichgesinnte Weggefährten. Entstanden ist die eindrückliche und sehr sehenswerte Dokumentation „THE NORTH DRIFT”. Im Interview teilt er auf The Outdoors seine Eindrücke mit und macht Hoffnung, dass durchaus jeder Einzelne von uns etwas Positives bewirken kann.

Eine deutsche Bierflasche hat es bis zu den Lofoten im Polarkreis geschafft. Was hat diese Begegnung bei dir damals ausgelöst?

Ich war auf den Lofoten, um einen Werbespot für Jack Wolfskin zu drehen. Die Region ist berauschend schön, also reiste ich nochmal privat dorthin, um mich intensiv mit der Landschaft und den Menschen dort auseinanderzusetzen. Doch nicht nur die Menge des angeschwemmten Mülls erschütterte mich, auch die Frage nach der Herkunft und der Geschichte gingen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Kann der Müll überhaupt so weit reisen, war mein Grundgedanke. Als Filmemacher sah ich hier ein enorm wichtiges, aber auch filmisch spannendes Thema. Dabei spielte der Plastikmüll eine besonders negative Rolle.

portrait film maker steffen krones
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Wie kamst du auf die Idee der Drifter-Bojen?

Ich hatte die Idee der klassischen Flaschenpost. Mit meinem Freund und Nachbarn, dem technischen Designer Paul Weiß, begann ich, GPS-Bojen zu bauen. Diese mussten ja in der Lage sein, bis in die Nordsee zu reisen und ihre Signale zur Kartografierung zuverlässig zu senden. Leichter gesagt als getan. Anfangs führte das zu einigen recht komischen Fehlversuchen. Wir haben viele verschiedene Varianten ausprobieren müssen, bis wir den Dreh raus hatten. Wir recycelten schließlich Plastik aus der Elbe und bauten daraus den finalen Drifter Prototypen. Insgesamt hatten wir dann 11 Drifter, die wir auch zum Teil mehrfach ausgesetzt haben. Auf jedem standen unsere Kontaktdaten. So konnten wir endlich herausfinden, ob Dresden und seine drei Flüsse mit dem Polarkreis verbunden waren.

kayak steffen krones

Du hattest schließlich eine besondere Begegnung mit einem Inuit namens Kris?

Richtig. Kris war damals der Guide für den Jack Wolfskin Spot auf den Lofoten. Wir schlossen Freundschaft und ich besuchte ihn dann nochmal privat. Kris, der eigentlich grönländische Wurzeln hat, kennt die Gegend im arktischen Norwegen wie seine Westentasche. Er nahm mich auf eine Kayak-Tour mit und zeigte mir die schöne Rauheit der Insel, aber auch das Ausmaß des angeschwemmten Mülls. Dort fand ich schließlich die besagte Bierflasche aus Deutschland, die dann alles ins Rollen brachte.

drifter waste in arctic norway

Hast du etwas Besonderes über den Austausch mit Kris lernen können?

Absolut. Durch ihn habe ich überhaupt verstehen können, welch großes Problem der Müll für die Polarregion bedeutet. Wir haben das ja in Europa gar nicht auf dem Schirm. Er erzählte mir auch von den Küsten-Cleanups, die dort regelmäßig stattfinden würden. Ein „Big Bag“, also ein Kubikmeter aufgesammelter Müll, wird da schon voll. Mit diesem paddelte Kris dann wieder zur Hauptinsel zur Entsorgung zurück. Das fand ich in dieser an sich sehr isolierten und naturbelassenen Region schon erschreckend.

re wasty clean up in artctic circle

In deinem Film kommen auch einige renommierte Wissenschaftler zu Wort. Welche neuen Erkenntnisse konntest du gewinnen? 

Mein Grundkonzept, dass der Müll etwa aus Deutschland tatsächlich sehr weit in den Norden reisen kann, wurde leider bestätigt. Das kann über den Rhein oder die Elbe sein, aber im Prinzip fließt der Müll über alle europäischen Gewässer mit Atlantikmündung nach Norden. In der Wissenschaft wird stets über die fünf Müllwirbel in den Ozeanen gesprochen. Als berühmtester gilt der „Great Pacific Garbage Patch“ vor Hawaii. Aufgrund der großen Ozeanzirkulation entsteht dort eine Wirbel-Konzentration aus Plastik, die dann nirgendwo mehr hin kann.

In der Arktis gibt es zwar keinen Müllwirbel, nichtsdestotrotz entsteht auch dort eine Art „Garbage Patch“, weil die Strömung endet und vom Eis blockiert wird. Ganz besonders verstörend ist in diesem Zusammenhang das Thema Mikroplastik (wie etwa Zigarettenstummel) zu nennen. Egal, wohin man auf der Erde reist, mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Plastik dort schon vorher angekommen sein. Auch Masken findet man bereits in der Polarregion. Und immer da, wo unsere Drifter angeschwemmt wurden, entdeckten wir auch riesige Müll-Hotspots.

drifter with gps signal

Was kann jeder von uns tun, um die Natur möglichst wenig mit Müll zu belasten oder dem Problem gar positiv entgegenzuwirken? 

Nach meinem Film und den vielen Erfahrungen, die ich sammeln konnte, sehe ich die Hauptverantwortung nicht beim Endverbraucher, sondern bei der Industrie. Wir hoffen stets, dass der Verbraucher das Problem löst. Wir sind jedoch regelrecht umzingelt von Plastik. Das geht fast gar nicht. Es liegt an der Industrie, umzudenken und neue Wege zu gehen. Dabei spielt die Politik eine zentrale Rolle, die wir dann wiederum mitgestalten können.

Im Supermarkt können wir dann mitentscheiden, welche Produkte wir wie verpackt kaufen wollen. Dazu kommt natürlich auch die Mülltrennung im Haushalt. Es schadet auch nicht, proaktiv beim Joggen, Wandern oder Spazieren einen recycelten Müllbeutel dabei zu haben. Das ist eine reine Gewohnheitssache. In dem Moment, in dem man anfängt, auf den Müll zu achten, nimmt man ihn überall wahr. Clean-Ups helfen wirklich, das haben uns die Drifter auch gezeigt. Denn der Müll Richtung Norden legt immer wieder Zwischenstopps ein. Hier kann er dann gesammelt und entsprechend entsorgt werden. Das ist Hilfe, schafft und schärft aber auch Bewusstsein. Dieses Bewusstsein können wir dann als Einzelne in die Politik einfließen lassen. Auch hier gibt es einen natürlichen Kreislauf.

Weitere Informationen zu diesem Thema und dem Filmemacher Steffen Krones gibt es hier:

http://www.elbdrifter.de/ 

Flaschenpost aus Dresden: Wie gelangt unser Müll in die Arktis? | MDR.DE