An die Grenze gehen – Der Gendarmstien

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. So tönt ein altes Sprichwort. Die Betonung liegt auf alt, denn mit genau der Art Pep Talk wollten mir die Eltern weismachen, dass meine Sommerferien keinesfalls im Eimer seien, damals, 1979, nur weil wir nicht nach Rhodos fliegen würden. In meine geliebte Ägäis und auf die tollen Kreuzritterburgen. Stattdessen der durchsichtige Versuch, mir alltägliche Orte, Wege und Fortbewegungsmittel (Fahrrad, Beine, Füße) in der Umgebung meiner Heimatstadt Flensburg als das nächste große Ding zu verkaufen. Was man nicht alles erleben könne auf einer Fahrradtour durch Angeln! Oder, heißa!, an der Flensburger Außenförde baden! Auf die Idee, die Flensburger Förde mit dem skandinavischen Namen Fjord zu veredeln und so vielleicht interessanter zu machen, kam niemand. Die Siebziger Jahre waren nicht die Zeit für semantische Tricks.

Gendarmstien: Der schönste Wanderweg Dänemarks

Ein halbes Leben später sieht das natürlich anders aus. Nicht nur wegen des alles bestimmenden Corona Virus, das weite Reisen und große Sprünge so weit erschwert, dass man sich naheliegenderweise in der Nähe umsieht, wenn es um Freizeit, Urlaub und Wanderungen geht, sondern weil der Spruch eben doch etwas Wahres enthält: Zum Beispiel den schönsten Wanderweg Dänemarks.

Insbesondere wer kein professioneller Wanderer ist und zwanghaft an seine Grenzen kommen muss, damit es Spaß macht, sollte sich den Weg mal ansehen. Ich jedenfalls bin dafür bis an meine Grenze gegangen. Diese Grenze ist auf der dänischen Seite der Flensburger Förde und heißt Gendarmstien. Ein Teil des Gendarmstiens gehört zum europäischen Fernwanderweg E6.

Früher sind hier zwischen Padborg, nordwestlich von Flensburg, bis nach Høruphav, östlich von Sønderborg, auf etwa 74 Kilometern, Gendarmen, bewaffnete Männer (frz gens = Männer, armes = Waffen), auf und ab gegangen, um Schmugglern das illegale aber sicher spannende Handwerk zu legen.

Schmuggeln will heute niemand mehr aber gegen ein bisschen Schummeln ist wohl nichts einzuwenden, darum beginnt die Wanderung, die je nach Fähigkeit und Lust zwischen drei und fünf Tage andauert, in Wassersleben am Grenzübergang „Schusterkate“. Über die bis auf das alte Grenzwärterbarräckchen grüne Grenze geht es hinein in den fantastischen Kollunder Wald. Mit wunderschönen Abschnitten, die hervorragend zum Gucken, Rasten und Grillen geeignet sind. Hier bin ich schon als Kind mit meiner Oma langgelaufen. Fun Fact: In den 1980er Jahren hielt sich in der Minimalmarina ein aus der Nordsee hierher verirrter Seehund auf, der einen Sommer lang Einheimische, Touristen und Wochenendbeilagenredakteure entzückte.

Kurze Strand Streifen, die je nach Windlage stellenweise unter Wasser stehen, wechseln sich mit matschigen Wegen, steinigen und freien Strecken vor Feldern und Wiesen ab. Ein paar extra gemütliche Domizile dänischer Entspannungskünstler säumen den Weg, hier und da Ferienwohnungen, ansonsten kann der Blick sich in allen Richtungen unbegrenzter Weitsicht erfreuen. Sollen doch andere in Fässern die Niagarafälle runterrutschen oder barfuss im Urwald herumirren, ich freue mich schon auf Höhe der Ochseninseln, die in einem Fünf Freunde Buch als idealtypische Abenteuerkulisse dienen könnten, dass die Aussichten auf dieser immer noch wenig bekannten Route so gut sind. Und dass es direkt gegenüber den Inseln immer noch „Annies“ Imbiss mit den selbstverständlich besten Hot Dogs ganz Dänemarks gibt.

Genial sind auch die frei verfügbaren hölzernen Schutzverschläge, Hütten wäre übertrieben, in denen man trocken und sicher übernachten kann, also auch ohne Zelt auskommt. Dänisches Design in Reinkultur! Auf manchen Wiesen kann man gegen kleines Geld und nach Absprache mit den Bewohnern ein Zelt aufschlagen, ein kleines Stück landeinwärts gibt es zudem Möglichkeiten ein Zimmer für die Nacht zu mieten. Die Leute sind in der Regel sehr freundlich, wenn man sich nicht wie die Axt im Wald verhält oder ungefragt irgendwo niederlässt und sie erzählen gern und viel von der Gegend und ihrer Geschichte. Abhängig von der Jahreszeit kann man hier lange Strecken gehen ohne auf viele Menschen zu stoßen.

Hier, wo das Wasser meist flach und ruhig ist, muss die Kulturtechnik des Fletscherns erfunden worden sein

Die zwar einmalige aber auf den ersten, zweiten und dritten Blick eher schlichte Landschaft, die sich voll und ganz auf den zeitlosen Sexappeal von Weitsicht, Wasser, Wald, Steilküsten und Sand verlässt, bietet im Detail viel. Wer will, sieht jede Menge kleine und mittelgroße Rural Art Installations, die die Natur frei zur Verfügung stellt: fantastisch geformte Bäume, Moos, Stümpfe, Treibholz, schräge Büsche und fein geformte Steine. Entlang des Gendarmstiens und drumherum herrscht tierische Vielfalt. Tiere wie z.B. Miesmuscheln, die wurden früher professionell rausgefischt, sowie seltene Schwarzspechte, Schwäne, Igel, Wildschweine, und Vogelarten jeglicher Couleur. Eindrücke in der horizontal gestaffelten Tiefe des Himmels, seewärts oder in unzähligen stimmig kleinen Blätter-, Sand- und Steinwelten, die sich am Wegesrand und ein paar Schritte landeinwärts eröffnen.

Hier, wo das Wasser meist flach und ruhig ist, muss auch irgendwann die Kulturtechnik des Fletscherns erfunden worden sein, i.e. das Frisbee-artige schleudern möglichst flacher Steine knapp über der Wasseroberfläche. Wer die meisten Aufsetzer hat, gewinnt. Auch heute noch hilft diese Technik urlaubenden Eltern dabei den Medienkonsum des Nachwuchses kurzfristig einzuschränken.

Der Umstand, so leicht an die eigene Grenze gehen zu können ist der Tatsache geschuldet, dass sich in einer Abstimmung vor genau 100 Jahren die Bürger der Stadt Flensburg entschieden, deutsch zu bleiben, anders als Tondern oder Apenrade, die heute auf dänischer Seite liegen. Wie in anderen Grenzregionen (Elsass, Baskenland) haben die Menschen auf beiden Seiten der Grenze allerdings in vielerlei Hinsicht mehr miteinander gemein als, sagen wir, die Südjütländer mit den Kopenhagenern. Entlang des Gendarmstiens gibt es zahlreiche historische Orte und Aussichtspunkte, die von der langen und ambivalenten Geschichte der Region erzählen und verständlich machen, warum das Verbindende nach wie vor auf beiden Seiten zu wenig begriffen wird. Aber Politik und Schlaumeierei hat auf einer entspannten Wanderung nichts verloren, darum lassen wir sie am Wegesrand liegen.

Mein Gedankengang endet wenige Kilometer hinter Sonderborg bevor es mit dem Bus von dort in einer knappen Stunde zurück nach Flensburg geht. Das letzte Stück sollte man unbedingt mitnehmen, denn nicht ohne Grund wird die Ostsee in dieser Gegend auch „dänische Südsee“ genannt.

Kreuzritterburgen habe ich in der ganzen Zeit übrigens nicht vermisst.